mini|Titelseite der ersten Ausgabe von Labyrinth der Welt und Paradies des Herzens, aus dem Jahr 1631 Als Trostschriften (tschechisch: útěšné spisy) werden die Werke von Johann Amos Comenius bezeichnet, die er als Prediger und Bischof der Böhmischen Brüderunität geschrieben hat, um die unter religiöser Verfolgung leidenden Gemeindeglieder im Glauben zu stärken und ihnen Hoffnung zu geben. Die Tschechoslowakische Akademie zählt in ihrer Gesamtausgabe der Werke von Comenius die im Folgenden genannten 11 Werke dazu. Truchlivý; Listové do nebe; Přemyšlování o dokonalosti křesťanské; Nedobytedlný hrad; Labyrint světa a ráj srdce; Pres boží; O sirobě; Centrum securitatis; Renuntiatio mundi; Bazuine des genaden jaar; Kšaft umírající matky, Jednoty bratrské. Sie sind in tschechischer Sprache geschrieben.
Truchlivý (Der Trauernde); Listové do nebe (Briefe an den Himmel); Přemyšlování o dokonalosti křesťanské (Nachdenken über die christliche Vollkommenheit); Nedobytedlný hrad (Die uneinnehmbare Burg); Labyrint světa a ráj srdce (Labyrinth der Welt und Paradies des Herzens); Pres boží (Gottes Kelter); O sirobě (Über das Verwaistsein); Centrum securitatis (Zentrum der Sicherheit); Renuntiatio mundi (Absage an die Welt); Bazuine des genaden jaar (Posaune des gnadenreichen Jahres); Kšaft umírající matky, Jednoty bratrské (Vermächtnis der sterbenden Mutter, der Brüderunität).
Bedeutung der Trostschriften
In dem sehr umfangreichen Werk von Comenius nehmen die Trostschriften eine besondere Stellung ein. Sie sind auf dem Hintergrund der Wirren des Dreißigjährigen Krieges geschrieben und sind gezeichnet durch die persönlich erlebte Not und durch die inneren Kämpfe des Autors, der um Antworten nach dem Sinn des Leidens ringt. Sie zeigen mehr als die anderen Werke Comenius als Christen, als einen Mann von tiefer Frömmigkeit, der vom unerschütterlichen Glauben an den endgültigen Sieg Gottes erfüllt ist.
Die Bibel ist für Comenius der Trost in schweren Zeiten, die Stütze des Glaubens und die höchste Quelle der Erkenntnis. Die Sprache seiner Trostschriften ist in weiten Teilen durch die Sprache der tschechischen Kralitzer Bibel inspiriert, die Comenius perfekt beherrscht. Die Trostschriften sind voll biblischer Zitate und Anspielungen an Ausdrucksweisen der Kralitzer Bibel. Einige Schriften (z. B. Paradies des Herzens und des Trauernden dritter Teil – Geschrei der Turteltaube) bestehen durchweg aus Zitaten oder Paraphrasen biblischer Texte.
Comenius sucht mit den Trostschriften eine Vergewisserung seines Glaubens und eine Ermutigung nicht nur für sich, sondern auch für seine Gemeinde, für die er als Prediger und später als Bischoff verantwortlich war. Im Rückblick schreibt er (1661): Als das Dunkel der Katastrophe wuchs (im Jahr 1623) … wurde ich von unbeschreiblichen Bedrängnissen und Versuchungen hin und her geworfen, und mitten in der Nacht (die ich, wie schon einige vorangegangene schlaflos zubrachte) wurde ich von einem ungewöhnlichen Fieber gepackt, rief zu Gott, sprang aus dem Bett, ergriff die Bibel und betete, damit – wenn menschlicher Trost nicht ausreicht – mich Gott in meinem Inneren nicht verließe. … Und ich griff zu Feder und begann meine vorangegangene Bedrängnisse (für mich selbst, wenn die Schrecken zurückkehren sollten, oder für andere Gläubige) aufzuzeichnen …Im Brief an den Amsterdamer Verleger, Brief an Peter van den Berge (Petrus Montanus), 1661. Zitiert nach:
Übersicht über die Entstehung der Trostschriften
Der junge Comenius wurde im Jahr 1618 als Geistlicher und Lehrer in die Brüdergemeinde nach Fulnek an der mährisch-schlesischen Grenze berufen (1618–1622). Als Seelsorger wurde er dort mit den tiefen sozialen Gegensätzen konfrontiert, die die damalige böhmische Gesellschaft prägten. Mit seiner ersten Trostschrift, Briefe an den Himmel (1618), reagierte er auf diese Spannungen und versuchte die richtige christliche Haltung dazu zu finden.
