Das von der nationalsozialistischen Organisation Schutzstaffel (SS) betriebene SS-Ausbildungs- und Arbeitslager Trawniki wurde zwischen Juni und September 1941 etwa 40 km südöstlich von Lublin auf dem Gelände einer alten Zuckerfabrik mit Bahnanschluss eingerichtet, auf dem bereits ein provisorisches Lager für sowjetische Kriegsgefangene existierte. Die hier ausgebildeten KZ-Wachmannschaften werden als Trawniki-Männer bezeichnet.Angelika Benz: Handlanger der SS. Die Rolle der Trawniki-Männer im Holocaust, Metropol, Berlin 2015, ISBN 978-3-86331-203-9, S. 65ff. Ab Herbst 1943 wurde das Zwangsarbeitslager Trawniki als Außenlager dem KZ Majdanek unterstellt.Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 7: Niederhagen/Wewelsburg, Lublin-Majdanek, Arbeitsdorf, Herzogenbusch (Vught), Bergen-Belsen, Mittelbau-Dora. C.H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-52967-2, S. 99.
Einrichtung des Lagers Das zunächst provisorische Kriegsgefangenenlager wurde mit der Ernennung des SS-Brigadeführers Odilo Globocnik am 17. Juli 1941 zum Beauftragten des Reichsführer SS und dem Chef der Deutschen Polizei zu einem Zwangsarbeits- und SS-Ausbildungslager, in dem SS- und Hilfskräfte vor allem für die Durchführung des Völkermords an den Juden ausgebildet wurden. Globocnik war im „neuen Ostraum“, den eroberten Gebieten der Sowjetunion, für die Errichtung von SS- und Polizeistützpunkten verantwortlich, von wo aus die Ermordung der dort siedelnden Minderheiten und die deutsche Neu-Besiedlung gesteuert werden sollte.
Am 9. Juli 1941, kurz vor der Einrichtung des Ausbildungs- und Arbeitslagers, waren in dem Lager 676 Gefangene inhaftiert, die von der Sicherheitspolizei oder dem SD als potentielle Kollaborateure oder „gefährliche Personen“ eingestuft wurden.Trawniki, Beschreibung auf den Seiten des USHMM
SS-Ausbildungslager mini|Lagerleiter Karl Streibel im Lager Trawniki (vor 1945)Im „Ausbildungslager Trawniki der SS“ wurden, wie es im SS-Jargon hieß, „fremdvölkische“ Einheiten für den SS- und Polizeiführer von Lublin, Odilo Globocnik, aufgestellt und ausgebildet. Die Einheiten sollten in erster Linie im Rahmen der Aktion Reinhardt zur Ermordung der Juden im Generalgouvernement (deutsch besetztes Polen und Ukraine) eingesetzt werden. Lagerleitung Zum 27. Oktober 1941 wurde SS-Hauptsturmführer Karl Streibel Kommandant des SS-Ausbildungslager Trawniki, das dem SS-Polizeiführer Odilo Globocnik und ab Ende 1944 dessen Nachfolger SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei Jakob Sporrenberg unterstand. Es wurde durch SS-Sturmbannführer Hermann Höfle beaufsichtigt. Streibels Stellvertreter waren SS-Sturmbannführer Erich Raake und SS-Obersturmführer Willi Franz, der von November/Dezember 1941 bis Ende Juli 1944 im Lager beschäftigt war.
Herkunft und Anzahl der Rekruten Für das Reichsgebiet wurden die KZ-Wachmannschaften in den SS-Übungslagern Dachau, Buchenwald, Sachsenhausen oder in RavensbrückDie Geschichte von Ravensbrück – Abschnitt: Die zweite Phase – Zwangsarbeit und Internationalisierung über Ravensbrück als Ausbildungslager; abgerufen am 12. Juli 2016. bzw. den angeschlossenen Lagern durch SS-Totenkopfverbände ausgebildet.
In den besetzten Gebieten wurde für nicht-deutsches bzw. „volksdeutsches“ Personal das SS-Ausbildungslager Trawniki eingerichtet.
