Die Carrozzeria Sports Cars (ab 1963: Sports Cars di Benedetti & C.) war ein italienischer Hersteller von Automobilkarosserien, zu dessen Inhabern der ehemalige Rennfahrer Piero Drogo zählte. In den 1960er-Jahren gestaltete und baute Sports Cars einige erfolgreiche Wettbewerbsfahrzeuge für die Scuderia Ferrari und Maserati. Außerdem schuf das Unternehmen zahlreiche individuelle Einzelaufbauten für Renn- und Straßenfahrzeuge für private Kunden.
Unternehmensgeschichte Die Carrozzeria Sports Cars hatte ihren Sitz in Modena. Sie wurde 1960 von Otello Benedetti, Piero Drogo und Lino Marchesini gegründet; 1963 kam Mario Allegretti als weiterer Teilhaber hinzu,Alessandro Sannia: Enciclopedia dei carrozzieri italiani, Società Editrice Il Cammello, Torino, 2017, ISBN 978-8896796412, S. 526. der vorher sein eigenes Unternehmen Allegretti e Gentilini betrieben hatte. Weil Piero Drogo die zentrale Figur des Unternehmens war, wurde es in der Öffentlichkeit auch (formal unrichtig) als „Drogo Sports Cars“ oder einfach als „Drogo“ bezeichnet. Ab 1963 firmierte der Betrieb als Sports Cars di Benedetti & C.
Abgesehen von einigen Rennsportautos wie etwa dem Aguzzoli Condor und Bizzarrini-Modellen baute Sports Cars kaum Neufahrzeuge. Der Betrieb war darauf spezialisiert, gebrauchte Chassis unterschiedlicher Hersteller neu einzukleiden, beispielsweise nach Rennunfällen oder weil der Eigentümer nach einigen Jahren „etwas Neues“ wollte.Alessandro Sannia: Enciclopedia dei carrozzieri italiani, Società Editrice Il Cammello, Torino, 2017, ISBN 978-8896796412, S. 527. Die Carrozzeria Sports Cars setzte bei ihren Entwürfen so weit wie möglich die Wünsche der Auftraggeber um. Ein Schwerpunkt lag auf Chassis von Ferrari. Die Carrozzeria Sports Cars war einer der wenigen Karosseriehersteller, die die Erlaubnis hatten, für die neuen Aufbauten Ferraris Cavallino Rampante zu verwenden.Geschichte der Carrozzeria Sports Cars auf der Internetseite www.coachbuild.com (abgerufen am 28. Juli 2023). Daneben wurden aber auch einzelne Fahrgestelle von Maserati, De Santis und Jaguar neu karossiert.
Verantwortlicher Designer der Carrozzeria Sports Cars war in vielen Fällen S. Tadini, oft gestaltete aber auch Drogo die Formen selbst. Zum Personal gehörten zeitweise auch die Mechaniker Giorgio Neri und Luciano Bonacini, die sich nach kurzer Zeit mit ihrem Betrieb Neri e Bonacini selbständig machten. In den 1960er-Jahren waren beide Unternehmen eng miteinander verbunden. Die Carrozzeria Sports Cars und Neri e Bonacini waren mehrfach wechselseitig als Subunternehmer füreinander tätig.
Die Carrozzeria Sports Cars stellte den Betrieb 1971 ein. Zwei Jahre später starb Drogo bei einem Autounfall.
Wettbewerbsfahrzeuge mit Sports-Cars-Aufbau Maserati „Birdcage“ mini|Maserati Tipo 61 „Birdcage“ mit späterer Drogo-Karosserie
Der erste Auftrag der Carrozzeria Sports Cars war die Neugestaltung eines Maserati Tipo 61 „Birdcage“. Er betraf das Auto mit der Fahrgestellnummer 2472, das Maserati 1961 für das US-amerikanische Motorsportteam Camoradi Racing aufgebaut hatte.Der Maserati Tipo 61 Drogo auf der Internetseite www.coachbuild.com (abgerufen am 28. Juli 2023). Camoradi brachte den Wagen in werksmäßiger Ausführung bei vier Läufen der Sportwagen-Weltmeisterschaft 1961 an den Start, von denen es zwei gewann: Teamchef Lloyd „Lucky“ Casner kam beim 1000-km-Rennen auf dem Nürburgring 1961 und eine Woche später beim Großen Preis von Rouen jeweils als Erster ins Ziel.Rennergebnisse des Maserati Tipo 61 #2472 auf der Internetseite www.racingsportscars.com (abgerufen am 31. Januar 2019). Beim 4-Stunden-Rennen von Pescara 1961 verunglückte Casner auf einem Straßenkurs in den Abruzzen in der 15. Runde und beschädigte seinen „Birdcage“ schwer. Casner beauftragte die Carrozzeria Sports Cars mit dem Wiederaufbau des Autos. Piero Drogo gestaltete den Wagen als flachen Spyder, der keine Ähnlichkeit mit dem Werksaufbau hatte. Außerdem wurde das Fahrwerk überarbeitet: Sports Cars ersetzte unter anderem die serienmäßige De-Dion-Hinterachse durch eine Doppelquerlenkerkonstruktion aus dem neueren Tipo 63. Camoradi brachte den inoffiziell als „Drogo-Birdcage“ bezeichneten Wagen 1962 und 1963 noch bei je einem Rennen an den Start, erzielte aber keine Erfolge mehr. Das Auto ging danach zurück zu Maserati, wo es dreieinhalb Jahrzehnte unverändert verwahrt wurde. 1999 kaufte der italienische Sammler Umberto Panini den „Drogo-Birdcage“, der seitdem zur sogenannten Panini-Sammlung gehört.Internetauftritt des Panini Motor Museums (abgerufen am 31. Januar 2019).
