mini|Das Grab von Fritz-Aurel Goergen und seiner ersten Ehefrau Hella geborene Urbanowicz im Familiengrab auf dem Stoffeler Friedhof in Düsseldorf
Fritz-Aurel Goergen (geboren am 11. Juni 1909 in Gelsenkirchen; gestorben am 4. November 1986 in Cologny, Schweiz) war ein deutscher Industriemanager. Er wurde in den 1950er und frühen 1960er Jahren bekannt als erfolgreicher Sanierer der Hüttenwerke Phoenix AG in Duisburg und der Henschel-Werke in Kassel.
Seine Laufbahn endete abrupt mit einer spektakulären Verhaftung im April 1964, als ihm betrügerische Rüstungsgeschäfte vorgeworfen wurden. Goergen, eine der „mythischen Managerfiguren“Fritz-Aurel Goergen, Nachruf in: Der Spiegel 47/1986, S. 288; abgerufen am 8. Februar 2019. der Wirtschaftswunder-Zeit in Westdeutschland, zog sich darauf aus der Berufstätigkeit zurück und verlegte seinen Wohnsitz in die Schweiz. Die Anklagepunkte gegen „Prinz Aurel“ – Goergens Spitzname aus der Zeit bei der Phoenix-AG – ließen sich jedoch auch nach jahrelangen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft juristisch nicht bestätigen; das Strafverfahren gegen Goergen wurde 1973 eingestellt.
Leben und Ausbildung Goergen wurde 1909 als Sohn eines Einzelhändlers geboren, der in Gelsenkirchen ein Geschäft zum Verkauf von Schokoladen und anderen Süßwaren betrieb.Eintrag Goergen, Fritz-Aurel in Munzinger-Archiv; abgerufen am 8. Februar 2019.Prinz Aurel, in: Der Spiegel 47/1961, 15. November 1961, S. 34–48 (Titelgeschichte, PDF); abgerufen am 8. Februar 2019. Die biografischen Angaben dieses Artikels bis 1961 beruhen, wenn nicht anders angegeben, auf dieser ausführlichen Darstellung. Er studierte nach dem Abitur zunächst in Marburg, dann in Berlin Rechts- und Staatswissenschaften, musste dieses Studium nach fünf Semestern aber abbrechen, als das Geschäft seines Vaters in Konkurs ging und dieser ihn nicht mehr unterstützen konnte.Johannes Bähr: Thyssen in der Adenauerzeit. Schöningh, Paderborn 2015, ISBN 978-3-506-78194-9, S. 96. (, Google Books; abgerufen am 15. Februar 2019.) Einen Abschluss als Buch- und Betriebsprüfer finanzierte Goergen dann selbständig mit einer Anstellung als Werksportier.Prinz Aurel, in: Der Spiegel 47/1961, 15. November 1961, S. 36; abgerufen am 8. Februar 2019.
Goergen war zweimal verheiratet, seine erste Frau Hella geborene Urbanowicz starb 1954.Todesanzeige in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. November 1954, S. 8Prinz Aurel, in: Der Spiegel 47/1961, 15. November 1961, S. 36; abgerufen am 17. Februar 2019. Mit seiner zweiten Frau und der gemeinsamen Tochter lebte er bis 1964 in Hösel, in der Nähe von Ratingen; nach der Aufhebung des Haftbefehls im September 1964 zog er mit seiner Familie in die Schweiz um.Goergen, Morgan-Luft gewittert, Der Spiegel 17/1965, S. 40; abgerufen am 12. Februar 2019. Bis zum Ende seines Lebens wohnte er in Cologny, in der Nähe von Genf.Hartwig Meyer: Im goldenen Käfig, in: Die Zeit 23/1969, 6. Juni 1969; abgerufen am 7. Februar 2019. Er verstarb dort 1986 im Alter von 77 Jahren.Fritz-Aurel Goergen, Nachruf in: Der Spiegel 47/1986, S. 288; abgerufen am 8. Februar 2019.
Er war Mitglied der katholischen Studentenverbindungen KAV Suevia Berlin und KDStV Borusso-Westfalia Bonn.CV-Gesamtverzeichnis 1961, Seite 458.
Berufsweg (bis 1945) Im Anschluss an seine Ausbildung arbeitete Goergen als Referent beim 1927 gegründeten Reichsverband der deutschen Luftfahrtindustrie. In dieser Eigenschaft war er in den Niederlanden für den Einkauf der Metalle für den Flugzeugbau zuständig. Später war Goergen bis 1941 als Einkäufer für die Luftfahrt-Industrie in Moskau tätig. Während dieser Jahre als Angestellter des Verbands knüpfte er Kontakte mit den Firmen der deutschen Stahl- und Eisenindustrie sowie der Rüstungsindustrie, auf die er in seiner Nachkriegskarriere wieder zurückgreifen konnte.Prinz Aurel, in: Der Spiegel 47/1961, 15. November 1961, S. 36; abgerufen am 8. Februar 2019.Kurt Simon: „Prinz Aurel“ unter Panzerrädern, in: Die Zeit 19/1964, 8. Mai 1964; abgerufen am 17. Februar 2019.