Die ersten Rekruten waren „Volksdeutsche“, die als sowjetische Soldaten der Roten Armee in Kriegsgefangenschaft gelangt waren, sie erreichten das Lager im frühen September 1941. Obwohl sie von den deutschen Bewachern und den (jüdischen) Opfern häufig als Ukrainer bezeichnetBildbeschreibung zu einem Foto aus dem Lager Trawniki und auch vorwiegend unter Ukrainern rekrutiert wurden, bestanden die Ausbildungseinheiten auch aus Letten, Esten, Litauern und Polen, die vor allem aus den Stammlagern im Distrikt Lublin stammten.Friedrich Schmidt: Der falsche Iwan. Die verwickelte Geschichte John Demjanjuks In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Mai 2009, S. 3.Dieter Pohl: Die Trawniki-Männer im Vernichtungslager Belzec 1941–1943. In: Alfred Gottwaldt u. a. (Hrsg.): NS-Gewaltherrschaft. Berlin 2005, ISBN 3-89468-278-7, S. 279. Zumindest ab November 1941 wurden Angehörige dieser Nationalitäten nicht mehr aus der deutschen Kriegsgefangenschaft entlassen und auch nicht nach den Regeln des Kriegsvölkerrechts und der Genfer Konventionen behandelt.Angelika Benz: Handlanger der SS. Die Rolle der Trawniki-Männer im Holocaust, Metropol, Berlin 2015, ISBN 978-3-86331-203-9, S. 40–46. Die Sterblichkeitsrate in den Lagern stieg enorm. Es ist daher umstritten, wieweit man bei der Kollaboration noch eine echte „Freiwilligkeit“ bei der Anwerbung und im Dienst unterstellen kann, weil diese Personen dem Tod durch die furchtbaren Zustände in den Kriegsgefangenenlagern mit den zu erwartenden Vergünstigungen entgehen wollten.Dieter Pohl: Die Trawniki-Männer…. In: ISBN 3-89468-278-7, S. 279.
Ab Herbst 1942, als sich das deutsche Militär auf dem Rückzug befand und geeignete sowjetische Kriegsgefangene nicht mehr verfügbar waren, verpflichtete Streibel auch Zivilisten zum Dienst. Diese Zivilisten waren vorwiegend junge Ukrainer, die aus Galizien, Wolhynien, Podolien und aus dem Distrikt Lublin stammten.
Insgesamt wird die Zahl der Ausgebildeten auf 4.000 bis 5.000 geschätzt. Globocnik berichtete nach seiner Ablösung und seinem Weggang aus Lublin im September 1943, dass 3.700 Wachmänner im System der Trawnikis dienten. Tatsächlich waren zu diesem Zeitpunkt mehr als 4.750 Mitgliedsnummern vergeben worden. Zwischen 1941 und 1944 wurden etwa 5.082 Rekruten ausgebildet.
Ausbildung Es wurden zwei Ausbildungs-Bataillone und ein Unterführer-Lehrgang gebildet. Die Ausbildung dauerte etwa zwei bis drei Monate im militärischen Teil. „Reichsdeutsche“ Rekruten, darunter Angehörige der Waffen-SS, der Schutzpolizei und deutsche Zivilisten aus der T4-Aktion, durchliefen für ihren Einsatz in der Aktion Reinhardt eine verkürzte Ausbildung von etwa einem Monat.
Liste einer Wachmannschaft von Treblinka I Link zum Bild (Bitte Urheberrechte beachten) Die nichtdeutschen Absolventen der Ausbildung wurden „Trawniki-Männer“ (kurz: „Trawniki“), „Wachmänner“, „Askaris“ oder Hilfswillige (Hiwis) genannt. Sie waren zwischen 19 und 35 Jahre alt, einer strengen Disziplin unterworfen und bildeten die ‚Zwischenschicht‘ zwischen SS und den ‚Arbeitsjuden‘.Zusammenfassung und Buchbesprechung des Buches von Angelika Benz: Handlanger der SS – Die Rolle der Trawniki-Männer im Holocaust; Berlin: Metropol 2015; ISBN 978-3-86331-203-9. Ihnen drohte bei Vergehen die Prügelstrafe oder Arrest, teilweise auch die willkürliche Erschießung durch Vorgesetzte der SS. Anderes SS-Personal betrachtete die Trawniki wegen ihrer „freiwilligen Meldung zum Dienst“ als „Kameraden“. Bei dem Häftlingsaufstand im Lager Sobibór flüchteten einige Trawniki, andere wiederum schossen auf die Häftlinge und Deserteure.
Ein Befehl des zuständigen SSPF Lublin, des inzwischen zum SS-Gruppenführer aufgestiegenen Odilo Globocnik, vom 10. Mai 1943 bestimmte rückwirkend zum 1. Mai 1943 die Dienstgrade verbindlich. Gleichzeitig sollten Wehrsold und Verpflegung jenen der Waffen-SS angepasst werden. Sonstige Vergütungen, wie Friedens- oder Kriegsbesoldung, gab es nicht, ebenso wenig eine gesonderte Versorgung für die Familienangehörigen der Wachmänner:Justiz und NS-Verbrechen, Bd. XLIX Verfahren Lfd. Nr. 924, LG München II, 12. Mai 2011, S. 280 f.
