Die Semmering-Passstraße (auch Alte Reichsstraße) verbindet die Bundesländer Niederösterreich und Steiermark. Sie führt von Schottwien über Maria Schutz, den Semmering-Pass (mit der gleichnamigen Ortschaft) und Steinhaus am Semmering nach Spital am Semmering. Ausgehend von Mürzzuschlag in der Steiermark windet sich die rund 17 Kilometer lange Straße stetig Richtung Nordosten auf die 984 Meter hohe Passhöhe und führt dann als gut ausgebaute Serpentinentrasse weiter nach Gloggnitz in Niederösterreich. Obwohl die Straße über einige scharfe Kehren und erhebliche Steigungen verfügt, ist sie auch heute noch sehr gut zu befahren. Seit der Eröffnung der Tunnelkette Semmering im Jahre 2004 wird sie – außer in den Wintermonaten – nur noch recht wenig genutzt. Sie und dient heute vor allem als Ersatzstraße für die S6 und bei Bedarf als Parkplatz für alpine Sportveranstaltungen am Semmering.

Entwicklung Funde bzw. Fragmente von steinernen Lochäxten in Schottwien, Gloggnitz und Payerbach deuten darauf hin, dass manchmal vorgeschichtliche Wanderer aus der Gloggnitzer Bucht und vom Mürztal her auf schmalen Pfaden die Höhen des damals wohl noch weitgehend menschenleeren Bergwaldes passierten. Nur einige wenige Funde zeugen auch von einer offenbar zeitweisen Begehung des Semmerings in der Antike. So sind ein Hortfund keltischer Silbermünzen aus Schottwien, aus der Zeit als die Boier das Wiener Umland besiedelten (um 60 v. Chr.), und ein weiterer Depotfund römischer Kultgegenstände aus Steinhaus am Semmering bekannt geworden. Der Hauptverkehrsweg zur Zeit der Römer führte aber vom steirischen Kapellen an der Mürz über das Preiner Gscheid (Tattermann) in das Prein- und Schwarzatal. In Mürzzuschlag und Neuberg an der Mürz entdeckte man zwei Hortfunde römischer Münzen, die zwischen 245–250 und 350 n. Chr. dort vergraben worden sein müssen. Lange hatte die Semmeringpassage im überregionalen Verkehr daher keine nennenswerte Rolle gespielt, dies änderte sich erst ab dem Mittelalter.Pickl 1992, S. 403–411.

Venedig- oder Italienstraße Der Güter- und Warenverkehr aus dem Wiener Becken Richtung Süden und Südosten und wieder zurück lief im frühen Mittelalter zunächst fast zur Gänze über das Pittental, entlang der alten Römerstraße über den Wechsel. Die Hochzeit des Semmeringüberganges (damals auch wegen der Überfälle durch Räuber und Wegelagerer gefürchtete „Cerwald“ bekannt) setzte im 12. Jahrhundert ein, als sich Wien zum Stapelplatz deutscher Kaufleute, die mit dem Süden regen Handel trieben, entwickelte. Auch viele Orientpilger wählten nun zunehmend den Weg über den Semmering. Seit dem Zweiten Kreuzzug hatte zudem der Warenverkehr mit den Hafenstädten an der Adriaküste deutlich zugenommen. Auf dem bestehenden Saumweg konnten die Pferde – auf ebenen Strecken – für gewöhnlich mit einer Last von ca. 150–170 kg bepackt werden, im schwierigen Gelände des Semmerings musste man sie aber aus Sicherheitsgründen wieder auf ca. 120–130 kg reduzieren.

