Der Begriff Flugscham (vom Schwedischen flygskam, im Englischen als flight shame bezeichnet) ist ein Neologismus, der im Jahr 2017 entstand. Wortwörtlich beschreibt das Konzept die Empfindung von persönlicher Scham bei der Benutzung von Verkehrsflugzeugen bzw. bei dem Gedanken daran, dass sie diese benutzen könnten. In diesem Sinn definierte der ADAC im Juni 2023 den Begriff Flugscham für seine Mitglieder mit den Worten: „Flugscham nennt man dieses neue Unwohlsein, das Menschen empfinden, die sich der klimaschädlichen Tragweite ihrer Reise bewusst sind, aber dennoch fliegen.“

Der Begriff wurde 2019 zu einem der drei Deutschschweizer Wörter des Jahres gewählt. Seit 2020 steht das Wort im Duden.

Umfragen in mehreren europäischen Ländern zeigten damals, dass ein erheblicher Anteil der Befragten angab, sich für ihre Flugreisen zu schämen oder ihr Verhalten in Bezug auf Flugreisen aufgrund von Flugscham geändert zu haben. In einigen Ländern zeigte sich, dass die meisten dieser Angaben ernst zu nehmen waren, so dass dort die Nachfrage nach Flügen bereits vor der COVID-19-Pandemie zurückging. Zum Teil ist dieser Effekt darauf zurückzuführen, dass eine Reihe von Organisationen ihre Reiserichtlinien dahingehend änderten, dass diejenigen, für die diese Richtlinien verbindlich sind, auf kürzeren Strecken andere Verkehrsmittel zu benutzen haben.

Seit 2025 ist ein gegenläufiger Trend zu beobachten, da Umwelt- und Klimaaspekte medial und gesellschaftlich an Bedeutung verlieren.

Begriffsbestimmung „Flight shame“ vs. „flight shaming“ Der Begriff Flugscham ist ein Neologismus und eine Übersetzung des schwedischen ‚flygskam‘.

„Flight shame“ Oxford Dictionaries definiert das englische flight shame als „Unwillen, mit dem Flugzeug zu reisen, weil Flugzeuge schädliche Treibhausgase und andere Schmutzstoffe verursachen“ („A reluctance to travel by air, or discomfort at doing so, because of the damaging emission of greenhouse gases and other pollutants by aircraft“). Akut wird „Flight shame“ dann, wenn dadurch eine kognitive Dissonanz eintritt, dass der Flugscham Empfindende dennoch eine Flugreise unternimmt.

„Flight shaming“ Der Begriff „Flugscham“ wird im Deutschen auch oft im Sinn des englischen Begriffs flight shaming verwendet. Damit ist die Beschämung anderer gemeint, von denen ein (umfassender) Verzicht auf Flugreisen erwartet wird. Jedermann sollte demnach ein Schamgefühl schon bei dem bloßen Gedanken an eine Flugreise haben.

Für Friedrich W. Stallberg besteht der Wirkungsmechanismus von Beschämungsstrategien im Allgemeinen darin, dass eine „interaktive Bloßstellung einer Person“ beabsichtigt sei, der man „Normbrüche, Makel und Fehleistungen“ zuschreibe.

Folgen von „flight shame“ und „flight shaming“ Flugscham kann dazu führen, dass Reisen stattdessen mit weniger klimabelastenden Verkehrsmitteln durchgeführt werden, beispielsweise mit der Eisenbahn.

Verzicht auf alle Flugreisen vs. Verzicht auf bestimmte Flugreisen In einer radikalen Variante wird von allen Menschen erwartet, dass sie nie wieder eine Flugreise antreten. Konsequenterweise reiste Greta Thunberg als Vertreterin dieser Auffassung zur UN-Klimakonferenz in New York im August/September 2019 mit einer Rennyacht über den Atlantik sowie auf der Rückreise über den Atlantik im November 2019 mit einem Katamaran. Im März 2020 zeigte die ehemalige evangelische Bischöfin Margot Kässmann Unverständnis für die Forderung nach einem vollständigen Verzicht auf Flüge: „Nicht jede kann wie Greta Thunberg mit einem Privatsegler den Atlantik überqueren. Es wird Konferenzen geben müssen, auf denen Nationen oder Konzerne sich verständigen. Skypekonferenzen sind gut, aber manchmal braucht es Verhandlungen von Angesicht zu Angesicht. Auch für Gemeindepartnerschaften ist es gut, wenn wir uns persönlich begegnen, mal in Deutschland, mal in Äthiopien beispielsweise. Es ist wichtig, dass junge Leute ein freiwilliges soziales Jahr in Brasilien oder Indonesien verbringen, weil solche Erfahrungen prägen, den Horizont erweitern. Und ja, dafür müssen sie fliegen.“

