mini|De re publica, Fragment (Palimpsest). Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus Lat. 5757, fol. 277r (4./5. Jahrhundert) Die Schrift De re publica (lateinisch, Über das Gemeinwesen) ist ein staatstheoretisches Werk des römischen Politikers und Philosophen Marcus Tullius Cicero, das aus sechs Büchern besteht, deren Inhalt jedoch nur teilweise überliefert ist. Es wurde in den Jahren 54 bis 51 v. Chr. verfasst. Das Werk behandelt die Frage nach der besten Staatsform und dem optimalen Staatslenker und ist in Form eines platonischen Dialogs mit Scipio Aemilianus in der Hauptrolle geschrieben.
Entstehung Ciceros Werke und Briefe sind die Hauptquellen für die Entstehung der Schrift. Im Jahr 44 v. Chr. schrieb er in De divinatione, er habe mit der Arbeit an dem Werk begonnen, als er „das Ruder des Staates führte“.Cicero, de Divinatione II,3, abgerufen am 25. Mai 2025: „Atque his libris adnumerandi sunt sex de re publica, quos tum scripsimus, cum gubernacula rei publicae tenebamus.“ Peter von Richarz (1829) schließt nicht aus, dass erste Entwürfe zum späteren Werk tatsächlich schon während Ciceros Konsulat im Jahr 63 v. Chr. entstanden sein könnten. Im Frühjahr 54 v. Chr. schreibt er von einem seiner Landgüter, dem Cumanum, an seinen Bruder Quintus:
„Ich arbeite an einem staatswissenschaftlichen Werk (politiká), von dem ich sprach, eine mühsame und mühevolle Arbeit. Aber wenn es mir nach Wunsch gelingt, ist die Mühe gut angelegt; wenn nicht, werfe ich es geradewegs ins Meer, in dessen Anblick ich schreibe [...].“Cicero, Epistulae ad Quintum fratrem 2,13,1; vgl. 3,5,1, abgerufen am 25. Mai 2025
In etwa zur selben Zeit bittet Cicero seinen Freund Atticus, dessen Bibliothek auch in Abwesenheit des Besitzers benutzen zu dürfen.Cicero, Epistulae ad Atticum 4,14,1, abgerufen am 25. Mai 2025 Es gehe ihm insbesondere um die von Varro abgefassten Bücher. Anfang Juli teilt Cicero mit, dass er in seiner Schrift den Scipionenkreis über den Staat debattieren lassen möchte; dabei könne er, wie Atticus es gewünscht habe, in den geplanten Vorreden zu den einzelnen Büchern auch Varro erwähnen.Cicero, Epistulae ad Atticum 4,16,2, abgerufen am 25. Mai 2025 Atticus war wie Varro mit Cicero befreundet und bat hier den einen um die Erwähnung des anderen – wahrscheinlich auf Veranlassung des Varro.
Im Herbst 54 berichtet Cicero seinem Bruder Quintus wieder von seinen Fortschritten:Cicero, Epistulae ad Quintum fratrem 3,5,1f, abgerufen am 25. Mai 2025 Zwei Bücher seien bereits fertiggestellt, geplant seien neun. Jedes Buch gebe Dialoge wieder, die während einem der neun novendialis feriae – bewegliche, von den Konsuln angeordnete Festtage – des Jahres 129 v. Chr. geführt worden seien. Die Dialoge finden somit kurz vor dem Tod des Scipio Africanus statt, dem in diesen Debatten unter Freunden eine dem Sokrates vergleichbare Rolle zukommen sollte. Inhaltlich solle es um die beste Staatsform und den besten Bürger gehen (de optimo statu civitatis et de optimo cive). Den bislang fertigen Text ließ sich Cicero auf seinem Tusculanum vorlesen, und zwar in Anwesenheit des Sallust. Dieser kritisierte, dass man sogleich erkenne, dass der Gesprächsinhalt erfunden sei, da er für die Zeit des Scipionenkreises anachronistisch wirke. Dieses leuchtete Cicero unmittelbar ein, und er gab seinem Bruder gegenüber zu, dass es seine Absicht gewesen sei, den Dialog in die Vergangenheit zu legen, um keine Zeitgenossen vor den Kopf zu stoßen (ego autem id ipsum tum eram secutus, ne in nostra tempora incurrens offenderem quempiam). Wegen Sallusts Einwurf wollte Cicero seinen Plan ändern. Dennoch schickte er seinem Bruder die beiden fertigen Bücher zur Begutachtung.