1158 fielen die Ländereien des letzten Grafen von Formbach-Pitten an den Markgrafen der Karantanischen Mark, Ottokar III. 1160 ließ dieser zur Erleichterung des Handels- und Reiseverkehrs den Saumpfad über den Pass zu einer – auch für kleinere Lastkarren passierbaren – Straße verbreitern (ex semita publica via fieret) und an deren südwestlichen Endpunkt für die Durchreisenden ein Hospiz errichten, die Keimzelle der heutigen Ortschaft Spital am Semmering. Ziel war es, die Gebirgsschranke zwischen den Traungauer Besitzungen nördlich und südlich der Alpen besser zu erschließen. Dadurch konnten die neu hinzugewonnenen Gebiete nördlich von Semmering und Wechsel noch enger an die Karantanische Mark gebunden werden. Der Saumverkehr überdauerte aber sicher auch die Anlage dieser ersten Passstraße, da die Waren nicht zeitraubend umgeladen werden mussten und die leichten Anzwagen dieser Zeit vor denen meist nur ein Pferd angeschirrt wurde, keine sehr großen Warenmengen transportieren konnten. Neben dem Transport mit Pferden hielt sich wohl auch der Einsatz von Lastenträgern, die ca. ein Gewicht von 50 kg bewältigten. Insbesondere durch den Aufstieg Venedigs im Zuge des Orienthandels nahm der Verkehr über den Semmering stetig zu, sodass man um 1244 schon von einem internationalen Handelsweg sprechen kann. Diese wegen seiner starken Steigung auch als „schräger Alpendurchgang“ bezeichnete Semmeringpassage der Route von Villach über Bruck an der Mur in die Babenbergerresidenz Wien war einer der am stärksten frequentierten Verbindung über die Voralpen und bald auch als „Venedig-“ bzw. „Italienstraße“ bekannt. Im „oppidum Shadwin“ (Klamm) und „ad Murzze“ (Pernreit?) entstanden Sperrfestungen um denen herum sich rasch neue Siedlungen entwickelten. Hauptsächlich wurden damals Massengüter wie Wein, Salz, Häute, Wachs, Kupfer und Roheisen über den Semmering transportiert. Einer der ersten namentlich überlieferten Semmeringbezwinger ist der Minnesänger Ulrich von Liechtenstein, der den Pass anlässlich seiner „Venusfahrt“ im Jahr 1227 überquerte:

„…do zogt ich über den Semernic gegen Glokeniz alzehant, da ich wen sehs ritter vant gezimirt schone tjoste gern: die sach man mich da snelle wem.“

Auch auf seiner „Artusfahrt“, 1240, nahm er wieder die Route über den Pass und war erleichtert, ihn wieder hinter sich zu haben:

...über den Semernic wir da zogten unde waren fro!.

1386 verfügte der Habsburgerherzog Albrecht III., dass die Städte in Steiermark, Kärnten und Krain die von Venedig und Ungarn herantransportierten Handelsgüter – zwecks Steigerung seiner Mauteinnahmen – nunmehr ausschließlich über den Semmering und damit in weiterer Folge über Wien zu führen hätten. Auch die Kaufleute aus Böhmen, Schlesien und Polen wurden auf diese Straße gezwungen. Wer dagegen verstieß, musste damit rechnen, dass entweder seine Waren beschlagnahmt oder andere Strafen über ihn verhängt wurden. Mit dieser Verordnung wurde die Route über den Semmering zur „privilegierten Straße“. Der sog. „Weinweg“, ein anderer Saumpfad, der von Neunkirchen her über die Bucklige Welt, die Schanz, Kummerbauerstadl, die Höhen zwischen Wechsel und Stuhleck, am Großen Pfaffen vorbei, hinab in das Feistritztal und weiter in die Oststeiermark führte, konnte sich gegenüber der neuen Semmeringroute, die nun immer wichtiger wurde, nicht lange behaupten. Erst im 15. Jahrhundert verlor die Semmeringstraße im Italienhandel – zugunsten der Straße über die Radstädter Tauern und den Brennerpass – wieder etwas an Bedeutung. Nach dem Sieg über die Osmanen bei Wien (1683) nahm der Handelsverkehr (besonders mit „Baumöl“ = Olivenöl) über den Semmering aber wieder stark zu.

Auf steirischer Seite führte die Straße von Mürzzuschlag das Fröschnitztal aufwärts bis Spital, den Weiler Jauern und Steinhaus bis zur Abzweigung in den Dürrgraben. Von dort aus stieg sie steil zum Semmeringpass an. Jenseits der Passhöhe, in Niederösterreich, bog die Straße in einer großen Biegung („Reih“) scharf zur Brücke über den „Mörten- oder auch Myrthengraben“ ab, der nach einem Bildstock des Heiligen Martin (damals Schutzpatron der Pfarre Klamm) benannt wurde. An einem Brunnen vorbei führte die Trasse unterhalb des Sonnwendsteins durch die „Haarpoint“ zum Weiler Göstritz und anschließend durch den steilen Göstrizgraben bzw. am Ufer des Greisbach hinunter nach Schottwien. Ab hier war der Pass für Lastfuhrwerke nur mit einem zusätzlichen Vorspann aus Ochsen oder Pferden befahrbar, was mit Abstand die wichtigste Einnahmequelle für die dort ansässigen Gastwirte, Vorspannknechte, Wegmacher Kaufleute, Schmiede, Wagner und Sattler darstellte. Die Qualität solcher mittelalterlichen Straßen blieb jedoch weit hinter jener der Römerzeit zurück, weil es sowohl an Investitionen wie auch an regelmäßiger Wartung fehlte. Die Könige und seit dem Spätmittelalter auch die Landesfürsten verfügten zwar über einträgliche Hoheitsrechte wie das Straßen- und Geleitregal sowie Mauten und Zölle, die Gewinne daraus wurden aber nur zu einem ganz geringen Teil für den Bau von Straßen und Brücken verwendet. Anfangs war noch das Hospiz in Spital für den Ausbau und Erhaltung der neuen Straße verantwortlich. Später waren dafür die örtlichen Grund- und Hammerherren, Besitzer größerer Höfe und der Stiftsabt von Neuberg zuständig. Weniger Begüterte mussten dafür 4 Tage im Jahr Frondienst leisten. Für größere Sanierungsarbeiten musste allerdings das Land Geld zur Verfügung stellen. Hierfür wurden Patente für ein sog. „Landrobot“ ausgeschrieben.Posch 1976, S. 45f, Pickl 1992, S. 403–411.

