mini|Es ist umstritten, welche Bedeutung Wachstumszwänge für den Anstieg des weltweiten Bruttoinlandsprodukts pro Kopf haben. (Grafik nach Berechnungen von Angus Maddison) Wachstumszwang () ist ein Begriff aus der Wirtschaftstheorie. Damit werden einerseits Mechanismen auf der Mikroebene bezeichnet, die es für Privathaushalte oder Unternehmen zwingend notwendig machen, Konsum oder Umsatz zu steigern, um die wirtschaftliche Existenz nicht zu gefährden. Auf der Makroebene beschreibt ein politischer Wachstumszwang Situationen, in denen Wirtschaftswachstum notwendig ist, um wirtschaftliche und soziale Instabilitäten zu vermeiden, so dass andere politische Ziele wie Klimaschutz oder eine Reduktion von Ungleichheit dem Wachstumsziel untergeordnet werden. Wachstumskritiker fordern in Anbetracht überschrittener planetarer GrenzenVier von neun „planetaren Grenzen“ bereits überschritten. Pressemitteilung, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung vom 16. Januar 2015. daher politische Maßnahmen, um Wachstumszwänge zu überwinden.

In den gängigen neoklassischen, keynesianischen und endogenen Wachstumstheorien wird nicht von einem Wachstumszwang ausgegangen bzw. wird er explizit verneint wie von Robert Solow, dem Erfinder des Solow-Modells.Robert Solow sagte in einem Interview: „There is nothing intrinsic in the system that says it cannot exist happily in a stationary state“. Zitiert nach: Steven Stoll: Fear of Fallowing: The specter of a no-growth world. In: Harper’s Magazine, März 2008, S. 88–94, steadystate.org, abgerufen am 27. Februar 2019. Deutsche Übersetzung nach Mathias Binswanger, Der Wachstumszwang, 2019, S. 39: „es gibt keinen intrinsischen Grund, weshalb eine Wirtschaft nicht glücklich in einem stationären Zustand verharren sollte.“ In der Neoklassik ist das Festhalten am Wirtschaftswachstum eine Frage der Nutzenmaximierung, einer Entscheidung zwischen heutigem und zukünftigem Konsum. Andere soziologische und politische Theorien halten das Streben nach maximalem Profit, soziale Einflüsse, Kultur (Konformität) oder politische Ideologien für maßgeblich, die jedoch nicht als Zwang angesehen werden. Diskutiert werden mögliche Wachstumszwänge in der marxistischen Theorie und der Ökologischen Ökonomik sowie in politischen Debatten, wobei umstritten ist, ob und für wen ein Wachstumszwang vorliegt und welcher Mechanismus dafür verantwortlich wäre.

Bedeutung und Definitionen

Der Begriff des Wachstums (Expansion) bezieht sich einerseits in der Volkswirtschaftslehre bzw. der Wirtschaftspolitik auf das Wirtschaftswachstum (Makroökonomie), andererseits in der Betriebswirtschaftslehre auf das Unternehmenswachstum und in der Konsumsoziologie bzw. Haushaltstheorie auf die Steigerung des Konsums (Mikroökonomie).

Auf makroökonomischer bzw. politischer Ebene wird der Begriff des Wachstumszwangs von einigen Autoren verwendet, wenn es keine akzeptable politische Alternative zu wirtschaftlichem Wachstum gibt, weil ausbleibendes Wachstum zu ökonomischer und sozialer Instabilität bis hin zu „schweren ökonomischen Krisen“ führen würde. Die Alternative zu Wachstum wäre dann keine stabile stationäre Wirtschaft, sondern unkontrollierte Schrumpfung. Die Konsequenzen eines Verzichts auf Wachstum wären dann derart inakzeptabel, dass Wachstum politisch alternativlos erscheint.