Letztlich blieb Cicero dann doch bei seinem ursprünglichen Plan. Statt der neun avisierten Bücher wurden es allerdings ihrer sechs.Cicero, Tusculanae disputationes 4,1; de divinatione 2,3, abgerufen am 25. Mai 2025 Diese sechs Bücher enthalten Gespräche, die an drei statt neun Tagen im Jahr 129 v. Chr. stattfinden. Das heißt, jeweils zwei Bücher sind einem Tag gewidmet. Anlass sind nun die Feriae Latinae, die Feiertage des Latinerfests zu Ehren Iuppiters. Abgeschlossen wurde die Schrift 51 v. Chr. In diesem Jahr hat Atticus sie zum ersten Mal gelesen,Cicero: ad Atticum V, 12, 2, abgerufen am 25. Mai 2025 und am 24. Mai 51 v. Chr. schreibt Marcus Caelius Rufus an Cicero, dass dessen politische Bücher überall in Ansehen stünden.Cicero, Epistulae ad familiares 8,1,4, abgerufen am 25. Mai 2025.
Werkgeschichte Ciceros Schrift De re publica wurde noch im 5. Jahrhundert viel gelesen und beachtet. Dies zeigt sich darin, dass sie sowohl von heidnischen als auch von frühen christlichen Autoren häufig zitiert wurde. Dann endete jedoch die Beschäftigung mit diesem Werk aus erster philosophischer Phase und es galt als verloren. Man kannte den Inhalt lediglich aus den Fragmenten und Zitaten bei anderen Autoren, während eine Originalüberlieferung unauffindbar war. Erst 1819 fand Angelo Mai in der Vatikanischen Bibliothek einen ursprünglich aus der Abtei Bobbio stammenden Palimpsest (Vatikanstadt, BAV lat. 5757). Überschrieben von einem Psalmenkommentar des Augustinus waren große Teile des ersten und zweiten Buches erhalten geblieben, ferner Abschnitte des dritten, vierten und fünften Buches, aber nichts vom sechsten. Der Großteil des sechsten Buches war ohnehin durch die gesonderte Überlieferung des Somnium Scipionis bekannt geblieben.Reclams Lexikon der griechischen und römischen Autoren. Von Bernhard Kytzler, Philipp Reclam jun., Stuttgart 1997, S. 95. Man versuchte, vorhandene Fragmente und Zitate dem Kontext entsprechend einzuordnen.
Anlage Um es seinem Vorbild, dem griechischen Philosophen Platon, gleichzutun, verfasste Cicero sein philosophisches Hauptwerk in der Dialogform. So teilt es nicht nur den Titel (Vom Gemeinwesen) mit seinem griechischen Pendant, der Politeia (gr. , etwa: Staat, Verfassung). Schon in der Auswahl der Gesprächspartner (siehe unten) kommt jedoch der römische Charakter des Werks zum Ausdruck, indem Cicero Politiker, Männer der politischen Praxis, miteinander diskutieren ließ, wohingegen Platon seinerzeit Philosophen, Theoretiker, in die Hauptrollen setzte. Im Werk Platons ist Sokrates die Hauptperson dieses fiktiven Gesprächs und erzählt es selbst am nächsten Tag. Cicero dagegen ist in dem fiktiven Gespräch, in das er seine Lehren vom Staat einkleidete, nicht selbst anwesend, sondern lässt es eine Generation früher stattfinden. Der Gewährsmann, von dem er es erfahren haben wollteCicero, de re publica 1,13. Cicero traf ihn, wie er hier selbst mitteilt, in Smyrna, also während seiner Studienreise nach Griechenland im Jahr 78 v. Chr., war Publius Rutilius Rufus. In dessen Darstellung, so also Cicero, fand das – rein fiktive – Gespräch an den drei Tagen des Latinerfestes im Jahre 129 v. Chr. im Landhaus des Publius Cornelius Scipio Aemilianus Africanus, der zur Unterscheidung von seinem Adoptivgroßvater heute „der Jüngere“ genannt wird, statt. Er ist die Hauptperson des Gesprächs über den idealen Zustand des römischen Staats, und weil er im selben Jahr 129 v. Chr. starb, kann Cicero das Werk wie eine Art Vermächtnis an die Römer gestalten. Das 6. Buch mit dem Jenseitstraum des Scipio – auch dies eine Parallele zum Mythos des Er im letzten Buch von Platons Staat – wirkt auf die Leser, die ja Scipios Todesjahr kannten, wie eine Vorahnung seines Todes. Die Unterhaltungen verteilten sich auf drei Tage, wobei jeder Tag zwei Bücher ausmacht. An den Anfang jedes dieser drei Buchpaare stellte Cicero ein ProömGeorg Pfligersdorffer: Politik und Muße. Zum Proömium und Einleitungsgespräch von Ciceros De re publica. W. Fink, München 1969. als persönliche Vorrede. Das Werk beginnt mit einer Rechtfertigung für sein Zustandekommen. Gleichzeitig führt Cicero Beispiele für politisches Handeln an und sieht es als Pflicht, sich für den Staat zu engagieren. Erst nach diesem Proömium beginnt das eigentliche Gespräch.
