mini|Paper Print des Films Le roi du maquillage, Georges Méliès grüßt in die Kamera, 1904 mini|Paper Print, die Rolle mit der Bildschicht nach außen war die übliche Aufbewahrungsform Die Paper Print Collection (deutsch: Sammlung von Papierabzügen) ist eine Sammlung von Kontaktabzügen historischer US-amerikanischer Filme auf Bromidpapier, die hauptsächlich zwischen 1894 und 1912 zur Anmeldung des Copyrights beim United States Copyright Office der Library of Congress eingereicht worden sind. Da mehr als 90 Prozent der Filmproduktion aus diesem Zeitraum als verschollene Filme gelten, kommt den erhaltenen Paper Prints eine große filmhistorische Bedeutung als Filmerbe zu. In Einzelfällen wurden noch bis 1940 Paper Prints eingereicht. Kemp R. Niver, der dafür 1955 einen Ehren-Oscar erhielt, entwickelte besondere Verfahren und Geräte zur Wiederherstellung der Paper Prints auf Filmmaterial.

Kemp Niver hatte bis 1967 alle etwa 3000 vollständig erhaltenen Filme auf 16-mm-Film kopiert, wobei allerdings deutliche Qualitätsverluste auftraten. Die Wiederherstellung der vollständigen Paper Prints auf 35-mm-Film und ihre Digitalisierung dauern bis heute an. Darüber hinaus gehört zur Sammlung noch ein Teilbereich von Abzügen, die nur einen Bruchteil von Filmen darstellen. Diese Paper Print Fragment Collection enthält Material von jenen Filmen, deren Copyright nur unter Vorlage von Kontaktabzügen einzelner oder weniger Einzelbilder bis hin zu kurzen Sequenzen aufeinander folgender Bilder angemeldet wurde. Diese Fragmente erlauben zwar keine Wiederherstellung ganzer Filme, sind aber dennoch von großem filmhistorischen Wert.

Paper Prints im United States Copyright Office mini|Fred Ott’s Sneeze in der Paper Print Collection, eingereicht am 7. Januar 1894 mini|Auf der Grundlage des Paper Print restaurierte Fassung, 1953 Erste Paper Prints 1891 begann mit der Entwicklung des Kinetographen und des Kinetoskops durch die US-amerikanischen Erfinder Thomas Alva Edison und seinen Assistenten William K. L. Dickson die Filmgeschichte der Vereinigten Staaten. Das Copyright Law erforderte seinerzeit eine Anmeldung zu schützender Werke und konnte auf das neue Medium Film nicht ohne Weiteres angewendet werden. Um für Filme urheberrechtlichen Schutz in Anspruch nehmen zu können, musste in der Zeit von 1894 bis 1912 ein Kontaktabzug der Filmbilder auf Papier eingereicht werden.Kemp R. Niver: From Film to Paper to Film, S. 248–250.Claudy Op den Kamp: The Paper Print Collection, S. 39–41.

Die ersten Paper Prints reichte im August 1893 ein Mitarbeiter der Edison Studios, vermutlich William K. L. Dickson, zur Registrierung ein. Für diese und alle weiteren Paper Prints, die jeweils zahlreiche Einzelbilder enthielten, wurde die Registrierung als eine einzelne Fotografie – mit der einfachen Registrierungsgebühr – durchgeführt. Die ersten Paper Prints sind verschollen. Als ältester noch existierender Paper Print wurde am 9. Januar 1894 Fred Ott’s Sneeze unter dem Titel Edison Kinetoscopic Record of a Sneeze, January 7, 1894 registriert. In den folgenden beiden Jahrzehnten wurden mehrere Tausend Filme auf diese Weise angemeldet.Mike Mashon: Where It All Began: The Paper Print Collection, Website der Library of Congress, 27. Mai 2014, abgerufen am 6. Februar 2019.

Eine Vielzahl der in der Paper Print Collection enthaltenen Filme sind Produkte betrügerischer Machenschaften. So wurde der Film Der große Eisenbahnraub (The Great Train Robbery) des US-amerikanischen Regisseurs Edwin S. Porter 1903 mit einem Paper Print angemeldet. Siegmund Lubin meldete im folgenden Jahr einen Film mit fast gleichem Titel an (Great Train Robbery), der entweder eine illegale Kopie von Porters FilmKemp R. Niver: From Film to Paper to Film, S. 263–264. oder eine Szene für Szene angefertigte detaillierte Nachstellung des Films ist.Anthony Slide: Early American Cinema. Revised edition. Scarecrow Press 1994, ISBN 0-81082-722-0, S. 17. Andere Filme konnten als verschollen geglaubte Werke von Georges Méliès identifiziert werden.