Als in der Schlacht am Weißen Berg (1620) die protestantischen böhmischen Stände der katholischen Liga unterlagen, setzte die Verfolgung aller evangelischen Konfessionen in den Ländern der Habsburgermonarchie ein. Die Verfolgung traf auch die Böhmische Brüderunität hart: ihre Gemeinden wurden auseinandergetrieben, ihre Schulen geschlossen, ihre Prediger und Verwalter ausgewiesen. Comenius musste Fulnek verlassen, weil gegen ihn als Prediger der Brüderunität ein Arrestmandat erlassen wurde. Er hielt sich zunächst an verschiedenen Orten in der Nähe von Fulnek verborgen, bis er im Frühjahr 1623 auf dem Gut des mährischen Adligen Karl der Ältere von Zierotin in Brandeis an der Adler vorübergehend eine Zuflucht fand.
In diese Zeit der Flucht fällt seine Trostschrift Nachdenken über die christliche Vollkommenheit (1621), gewidmet seiner Frau, die er in Fulnek zurücklassen musste. Doch die Stadt wurde geplündert und gebrandschatzt, seine Bücher von den Jesuiten öffentlich verbrannt, und seine Frau und seine beiden Söhne kamen 1622 durch die Pest ums Leben. Comenius verlor in diesem Jahr nicht nur seine Familie, sondern auch seinen gesamten Besitz, auch die wertvollen Manuskripte.
In den Jahren der Flucht und des Asyls in Brandeis entstanden die meisten Trostschriften: Die uneinnehmbare Burg (1622), Labyrinth der Welt und Paradies des Herzens (1623), Gottes Kelter (1624), die ersten beiden Teile vom Trauernden (1623 und 1624), Über das Verwaistsein (1624) und Centrum securitatis (Zentrum der Sicherheit, 1625). Sie wurden unter den Gemeindegliedern in der Verfolgung verbreitet und gaben ihnen Kraft und Hoffnung. In Brandeis heiratete Comenius seine zweite Frau, Dorota Cyrillová.
Im Januar 1628 verließ Comenius endgültig die Heimat und fand zusammen mit anderen Gliedern der Brüderunität Asyl im polnischen Lissa (1628–1641). Die Exilanten sahen es zunächst als einen vorübergehenden Aufenthalt an. Ihre Hoffnungen richteten sich auf die protestantischen sächsischen Truppen, die zeitweise mehr als die Hälfte von Böhmen besetzt hielten und im Herbst 1631 mit Unterstützung von Gustav Adolf bis nach Prag drangen. Die Erfolge der sächsisch-schwedischen Koalition veranlassten Comenius zu der kleinen freudigen Schrift Posaune des gnadenreichen Jahres (1632). Aber schon ein Jahr später verdrängten Wallensteins Truppen die Sachsen aus Prag. Die Hoffnungen zerschlugen sich und Comenius verfasste den sehr emotionalen Traktat Renuntiatio mundi (Absage an die Welt, 1633).
In den darauffolgenden Jahren unternahm Comenius Reisen nach England und Schweden. Als er im Jahr 1648 nach Lissa (1648–1650) zurückkehrte, musste er mit zwei weiteren schweren Schicksalsschlägen fertig werden. Seine zweite Frau starb an einer schweren Krankheit und kurz danach wurde der Westfälische Friede unterschrieben. Dieser beendete zwar den Dreißigjährigen Krieg, sicherte aber den böhmischen Protestanten nicht die ersehnte Religionsfreiheit. Die böhmischen Länder wurden den katholischen Habsburgern zugesprochen und der Gegenreformation ausgesetzt. Damit zerschlugen sich auch die letzten Hoffnungen auf eine Rückkehr in die Heimat. Die Brüderunität musste nun endgültig in die Diaspora gehen und vor ihrem Ende verfasste Comenius in Lissa ihr „Testament“, das Vermächtnis der sterbenden Mutter, der Brüderunität (1650). Die bedrängte Lage der Unität veranlasste ihn dann zur Abfassung des dritten Teiles des Trauernden: Geschrei der Turteltaube (1651). Es ist eine Klage über nicht erfüllte Hoffnungen und nicht erhörte Gebete.
Es folgte ein vierjähriger Aufenthalt in Siebenbürgen (1650–1654). Im Jahr 1654 kehrte dann Comenius als Zweiundsechzigjähriger nach Lissa zurück und kurz danach folgte für ihn der nächste Schicksalsschlag. Die Stadt wurde 1656 in den Wirren des schwedisch-polnischen Krieges niedergebrannt und Comenius verlor zum zweiten Mal in seinem Leben seinen ganzen Besitz, seine Bibliothek und alle wertvollen Manuskripte. Als völlig Mittelloser fand er Zuflucht bei Familie Geer in Amsterdam, wo er am Ende seines Lebens einige ruhige Jahre verbringen konnte. Hier schrieb er Die Stimme der Trauer (1660), als vierter Teil des Trauernden, in der er von seiner Gemeinde Abschied nimmt.
