Pädagogikunterricht umfasst alle Fächer der pädagogischen Fächergruppe des allgemein- und berufsbildenden Schulwesens, in denen es im Schwerpunkt um die Vermittlung pädagogischen Wissens und um pädagogische Bildung geht.G. Wierichs: Pädagogikunterricht. In: H. Hierdeis, T. Hug (Hrsg.): Taschenbuch der Pädagogik. Band 4, 1997, ISBN 3-87116-757-6, S. 1161 ff. In der Konsequenz wird Pädagogik vielfach als das Bildungsfach bezeichnet, weil nicht nur pädagogische Bildung vermittelt, sondern diese selbst zum Thema gemacht wird und dadurch beim Schüler bildungsfinalisierende Entwicklungen fördert. Pädagogikunterricht ist – nach dem deutschen Erziehungswissenschaftler Erich E. Geissler – der Ort, an dem Bildung thematisiert und in der Konsequenz auch reflektiert wird. Somit ermöglicht das Fach im besten Fall die Überleitung zu einer selbstständigen Selbstbildung.Erich E. Geißlers integrativ-edukative Fachdidaktik des Pädagogikunterrichts. Teil 2: Darstellung – Kritik – Einordnung. (= Didactica Nova. Band 21). Schneider-Verlag, Hohengehren 2013, ISBN 978-3-8340-1220-3, S. 112.
Zur Geschichte des Schulfachs Die Anfänge des Unterrichtsfaches Pädagogik im 19. Jahrhundert in Deutschland hängen zusammen mit der Einführung der beruflichen Qualifizierung in vielen Berufen.
Unter dem Einfluss, u. a. der Pädagogik Friedrich Fröbels, wurde der Ruf nach fachlich qualifizierten Erziehern immer lauter. Aber erst 1911 erschien „ein für sozialpädagogische Berufe (Kindergärtnerin, Jugendleiterin) qualifizierter Pädagogikunterricht in einer staatlichen Ausbildungs- und Prüfungsordnung“.G. Wierichs: Pädagogikunterricht. In: H. Hierdeis, T. Hug (Hrsg.): Taschenbuch der Pädagogik. Band 4, 1997, ISBN 3-87116-757-6, S. 1161–1174. Von diesem Zeitpunkt an konnte sich die pädagogische Fächergruppe in Deutschland zur beruflichen Qualifizierung, z. B. von Erzieherinnen, etablieren.
Grundsatz in nahezu allen Ausbildungsbereichen ist der Erwerb fachlich gesicherten pädagogischen Wissens und pädagogischer Fähigkeiten mit dem Ziel, an der „Gestaltung gegenwärtiger und zukünftiger gesellschaftlicher Wirklichkeit in individueller und sozialer Verantwortung mitzuwirken“.G. Wierichs: Pädagogikunterricht. In: H. Hierdeis, T. Hug (Hrsg.): Taschenbuch der Pädagogik. Band 4, 1997, ISBN 3-87116-757-6, S. 1161–1174.
1908 wurde im Zuge der Neuordnung des höheren Mädchenschulwesens in Preußen auf „allerhöchsten Erlaß“ das Fach Pädagogik erstmals in Deutschland als allgemeinbildendes Schulfach eingeführt.
Bis in die 1960er Jahre als reines Mädchenfach bekannt, wurde es durch die Saarbrücker Rahmenvereinbarung der Kultusministerkonferenz zum ersten Mal auch Jungen zugänglich.
Seit 1972 wurde Pädagogik im Zuge der Reform der gymnasialen Oberstufe in den Kanon der Wahlpflichtfächer des gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes aufgenommen. Es kann seitdem als Grund- und Leistungskurs gewählt und damit Abiturfach werden. Wie für alle anderen Fächer, existiert auch für Pädagogik eine von der Kultusministerkonferenz herausgegebene Einheitliche Abiturprüfungsanforderung (EPA).
Seit den 1970er Jahren wurde in Schulversuchen erprobt, Pädagogik als Fach der Sekundarstufe I in verschiedenen Schulformen zu unterrichten. Fast immer waren diese Versuche erfolgreich und führten zur Aufnahme in die Stundentafeln unter verschiedenen Fächernamen (Pädagogik/Sozialpädagogik/Erziehungskunde/Erziehungslehre/Sozialwesen etc.).E. Knöpfel: sachkompetenz-sozialkompetenz-selbstkompetenz. Das Unterrichtsfach Pädagogik als Chance für allgemeinbildende Schulen. In: deutsche Lehrerzeitung. 16/95/1995, S. 12.
