mini|Vorstadt Le Quartier de la Fauconnière in Gonesse im Norden von Paris
Der französische Ausdruck Banlieue (, , weiblich, französisch, von lateinisch bannum leucae, wörtlich: „Bannmeile“) bezeichnet die verstädterten Bereiche außerhalb eines Stadtzentrums bzw. die Randzone einer Großstadt, die sich im 19. Jahrhundert im Zuge von Industrialisierung wie Urbanisierung (Stadtrandwanderung von Industriebetrieben und industrieabhängiger Bevölkerung) herausbildeten bzw. herausbildete. Verwendet wird der Begriff primär in Frankreich bzw. für das französische Städtesystem. Gleichermaßen wird „Banlieue“ als Synonym für die einzelne Vorstadt bzw. für die Vorstädte (banlieues) innerhalb dieser Randzone gebraucht.Georg Glasze, Mélina Germes u. Florian Weber: Krise der Vorstädte oder Krise der Gesellschaft? In: Geographie und Schule 2009, Nr. 117, S. 17.
Seit den 1950er-Jahren ließ der französische Staat Großwohnsiedlungen (Hochhaussiedlungen; cités) in den Banlieues der größeren Städte Frankreichs – Paris, Lyon, Marseille usw. – errichten, in denen die (zumeist geringqualifizierten) Industriearbeiter für die damalige Zeit komfortablen Wohnraum fanden. Es sollte der massiven Wohnungsnot in den städtischen Räumen abgeholfen werden. Sie war entstanden durch eine stark überalterte und marode Bausubstanz in den Kernstädten und Kriegsschäden. Außerdem wanderten in den „Trente Glorieuses“ (dem Wirtschaftsaufschwung der dreißig „goldenen“ Nachkriegsjahre von ca. 1946 bis zur Ölkrise 1973/1974) einheimische Landbevölkerung und Einwanderer aus französischen Besitzungen in Übersee sowie dem europäischen Ausland in die industriellen Ballungsräume des Landes, vor allem nach Paris. Dann wirkte sich auch ein starkes Ansteigen der französischen Geburtenrate nach 1945 aus.
Der seit Mitte der 1970er-Jahre einsetzende Prozess, der Deindustrialisierung und damit Massenarbeitslosigkeit in Industrie und Gewerbe zur Folge hatte, führte nachfolgend zu einer Verarmung der in den cités konzentrierten proletarischen Haushalte. Die cités entwickelten sich von „Zentren der Moderne“ zu „Orten des sozialen Abstiegs“ und sind bis heute geprägt durch einen hohen Anteil an Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern, darunter sind überproportional viele arabische und afrikanische Einwanderer – teils mit, teils ohne französischen Pass. Mitunter sind diese Gebiete auch soziale Brennpunkte mit Problemen wie Kriminalität und Drogenkonsum. Im Frankreich der Gegenwart (2025) sind gut 1.500 Vororte das Zuhause von mehr als 5 Millionen Menschen.
Die Region Île-de-France zählte im Jahr 2006 11.532.400 Einwohner, wovon 2.181.400 Einwohner in Paris selbst und die übrigen 9.351.000 Einwohner in der Vorstadt lebten. Die Pariser Banlieue besteht zum Großteil aus Wohnorten der Mittelschicht. Einige der reichsten Kommunen Frankreichs wie Neuilly-sur-Seine, Saint-Nom-la-Bretèche, Le Vésinet liegen in der Pariser Banlieue. Bis 2015 wurden prekäre Wohnviertel in Frankreich unter dem Begriff der zones urbaines sensibles (ZUS) geführt. Im Jahr 2006 lebten in der Île-de-France 1.278.300 Einwohner in ZUS. Das entspricht einem Anteil von 11,1 Prozent und verdeutlicht, dass die Banlieue nur zu einem kleinen Teil aus prekären Vierteln besteht und der Begriff der Banlieue somit fälschlicherweise negativ konnotiert wurde.
Seit den 1980er-Jahren ist es in den cités wiederholt zu (Jugend-)Unruhen gekommen, die im Jahr 2005 einen vorläufigen Höhepunkt erreichten.