Zwei Jahre vor seinem Tod verfasste Comenius in Amsterdam die Schrift Unum Necessarium (Das einzig Notwendige, 1668). Im Sammelband der Ausgewählten Werke wird sie auch zu den Trostschriften gerechnet. Listové do nebe; Briefe nach den Himmel; Renuntiatio mundi; Labyrinth der Welt; Trauern über Trauern; Unum necessarium. Das letzte zehnte Kapitel wird als sein Vermächtnis gesehen.
Beschreibungen der einzelnen Trostschriften
Truchlivý (Der Trauernde)
ist ein Werk, zu dem Comenius während seines Lebens mehrmals zurückkehrte. Es ist geprägt von der Spannung zwischen der Verzweiflung und dem Versuch, bei Gott Trost und Kraft zu finden. Es besteht aus vier Teilen. Die beiden ersten entstanden in den Jahren 1623 und 1624 unter dem Eindruck der katastrophalen protestantischen Niederlage in der Schlacht am Weißen Berg und deren Folgen für die Evangelischen in Böhmen.
Der dritte Teil, Geschrei der Turteltaube (Řvaní hrdličky, 1651), drückt die tiefe Enttäuschung über die Bedingungen des Westfälischen Friedens aus. Der letzte vierte Teil, Stimme der Trauer (Smutný hlas, 1660), hat den Charakter eines Hirtenbriefs, ähnlich seiner früheren Schrift Vermächtnis der sterbenden Mutter, der Brüderunität. Trotz der bedrückenden äußeren Umstände glaubt Comenius an den endgültigen Sieg Gottes und mahnt die verbliebenen und verstreuten Glieder seiner Gemeinde, bis zum Schluss am Glauben festzuhalten.
Die beiden ersten Teile wurden unter dem Titel Trauern über Trauern und Trost über Trost (1626) noch zu Lebzeiten des Autors ins Deutsche übersetzt. Enthält Trauern über Trauern, Trost über Trost, die Ausgabe Bratislava 1629 auf den Seiten 143 – 208. Eine deutsche Übersetzung von Teil III wurde im Jahr 1915Des Trauernden dritter Teil. Von J. A. Comenius. Deutsch von Franz Slaměník. In: Zeitschrift für Brüdergeschichte IX, Herrnhut 1915, S. 110 – 124. Nachdruck in: Zeitschrift für Brüdergeschichte Band III, Georg Olm Verlag, Hildesheim New York 1973., und vom Teil IV im Jahr 1908Stimme der Trauer von J. A. Comenius. Aus dem Böhmischen übersetzt von Franz Slaměník. In: Monatshefte der Comenius-Gesellschaft XVII, Jena 1908, S. 97–124. veröffentlicht.
Listové do nebe (Briefe an den Himmel)
ist eine sozialtheologische Schrift, in der Comenius auf die tiefen sozialen Gegensätze der damaligen Gesellschaft reagiert, mit denen er als junger Seelsorger konfrontiert wurde. Geschrieben hat er sie im Jahr 1618, kurz nachdem er seine Stelle als Prediger und Lehrer der Brüdergemeinde in Fulnek angetreten hat. Eine deutsche Übersetzung mit dem Titel Briefe nach dem Himmel erschien im Jahr 1911. Briefe nach dem Himmel von J. A. Comenius. Deutsche Übersetzung von Franz Slaměník. In: Zeitschrift für Brüdergeschichte Band II, Georg Olms Verlag, Hildesheim New York 1973. Nachdruck aus: Zeitschrift für Brüdergeschichte V., Herrnhut 1911, S. 201–232.
Comenius geht es nicht um eine Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die damaligen Standesunterschiede sind für ihn gottgegeben und sollen von den Armen akzeptiert werden. Die Kritik richtet sich an die Reichen vielmehr wegen ihrer Unbarmherzigkeit und Überheblichkeit, sie werden an ihre Verantwortung vor Gott erinnert und von Christus ermahnt: deswegen geruhe ich euch streng zu befehlen: Bedrückt meine Armen nicht. Die endgültige Beilegung der sozialen Konflikte wird vertagt auf den Tag der Wiederkunft Christi: bis zum künftigen endgültigen allgemeinen, gerechtesten Gericht und klarer Entscheidung unter den Parteien.
Přemyšlování o dokonalosti křesťanské (Nachdenken über die christliche Vollkommenheit)