Dieses makroökonomische Phänomen muss laut Christoph Deutschmann allerdings auf der Mikroebene untersucht werden. Es gilt zu erklären, wie und warum die individuellen Akteure (Firmen, Konsumenten) handeln und wie dies mit den kollektiven Strukturen wechselwirkt.Christoph Deutschmann: Ökonomie ohne Wachstumszwang: ein Wunschtraum? Transcript seines Vortrags am 24. April 2013 in der Ringvorlesung Postwachstumsökonomie, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Abgerufen am 6. Februar 2019. Der Begriff eines sozialen Zwangs wird in den Sozialwissenschaften verwendet, wenn situationsbedingte Umstände oder starker sozialer Druck das Verhalten bestimmen. Nach der marxistischen Theorie des „grow or die“ wird dieser Zwang dadurch hervorgerufen, dass ohne Wachstum die Firma im Wettbewerb nicht überleben kann. Ähnlich spricht der Umweltökonom Hans Christoph Binswanger für Firmen erst dann von einem Wachstumszwang, wenn sie durch stetig sinkende Profite und letztendlich den Bankrott existentiell bedroht sind, in anderen Fällen verwendet er den schwächeren Begriff Wachstumsdrang. Oliver Richters und Andreas Siemoneit haben diese Definition verallgemeinert, dass der Begriff des Zwangs nur bei existentiellen Bedrohungen der Akteure gerechtfertigt sei, wenn nämlich physiologische oder soziale Grundbedürfnisse gefährdet sind, weil ein Verlust des Einkommens oder soziale Exklusion drohen. Preprint: Oldenburg Discussion Papers in Economics V-414-18, November 2018, . Ein mikroökonomischer Wachstumszwang bestünde dann, „wenn ein Akteur ständig seine ökonomischen Anstrengungen erhöhen muss, um sein Einkommen zu sichern.“

Mikroökonomische Theorien Firmen mini|Das Kapital von Karl Marx enthält die erste, bis heute umstrittene Theorie eines Wachstumszwangs.

Als erster Vertreter eines Wachstumszwangs gilt Karl Marx. Im Kapitalismus sei Nullwachstum nicht möglich, denn „Akkumulation ins Unendliche ist sein inneres Gesetz.“

Unternehmenswachstum sei demnach notwendig, um das Überleben der Firma sicherzustellen („grow or die“). Dementsprechend vertreten einige Autoren die Position, der Wachstumszwang ließe sich nur durch die Überwindung marktwirtschaftlicher Strukturen entschärfen, bzw. durch die Zurückdrängung profitorientierter Unternehmen, die den Mehrwert für sich vereinnahmen. Andere Autoren kritisieren diese marxistische Perspektive: Ein Unternehmen könne ohne Wachstum profitabel sein, wenn der positive Bilanzgewinn an die Eigentümer ausgeschüttet würde. Erst wenn der Jahresüberschuss dauerhaft thesauriert werden müsse, bestünde ein Wachstumszwang für Unternehmen. Wenn ein Unternehmen betriebswirtschaftlich einen bilanziellen Gewinn ausweist, habe es im volkswirtschaftlichen Sinne noch keinen ökonomischen Gewinn erzielt, weil eine Eigenkapitalrendite und ein Unternehmerlohn daraus gezahlt werden müssten – der Gewinn stünde also gar nicht notwendigerweise für Wachstum zur Verfügung. Daher sei eine Marktwirtschaft mit profitorientierten Unternehmen durchaus mit Nullwachstum kompatibel, wie das auch in den Modellen der neoklassischen Theorie der Fall ist (→ Nullgewinnbedingung).

mini|Umstrittene Frage: Wird technischer Fortschritt primär durch Ideen oder Ressourcenverbrauch angetrieben? Auf der Basis von Konzepten der Evolutionsökonomik verweisen wiederum andere Autoren darauf, dass Firmen durch ungünstige Rahmenbedingungen durchaus abhängig von Wachstum werden können. Joseph A. Schumpeter hatte die schöpferische Zerstörung beschrieben, in der die Existenz von Unternehmen gefährdet ist, die im Innovationswettbewerb nicht mithalten können. Daher ergebe sich die Notwendigkeit, in neue Technologien zu investieren und die Produktion auszudehnen – welche Investitionen sich lohnen würden, sei aber nur unter Berücksichtigung der Wachstumstheorie zu verstehen. Innerhalb der neoklassischen Wachstumsbuchhaltung ist weitgehend unumstritten, dass nur technischer Fortschritt und neue Kombinationen von Produktionsfaktoren dauerhaftes Wachstum von Unternehmen und des Pro-Kopf-Einkommens in Volkswirtschaften möglich machen. Es ist aber seit Jahrzehnten umstritten, welchen Beitrag die einzelnen Produktionsfaktoren zum Wachstum leisten: Während die endogene Wachstumstheorie die Rolle von Humankapital (Ideen, Bildung, Innovationen) hervorhebt, betonen Vertreter der ökologischen Ökonomie bzw. Umweltökonomik die Bedeutung des Verbrauchs von Energie sowie natürlichen Rohstoffen, die häufig nichterneuerbar seien (z. B. fossile Energieträger). Während aus der Humankapital-Perspektive kein ökologisch schädlicher Wachstumszwang entsteht, betont die Ressourcen-Perspektive, dass Rohstoffverbrauch für Firmen lukrativ ist, weil sie dadurch teure Arbeitsplätze durch Maschinen ersetzen können. Daher investieren sie beständig in neue ressourcenintensive Technologien und das zur Entwicklung nötige Humankapital, wodurch der Ressourcenverbrauch steige und Fortschritte bei der Energieeffizienz kompensiere.