Inhalt + Staatsformenschema nach Cicero Anzahl derHerrscher GuteFormen Merkmal SchlechteFormen Merkmal Einer regnum(Königtum) Fürsorge(caritas) Tyrannis Hochmut(superbia) Einige civitas optimatium(Optimatenherrschaft) Klugheit(consilium) Oligarchie Cliquenbildung(factio) Alle civitas popularis(Volksherrschaft) Freiheit(libertas) Anarchie(Ochlokratie) Zügellose Masse(licentia)
Die ersten beiden Bücher behandeln hauptsächlich staatstheoretische Fragen. So wird Stellung zu den drei Verfassungsformen – Monarchie, welche als beste der drei reinen Staatsformen anzusehen sei (der Alleinherrscher als treusorgender „Vater“ des Volkes), Aristokratie und Demokratie (wobei er jedoch in jeder dieser Staatsformen Fehler erkennt und sie für dauerhaft nicht praktikabel einstuft) – genommen. Letztlicher Schluss aus dieser Diskussion der Verfassungsformen ist ein Loblied auf die Mischverfassung, welche die positiven Elemente aller Verfassungen vereint. Dies spiegelt sich in der Staatsform der römischen Republik mit Konsuln (Monarchie), Senat (Aristokratie) und Bürgerversammlung (Demokratie) wider, deren Entstehung Cicero im 2. Buch beschreibt.
Das Gemeinwesen, den Staat, definiert Cicero wie folgt:
Die Ursache einer Staatsgründung liegt nach Cicero vordergründig nicht in der Schwäche (imbecillitas), sondern im natürlichen, instinktiven Herdentrieb (congregatio) des Menschen.
Die Bücher drei und vier beschreiben die Gerechtigkeit und die Gesetzgebung, fünf und sechs den besten Staatsmann. Das sechste Buch enthält das Somnium Scipionis, den Traum Scipios, das gesondert überliefert wurde und uns nur deshalb bekannt ist.
Gesprächsteilnehmer Die folgenden Personen, allesamt Staatsmänner, lässt Cicero am fiktiven Gespräch teilhaben:
Gaius Fannius
Gaius war ein guter Offizier, Redner und Staatsmann. Außerdem gehörte er zu den hervorragenden römischen Historikern, die auch in der Politik eine große Rolle gespielt haben. Er verfasste annales, in denen er von den Anfängen Roms schrieb, wie der Titel aussagt. Aber er hat auch die Zeitgeschichte berücksichtigt und in ihr vor allem Scipio verteidigt und herausgehoben. 146 v. Chr. bestieg er zusammen mit Tiberius Gracchus als erster die Mauern Karthagos. 122 v. Chr. erlangte er das Konsulat durch den Einfluss des Gaius Gracchus. Als dieser jedoch dem Senat den Antrag stellte, den Latinern das volle Bürgerrecht und den Italikern das latinische Bürgerrecht zu übertragen, distanzierte sich Gaius Fannius von der Partei des Gracchus. Er war der Schwiegersohn des Laelius, von dem im Folgenden noch mehr berichtet wird. Cicero lässt ihn an keiner Stelle der überlieferten Teile reden, sondern erwähnt ihn nur namentlich.
Gaius Laelius Sapiens (der Jüngere) Er wurde etwa um 190 v. Chr. geboren und wurde als Offizier, Staatsmann und Redner bekannt. 145 v. Chr. wurde er als Prätor und 140 v. Chr. als Konsul gewählt. Durch seine Freundschaft mit dem jüngeren Scipio und durch seine kluge Denkart und seine philosophischen Interessen, die ihn zu den Stoikern hinzogen, war er ebenfalls ein Mitglied des Scipionenkreises.