In den 1970–1980er Jahren entstand bei der Diskussion um die Pädagogik als Schulfach im Rahmen der Erzieherausbildung (im berufsbildenden Schulwesen) eine ungeahnte Dynamik, obwohl Schulbücher für diesen Bereich Mangelware waren. Lehrer und Schüler halfen sich damit, dass sie wissenschaftliche (R. und A.-M. Tausch; Lotte Schenk-Danzinger; Elizabeth Hurlock.)Tausch/Tausch: Pädagogische Psychologie; Schenk-Danzinger: Entwicklungspsychologie; Elizabeth Hurlock: Entwicklungspsychologie und populärwissenschaftliche Publikationen zu Schulbüchern machten, was der Schulverwaltung nicht überall gefiel. In den Lehrplangruppen des Kollegschulversuches in NRW wurden (in den 1990er Jahren) nach und nach Unterrichtsmaterialien erarbeitet, die den Schulen als Kursmaterial zur Verfügung gestellt wurden und als verpflichtend für den Pädagogikunterricht (und verwandte Fächer: Didaktik-Methodik, Spiel, Recht) galten. Das Schulbuch zur Fächergruppe Pädagogik (Erziehungswissenschaft/en, Sozialpädagogik usw.) ist also erst Ende des letzten Jahrhunderts entstanden; sowohl für den allgemeinbildenden als auch für den berufsbildenden Bereich des deutschen Schulsystems. Die Schulbuchautoren hatten demnach noch einen großen Einfluss auf die Didaktik des Pädagogikunterrichts – wie etwa Heinz Dorlöchter, Gudrun Maciejewski, Edwin Stiller im allgemeinbildenden (gymnasialen) Bereich mit dem Projekt: Phoenix – der etwas andere Weg zur Pädagogik (siehe unten: Verlag Ferdinand Schöningh, verschiedene Auflagen).
Im beruflichen Schulwesen wurde in den 1970er Jahren in Nordrhein-Westfalen ein bedeutender Schulversuch begonnen, der die berufliche Bildung von Grund auf verändern – und natürlich auch den Pädagogikunterricht umstrukturieren sollte: Das Bundesland richtete landesweit fächerübergreifende Lehrplangruppengenannt ÜFG = Überregionale Fachgruppe Erziehungswissenschaften, als Beispiel; Erziehungswissenschaften deswegen, weil Inhalte aus Psychologie, Pädagogik, Soziologie miteinander integriert wurden im Berufsschulbereichdamals Schwerpunkt 15; Erziehung und Soziales ein, um die Kollegschule zu etablieren. Wissenschaftlich begleitet wurde dieses auf breiter Basis angelegte Projekt ab 1972 von den Pädagogen Herwig Blankertz (Universität Münster) und später von Andreas Gruschka (1990–1994damals Universität Münster; später Universität Frankfurt am Main; inzwischen emeritiert). In dieser Zeit gab es allerdings in NRW (in der Erzieherinnenausbildung) daneben auch noch das herkömmliche berufsbildende System (mit dem klassischen Fach Pädagogik, neben Didaktik/Methodik und Spiel), das erst zwei Jahrzehnte später eine Reform erfuhr. Neue Lehrpläne der Kollegschule wurden in Schwerpunktfächern von Lehrergruppen auf Landesebene (im Landesinstitut Soest) geschrieben und zeitnah erprobt. Neue didaktische Strukturen wurden in intensiven und aufwändigen Diskussionen entwickelt und im Unterricht sowie in den Praktika der Schüler umgesetzt. Eine völlig neue Verlinkung von Praxis und Theorie wurde damit gewagt, die heute noch sichtbar ist. Ziele waren u. a., dass an berufsbildenden Schulen die Fachhochschulreife und das Abitur gemacht werden konnten, integriert in die Berufsausbildung. Damals wurden solche Veränderungen selbst im berufsbildenden System von konservativen Lehrerverbänden heftig angefeindet; die Schüler seien nicht in der Lage, den beruflichen Abschluss und das Abitur zu bewältigen, wurde behauptet (Verband der Lehrer an Berufskollegs in NRW (vlbs), Düsseldorf).siehe dazu Der Schulversuch sollte 20 Jahre dauern – einer der längsten in der deutschen Bildungspolitik. Im Zuge dieser fast basisdemokratischen Reform wurden im sozialpädagogischen Bereichdamals Schwerpunkt 15 die bis dahin eigenständigen Fächer Pädagogik und Psychologie zusammengelegt zum Fach Erziehungswissenschaften – mit Inhalten aus Pädagogik, Psychologie (vor allem Entwicklungspsychologie und Verhaltensbeobachtung) und Soziologie in integrierter Fassung.Landtag NRW, Erstes Modell eines Berufskollegs in der Bundesrepublik wird in NRW noch in diesem Jahr verwirklicht. Plenarbericht abgerufen am 11. Februar 2019.Andreas Gruschka: Wie Schüler Erzieher werden. Studie zur Kompetenzentwicklung und fachlichen Identitätsbildung in einem doppelt qualifizierenden Bildungsgang des Kollegschulversuchs NW. Wetzlar 1985. Das heißt u. a.: Situationen der Erziehungspraxis wurden mit Hilfe pädagogischer, psychologischer und soziologischer Fragestellungen reflektiert, analysiert und bewertet (siehe auch Erzieher).
