mini|Erstausgabe bei Reichner Maria Stuart, verfasst von Stefan Zweig, ist die bekannteste Biografie der schottischen Königin Maria Stuart aus der Feder eines deutschsprachigen Autors.

Zweig porträtiert die vor ihm oft gegensätzlich dargestellte Maria Stuart ebenso anschaulich wie Elisabeth I., ihre große Gegenspielerin auf dem englischen Thron. 1935 erstmals bei Reichner veröffentlicht, überzeugt die romanhafte Biografie bis heute Leser wie Kritiker durch „ungebrochene Suggestivität“,Jens Bisky, in Süddeutsche Zeitung, 2. Juni 2007. Zitiert nach: Dieter Wunderlich: Stefan Zweig: Maria Stuart faktische Genauigkeit, psychologischen Scharfsinn, pointierte Urteile und sprachliche Brillanz.

Inhalt Maria Stuart ist gerade einmal sechs Tage alt, als sie Königin von Schottland wird. Sogleich beginnt man auch um sie zu werben, wobei das protestantische England unter Heinrich VIII. letztlich gegenüber dem stärksten Mitkonkurrenten, dem katholischen Frankreich unter Heinrich II., das Nachsehen hat. Als Fünfjährige bringt man Maria an den französischen Hof, wo ihr eine vorzügliche Bildung und Erziehung zuteilwird und sie Seite an Seite mit ihrem künftigen Gemahl, Franz II., aufwächst. Er ist 15 und sie 16, als sie den Thron Frankreichs besteigen. Ein gutes Jahr später ist Maria Witwe. Von ihrer Schwiegermutter Katharina de Medici verdrängt, kehrt sie 1561 in ihre Heimat zurück. Schottland ist religiös gespalten; obwohl selbst gläubige Katholikin bis in den Tod, weist Maria die aufstrebenden Protestanten – allen voran ihren Halbbruder Lord Moray, einen klug taktierenden Machtpolitiker – nicht in die Schranken.

Weniger nachgiebig zeigt sich Maria hingegen in einer anderen Frage, die noch weit mehr Konfliktpotenzial birgt. Sie erhebt Anspruch auf den englischen Thron. Elisabeth I., die diesen seit 1558 innehat, entstammt der zweiten Ehe Heinrichs VIII., deren Legitimität nicht unumstritten ist – ein Makel, der ihrer Großcousine Maria nicht anhaftet. Zwar wird Elisabeth im Vertrag von Edinburgh 1560 als Königin von England anerkannt, doch Maria weigert sich, diesen zu ratifizieren. Zudem führt sie in ihrem königlichen Wappen, neben der schottischen und französischen, auch die englische Krone. Ihr Wunsch, Elisabeth möge sie persönlich als ihre rechtmäßige Nachfolgerin anerkennen, erfüllt sich nicht. Ihre große Rivalin, die zeitlebens unvermählt und kinderlos bleibt, ist erst bereit einzulenken, als es gilt, einen der Brautwerber Marias zu verhindern, den sie als weitere Bedrohung empfindet – Lord Darnley, einen Enkel ihrer Tante und somit, wie Maria auch, Anwärter auf ihren Thron.

Elisabeths Zugeständnis kommt zu spät. Am 29. Juli 1565 wird die Ehe zwischen Maria und Darnley geschlossen. Wiewohl beiderseits auf Liebe gegründet, stellt sich bald schon Ernüchterung ein. Im gleichen Maß, wie Darnleys Arroganz zunimmt, verfliegt Marias Leidenschaft für ihn. Die Gunst, die sie nun ihrem italienischstämmigen Privatsekretär David Rizzio bezeigt, weckt Darnleys Eifersucht; zusätzlich genährt durch Gerüchte, das Kind, das Maria trägt, sei nicht von ihm. Auch den einheimischen Lords ist der fremde Emporkömmling ein Dorn im Auge. Beide Parteien schließen sich zu einem Mordkomplott zusammen, das sie mit voller Absicht im Gemach der Königin in ihrer Gegenwart vollziehen. Das brutale Verbrechen verändert Maria; von nun an beginnt auch sie zu taktieren und zu täuschen. Als Ersten hintergeht sie ihren Gatten; sie gewinnt ihn zurück, aber nur in der Absicht, den Rücken frei zu haben, um – mit Unterstützung tatkräftiger Männer, die sie ebenfalls auf ihre Seite zieht – die Zügel der Macht wieder fester in Händen zu halten. Der verwegenste ihrer Mitstreiter, der unabhängigste und ihr treuester zugleich, ist Bothwell.