Die britische Journalistin Jocelyn Timperley benutzte am 10. September 2019 in der Überschrift ihres Beitrags für die BBC den Begriff „Flugschambewegung“. Die Journalistin bekannte sich dazu, in fünf Jahren zweimal eine Strecke mit einem Flugzeug zurückgelegt zu haben, weil ihr der Zeitaufwand für eine andere Form des Reisens als zu groß erschienen sei. Ihrer Ansicht nach gehe es nicht darum, Menschen davon abzuhalten, die Welt zu erkunden. Es gehe darum, für die langsamen, bewussten Reisen zu werben, die ohne Luftfahrt in einer vertretbaren Zeitdauer möglich seien.

Begriffsgeschichte Das Konzept ‚Vermeidung von Flugreisen‘ vor Aufkommen des Begriffs Flugscham Das Konzept Flugscham, also das Bewusstsein um die Umweltschädlichkeit von Flugreisen und in der Konsequenz die Vermeidung von Flugreisen, wurde schon lange vor Aufkommen des Begriffs Flugscham praktiziert. Jocelyn Timperley schrieb 2019 in ihrem Artikel über Flugscham, dass sie seit Jahren Flugreisen wegen ihrer CO2-Bilanz im Prinzip vermeide. In der WDR-5-Sendung ‚Flugscham – wie reisen Sie?‘ sagte eine Hörerin, dass sie 1990 entschieden habe, wegen der Klimafolgen des Flugverkehrs nicht mehr zu fliegen, und dass sie dies auch bis heute (März 2019) so handhabe. Der Guardian veröffentlichte 2019 einen Artikel, der die verschiedenen Motivationen von Personen herausstellt, die entweder ganz aufs Fliegen verzichten, oder aber die Anzahl an Flugreisen sehr stark reduziert haben. Viele der vorgestellten Personen tätigten ihren letzten Flug Anfang der 2000er Jahre, also viele Jahre vor Aufkommen der Diskussion über den Begriff Flugscham.

Auch die schwedischen Vorreiter Malena Ernman und Björn Ferry sind schon seit 2016 und damit vor Aufkommen des Begriffs Flugscham aufgrund der Klimakrise nicht mehr geflogen.

Eingang in den Sprachgebrauch Ende 2017 erklärten in Schweden mehrere Prominente, dass sie nicht mehr fliegen würden. Dieses Verhalten wurde als Ausdruck von flygskam interpretiert.

Der Rat für Schwedische Sprache wählte 2019 ‚flygskam‘ unter die 33 Wörter, die sich 2018 im Schwedischen etabliert haben. Schwedische Definition im Original: „känsla av att det ur miljösynpunkt är en förkastlig handling att flyga“ Das Wort Flugscham drücke auch einen Wertewandel aus. Während Flugreisen früher als Statussymbol gegolten hätten, „hänge ihnen nun etwas Peinliches an“, schrieb eine bekannte schwedische Zeitung.