Am Zweiten Weltkrieg nahm Goergen als Soldat teil und wurde schwer verwundet.Prinz Aurel, in: Der Spiegel 19/1964, 6. Mai 1964, S. 28 f (PDF der Originalausgabe); abgerufen am 8. Februar 2019.
Aufstieg zum Generaldirektor der Phoenix-AG (bis 1957) Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Goergen umgehend in leitenden Positionen der westdeutschen Stahlindustrie zu finden. Dabei kam ihm nach eigener Meinung zugute, dass er während der NS-Diktatur in Deutschland „zufällig“ nicht Mitglied der NSDAP gewesen war.Arbeit für andere, in: Der Spiegel 25/1965, 16. Juni 1965, S. 57; abgerufen am 13. Februar 2019. Offenbar wurde Goergen nach dem Ende der NS-Diktatur durch die Besatzungsmächte als unbelastet eingestuft, jedenfalls findet sich in den für diesen Artikel ausgewerteten zeitgenössischen Quellen kein gegenteiliger Hinweis. Eine wissenschaftliche Darstellung zu Goergen, die diese und andere biografische Lücken ausfüllen könnte, „ist nach wie vor ein Desiderat“ der Forschung (Johannes Bähr (2015): Thyssen in der Adenauerzeit, S. 98, FN 190). Zunächst wurde er Leiter der Rechtsabteilung bei den Stahlwerken Bochum. 1947 bekam er von der Treuhandverwaltung, die 1946 von der britischen Besatzungsmacht als Behörde der North German Iron and Steel Control eingesetzt worden war,Stahlindustrie unter Kontrolle, in: Die Zeit 37/1946, 31. Oktober 1946; abgerufen am 15. Februar 2019. das Angebot, in den Vorstand sanierungsbedürftiger Unternehmen der Montanindustrie einzusteigen, entweder bei der Georgsmarienhütte in Osnabrück oder bei den Hüttenwerken Ruhrort-Meiderich (HRM) in Duisburg.Prinz Aurel, in: Der Spiegel 47/1961, 15. November 1961, S. 36; abgerufen am 8. Februar 2019.
Goergen entschied sich für das Stellenangebot bei den HRM;Johannes Bähr: Thyssen in der Adenauerzeit. Paderborn 2015, S. 39, FN 125. das Unternehmen war als „Betriebsführungsgesellschaft“ 1947 bei der Zerschlagung der Vereinigten Stahlwerke AG (Vestag) ausgegliedert worden.Klara von Eyll (Hrsg.), Renate Schwärzel (Bearb.): Deutsche Wirtschaftsarchive. Dritte, völlig neu bearbeitete Auflage, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1994, ISBN 3-515-06211-4, Band 1, S. 186. (, Google Books; abgerufen am 10. Februar 2019) Im folgenden Jahrzehnt gelang es Goergen, die Firma zu neuer Größe aufzubauen; als die Hütte 1952 den 100. Geburtstag feierte, war das Werk zu einem der leistungsstärksten Unternehmen der westdeutschen Stahlindustrie aufgestiegen.Jubiläum in Ruhrort, in: Die Zeit 45/1952, 6. November 1952; abgerufen am 11. Februar 2019. 1951 schon war die „Betriebsführungsgesellschaft“ unter Goergens Leitung (inzwischen als VorstandsvorsitzenderJohannes Bähr: Thyssen in der Adenauerzeit. Paderborn 2015, S. 40.) in die Aktiengesellschaft Hüttenwerke Phoenix AG umfirmiert worden; nach Zusammenschluss mit der Rheinischen Röhrenwerke AG in Mülheim an der Ruhr wurde daraus 1955 die Phoenix-Rheinrohr AG,Eyll, Schwärzel: Deutsche Wirtschaftsarchive, Stuttgart 1994, S. 186. deren Generaldirektor Goergen wurde.vgl. für die Umstände des Zusammenschlusses gegen das ursprüngliche Rekonzentrationsverbot der Alliierten: Prinz Aurel, in: Der Spiegel 47/1961, 15. November 1961, S. 39ff.; abgerufen am 11. Februar 2019. Der Plan war bereits 1951 diskutiert worden, s. Sechs Montan-Krüppel, in: Der Spiegel 14/1951, 4. April 1951, S. 36; abgerufen am 13. Februar 2019. Diese Fusion hatte weit über das Unternehmen selbst hinausreichende Bedeutung, sie war die erste Konzernbildung der NachkriegszeitPrinz Aurel, in: Der Spiegel 47/1961, 15. November 1961, S. 36; abgerufen am 11. Februar 2019. und wurde „Präzedenzfall“ dafür, dass die Zerschlagung der Großunternehmen der deutschen Montanindustrie durch die alliierten Kontrollbehörden zumindest teilweise auch rückgängig gemacht werden konnte.Prinz Aurel, in: Der Spiegel 47/1961, 15. November 1961, S. 41; abgerufen am 11. Februar 2019.
