Kundelfingen ist ein erstmals im 13. Jahrhundert erwähnter Weiler zwischen dem an den Rhein angrenzenden Schaaren und dem Buechberg, westlich von Diessenhofen in der Schweiz. Eine heute noch bestehende grosse artesische Wasserquelle führte wahrscheinlich schon in der Antike zur Besiedlung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand aus den Lehenshöfen und verschiedenartigen Gewerbebetrieben der Kundelfingerhof als landwirtschaftlicher Gutsbetrieb mit Forellenzucht. Anfangs des 21. Jahrhunderts wurde das Gut durch Kiesabbau, Weiherbau, Landverkäufe, Abbrüche und Neubauten umstrukturiert und aufgeteilt. Die Landwirtschaft wurde aufgegeben, der Fischzuchtbetrieb erweitert und ein Gastronomiebetrieb integriert.
Geschichte mini|Kartenauszug 1667 von Hans Conrad Gyger mini|Kartenauszug 1772 von Johann Jakob Hanhart
Frühe Geschichte mini|Kartenauszug 1850 von Johannes Wild Spärliche erste Besiedlungsspuren weisen auf die Römerzeit hin. 1263 wird der Weiler mit Mühle erstmals erwähnt als Chunnonvingen. Der Name hat alemannischen Ursprung – wahrscheinlich entstanden im 5./6. Jahrhundert – und steht für die Ableitung eines Sippenoberhauptes namens Cunolf oder Kunolf, was gleichbedeutend ist mit «der kühne Wolf».Martin Forster: Chronik des Kundelfingerhofes. 1963. Staatsarchiv Thurgau
Wasserquelle in Kundelfingen
Die Kundelfinger Quelle (früher auch als «Schwarzach Quelle» benannt) gilt als grösstes Quellvorkommen in der Nordostschweiz. Sie stellt den Überlauf eines Grundwasserleiters dar, welcher aus einer zirka 9 km² grossen Schotterablagerung mit Moräneüberdeckung besteht.Albert Weber: Die Grundwasserverhältnisse des Kantons Thurgau. Kantonsbibliothek TG. 1953. Der Ursprung ist auf die zwei letzten Eiszeiten zurückzuführen. Dieses überwiegend vom Buechberg bewaldete und auch westlich von Basadingen gelegene Ackerbaugebiet ist neben den Thur- und Rhein-Grundwasserströmen als bedeutendster natürlicher Grundwasserspeicher im Thurgau dokumentiert. Das gespannte Grundwasser tritt in Kundelfingen an einer durchlässigen Stelle als artesische Quelle an die Oberfläche. Die durchschnittliche Infiltration der Niederschläge in den Aquifer wird mit 6 Liter pro Minute und Hektar (entspricht rund einem Drittel der Niederschläge) veranschlagt. Zuflüsse anderer Art sind nicht bekannt. mini|Abfluss aus dem Quellweiher von Kundelfingen vor 1909 Um 1905 erwogen die Stadtbehörden von Schaffhausen die Kundelfingerquelle für die städtische Wasserversorgung käuflich zu erwerben und mit einer Leitung quer durch den Rhein zu erschliessen. Die Gesamtkostenberechnung belief sich auf die damals ungeheure Summe von 430`000 Franken. Aus verschiedenen Gründen (z. B. gescheiterter Staatsvertrag mit dem Kanton Thurgau) kam das Projekt dann doch nicht zustande. Der Bachabfluss blieb somit allen Nutzern, von Kundelfingen bis zum Altparadies, in vollem Umfang weiter erhalten. mini|Abfluss aus dem Quellweiher neben dem Fischereihaus (früher Walkehaus/Torkel) um 2012 (später trockengelegt) 1912 wurde eine Schüttung der Hauptquelle von 4500 Liter pro Minute amtlich bestätigt. Zusammen mit zwei kleineren, später lokalisierten Quellen liegt die seither mit sporadischen Messungen ermittelte Maximalschüttung bei 5650 Liter pro Minute. Die Schüttung korrelierte nach Trockenzeiten zeitversetzt immer mit den vorangegangenen Niederschlagsmengen. So lag sie 1950 nach mehreren Trockenjahren noch bei 2500 Liter pro Minute und im Frühjahr 1952 bei 3500 Liter pro Minute. Grundwasserentnahmen aus dem Aquifer führen folglich je nach Entfernung zur Quelle zu einer Spannungsverminderung und Herabsetzung der Schüttung. 1992 wurde die Quelle auch durch seismische Messungen (künstlich ausgelöste Erdbeben) und 2018 durch zahlreiche Grundwasserfassungen, beides in unmittelbarer Umgebung, wesentlich beeinträchtigt.