Der Linguist Olaf Gätje datiert den Startpunkt des Hypes im Umfeld des deutschsprachigen Begriffs Flugscham auf den 14. November 2018. An diesem Tag wurde ein Artikel zur Personenmobilität bzw. zum Verhältnis von Flug- und Schienenverkehr in Schweden in dem Online-Magazin klimareporter.de veröffentlicht, in dem das Wort Flugscham benutzt wird und der auch das Thema flygskam zum Thema hat. Den steilen Anstieg des Begriffsgebrauchs bis zum Dezember 2019 führt Gätje auf die Berichterstattung über die Bahnreise Greta Thunbergs zur UN-Klimakonferenz nach Katowice am Anfang des Monats zurück. Eine „Schwarmaktivität“ unter Anhängern und Sympathisanten der Klimabewegung löste Gätje zufolge die erste Benutzung des Hashtags #Flugscham bei Twitter aus. Diese datiert Gätje ebenfalls auf den 14. November 2018.Olaf Gätje: Der #Flugscham und normativer Druck in der digitalen Protestkommunikation gegen die globale Erwärmung. In: Aline Wieders Lohéac, Dagobert Höllein: Fridays for Future. Sprachliche Perspektiven auf eine globale Bewegung. Narr Francke Attempo Verlag 2022. S. 45 Für das im November 2018 in Deutschland gestartete „semantische Konzept“ (Gätje) zur Beschämung von Menschen, die keine Flugscham zu empfinden behaupten, spielte Gätje zufolge die Verwendung des Begriffs Flugscham eine zentrale Rolle.Olaf Gätje: Der #Flugscham und normativer Druck in der digitalen Protestkommunikation gegen die globale Erwärmung. In: Aline Wieders Lohéac, Dagobert Höllein: Fridays for Future. Sprachliche Perspektiven auf eine globale Bewegung. Narr Francke Attempo Verlag 2022. S. 47–50 In dieser Verwendung des Begriffs komme eine „deontische Logik“ zum Ausdruck, die mit dem Anspruch der Allgemeingültigkeit der Norm des Flugverzichts verbunden sei. Mit dieser These werde das Recht begründet, von anderen zu erwarten, dass diese sich schämen müssten, wenn sie an vergangene, geplante und/oder aktuell stattfindende Flugreisen dächten.Olaf Gätje: Der #Flugscham und normativer Druck in der digitalen Protestkommunikation gegen die globale Erwärmung. In: Aline Wieders Lohéac, Dagobert Höllein: Fridays for Future. Sprachliche Perspektiven auf eine globale Bewegung. Narr Francke Attempo Verlag 2022. S. 51 ff. Zu klären sei – so Gätje –, wie stark der „normative Druck“ tatsächlich sei, der „die Mitglieder der Gesellschaft affiziert, die die Entscheidung für Flugreisen nicht mit Schamgefühlen in Verbindung gebracht sehen wollen“.

Die Existenz solcher „Mitglieder der Gesellschaft“ machte sich bereits 2018 in Schweden bemerkbar. Deutsche Medien berichteten im November 2018 darüber, dass einige Schweden Flygskam als „Volkskrankheit“ bewerteten, die dafür verantwortlich sei, dass die Fluggastzahlen in Schweden sinken und die Bahnfahrgastzahlen steigen

Im März 2019 strahlte der Westdeutsche Rundfunk (WDR) eine Radiosendung aus, in der Zuhörer live ihre Einschätzung zu Flugscham und den Verzicht aufs Fliegen aus Klimaschutzgründen darlegten.

Flugscham wurde auch durch die Berichterstattung über die konsequente Vermeidung von Flugreisen durch Greta Thunberg bekannt, insbesondere durch ihre Methode, den Atlantischen Ozean ohne Benutzung eines Flugzeugs zu überqueren (siehe oben).

Im Laufe des Jahres 2019 fand der Begriff Flugscham dadurch endgültig Eingang in die deutsche Alltagssprache, dass er auch hier von Gegnern der Auffassung aufgegriffen wurde, wonach jeder, der mit einem Flugzeug fliege, Flugscham empfinden müsse:

Erklärt werden können die heftigen Abwehrreaktionen durch Olaf Gätjes Hinweis, dass diejenigen, die Flugwillige zu beschämen versuchten, damit rechnen müssten, dass „die propagierte Assoziierung von Flugreisen mit Schamgefühlen von Teilen der Gesellschaft als Tugendterror von Moralaposteln bewertet“ werde, „mit der die Selbstbestimmung des Individuums unzulässig eingeschränkt“ werde.Olaf Gätje: Der #Flugscham und normativer Druck in der digitalen Protestkommunikation gegen die globale Erwärmung. In: Aline Wieders Lohéac, Dagobert Höllein: Fridays for Future. Sprachliche Perspektiven auf eine globale Bewegung. Narr Francke Attempo Verlag 2022. S. 52

2020 wurde Flugscham als in der deutschen Sprache etablierter Begriff in den Duden aufgenommen.Neuer Duden mit Corona-Begriffen, Flugscham und transgender, rnd.de, 12. August 2020

Bei der Wahl des Deutschschweizer Wortes des Jahres 2019 kam Flugscham auf den dritten Platz. Platz 2 wurde von dem Wort „Klimajugend“ belegt. Für die französische Schweiz wurde „Flygskam“ unter die ersten Drei gewählt. Begründet wurde die Wahl von Flugscham u. a. damit, dass dieses Wort 2019 zum Thema geworden sei. Auch für das österreichische Wort des Jahres 2019 war Flugscham auf der Liste der 10 Kandidaten.

Das Englische flight shame kam bei der Wahl des Wortes 2019 durch Oxford Dictionaries auf die Shortlist. Gewählt wurde allerdings nur climate emergency (Klimanotstand).