Pädagogikunterricht in deutschen Schulformen Zur pädagogischen Fächergruppe im allgemeinbildenden Schulwesen (Gymnasium, Gesamtschule, Realschule, Regelschule, Hauptschule, Regionale Schule, Sekundarschule, Gemeinschaftsschule) gehören in Deutschland u. a. Erziehungswissenschaft(en), Erziehungskunde, Erziehungslehre, Pädagogik, Sozialpädagogik und Sozialwesen.
Im beruflichen Schulwesen werden pädagogische Fächer in allen 16 Bundesländern unter verschiedenen Fächerbezeichnungen (Erziehungswissenschaft/en, Sozialpädagogik, Sozial- und Erziehungslehre, Didaktik/Methodik, Spiel, Pflege und Erziehung des Kindes etc.) in unterschiedlichen Schulformen (Fachschule, Berufsfachschule, Höhere Berufsfachschule, Berufsgymnasium, Fachgymnasium, Fachoberschule, Berufsoberschule etc.) erteilt. In der Ausbildung zur Erzieherin spielt der Pädagogikunterricht (u. U. mit mehreren pädagogischen Fächern) in allen Bundesländern eine zentrale Rolle.
Pädagogikunterricht in der Sekundarstufe I Pädagogikunterricht in der Sekundarstufe ISek I oder auch SI abgekürzt ist die spezifische Antwort der Schule auf die Frage nach dem Wie der Förderung der Selbstkompetenz der Schüler.
Pädagogikunterricht in der Sekundarstufe I hat auf der Sekundarstufe der allgemein bildenden Schule bundesweit auch verschiedene Bezeichnungen wie z. B. „Erziehungskunde“ (Hauptschule / Realschule Bayern), „Sozialpädagogik“ (Realschule NRW), „Sozialwesen“ (Thüringen).
Im Berufsschulwesen (Berufskolleg/Berufsbildende Schule) ist die pädagogische Fächergruppe in der Sek I den Schulen zugeordnet, die eine berufliche Grundbildung anstreben oder die zum beruflichen Einstieg gefördert werden müssen (Berufsorientierungsjahr, schulpflichtige Schüler ohne Berufsausbildungsverhältnis). Sie haben unter besonderer Berücksichtigung der Anforderungen der Berufsausbildung die Aufgabe, den Schülern allgemeine und fachliche Lerninhalte zu vermitteln.
Nach BeyerK. Beyer: Thesen zur Einführung des Pädagogikunterrichts auf der Sekundarstufe I. Erster Teil. In: Pädagogikunterricht. 12, H. 2/3, 1992, S. 38–52; Zweiter Teil: In: Pädagogikunterricht. 12,1992, H. 4, S. 41–64. ist die Zunahme von Erziehungsdefiziten als Hauptgrund für die Ausweitung des Pädagogikunterrichts in die Sekundarstufe I zu nennen (pragmatische Legitimation). Viele Eltern fühlen sich ihrer Erziehungsaufgabe nicht mehr gewachsen. Ein weiterer Grund ist die normative Orientierungslosigkeit der Kinder, die sich in unterschiedlichen Formen manifestieren kann (axiologische Legitimation). Ein dritter Punkt betrifft den unkritischen Umgang der jugendlichen User mit den digitalen Medienwelten (mediale Legitimation). Nicht zu unterschätzen sind die berufsinformierenden bzw. berufsvorbereitenden Aspekte – angesichts der Mangelsituation in den pädagogischen bzw. helfenden Berufen (berufsspezifische Legitimation).
Einige fachdidaktische Ansätze für den Pädagogikunterricht in der Sekundarstufe I:
1. Jürgen Langefeld (Identitätsfördernder Pädagogikunterricht): Der spezifische Akzent dieses sozial-wissenschaftlich ausgelegten Pädagogikunterrichts in der Sekundarstufe I besteht in der Förderung der Persönlichkeits- und Sozialentwicklung der Schülerinnen und Schüler mit dem Ziel der Stärkung ihrer Verantwortlichkeit. Solche Verantwortlichkeitsstrukturen erwachsen durch die Schaffung von intellektueller Kompetenz, Selbstkompetenz und Sozialkompetenz. „Jeder Mensch erfährt durch Erziehung und Sozialisation eine entscheidende Beeinflussung seiner Persönlichkeit. Deshalb dürfen Erziehung und Sozialisation nicht im Vorfeld des Unwissens und des Unreflektierten stehenbleiben.“ (Langefeld 1989, S. 6) Ziel ist die Entwicklung eines Selbstkonzepts bis hin zur Entwicklung des gesellschaftlichen Ichs.