Zu ihm entbrennt Maria in heißer Liebe. Wann und wie genau ihr gegenseitiges Vertrauen in Leidenschaft umschlägt, bleibt ungewiss; Ehebruch begehen beide. Der Eroberer Bothwell versteht ihre Beziehung als Episode, Maria als die Passion ihres Lebens. Halten und an sie binden kann ihn nur eins – die Krone. Frei ist diese nicht. Allerdings will man sich von dem, der sie trägt, dringend befreien, darüber sind sich die schottischen Lords mit Maria einig, noch bevor sie von ihrem Verhältnis mit Bothwell wissen; sie versichern ihr, das Richtige zu tun, das Wie solle sie ihnen überlassen. In der Nacht des 10. Februar 1567 kommt es zu einer gewaltigen Explosion in Kirk o' Field, wo Darnley sich aufhält; man findet ihn tot im Garten. Bothwell erwirkt vor Gericht seinen Freispruch und gilt gleichwohl als Hauptschuldiger. Dunkle Schatten fallen auch auf Maria; mehrere Indizien sprechen für ihre Mitwisser-, wenn nicht gar Mittäterschaft: ihre Rolle als Lockvogel für das Opfer, ihr beredtes Schweigen nach dessen Tod, die ebenso hastige wie heimliche Heirat mit Bothwell und die Agonie, in die sie danach verfällt. Die Lords wenden sich nun gegen sie; unter Druck trennt sie sich von Bothwell, dankt zugunsten ihres einjährigen Sohnes ab und wird in Loch Leven Castle festgesetzt. Nach einem Jahr entkommt sie spektakulär, schart Getreue um sich, unterliegt in einer Entscheidungsschlacht und flieht, auf politisches Asyl hoffend, weiter nach England.

Elisabeths erster Impuls ist, Maria ihrer königlichen Würde gemäß zu empfangen. Unter dem Einfluss ihrer Ratgeber rückt sie davon ab und macht zur Bedingung, zuvor müsse Maria von jeglichem Verdacht der Beihilfe zu Darnleys Ermordung befreit sein. Zunächst hält Maria dem entgegen, nur jemand ihres Ranges – sprich: Elisabeth selbst – als Richter anzuerkennen, lenkt aber schließlich ein und stellt sich der vom englischen Kronrat anberaumten „Konferenz“, auf der, als Hauptbelastungsmaterial gegen sie, auch ihre „Kassettenbriefe“ an Bothwell vorgebracht werden. Das Verfahren endet uneindeutig: Maria wird weder schuldig noch freigesprochen. Dieses Nicht-vor-noch-zurück wird nun zum Dauerzustand für sie über mehr als 15 Jahre. Zwar gewährt man ihr ein würdiges Leben, hält sie aber gefangen; zwar lässt man sie konspirieren, weiß aber über alles Bescheid. Erst Mitte der 1580er Jahre spitzt sich die Lage zuungunsten Marias zu: Ihr Sohn Jakob verweigert sich ihrem Versuch einer Aussöhnung und sichert sich stattdessen hinter ihrem Rücken die Thronfolge Elisabeths; ein Schmähbrief Marias an Elisabeth lässt eine Verständigung beider in weite Ferne rücken; die Gegenreformation bedroht akut das Leben der englischen Königin. Unter Federführung ihres Staatssekretärs Walsingham wird eine Intrige eingefädelt, die darauf abzielt, Maria dazu zu bringen, einen Anschlag auf Elisabeth schriftlich gutzuheißen. Das gelingt. Der Prozess gegen Maria endet mit dem Todesurteil. Elisabeth zögert ein halbes Jahr, bevor sie es unterzeichnet. Am 8. Februar 1587 wird Maria enthauptet.

Entstehung Nach Abschluss seiner Arbeiten über Marie Antoinette und Erasmus von Rotterdam hatte Zweig, nach eigenem Bekunden, „genug von Biographien“ und wollte eigentlich „einen lange geplanten Roman“ schreiben. Ein Besuch im Londoner British Museum brachte ihn von seinem Vorhaben ab. Angeregt durch den dort ausgestellten handschriftlichen Bericht über die Hinrichtung Maria Stuarts, kaufte er sich ein Buch über sie. Es verklärte sie als „Heilige“. Das zweite, das er sich besorgte, behauptete „ungefähr genau das Gegenteil“. Darauf erkundigte sich Zweig nach einem „wirklich verläßlichen“ Buch über sie, doch keiner konnte ihm eins nennen. Das weckte seine Neugier vollends. Wochenlange Recherchen in Bibliotheken folgten, sodass er, „ohne es recht zu wissen“, selbst über Maria Stuart zu schreiben begann – erneut in Form einer Biografie. Als er Anfang 1934 nach Österreich heimfuhr, stand sein Entschluss fest, ins „liebgewordene“ London zurückzukehren, um sie dort „in Stille zu vollenden“. Im Jahr darauf wurde sie dann bei Reichner, Wien, erstveröffentlicht.Stefan Zweig: Die Welt von gestern, Stockholm 1942. Zitate nach: Die Welt von gestern, Kapitel 17 Projekt Gutenberg-DE (alte Rechtschreibung).