Begriffsgeschichte und Definitionen In seiner französischen Schreibweise, die bis in das 12. Jahrhundert zurückdatiert, bezeichnete banlieue – ein Kompositum des germanischen Wortes „Bann“ (zu französisch: le ban = der Bann) und des lateinischen Wortes leuga (zu französisch: la lieue = die Meile, siehe auch Leuge) zu dem vulgärlateinischen Banleuca – im feudal-monarchischen Herrschaftssystem den zonalen Bereich von einer Meile um eine Stadt, der noch der städtischen Gerichtsbarkeit bzw. der Herrschaftsgewalt des/der Stadtherren unterstand. Die Einrichtung dieser sogenannten „Bannmeile“ erfolgte primär aus wirtschaftsprotektionistischer Zielsetzung heraus; der städtische Handel wie das einheimische Gewerbe sollten vor konkurrierenden auswärtigen Händlern bzw. Anbietern geschützt werden (Bannrecht). Die (sukzessive) Einführung der Gewerbefreiheit Anfang des 19. Jahrhunderts hatte vor diesem Hintergrund den Bedeutungsverlust der banlieue als ökonomischer Schutz- bzw. Verbotszone zur Folge.
Zugleich erhielt der Begriff im Kontext der einsetzenden Industrialisierung und der damit verbundenen Urbanisierung bzw. Verstädterung im Verlauf des 19. Jahrhunderts eine neue Konnotation, die dem modernen Begriffsverständnis von banlieue zugrunde liegt. So wird der Begriff nachfolgend zur Bezeichnung der verstädterten Bereiche außerhalb der Zentren bzw. zur Bezeichnung der Randzone der (großen) französischen Städte verwendet.
mini|Gliederung städtischer Räume in Frankreich. 1: Kernstadt, 2: randliche Vorortzone, 3: periurbaner (suburbaner) Gürtel
Von Seiten der raumwissenschaftlichen Disziplinen (Raumplanung, Geographie) wird der französische Ausdruck banlieue als „randliche Vorortzone“ einer städtischen Agglomeration (primär in Frankreich bzw. das französische Städtesystem betreffend) definiert.Heinz Heineberg: Stadtgeographie. Paderborn 2014, S. 47. „Banlieue“ ist dementsprechend die „Vorstadt(-zone)“, „das umliegende Gebiet eines Zentrums der Großstädte“, der „Stadtrandbezirk“ und/oder die „Trabantenstadt(-zone)“.Bernhard Schmid: Die Banlieue-Problematik: Die französischen Trabantenstädte oder Die Ethnisierung des Sozialen. In: Im Modell der Stadtregion bildet die banlieue somit den äußeren Rand der städtischen Agglomeration (Stadtzentrum zuzüglich Vorortzone). Im Fall der Stadtregion bzw. dem Großraum Paris stellt der Boulevard périphérique die topographische Grenze zwischen Kernstadt und Vorstadtzone dar.
mini|Jährliches durchschnittliches Haushaltseinkommen (Median) im Jahr 2018 in der Stadt Paris und der Petite Couronne (Départements Hauts-de-Seine, Val-de-Marne und Seine-Saint-Denis)
Die terminologische Zusammenfassung der einzelnen verstädterten Bereiche bzw. kommunal eigenständigen Vorstädte im Modell der Stadtregion wie im Begriff der „banlieue“ überdeckt jedoch die teils eminente Andersartigkeit der einzelnen Gebiete bzw. Vorstädte innerhalb dieser Zone. Deutliche Unterschiede zeigen sich so etwa mit Blick auf die physiognomische, sozioökonomische und/oder soziologische Verfasstheit dieser Gemeinden.
So umfasst etwa die „Pariser Banlieue“ beispielsweise einerseits „bürgerliche“, „vornehme“ Vororte im Westen der französischen Hauptstadt (z. B. Neuilly-sur-Seine), die gekennzeichnet sind durch ein im Vergleich mit anderen Gemeinden der Agglomeration überdurchschnittlich hohes durchschnittliches Haushaltseinkommen,Georg Glasze, Mélina Germes u. Florian Weber: Krise der Vorstädte oder Krise der Gesellschaft? In: Geographie und Schule 2009, Nr. 117, S. 21. eine homogene, vermögende, auf soziale Distinktion Wert legende BewohnerschaftWalter Kuhn: Der Wohnungsmarkt in Paris und seine sozialräumlichen Konsequenzen. In: Ludger Basten (Hrsg.): Zwischen Basel, Bochum und Toronto. Einblicke in die Geographie postindustrieller Stadtentwicklungen. Berlin u. a. 2011 (= Schriften des Arbeitskreises Stadtzukünfte der Deutschen Gesellschaft für Geographie; 11), S. 93. (primär der gehobenen Gesellschaft und dem reichen französischen Bürgertum angehörig) sowie durch prestigeträchtige Wohnbauten (etwa Stadthäuser – das sog. „hôtel particulier“) und luxuriöse Villen mit großflächigen Gartenanlagen.Google Earth 2014.