Uniformen, Dienstgrade und Ausrüstung mini|Zwei „Askari“ (hier anscheinend Trawniki-Männer), im April/Mai 1943, als Hilfstruppen bei der Vernichtung des Warschauer Ghettos, Abbildung im Stroop-Bericht Die Bekleidung der Trawniki-Einheiten bestand zunächst aus schmucklosen, schwarz eingefärbten Beuteuniformen der russischen oder polnischen Armee. Später erhielten sie graue oder erdbraune Uniformen. Die Ausstattung mit feldgrauen deutschen Uniformen sah Globocniks Befehl zwar vor, nannte dafür aber keinen bestimmten Zeitpunkt. Ein Foto des Stroop-Berichts, das die Hinteransicht zweier sog. Askaris während des Warschauer Ghettoaufstandes im Einsatz zeigt, bildet höchstwahrscheinlich zwei Trawniki-Wachmänner ab. Demnach hätten diese spätestens im April/Mai 1943 den Hoheitsadler nach Art der Waffen-SS auf dem linken Oberärmel getragen. Ein weiteres Foto, das während eines Besuchs Heinrich Himmlers im Trawniki-Ausbildungslager, am 19. Juli 1942, entstand, belegt, dass der Hoheitsadler zu diesem Zeitpunkt noch nicht Element der Uniform gewesen war.vgl. Heinrich Himmler during a visit to the training camp in Trawniki (Foto Nr. 3), abgerufen am 3. Mai 2022.vgl. Datierung des Himmlerbesuchs auf den 19. Juli 1942, abgerufen am 3. Mai 2022. Als Kopfbedeckung üblich war eine Mütze in Bootsform („Schiffchen“), vorne mit einer Kokarde unbekannten Aussehens. Zur Winteruniform wurden alternativ auch Baschlikmützen getragen. In der Anfangszeit war als Kopfbedeckung sogar noch die Budjonowka zu sehen. Das Koppel meist mit Dornschnalle, in Einzelfällen auch mit Schloss in Kastenform.vgl. Historians Publish Photos Proving John Demjanjuk Served in Nazi Death Camp, abgerufen am 3. Mai 2022.
Zahlreiche Fotos belegen, dass die Dienstgradabzeichen zumindest anfangs weitgehend dem Muster der sog. Ostlegionen der Wehrmacht folgten, und nicht bspw. jenem der SS oder der Schutzmannschaften der Ordnungspolizei bzw. des SS-Sicherheitsdienstes.Trawniki: training camp for camp guards, abgerufen am 3. Mai 2022.vgl. Adolf Schlicht, John R. Angolia: Die Deutsche Wehrmacht. Uniformen und Ausrüstung 1933–1945. 3 Bände. Band 1: Das Heer. Motorbuch-Verlag, Stuttgart 1992, S. 516–532.vgl. Wolfgang Böhler: Uniform-Effekten 1939–1945: Dienstgrade und Laufbahnabzeichen von Achsenmächten, Alliierten und Neutralen. Motorbuch Verlag, Stuttgart 2009, S. 24–38.vgl. Dieter Deuster: Deutsche Polizei-Uniformen 1936-1945.Motorbuch Verlag, Stuttgart 2009, S. 418–431. Die anfangs insgesamt vier Rangstufen Mannschafts- und Unterführer trugen bis zu drei weiße oder hellgraue Querstreifen auf den Schulterklappen, meist in deren unteren, seltener auch im oberen Drittel. Unterführer kennzeichnete zusätzlich je ein Tressenwinkel in den Vorderecken des pattenlosen Kragens. In welcher Form die Einführung zweier weiterer Dienstgrade, im Jahr 1944, auf die Gestaltung der Rangabzeichen hatte, kann nur gemutmaßt werden. Ebenso, ob die Anfang 1944 für die Ostlegionen der Wehrmacht verfügte Übernahme deutscher Rangabzeichen auch durch die Trawniki-Wachmänner erfolgte, zumal diese der SS unterstanden.
In die Unterführergrade stiegen meist nur (zweisprachige) Volksdeutsche auf. Die Führerdienstgrade (Offiziere) blieben dem reichsdeutschen Kaderpersonal vorbehalten. Die Dienstgrade der Wachmänner wurden fallweise mit oder ohne den Zusatz „SS“ geführt.