Vollständige Filme In den Jahren von 1894 bis 1912 wurden in den meisten Fällen vollständige Filme auf Papierstreifen kopiert und aufgerollt eingereicht. Es gab jedoch keine feste Grenze, so meldete die American Film Manufacturing Company noch 1914 das Copyright für zwei Filme von Lorimer Johnston, die Verfilmung der Erzählung Das Heimchen am Herde von Charles Dickens und A Child of the Desert, unter Vorlage des kompletten Films als Paper Print an.Scholar and Screen. Notes on the Motion Picture Collection of the Library of Congress. In: The Quarterly Journal of the Library of Congress 1964, Vol. 21, No. 4, S. 265–269, .

Die Paper Print Collection umfasst die gesamte Bandbreite der Filmproduktion, sowohl fiktionale Werke als auch Dokumentationen historischer Ereignisse und interessanter Begebenheiten aller Art. Dazu gehören Bilder – teilweise in Nachstellungen – vom Spanisch-Amerikanischen Krieg, dem Russisch-Japanischen Krieg, der Hinrichtung des William-McKinley-Attentäters Leon Czolgosz auf dem Elektrischen Stuhl und der Tötung des Elefanten Topsy durch elektrischen Strom, von den Schäden des Galveston-Hurrikans und frühe Werbespots und Bilder von Weltausstellungen. Die Sammlung ist jedoch keine lückenlose Überlieferung der von 1894 bis 1912 oder in einem beliebigen anderen Zeitraum in den Vereinigten Staaten produzierten Filme. Einzelne Filmstudios verzichteten auf das Copyright. Andere, wie die Edison Studios oder die American Film Company, schützten fast alle Produktionen.Colin Williamson, Dana Driskel: Reclaiming “Lost” Films, S. 126–129.Early Motion Pictures Free of Copyright Restrictions in the Library of Congress, Website der Library of Congress, 28. April 2016, abgerufen am 6. Februar 2019.

Der Umfang der Sammlung beträgt mehr als 3000 vollständige Filme mit einer kumulierten Filmlänge von mehr als 3.000.000 Fuß Papier auf Rollen. Das entspricht einer Vorführdauer von mehr als 300 Stunden. Hinzu kommt die Paper Print Fragment Collection mit zehntausenden Einzelbildern oder kurzen Streifen, mit denen das Copyright weiterer 2474 Filme angemeldet worden ist.Patrick G. Loughney: Thomas Jefferson’s movie collection. In: Film History 2000, Vol. 12, No. 2, Sondernummer Moving Image Archives: Past and Future, S. 174–186, .

Paper Print Fragment Collection mini|Teddy in Jungleland (1909), digitalisiertes Paper Print Fragment Die Paper Print Collection ist unter Filmhistorikern und filmhistorisch Interessierten wegen ihres großen Bestands an vollständig auf Papierrollen kopierten 35-mm-Filmen bekannt geworden. Neben diesen Paper Prints im engeren Sinne gehört zur Sammlung aber auch ein Teil, der als Paper Print Fragment Collection erst spät von der Forschung wahrgenommen wurde. Es sind größtenteils nach 1912 entstandene Einzelbilder oder kurze Streifen von Kontaktabzügen, wobei die englische Bezeichnung fragment nicht auf einen isolierten Bruchteil eines ursprünglich vollständigen Films hinweist, sondern sich auf die Methode des Einreichens kurzer Filmsequenzen beim Copyright Office bezieht. Da das Copyright Law keine Bestimmungen für Filme enthielt, behalfen sich die Filmstudios mit dem Einreichen einer Vielzahl unterschiedlicher Materialien, neben kompletten Filmen auf Papier auch Filmen auf Zelluloid, Einzelbildern im Filmformat als Kopien auf Papier oder Zelluloid, Standbildern oder vergrößerten Einzelbildern und Daumenkinos. Solche Einzelbilder oder kurze Sequenzen erlauben keine Rekonstruktion des ganzen Films und viele US-amerikanische Filme sind daher trotz Anmeldung des Copyrights verschollene Filme. Andere, wie The Star of Bethlehem, sind nur teilweise überliefert.Kemp R. Niver: From Film to Paper to Film, S. 250–253.Colin Williamson, Dana Driskel: Reclaiming “Lost” Films, S. 125–126.Brett Abrams: Images of the Silent Era. The Library’s Paper Print Fragment Collection. In: Library of Congress Information Bulletin 1997, Vol. 56, No. 16, abgerufen am 6. Februar 2019.