Maserati Tipo 151/3 mini|Maserati Tipo 151/3 mit Kammheck-Karosserie von Drogo
Für die Sportwagen-Weltmeisterschaft 1962 konstruierte Maserati den Tipo 151, einen Nachfolger des „Birdcage“, der primär für den Einsatz beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans vorgesehen war. Das technische Konzept und die Fließheckkarosserie des Autos gingen auf Giulio Alfieri zurück. In Maseratis Auftrag baute das Modeneser Unternehmen Allegretti e Gentilini drei Tipo 151 auf, von denen zwei an Briggs Cunningham gingen und einer von Maserati France übernommen wurde. Keiner der drei Tipo 151 erreichte 1962 in Le Mans das Ziel. Während die beiden Cunningham-Autos danach in den USA eingesetzt wurden, ging der Wagen von Maserati France zurück ins Werk, um für weitere Einsätze überarbeitet zu werden.
Entweder 1962 oder 1963 wurde der Radstand des Maserati-France-Autos verlängert, sodass der Motor tiefer eingebaut werden konnte. Zudem erhielt das Auto eine neue Karosserie, die Piero Drogo entworfen hatte. Besondere Merkmale waren ein annähernd waagerecht auslaufendes Dach und ein Kamm-Heck, das das Konzept des ein Jahr früher erschienenen „Ferrari Breadvan“ aufgriff. Es ist unklar, ob diese Karosserie tatsächlich bei Sports Cars aufgebaut wurde. Einige Quellen gehen davon aus, dass sie wiederum bei Allegretti e Gentilini entstand, die danach als Subunternehmer für Drogo tätig waren. Möglicherweise gingen die Arbeiten von Allegretti e Gentilini und Sports Cars auch ineinander über, weil Allegretti e Gentilini mit Ablauf des Jahres 1963 den Betrieb einstellte und Mario Allegretti, einer der Inhaber, Teilhaber der Carrozzeria Sports Cars wurde. Der 151/3 mit Drogo-Karosserie ging für Johnny Simones Maserati-France-Team beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1964 an den Start, fiel aber erneut aus.Der Maserati Tipo 151/3 auf der Internetseite www.coachbuild.com (abgerufen am 28. Juli 2023).Alessandro Sannia: Enciclopedia dei carrozzieri italiani, Società Editrice Il Cammello, Torino, 2017, ISBN 978-8896796412, S. 78. Einige Quellen gehen davon aus, dass die Drogo-Karosserie bereits beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1963 im Einsatz gewesen sei. Das widerspricht den gängigen Statistiken.Vgl. z. B. Meldeliste des 24-Stunden-Rennens von Le Mans 1963 und Meldeliste des 24-Stunden-Rennens von Le Mans 1964, jeweils auf der Internetseite www.racingsportscars, dort mit Abbildungen (abgerufen am 6. Februar 2019).
Ferrari „Breadvan“ mini|Bei Drogo entwickelt: Ferrari 250 GT SWB Breadvan
Einer der außergewöhnlichsten Rennwagen der 1960er Jahre war der „Ferrari Breadvan“. Giotto Bizzarrini hatte ihn Ende 1961 für das venezianische Motorsportteam Scuderia Serenissima des Conte Giovanni Volpi di Misurata konstruiert. Er sollte mit dem neuen 250 GTO des Ferrari-Werksteams konkurrieren. Der Wagen basierte technisch auf dem Ferrari 250 GT Berlinetta SWB SEFAC Hot Rod und nutzte das Chassis Nr. 2819GT, das das Werk 1961 mit einer Standardkarosserie von Scagiletti verlassen hatte.Matthias Braun, Ernst Fischer, Manfred Steinert, Alexander Franc Storz: Ferrari Straßen- und Rennsportwagen seit 1946. Motorbuch Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-613-02651-3, S. 204. Ein besonderes äußeres Merkmal des „Breadvan“ war sein Kamm-Heck, das für die Spitznamen „Breadvan“ (Brotwagen) oder „Camionette“ (kleiner Lastwagen) verantwortlich war. Die Karosserie des Breadvan wird üblicherweise der Carrozzeria Sports Cars zugeschrieben. Gesichert ist, dass Drogos Unternehmen früh in die Entwicklung des Aufbaus einbezogen wurde und die Karosserieteile herstellte. An der Herstellung war darüber hinaus auch Neri e Bonacini beteiligt; wahrscheinlich wurden hier die technischen Komponenten in das Auto eingebaut.
