mini|hochkant=1.5|Das Nordstädter Gesellschaftshaus mit den Fassaden der Häuser Oberstraße 7 und 8, einer Gartenansicht und zwei Innenaufnahmen des späteren Metropol-Theaters; Lithographie, Wehrt Kunstanstalt, Braunschweig, um 1898, hier datiert 1899

Das Metropol-Theater in Hannover zählte zu den bedeutendsten Lichtspielhäusern in der Geschichte der Stadt Hannover. Als PremierenkinoHugo Thielen: Filmgeschichte (Kinos). In: Klaus Mlynek, Waldemar R. Röhrbein (Hrsg.) u. a.: Stadtlexikon Hannover. Von den Anfängen bis in die Gegenwart. Schlütersche, Hannover 2009, ISBN 978-3-89993-662-9, S. 178; UFA Oberstraße mit seinen zeitweilig bis zu 1.400 SitzplätzenClaudia Gröschel, Ingo Bultmann: Zarte Versuchung, Kultur vor der Haustür. Nordstadt, in Ingo Bultmann, Thomas Neumann, Jutta Schiecke (Hrsg.): Hannover zu Fuß. 18 Stadtteilrundgänge durch Geschichte und Gegenwart, Hamburg: VSA-Verlag, 1989, ISBN 978-3-87975-471-7 und ISBN 3-87975-471-3, S. 140–160; hier Abschnitt Oberstr. 7, S. 143f. zählte das Ufa-Theater Oberstraße,Bogusław Drewniak: Der deutsche Film 1938 - 1945. Ein Gesamtüberblick, Düsseldorf: Droste, 1987, ISBN 978-3-7700-0731-8 und ISBN 3-7700-0731-X, S. 616; später auch Metropol-Lichtspiele genannt,Heinrich Thies: Fesche Lola, brave Liesel. Marlene Dietrich und ihre verleugnete Schwester. Hoffmann und Campe, 2017, ISBN 978-3-455-00161-7, passim; zu den größten Beteiligungstheatern der UFA.

Geschichte

Nordstädter Gesellschaftshaus

mini|links|Blattvergoldete Lyra über dem Durchgang zu den Hintergebäuden Oberstraße 8a als Symbol der Dichter und Denker im Nordstädter Gesellschaftshaus

mini|hochkant=1.5|Vorderhäuser Oberstraße 7 und 8 mit Durchgängen zum Nordstädter Gesellschaftshaus und zum Saalbau des späteren Metropol-Theaters; Haus-Nummer 8 (links) ist heute noch erhalten

mini|links|„Biertunnel zur Baumannshöhle“; Illustration mit Zwergen und Bergwerksgeräten in Anlehnung an die im Harz gelegene älteste deutsche Schauhöhle; Grußkarte (Ausschnitt) zu „Hannover unter Wasser. Zur Erinnerung an die 25. Aufführung“; sogenannte „Künstlerkarte“, Verlag Mannheim & Co., Berlin, um 1903

mini|hochkant=1.5|Mehrbild-Grußkarte vom Metropol-Theater zum 1. Januar 1908 unter der Direktion von H. Graf mit 2 Innenansichten des Saalbaus; Verlag von G. Löwenstein, Limmer

Im ältesten Besiedlungskern der heutigen Nordstadt ging auf dem Gelände der Oberstraße 7 in der späten Gründerzeit des Deutschen Kaiserreichs das Grundstücks-Eigentum durch Eintrag in das Grundbuch an einen anfangs ungenannten Besitzer über: Das Adreßbuch, Stadt- und Geschäftshandbuch der Königlichen Residenzstadt Hannover und der Stadt Linden für 1895 verzeichnete zwar noch kein Vorderhaus Oberstraße 7, doch für das bereits errichtete Hinterhaus Nummer 7a als Mieter den Flaschenbierhändler Ludwig Meier im Parterre sowie den Wäscher Wenger im ersten Stockwerk des Hinterhauses. Allerdings war das Vorderhaus von Nummer 8 bereits erbaut, das am 2. Februar 1894 in das Eigentum von Marie Fischer, geborene Grimme, übergegangen war. Das Adressbuch bezeichnete ihren Beruf im Sprachgebrauch der damaligen Zeit als Restaurator-Ehefrau. Sie bewohnte 1895 das zweite Stockwerk des Hinterhauses Oberstraße 8a.Vergleiche das Adreßbuch, Stadt- und Geschäftshandbuch der Königlichen Residenzstadt Hannover und der Stadt Linden (ABH) für das Jahr 1895, Abteilung I, 2: Straßen- und Häuserverzeichniß in alphabetischer Ordnung der Straßennamen mit Angabe der Haus-Eigenthümer und Bewohner, S. 336; Digitalisat der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek (GWLB)