In den folgenden Jahren vergrößerte Goergen den Konzern weiter, er erwarb beim Werftbetrieb Blohm und Voss in Hamburg eine 50%ige Beteiligung, um Schiffe für Kohle- und Erztransporte bauen lassen zu können, ließ ein Röhrenwerk in Kanada bauen und erwarb Anteile an einer Handelsgesellschaft. Sichtbarer Ausdruck seines Ehrgeizes wurde das ab 1957 erbaute 94 m hohe Dreischeibenhaus in Düsseldorf, das er als neuen Firmensitz geplant hatte.Prinz Aurel, in: Der Spiegel 47/1961, 15. November 1961, S. 43; abgerufen am 11. Februar 2019.
Für Goergen selbst aber endete diese Erfolgsgeschichte der Phoenix-AG nicht glücklich; Mehrheitsaktionärin des neuen Unternehmens war Amélie Thyssen, die – wie er selbst – den Plan verfolgte, die ursprüngliche Größe der Stahlwerke AG wiederherzustellen, wenn auch nicht unbedingt unter Goergens Führung. Als es darum ging, sich in Stellung zu bringen für die Position des Generaldirektors eines Montan-Superkonzerns bei der für den Erbfall zu erwartenden Fusion der Phoenix-Rheinrohr AG mit der August Thyssen-Hütte AG (Mehrheitsaktionärin dort war die Tochter von Amélie Thyssen, Anita Gräfin Zichy-Thyssen), unterlag Goergen im Machtkampf dem konzilianteren und in der Thyssen-Familie besser vernetzten Hans-Günther Sohl.Stefan Wichmann: Mit Mut an die Spitze, Nachruf auf Sohl, in: Die Zeit, 17. November 1989; abgerufen am 13. Februar 2019. Am 25. Juni 1957 verkündete der Phoenix-Aufsichtsratsvorsitzende Robert Ellscheid auf einer Pressekonferenz überraschend die Kündigung des Erfolgsmanagers.Prinz Aurel, in: Der Spiegel 47/1961, 15. November 1961, S. 43; abgerufen am 11. Februar 2019.
Ursache war sicher die Auseinandersetzung über die zukünftige Ausrichtung des Großkonzerns, aber vermutlich auch, dass Goergen in der Unternehmensleitung wie in den Umgangsformen keine Rücksicht nahm auf etablierte gesellschaftliche Konventionen. Der auslösende Anlass war demgegenüber banal, aber bezeichnend: Das erste Schiff der geplanten Phoenix-Flotte war von Amélie Thyssen auf ihren eigenen Namen getauft worden, das zweite wollte sie auf den Namen ihres 1951 verstorbenen Mannes Fritz Thyssen taufen lassen. Goergen nahm darauf keine Rücksicht, er hatte seiner jungen zweiten Ehefrau versprochen, dass sie das Schiff taufen dürfe, und er setzte dies auch durch. Auf die Vorbehalte Ellscheids, dass die Mehrheitsaktionärin damit nicht einverstanden sei und dies abschließend entscheiden solle, erwiderte Goergen: „Dann stellen Sie ihr gleich auch die Frage: Ellscheid oder Goergen?“Prinz Aurel, in: Der Spiegel 47/1961, 15. November 1961, S. 43; abgerufen am 11. Februar 2019. Siehe auch Johannes Bähr: Thyssen in der Adenauerzeit. Paderborn 2015, S. 97f. Amélie Thyssen entschied sich gegen Goergen.
Beim erfolgreichen Aufbau des Phoenix-Konzerns hatte Goergen natürlich auch davon profitiert, dass das Werk in Ruhrort, anders als andere Hüttenwerke des Ruhrgebiets, nach 1945 nicht demontiert worden war, weil es als zu alt galt.Sechs Montan-Krüppel, in: Der Spiegel 14/1951, 4. April 1951, S. 36; abgerufen am 13. Februar 2019. Außerdem spielten ihm die Zeitumstände in die Hände – der internationale Nachkriegsboom speziell im Stahlgeschäft sowie das Interesse der früheren westalliierten Kriegsgegner, im beginnenden Kalten Krieg Deutschland wirtschaftlich erstarken zu lassen. Aber der wirtschaftliche Erfolg des Hüttenwerks wurde v. a. als Ergebnis seiner unternehmerischen Tatkraft angesehen. Beim überraschenden Ende seiner Laufbahn bei Phoenix 1957 galt er als „einer der erfolgreichsten Ruhrindustriellen und prominentesten Manager des Landes“.Johannes Bähr: Thyssen in der Adenauerzeit. Paderborn 2015, S. 99.