Mühlen, Schleiferei
Im 13. Jahrhundert gingen die Lehenshöfe mit Fluren vom Adelsbesitz an die Klöster St. Katharinental und Paradies über. Neben Landwirtschaft hatte die Getreide-Mühle bis ins 20. Jahrhundert einen besonderen Stellenwert. Durch die annähernd konstante Wasserschüttung der grossen Quelle kam dem Mühlenbetrieb wertmässig lange noch die grössere Bedeutung als dem Grundbesitz zu. Die Mühle hatte Bestand bis Anfang des 20. Jahrhunderts; erhalten ist nur noch ein Läuferstein eines Mahlganges. Mit dem Wasser von Kundelfingen sollen einst acht Wasserräder betrieben worden sein.Dokument: Verkaufsausschreibung des Klarissenklosters Paradies bei Schlatt. 1837. Historisches Museum Thurgau Die Zahl Acht ist wohl für den gesamten Verlauf des etwa vier Kilometer langen Baches, benannt Schwarzach (heute auch als «Mülibach» bezeichnet), zu verstehen. Nur spärliche Überlieferungen gibt es bezüglich der im 15. Jahrhundert erwähnten «Schleife-» oder «Schleifmühle zu Kundelfingen».
Die «Bleiche zu Kundelfingen» mini|Vermessungsplan der Katharinentaler- und Paradieser-Höfe mit Bleiche in Kundelfingen um 1841 von J. Amann 1602 erstmals als «Bleiche zu Kundelfingen» erwähnt, galt dieser Betrieb später als erste Naturbleicherei der Schweiz für Leinentuch; eingestellt um 1875. Das erhaltene «Walkehaus» (Fischereihaus im 20. Jahrhundert) zeugt noch heute von dieser Epoche. Dokumentiert (18. und 19. Jahrhundert) sind auch ein grosses Bleichereigebäude, ein «Henketurm» oder «Tröckneturm» für die Tuchtrocknung und Wasserkanäle verbunden mit rund 70 holzbewehrten Gruben als Wasserspeicher. Südlich vom Rheinufer verlief einst der «Bleicherweg» bzw. «der Weg zur Bleichi» durch den Schaarenwald Richtung Kundelfingen.Verein Rheinkastell, Schlatt TG: Mitteilung vom 8. Januar 2024
Wein- und Obstbau
Im 17. Jahrhundert erstreckte sich am Westhang des Buechbergs ein ausgedehnter Weinberg bis südlich des Weilers Kundelfingen (Gyger-Karte von 1667). Überliefert ist auch «dass es dort früher (17./18. Jahrhundert) weit und breit keinen so schönen Obstwachs gegeben habe». Aus dieser Zeit dürfte die Bezeichnung «Torkel», für das auch als «Walkehaus» genutzte Gebäude beim Quellweiher, ihren Ursprung haben.
Lehens- und Pachtverhältnisse
Die Höfe und Gewerbebetriebe von Kundelfingen wurden sowohl unter Adels- als auch Klosterbesitz nach verschiedenen Lehenssystemen an die jeweiligen Bewirtschafter abgetreten. Im Wesentlichen gab es die drei Lehensarten Schupflehen, Erblehen und das zeitlich begrenzte Bestandeslehen. Als Lehensnehmer/Pächter mit Wohnsitz in Kundelfingen sind die Namen Rudolf und Kunolf (erwähnt 1331), Herman der Müler (1349), Hermann (1365), Hans Stirer (1414), Klaus Benner der Schleifer (1425), Ulrich Keller (1653–1660), Hans Köller/Keller (1673), Jakob Keller (1718), Matthias Keller (1734–1772), Felix Zulauf der Bleiker (1785–1807), Niklaus Widmer (1839) und Roost als letzter Bleiker (1876) überliefert.
Aus dem 18./19. Jahrhundert sind häufige Pächterwechsel bekannt.
Der letzte Pächter mini|Wilhelm Spiess (1823–1904), Gutshofgründer Wilhelm Spiess (1823–1904) vom Untervogthaus Uhwiesen und vormaliger Pächter des Sonnenburggutes in Schaffhausen pachtete 1870 den verwahrlosten ehemaligen St. Katharinentaler Hof mit 22 ha im Westen des Weilers Kundelfingen von der Nachfolgegesellschaft des Klosters Paradies. Zusammen mit seiner Frau Maria Spiess-Stamm (1835–1900) brachte er die Gebäude und Felder in einen guten Zustand.