Rasch entwickelte sich das Nordstädter Gesellschaftshaus zu einem Zentrum der Arbeiterbewegung. „Arbeiterfestlichkeiten“ zu Ehren des Sozialisten Ferdinand Lassalle waren dort zum 1. September 1895 ebenso vorgesehen wie im Bella Vista, im Odeon, im Ballhof, im Haus Neue Welt oder in Steffens Gesellschaftshaus.Hans-Dieter Schmid (Hrsg.): Hannover - am Rande der Stadt ( = Hannoversche Schriften zur Regional- und Lokalgeschichte, Bd. 5), Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte, 1992, ISBN 978-3-927085-44-2 und ISBN 3-927085-44-8, S. 96; Vorschau über Google-Bücher

Am 28. Februar 1896 eröffnete im Nordstädter Gesellschaftshaus Deutschlands erste Winterbahn für Radfahrer: Die 100-Meter-Bahn wurde unter der sportlichen Leitung von Carl Steinfeldt, dem Vorsitzenden der Allgemeinen Radfahrer-Union (ARU), eröffnet. Einer der Sieger der verschiedenen und bis zu 50 km langen Eröffnungsrennen war, wie der Hannoversche Anzeiger berichtete, der Radrennfahrer Willy Arend.Walter Euhus: Winterbahnen. Nordstädter Gesellschaftshaus, in ders.: Speichensport. Hannovers historischer Radsport, Langenhagen: Die Speiche, 2001, ISBN 3-9807011-0-7, S. 41–43

Nachdem die Fahrrad-Großhandlung Friedrich C. Wagener bereits 1895 in Bella Vista eine Radfahrschule mit eigens eingerichteter Übungsbahn eingerichtet hatte, eröffnete die Firma 1897 im Nordstädter Gesellschaftshaus – seinerzeit sowohl der größte SaalbauPaul Siedentopf (Hauptschriftleiter): Friedrich C. Wagener. Automobil- und Fahrräder-Großhandlung. Hannover, Verkaufsräume und Hauptkontor: Grupenstraße 4, Reparaturwerkstatt und Großgarage: Residenz-Autohallen, Marktstraße 46–47, in ders.: Das Buch der alten Firmen der Stadt Hannover im Jahr 1927, unter Mitwirkung von Karl Friedrich Leonhardt (Zusammenstellung des Bildmaterials), Jubiläums-Verlag Walter Gerlach, Leipzig 1927, S. 180 als auch von den Innenabmessungen der größte Saal in der Stadt Hannover – eine Winter-Radfahrschule.Ludwig Hoerner: Fahrradlehrinstitute, in ders.: Agenten, Bader und Copisten. Hannoversches Gewerbe-ABC 1800–1900. Hrsg.: Hannoversche Volksbank, Reichold, Hannover 1995, ISBN 3-930459-09-4, S. 128f.

Direkt nach der Gründung der Hannoverschen Burschenschaft Arminia im Jahre 1898 bezog die Verbindung einen Raum im Nordstädter Gesellschaftshaus, der den Burschen in den ersten zwei Jahren als Domizil diente.o. V.: Die ersten Jahre auf der Seite hb-arminia.de [ohne Datum], zuletzt abgerufen am 10. Juni 2021

Zur gastronomischen Einrichtung des Theaterbetriebs und zum Konsum insbesondere alkoholischer Getränke zählte der der ältesten deutschen Schauhöhle nachempfundene „Biertunnel zur Baumannshöhle“; eine Mehrbild-Ansichtskarte der Jahrhundertwende illustrierte diesen historisierenden Teil des Vergnügungsortes mit Zwergen und deren Bergwerksgerätschaften.Bildseite der um 1903 genutzten Ansichtskarte

Das Nordstädter Gesellschaftshaus in der Oberstraße 8 zählte laut dem Adressbuch für das Jahr 1899 zu den Vergnügungsorten Hannovers – an erster Stelle das Königliche Schauspielhaus – in der Unterrubrik „Konzert- und andere Säle“,ABH für 1899, Abteilung II, 15: Vergnügungsorte, S. 180–183; hier: S. 181; Digitalisat der GWLB mit Gustav Fischer als Gastwirt.ABH für 1899, 1. Abteilung, 3: Alphabetisches Verzeichniß der Einwohner und Handelsfirmen, S. 655; Digitalisat Ein anderes Etablissement in der Oberstraße war seinerzeit noch nicht verzeichnet.