Zur Pariser Stadtrandzone zählen jedoch gleichermaßen andererseits auch einzelne Vorstädte im Norden und Osten der banlieue (z. B. La Courneuve, Clichy-sous-Bois), die durch Reihenhaus- und Einfamilienhaussiedlungen von Mittelschichthaushalten sowie Hochhausviertel bzw. Großwohnsiedlungen mit Hochhausbebauung (sog. „cités“), die primär von sozioökonomisch schwachen Haushalten geprägt sind (hoher Anteil von Sozialwohnungen am Gesamtwohnungsbestand). Diese cités bilden strukturschwache Mikroräume innerhalb der jeweiligen Vorstadt, in denen überdurchschnittlich hohe Werte hinsichtlich der Arbeitslosenquote sowie des Anteils der Empfänger von Sozialhilfe und Sozialleistungen und unterdurchschnittliche Haushaltseinkommen (unterhalb der Armutsgrenze) konstatiert werden können.Robert Castel: Negative Diskriminierung. Jugendrevolten in den Pariser Banlieues. Hamburg 2009, S. 23.
Sowohl in wissenschaftlichen Publikationen wie in publizistischen Beiträgen wird der Begriff banlieue zugleich als Synonym für eine einzelne Vorstadt innerhalb der beschriebenen Stadtrandzone größerer Städte in Frankreich gebraucht. Im Falle der Bezugnahme auf mehrere Vorstädte bzw. Vororte erfolgt die Verwendung des Plurals banlieues.
Seit den 1970er-Jahren ist begriffsgeschichtlich zudem – insbesondere von Seiten der Medien wie der Politik – eine inhaltliche Verkürzung des Begriffes der banlieue auf die cités, die Großwohnsiedlungen in einigen französischen Vorstädten, zu beobachten. Der Begriff wird in diesem Zusammenhang zunehmend negativ konnotiert und mit „stigmatisierten Problemgebieten“ in Verbindung gebracht.Florian Weber, Georg Glasze, Hervé Viellard-Baron: Krise der banlieues und die politique de la ville in Frankreich. In: Geographische Rundschau 2012, Heft 6, S. 50.
Historische Entwicklung der „Banlieue“ 19. Jahrhundert – erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mini|Einwohnerentwicklung in der Region Paris 1801–2011
Im Verlauf des Industrialisierungsprozesses bedingten unterschiedliche Wanderungsströme die räumliche Expansion der französischen Städte bzw. die Entstehung von Vorstädten am Rand der historischen Stadtzentren.Georg Glasze, Mélina Germes u. Florian Weber: Krise der Vorstädte oder Krise der Gesellschaft? In: Geographie und Schule 2009, Nr. 117, S. 18.
Die Genese der „banlieue“, der verstädterten Bereiche außerhalb der Zentren (siehe oben), resultierte so einerseits aus der Stadtrandwanderung einiger ehedem in der Kernstadt angesiedelter Wirtschaftsbetriebe. Die neuerlichen industriell-mechanischen Produktions- wie Distributionsweisen machten eine räumliche Expansion der Produktionsstätten erforderlich, die in den stark verdichteten historischen Stadtzentren jedoch nicht realisiert werden konnte.Ronald Daus: Banlieue. Freiräume in europäischen und aussereuropäischen Großstädten. Europa: Paris, Berlin, Barcelona. Berlin 2002, S. 42. Dem Erweiterungsflächenmangel in den Kernstädten stand der Standortvorteil der Verfügbarkeit von Freiflächen am Stadtrand gegenüber, sodass zahlreiche Industriebetriebe von der Kernstadt an den Randbereich umsiedelten. Ferner präferierten auch neugegründete Betriebe die Randzone.
Die Stadtränder der größeren französischen Städte – Paris, Lyon und Marseille – entwickelten sich so zu industriellen Zonen, in denen sich die Industriebetriebe konzentrierten.Alfred Pletsch: Paris: Phasen seiner geschichtlichen und städtebaulichen Entwicklung. In: Ders. (Hrsg.): Paris im Wandel. Stadtentwicklung im Spiegel von Schulbüchern, Wissenschaft, Literatur und Kunst. Hamburg 2009 (= Studien zur Internationalen Schulbuchforschung; 63), S. 38. Bedingt durch die prioritäre Förderung der Industrieansiedlung seitens des Staates in der Hauptstadtregion entwickelte sich, maßgeblich begründet in der Nähe zum Seine-Bogen wie die lokale Anbindung an Kanäle und die Eisenbahn, insbesondere in der nördlichen banlieue von Paris, im Gebiet zwischen Paris und dem Oise-Tal, „(…) das größte Ballungsgebiet Frankreichs von Chemie- und metallverarbeitender Industrie; es wurde ‚das französische Manchester‘“ genannt.Ronald Daus: Banlieue. Freiräume in europäischen und aussereuropäischen Großstädten. Europa: Paris, Berlin, Barcelona. Berlin 2002, S. 42 f.