Triester- oder Carolusstraße Die Straßenverbindung von Triest nach Wien wurde nach der Anerkennung der Stadt Triest als Freihafen im Jahre 1719 zu einer der wichtigsten Verkehrsachsen der Monarchie. Im Jahre 1726 wurde deshalb der Ingenieur und Hofmathematicus Johann Jakob Marinoni beauftragt, die Trasse für den Semmering neu abzustecken und dies auch schriftlich festzuhalten. Zu diesem Anlass reiste eine Kommission auf den Semmering, zwecks „Begutachtung und Festlegung der neu auszubauenden Straße mit einer Milderung der Steigung“. Sie erkannte bald, dass die Trasse vom Greisbach weg und in Windungen entlang des Nordhanges zum Bärensattel geführt werden musste. Ähnlich der Straße auf der steirischen Seite war der Weg von Taglöhnern auszufüllen, mit einer Schotterdecke zu überziehen, die „Kayser-Pruckhn“ zu errichten sowie Gräben und Durchlässe für Bergflüsse, Regen- und Schmelzwässer anzulegen. Zur Finanzierung erließ man ein neues Wegpatent. Als 1728 mit dem Bau begonnen wurde, brach für den Passverkehr eine neue Epoche an. Die altertümlichen Methoden des Warentransportes wurden nun obsolet, denn die neue Straßenführung bot dem Handelsverkehr ganz neue Möglichkeiten, vor allem aber eine enorme Kapazitätssteigerung. Die Straße wurde anlässlich der Erbhuldigungsreise Karls VI. nach Graz, an die Adriaküste, Triest und Fiume, in nur 48 Tagen beschottert (der Unterbau war schon vorher fertiggestellt worden), wofür auch Strafgefangene herangezogen wurden. Nach sechstägigem Aufenthalt im Posthof zu Schottwien konnten der Kaiser nebst Gemahlin Elisabeth Christine, seiner Tochter Maria Theresia und seinem 1500 Mann starken Gefolge am 21. Juni 1728 den Semmering ohne Zwischenfälle überqueren. Das Ereignis wurde zusätzlich mit einem monumentalen Denkmal auf der Passhöhe, gestiftet von den Ständen Innerösterreichs, gewürdigt. Die Trasse führt auf der Passhöhe unmittelbar nördlich des Carolus-Denkmals vorbei und wird heute auf der niederösterreichischen Seite als „Alte Semmeringstraße“ und auf der steirischen Seite als „Alte Reichsstraße“ bezeichnet. Die örtliche Wirtschaft erlebte durch sie neuerlich einen markanten Aufschwung, denn durch den stetig zunehmenden Durchzugsverkehr entstanden viele neue Beherbergungs- und Transportbetriebe, letztere hauptsächlich in Schottwien. 1730 transportierte die „Ordinari-Post“ Reisende wöchentlich nach Venedig und Triest. Unter Kaiser Joseph II., der weitere Verbesserungen an der Infrastruktur anordnete, nutzten wöchentlich die Klagenfurter, die Grazer, die Triester „Diligence“ (Eilpost) und täglich berittene Boten für Graz („Steirische Journalpost“) die Carolusstraße. Mit Eröffnung der neuen Post- und Kommerzialstraße im Jahre 1841 büßte aber auch sie ihre Bedeutung wieder ein. Fortan nutzten sie nur mehr Wanderer, Reiter und die leichten Fuhrwerke. Heute wird sie streckenweise noch als Spazierweg begangen. Auf den meisten Abschnitten ist sie mittlerweile schon komplett von der Vegetation überwuchert, ihren Verlauf aber kann man immer noch gut verfolgen.

Post- und Hauptkommerzialstraße