Vom Weiler zum Gutshof
mini|Kundelfingerhof 1901, Familie Spiess mit Belegschaft anlässlich der Hofübernahme durch die zweite Generation
1876 verkaufte die Gesellschaft Paradies beide Höfe von Kundelfingen an Pfarrer Wiederkehr von Altparadies, dessen Bruder die Höfe übernehmen sollte. Dieser war damit überfordert, woraufhin der Pächter Wilhelm Spiess, der vorher bereits viel Arbeit und Geld in den Pachtbetrieb investiert hatte, das ganze Gut mit 36,4 ha erwerben konnte. Die grosse Wasserquelle mit Bach blieb vorerst weiterhin im Eigentum der Gesellschaft Paradies. Das zum Teil mitten im Hofareal gelegene Quellgebiet und der Bach mit Umgelände von acht Metern wurden mit Grenzsteinen abgemarkt. Durch weitere Zukäufe, später durch Sohn Hermann Spiess (1866–1930), erreichte die Betriebsfläche 52 ha. Im Gegensatz dazu lag die mittlere Betriebsgrösse in der Schweiz zu der Zeit bei 4,9 ha. mini|Hermann Spiess (1866–1930) Gutsbesitzer KundelfingerhofDie Zusammenlegung der Höfe erforderte grossflächige Meliorationsarbeiten, ein neues Betriebskonzept und umfangreiche bauliche Massnahmen. Der Weilername Kundelfingen wurde von nun an überwiegend durch die Bezeichnung «Kundelfingerhof» abgelöst.
Nutzung der Wasserkraft
Die zunehmende Verbreitung verschiedener Hofmaschinen gegen Ende des 19. Jahrhunderts war Anlass zur weiteren intensiveren Nutzung der Wasserkraft. Hierzu nutzte man das oberschlächtige Wasserrad aus der Bleichezeit, das beim «Walkehaus» mit Wasser vom Weiher der grossen Quelle versorgt wurde. Die Energieübertragung zum Zentrum des Hofes löste Hermann Spiess mit Holz-Zahnradgetrieben, Riemenübertragung und einer Seiltransmission über eine Distanz von etwa 100 m. Dieses System war vom 1866 erstellten Moserdamm in Schaffhausen abgeleitet, wo die Wasserkraft durch Seiltransmissionen zu den Industriebetrieben am Rheinufer übertragen wurde. In Kundelfingen konnten so schon um 1880 Mühlen, Brechen und Futterschneidemaschinen in der Scheune über dem Rinder- und Pferdestall durch Wasserkraft betrieben werden. Grosse Arbeitserleichterung und Leistungssteigerung brachte vor allem der Antrieb einer noch für das Göpelsystem konzipierten einfachen Dreschmaschine direkt neben dem Garbenstock.Moserdamm und Drahtseiltransmission 1866–1900 Schaffhausen, auf muehlenkalender.ch
20. Jahrhundert, bis 1970 mini|Kundelfingerhof: Hofplan Gebäude und Anlagen; alle Hochbauten wurden noch vor 1911 erstellt; Nr. 1, 3 und 8 zeigen Spuren aus dem Mittelalter
Bewirtschaftung mini|Tiervielfalt im 20. Jahrhundert. Die hellen, durchlüfteten Ställe mit Auslaufmöglichkeit und Zugang zu Fliessgewässern waren damals vielbeachtete Neuerungen
Während in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Ackerbau dominierte, rückte später die Milchwirtschaft mit Kleegras- und Luzerneanbau im Wechsel mit Ackerbau (Getreide, Kartoffeln, Futterrüben und Pferdezahn-Mais) in den Vordergrund. Über viele Jahrzehnte wurden die Milch und weitere Hofprodukte nach Schaffhausen, anfänglich direkt an eine stetig zunehmende Kundschaft, ausgeliefert. mini|Kundelfingerhof um 1916 mini|Gemüsetransport mit LKW um 1920 Kurz vor dem Ersten Weltkrieg wurde der Ackerbau erweitert und auch Feldgemüse – vor allem verschiedene Kohlarten – grossflächig als Zwischenkultur auf den überwiegend schwarzen, humusreichen Böden angebaut. Die Intensivierung des Zwischenfruchtanbaues erweiterte auch die Futtergrundlage für 70 Grossvieheinheiten. Die Gemüselieferungen erfolgten an Privatkunden, Grossküchen, die Lebensmittelindustrie und vor allem Sauerkrautfabriken. Während des Ersten Weltkrieges wurde u. a. die Werkskantine und die Belegschaft der Firma Bühler, Uzwil beliefert. Der Feldgemüsebau entwickelte sich zur bedeutenden wirtschaftlichen Grundlage des Betriebes. Das eingeführte Gemüse-Produktionssystem fand zuerst in Basadingen TG und später auch in der weiteren Umgebung grosse Verbreitung.
1920 wurde Hermann Spiess Gründungsmitglied des Saatzuchtverbandes Schaffhausen; in Kundelfingen und im Griesbacherhof begann damit die Saatgetreideproduktion.
Ausbau der Energieversorgung mini|alternativtext=Hoftechnische Ausstattung|Hoftechnische Ausstattung