Ferrari 330 P2, 330P3, 330P4 und 412P mini|Ferrari 330P3 (1966) mini|Ferrari 330P4 (1967)
Von 1964 bis 1967 baute die Carrozzeria Sports Cars im Auftrag Ferraris eine Reihe von Rennsportwagen für das Werksteam, aber auch für Kundenteams. Sports Cars übernahm in dieser Zeit die Funktionen, die die Carrozzeria Fantuzzi innegehabt hatte. In vielen Fällen steuerte Piero Drogo auch das Design der Aufbauten bei. Die Beziehung zu Sports Cars endete 1969, als Ferrari dazu überging, die Rennwagen selbst aufzubauen.
Zu den umfangreichsten Aufträgen der Carrozzeria Sports Cars gehörten die Rennsportwagen der Ferrari-330P-Reihe. 1963 debütierte der aus dem 275P entwickelte Ferrari 330P, dem im Jahr darauf der 330P2 folgte. Mit ihnen gewann Ferraris Werksmannschaft 1964 und 1965 die Sportwagen-Weltmeisterschaften. Der 330P und 330P2 waren wie ihre Vorgänger noch bei Fantuzzi entstanden; der Entwurf der offenen Stufenheckkarosserien kam von Pininfarina.Matthias Braun, Ernst Fischer, Manfred Steinert, Alexander Franc Storz: Ferrari Straßen- und Rennsportwagen seit 1946. Motorbuch Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-613-02651-3, S. 107. Parallel zu Fantuzzis Werks-330P2 baute die Carrozzeria Sports Cars eine etwa fünf Fahrzeuge umfassende Kleinserie mit eigenständigem, wiederum bei Pininfarina entwickeltem Design, die an Privatteams wie NART und Filipinetti verkauft wurden. Die zunächst inoffiziell als 330P2 Spyder Drogo bezeichneten Autos erhielten später vergrößerte Motoren mit 4,4 Litern Hubraum und liefen dann als Ferrari 365P2.Matthias Braun, Ernst Fischer, Manfred Steinert, Alexander Franc Storz: Ferrari Straßen- und Rennsportwagen seit 1946. Motorbuch Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-613-02651-3, S. 108–110.Leonardo Acerbi: Ferrari: A Complete Guide to All Models, MBI Publishing Company LLC, 2006, ISBN 9780760325506, S. 179.
Ab Saison 1966 stellte die Carrozzeria Sports Cars nicht nur die Kunden-, sondern auch die Werkswagen der 330P-Reihe her. Dort entstanden zunächst drei 330P3, deren Design Piero Drogo zugeschrieben wird. Stilistisch folgten die Autos allerdings im Grundsatz den von Pininfarina entworfenen 330P2 Spyder Drogo bzw. 365P2, die Sports Cars 1965 für die Privatteams gebaut hatte. In diesem Jahr musste sich Ferrari in der Weltmeisterschaft dem Konkurrenten Ford geschlagen geben. Zum Jahresende gingen einige 330P3 mit Drogo-Karosserien an die Privatteams Filipinetti, Maranello Concessionaires und NART, die sie äußerlich unverändert, aber mit modifizierter Antriebstechnik 1967 unter der Bezeichnung 412P einsetzten.Matthias Braun, Ernst Fischer, Manfred Steinert, Alexander Franc Storz: Ferrari Straßen- und Rennsportwagen seit 1946. Motorbuch Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-613-02651-3, S. 112.
1967 erschien im Werksteam der nochmals weiterentwickelte 330P4, der wieder eine Drogo-Karosserie hatte. Von ihm stellte die Carrozzeria Sports Cars drei Exemplare her.Matthias Braun, Ernst Fischer, Manfred Steinert, Alexander Franc Storz: Ferrari Straßen- und Rennsportwagen seit 1946. Motorbuch Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-613-02651-3, S. 111 f. Mit ihnen erzielte die Scuderia Ferrari mit den Paarungen Lorenzo Bandini/Chris Amon und Mike Parkes/Ludovico Scarfiotti jeweils Doppelsiege beim 24-Stunden-Rennen von Daytona 1967 sowie beim 1000-km-Rennen von Monza und gewann am Ende die Weltmeisterschaft vor Porsche.
Ferrari Dino 206P und 206S mini|Ferrari Dino 206 SP