Die zur Anmeldung des Copyrights eingereichten Materialien waren nicht nur von Studio zu Studio unterschiedlich, sondern wandelten sich auch innerhalb eines Studiobetriebs im Laufe der Zeit. So meldeten die Edison Studios ab Oktober 1896 für fast alle ihrer Filme das Copyright an. Von Oktober 1896 bis August 1897 reichten sie Streifen von Zelluloidfilm für jede einzelne Szene ein. Anschließend, bis 1905, wurden vollständige Filme als Paper Prints auf Rollen eingereicht, dann bis 1911 nur noch einzelne Bilder und später gar kein Bildmaterial mehr.Karen C. Lund: Inventing Entertainment: The Library of Congress Makes Edison Motion Pictures Available on the World Wide Web. In: Journal of Film Preservation No. 58/59, 1999, S. 96–102, .

Die Anmeldungen des Copyrights wurden chronologisch durch handschriftliche Eintragungen in die Copyright Record Books erfasst, wobei auch die eingereichten Belege angegeben wurden. So kann der Umfang der Einlieferungen heute noch nachvollzogen werden. Die Paper Print Fragments sind jedoch nicht so dicht überliefert wie die vollständigen Paper Prints früherer Jahrzehnte. Nach 1912 reichten die Studios in großer Zahl vollständige Kopien auf 35-mm-Zelluloidfilm ein, die zusammen mit den Paper Print Fragments eingelagert wurden. Die chemische Zersetzung der Zelluloidfilme erfasste daher auch zahlreiche Paper Print Fragments, die unwiederbringlich zerstört wurden.

Townsend Amendment von 1912 Mit Wirkung vom 24. August 1912 wurde das Copyright Law durch das Motion Picture Amendment oder Townsend Amendment auf Filme ausgeweitet. Damit wurden zusätzliche Möglichkeiten zum Erlangen urheberrechtlichen Schutzes für einen ganzen Film eröffnet, wie das Hinterlegen von Drehbüchern oder Einzelbildern. Dessen ungeachtet wurden noch bis 1939 vereinzelt Paper Prints eingereicht.

Das Einreichen von Paper Prints hielt auch nach der Änderung des Copyrights im Jahr 1912 an, da die Library of Congress die rechtlich mögliche Einlagerung des feuergefährlichen Celluloidfilms vermeiden wollte. Zwischen der Mindestanforderung eines einzigen Bildes von jeder Szene bis zur Abgabe vollständiger Filme als Paper Print oder auf Zellulosefilm existieren alle denkbaren Abstufungen. Vereinzelt wurden bis in die 1940er Jahre Paper Prints eingereicht, erst dann hatte die Library of Congress geeignete Lagerräume für Celluloidfilm.Charles „Buckey“ Grimm: A paper print pre-history, S. 204–205.

Vermeintlicher Verlust und „Wiederentdeckung“ mini|Howard Walls mit einer Rolle aus der Paper Print Collection, März 1943 Im Zusammenhang mit der Paper Print Collection wird die Legende verbreitet, die Sammlung sei über Jahrzehnte verschollen gewesen. Diese Schilderung entspricht nicht ganz der Wahrheit. Tatsächlich gab es wahrscheinlich jederzeit Mitarbeiter der Library of Congress, die von der Paper Print Collection und ihrem Aufbewahrungsort wussten. Sie maßen der Sammlung aber keine Bedeutung bei. Insbesondere war ihnen nicht bewusst, dass sie mehrere Tausend zum großen Teil verschollener Filme enthielt. Die Akten der Library of Congress weisen auf einen etwa 1937 oder 1938 erschienenen Zeitungsartikel mit dem Titel Early Movies Rot In Cellar, Priceless Records of a Great Industry Filed Away in Dusty Obscurity hin (deutsch, sinngemäß: Frühe Filme vergammeln im Keller. Unschätzbar wertvolle Zeugnisse einer großen Industrie werden im Staub vergessen). Dieser Artikel konnte jedoch bislang nicht aufgefunden werden.Charles „Buckey“ Grimm: A paper print pre-history, S. 205–209.