Uneinigkeit herrscht außerdem, ob diese Abhängigkeiten auf Ebene des Unternehmens überwunden werden können – so dies denn von den Eigentümern bzw. dem Management gewünscht ist. Vorschläge umfassen neue Management-Praktiken, Änderungen der Produktpalette, Lieferketten und Vertriebswege, sowie die Gründung von Solidar-Unternehmen, Kollektivunternehmen und Genossenschaften. Andere Autoren fordern institutionelle Lösungen: eine Reform des Aktienrechts, um den juristischen Zwang von Aktiengesellschaften zur Gewinnmaximierung zu überwinden, eine Reform des Wettbewerbsrechts, um die Externalisierung auf Kosten der Gemeingüter zu verhindern, oder eine institutionelle Begrenzung und Verteuerung des Ressourcenverbrauchs durch ökologische Steuerreform oder Emissionsrechtehandel (), damit technische Innovationen einen stärkeren Fokus auf Ressourcenproduktivität statt auf Arbeitsproduktivität setzen könnten.

Privathaushalte mini|Smartphone und Auto: freiwilliger Konsum oder eine notwendige Steigerung der eigenen Produktivität? Ein Zwang für Privathaushalte, ihr Einkommen und ihre Konsumausgaben zu steigern, wird seltener diskutiert. In der neoklassischen Haushaltstheorie versuchen Haushalte, ihren Nutzen zu maximieren, wobei sie im Gegensatz zur Profitmaximierung der Firmen keinen Marktzwängen unterliegen. Daher wird hier nicht von einem Wachstumszwang ausgegangen, sondern von einer freien und individuellen Entscheidung zwischen heutigem und zukünftigem Konsum. Diese „intertemporale Optimierung“ wird beispielsweise durch die Keynes-Ramsey-Regel abgebildet. In der Konsumsoziologie gibt es diverse Theorien der Konsumgesellschaft, die den Einfluss sozialer Normen auf Konsumentscheidungen untersuchen. Beispiele sind der bereits 1899 von Thorstein Veblen in seinem Buch Theorie der feinen Leute deutsche Version: thematisierte Geltungskonsum oder der Positionswettbewerb, der von Fred Hirsch im Jahr 1976 im Buch Soziale Grenzen des Wachstums deutsche Version: beschrieben wurde. Einige Autoren vertreten die Position, dass der Vergleich mit anderen und die ungerechte Verteilung von Einkommen und Macht zu einem Wachstumszwang führen. Die Konsumenten müssten immer mehr arbeiten und konsumieren, um ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Teilhabe zu erreichen, weil die wirtschaftlich Schwachen stigmatisiert werden. Als Gründe für dieses Verhalten werden Angst und Ohnmacht, Schuld und Scham genannt.Lutz Eichler: Wo werden nicht-ökonomische Wachstumszwänge kultiviert?, DFG-Kolleg Postwachstum Jena, 30./31. Mai 2013. Ob diese Theorien tatsächlich einen Zwang zur Steigerung des Konsums begründen können, ist aber umstritten, solange es nicht um die Existenzsicherung (beispielsweise wegen Arbeitslosigkeit) geht.

Eine andere Argumentationslinie betrachtet bestimmte Konsumentscheidungen eher als Investitionen zur Steigerung der eigenen Produktivität. Preprint: ZOE Discussion Paper 3, Januar 2019, . Technische Produkte wie Fahrzeuge, Küchengeräte oder Smartphones dienten dazu, Zeit einzusparen und sich Möglichkeiten zu bewahren, ein Einkommen zu erzielen. Aus der Notwendigkeit, diese Güter zu erwerben, ließe sich ein Zwang ableiten, seine Konsumausgaben zu erhöhen, um nicht technisch und ökonomisch abgehängt zu werden.

Makroökonomische Theorien Politischer bzw. makroökonomischer Wachstumszwang mini|Andreas Siemoneit stellt politische Auswege aus dem technologischen Wachstumszwang vor.Andreas Siemoneit: Kapitalistische Wachstumszwänge mit Marktwirtschaft überwinden – Zu den Möglichkeiten und Grenzen einer sozialen Utopie, Vortragsreihe zur Postwachstumsökonomie, 6. Juni 2018.