Prämissen Zu seiner Neugier bekennt sich Zweig gleich mit dem allerersten Satz: „Das Klare und Offenbare erklärt sich selbst, das Geheimnis aber wirkt schöpferisch.“ Damit zielt er direkt auf das, was Maria Stuart für viele, Leser wie Autoren, so anziehend macht, wofür sie als das „geradezu klassische Kronbeispiel“ gilt: ihr „unausschöpfbarer Geheimnisreiz“. Noch innerhalb der kurzen Einleitung jedoch schränkt Zweig dies ein und reduziert das „Mysterium“ Maria auf ein menschliches Maß: „An sich ist der Charakter der Maria Stuart gar nicht so geheimnisvoll: er ist uneinheitlich nur in seinen äußeren Entwicklungen, innerlich aber vom Anfang bis zum Ende einlinig und klar.“

Zweigs Neugier ist mit dieser Erkenntnis nicht erloschen, sie hat sich im Zuge der Recherchen nur verschoben. Was ihn als Biograf Marias entzündet, ist die Entdeckung, dass er in ihr den Typus einer Frau verkörpert sieht, die ihre Erlebnisfähigkeit nicht sorgsam auf ihre Lebensspanne verteilt, sondern in wenigen Jahren bündelt, in einer einzigen Leidenschaft auslebt. Dies ist die zentrale These seiner Deutung der Person Maria Stuart.

Neben dem Versprechen einer gewissen Entmystifizierung und der Verheißung auf einen „sehr seltenen und erregenden“ Frauentypus wirbt Zweig einleitend aber auch in eigener Sache. Aus seiner Sicht sind diejenigen, die ihm vorausgingen, seien es Biografen oder Dichter, fast ausnahmslos mit dem Makel behaftet, dass sie in irgendeiner Weise befangen waren, hauptsächlich national oder religiös. Davon sieht er sich selbst frei. Er nimmt für sich in Anspruch, nicht weniger „leidenschaftlich“ zu sein und doch zugleich „unparteiisch“; er kann und will Subjektivität nicht völlig ausschließen und strebt dennoch Urteile an, die er „mit bestem Wissen und Gewissen als Objektivität empfindet“; er weiß, dass „die ausschließliche Wahrheit“ unerreichbar ist und versteht sich, als Biograf, gleichwohl als „wirklicher Wahrheitssucher“.Stefan Zweig: Maria Stuart; Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1959, S. 7–11 (alte Rechtschreibung).

Form Genre Die ebenso gründlich recherchierte wie leicht verständliche Biografie lässt sich keinem Subgenre eindeutig zuordnen. Zwar wird ein Verzeichnis der Hauptpersonen vorangestellt, ähnlich wie bei einem Drama; ein vollständiges Namens- oder Schlagwortregister fehlt hingegen. Vor allem aber verzichtet Zweig auf jeglichen Nachweis über die von ihm verwendeten Quellen. Obwohl er erkennbar aus vielen schöpft und alle richtungsweisenden Ereignisse aus Marias Leben einfließen lässt, erhebt seine Biografie daher keinen wissenschaftlich-akademischen Anspruch. Ein biografischer Roman ist Maria Stuart aber auch nicht. Anders als beispielsweise Schiller in seinem gleichnamigen Drama, erfindet Zweig nichts, was nicht überliefert wäre, weder Zitate noch ganze Szenen. Allerdings malt er diese aus, versetzt sich gelegentlich in die Innenwelt seiner Protagonisten und gibt deren mögliche Gedanken und Gefühle so wieder, als wären es tatsächliche. Zeitweise verfährt er also, ohne dies kenntlich zu machen, wie ein auktorialer Erzähler. Für den Leser wird das Geschilderte dadurch natürlich lebendiger. Auch der Gebrauch des historischen Präsens trägt dazu bei.

Stil Stellvertretend für viele andere Textpassagen, hier der Schluss des achten Kapitels, in dem die Planung und Ausführung des Mordes an Rizzio, Marias Privatsekretär, geschildert wird: