Polly Tieck ist ein Pseudonym von Ilse Amalie Ehrenfried (* 30. März 1893 in BerlinQuelle: Geburtsurkunde Nr. 492, Standesamt Berlin III, Landesarchiv Berlin.; † 1975 in Vina del Mar), einer im Berlin der Weimarer Republik berühmten Verfasserin von Glossen, Gedichten, Kurzgeschichten und Essays. Weitere Pseudonyme waren unter anderem Katta Launisch und Lieschen Lassdas.

Leben und Leistungen

Privates Ilse Ehrenfrieds Eltern waren der Arzt Dr. Josef Ehrenfried (* 1862 Warschau; † 1919 Berlin) und Eva Ehrenfried, geb. Bruck (* 1868 Frankenstein; † 1895 Berlin).

Ehrenfried war eng befreundet mit dem Dichter Arthur Eloesser.

1916 heiratete sie in erster Ehe den Journalisten Hellmuth Falkenfeld (1893–1954).Quelle: Heiratsurkunde Nr. 389 vom 20. Juni 1916, Standesamt Berlin-Charlottenburg III, Landesarchiv Berlin. Aus dieser Ehe ging 1917 Tochter Eva hervor.Ilse Ehrenfeld in: Lemma Polly Tieck, in: Renate Wall (Hrsg.): Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen im Exil. Kore, Freiburg 1995, S. 173f

Am 27. Oktober 1931 heiratete sie in zweiter Ehe den Bücherrevisor Hans Georg Aufrichtig (* 1899 Berlin; † 1986 Viña del Mar; später Juan Aufrichtig).Quelle: Heiratsurkunde Nr. 733, Standesamt Berlin-Charlottenburg, Landesarchiv Berlin Ende März 1939 floh und emigrierte das Ehepaar nach Chile.Ilse Ehrenfried (Polly Tieck) bei B’nai B’rith Ilse Aufrichtig nahm die chilenische Staatsbürgerschaft an und lebte als Ilse Ehrenfried de Aufrichtig in Valparaíso und in Viña del Mar.

Berufliches Trotz einer Ausbildung zur Sprachlehrerin widmete Ilse Falkenfeld ihre Arbeit der Mode und gründete 1920 eine Damenschneiderei. Ab 1923 arbeitete sie als freie Journalistin für den Ullstein Verlag in Berlin"Polly Tieck / Katta Launisch / Lieschen Lassdas" in: Das Leben, Jhrg. 9 (1931/32), H. 5, S. 25. 1928 wurde sie dort Direktrice der Schnittmusterwerkstatt. Nachdem sie sich Mitte der 1920er Jahre zu etablieren begann und eine gefragte Feuilletonistin wurde, war sie nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, ähnlich wie Mascha Kaléko, Dinah Nelken und viele andere Zeitgenossinnen, gezwungen, sich aus dem Journalismus zurückzuziehen. Im Chilenischen Exil betrieb sie mit ihrem Mann ein Modehaus und eine Damenschneiderei in Valparaíso und engagierte sich in jüdischen Organisationen.Aufrichtig, Juan. In: Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933, Vol. 2, pt. 1. Saur, München 1983, ISBN 3-598-10087-6, S. 26 Hin und wieder schrieb sie noch unter dem Pseudonym Polly Tieck Texte für Exilzeitungen wie dem New Yorker Aufbau. 1964 hielt sie anlässlich des Besuchs von Golda Meir in Chile ein Referat.

Stilistisch erinnern ihre Zeitungsbeiträge im Tage-Buch, der BZ am Mittag, dem Ulk und der Münchner Jugend an Irmgard Keun und Kurt Tucholsky. Sie traf in ihren Prosa-Skizzen präzise, witzig und sehr eloquent das Zeitgefühl der Durchschnittsfrau ihrer Zeit. Zu ihren besten Essays gehört eine freche und geistreiche Replik auf Tucholskys Artikel Was machen Menschen, wenn sie allein sind? mit dem Titel Was macht die Frau, wenn sie allein ist? (1926), in der sie behauptet, dass Tucholskys Beobachtungen nur auf Männer zutreffen. Sie versucht dabei, eine amüsante Kurz-Psychologie der mondänen Frau zu formulieren.

Forschung Leben und Werk von Polly Tieck waren bis 2025 weitgehend unerforscht, dann erschienen zwei Bücher, die ihre Texte über Mode, Rollenbilder und Emanzipation vorstellen: das Buch von Gesa Kessemeier (Modestadt Berlin. Geschichte der Berliner Konfektion und Modesalons 1836–1936, erschienen 2025) und eine Anthologie mit Texten und einem biografischen Nachwort, publiziert von Hans-Joachim Heerde (Die Freundin meines Freundes. Feuilletons aus den 1920er Jahren, erschienen im März 2026). Zuvor haben sich Renate Wall und Anna Rheinsberg in Arbeiten über schreibende Frauen mit ihr auseinandergesetzt. Im JUNI – Magazin für Literatur und Kultur erschien 2013 ein Werkverzeichnis und eine Auswahl ihrer Texte.

Schriften Erich Singer (Hrsg.): Bänkelbuch: neue deutsche Chansons. E. P. Tal & Co., Wien 1929 darin S. 161–170: Ode an eine Telefonnummer; Kleine Klage; Fragen; Fremder Herr Selberschneidern – der neue Weg zu billigen Kleidern. Eine Anleitung zum Selberschneidern nach Schnittmustern für jedermann [auch den, der noch nicht schneidern kann]. Ullstein A.G., Berlin 1930 (Ullstein-Sonderheft, Nr. 161/62) Polly Tieck: Texte. Ausgewählt von Anne Martina Emonts. In: Gregor Ackermann (Hrsg.): Erzählte Wirtschaftssachen : Ökonomie und Ökonomisierung in der Literatur und im Film der Weimarer Republik (= Juni : Magazin für Literatur und Kultur), Heft 47/48 (2013). Aisthesis-Verlag, Bielefeld 2013. ISBN 978-3-89528-907-1, S. 251–278. Polly Tieck: Die Freundin meines Freundes. Feuilletons aus den 1920er Jahren. Hg. und mit einem Vorwort und einem biografischen Nachwort von Hans-Joachim Heerde, Wallstein, Göttingen 2026, ISBN 978-3-8353-6090-7.

Literatur (umgekehrt chronologisch) Hans-Joachim Heerde: Polly Tieck. Versuch einer biografischen Rekonstruktion. (S. 261–268) und Polly Tieck. Das Curriculum Vitae (S. 269–351), in: Polly Tieck: Die Freundin meines Freundes. Feuilletons aus den 1920er Jahren. Hg. und mit einem Vorwort und einem biografischen Nachwort von Hans-Joachim Heerde, Wallstein, Göttingen 2026, , ISBN 978-3-8353-6090-7. Gregor Ackermann (Hrsg.): Erzählte Wirtschaftssachen : Ökonomie und Ökonomisierung in der Literatur und im Film der Weimarer Republik (= Juni : Magazin für Literatur und Kultur), Heft 47/48 (2013). Aisthesis-Verlag, Bielefeld 2013. ISBN 978-3-89528-907-1, darin: Anne Martina Emonts: ›My dresses hang from the ceiling‹. Polly Tieck, Katta Launisch und Polly Launisch (1893-1975?), S. 247–250 und Gregor Ackermann und Anne Martina Emonts: Polly Tieck & Katta Launisch. Notizen zum Werk Ilse Ehrenfrieds, S. 279–313. Elke-Vera Kotowski (Hrsg.): Juden in Berlin. Biografien. Henschel, Berlin 2005, ISBN 3-89487-461-9 Renate Wall: Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen im Exil : 1933–1945. Kore, Freiburg 1995, ISBN 3-926023-48-1, S. 173 f.

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Einzelnachweise

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