Über die Feierlichkeiten am 1. Mai 1911 berichtete der Hannoversche Courier, dass schon in den Morgenveranstaltungen jeweils 1000 Arbeiter sowohl im Ballhof als auch im Nordstädter Gesellschaftshaus teilgenommen hätten.Gerhard Schneider: Politische Feste in Hannover (1866 - 1918) ( = Hannoversche Studien, Bd. 3), im Auftrag der Landeshauptstadt Hannover hrsg. von Klaus Mlynek, Teil 1: Politische Feste der Arbeiter, Hannover: Hahnsche Buchhandlung und Verlag, 1995, ISBN 978-3-7752-4953-9 und ISBN 3-7752-4953-2, S. 102, v. a. S. 188; Vorschau über Google-Bücher

Metropol-Theater

mini|Bühnenbild mit dem Ensemble für das am 4. April 1911 aufgeführte Militärschauspiel Prinz und Bettlerin, im Vordergrund die beiden Hauptdarsteller, im Hintergrund ein Diener und salutierende Soldaten

Zum 6. September 1898 ist ein Eigentümerwechsel für das Grundstück unter der Hausnummer 7 dokumentiert,ABH für das Jahr 1911, Abteilung II: Straßen- und Häuserverzeichnis für Hannover, S. 246 auf dem das „Metropoltheater“ABH für das Jahr 1911, Abteilung V, 15: Vergnügungsorte, S. 204 am 1. Oktober 1899 schließlich eröffnete.Neuer Theater-Almanach. Theatergeschichtliches Jahr- und Adressenbuch / Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger für das Jahr 1911, Berlin: F. A.Günther, S. 458;

Kurz nach der Einführung der Invaliditätsversicherung für Arbeitnehmer, dem sogenannten „Klebegesetz“, beschäftigte der Direktor des Metropoltheaters anstelle der zur musikalischen Untermalung saisonweise beschäftigten zivilen Musiker „ausschließlich Militärmusiker“, die von der Beitragspflicht befreit waren, so dass das Theaterunternehmen auf diese Weise die Versicherungs-Zuschüsse in Höhe von 50 Prozent umgehen konnte.Verhandlungen des Reichstages. Stenographische Bericht, Berlin: Verlag der Buchdruckerei der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung, 1902, S. 1766;

Für die Spielzeit vom 30. Juni 1910 bis 15. Juni 1911 konnte das Haus 1500 Personen Platz bieten. Seinerzeitiger Eigentümer war „A. Müller“; die Direktion sowie die Oberregie in der Oberstraße 7a führte Emil Graf. Am 4. April führte das Ensemble das Stück Prinz und Bettlerin auf, ein in einer Szene für eine Ansichtskarte der Zeit fotografisch festgehaltenes Militärschauspiel in acht Aufzügen des britischen Dramatikers Walter Howard in der Übersetzung von Siegfried V. Lutz.Bernd Sperlich: Bild 6 von 7 aus Beitrag: Wo amüsierte sich Hannover am 4. April 1911? auf der Seite myheimat.de vom 4. April 2011

mini|links|Vereinigte Theater Lichtspiele (VT), „Deutschlands größte und vornehmste Lichtspiele“; Annonce, 1920er Jahre|alternativtext=

mini|Historische Gebäude-Substanz in gelbem Klinker auf dem Bumke-Gelände

1913 bis 1914 zählte Franz Josef Kircher zum Ensemble, bevor der Schauspieler im Ersten Weltkrieg dienen musste.

UFA-Filmtheater Anfang der 1910er Jahre wurde das vormalige Theater – wie auch viele andere großen Bühnenhäuser in Deutschland – in ein Kintopp umgewandelt:Walther Freisburger: Theater im Film. Eine Untersuchg über die Grundzüge und Wandlungen in den Beziehungen zwischen Theater und Film ( = Die Schaubühne, Bd. 13), philosophische Dissertation 1935 an der Universität Köln, Emsdetten 1936, S. 73; 1911 wurde in der Oberstraße 7 eines von zeitweilig vier UFA-Filmtheatern in Hannover gegründet. Betreiber war die Firma Vereinigte Theater Hagen & Sander, Filmtheaterbetriebe, Hannover am Aegidientorplatz 2. Die zum UFA-Konzern gehörende FirmaReichs-Kino-Adreßbuch, nach amtlichem Material bearbeitet, Band 18, Berlin: Verlag der Lichtbildbühne, 1919, S. 62, 66, 319; der aus Bremen stammenden Unternehmer Hagen und SanderKarl-Heinz Grotjahn (Verfasser): Stahl und Steckrüben. Beiträge und Quellen zur Geschichte Niedersachsens im Ersten Weltkrieg (1914 - 1918) ( = Veröffentlichungen der Niedersächsischen Landesbibliothek Hannover, Band 12), Band 2, Hameln: CW Niemeyer Verlag, 1993, ISBN 978-3-87585-462-6 und ISBN 3-87585-462-4, S. 291; dirigierte neben dem UFA-Theater Oberstraße 7 bald auch die UFA-Lichtspiele in der Hildesheimer Straße 11, das UFA-Theater „Vahrenwalderstr. 87/87“ und das UFA-Theater Weltspiele in der Georgstraße 12.

Während des Ersten Weltkrieges löste der Brand einer Filmrolle in der Oberstraße 7 zwar eine Panik unter den Zuschauern aus, das Publikum blieb jedoch unverletzt.