mini|Ion Keith-Falconer (vor 1887) Hon. Ion Grant Neville Keith-Falconer (* 5. Juli 1856 in Edinburgh; † 11. Mai 1887 in Sheikh Othman bei Aden, Jemen) war ein britischer Theologe, Philologe, Missionar und Radrennfahrer. Er beherrschte mehrere Sprachen, war Professor für Arabisch an der University of Cambridge sowie dreifacher nationaler Meister im Radsport. 1886 begründete er eine christliche Mission in der Nähe von Aden und starb dort im Jahr darauf, mutmaßlich an Malaria.

Biographie Familie mini|Der Familiensitz Keith Hall bei Inverurie (1909) Ion Keith-Falconer war der dritte Sohn des Francis Keith-Falconer, 8. Earl of Kintore (1828–1880), aus dessen Ehe mit Louisa Madaleine Hawkins (1828–1916). Er hatte fünf Geschwister: drei Brüder und zwei Schwestern. Sein ältester Bruder war Algernon Keith-Falconer, späterer 9. Earl of Kintore und Gouverneur von South Australia. Der Clan Keith führt seine Geschichte bis auf das Jahr 1010 zurück, als ein Ahne den schottischen König Malcolm II. in der legendären (nicht historischen) Battle of Barry gegen eine Invasion der Dänen erfolgreich unterstützt haben und dafür mit Grundbesitz belohnt worden sein soll.Robson: Ion Keith-Falconer. S. 1. Die Familie war sehr religiös und der Vater ein prominentes Mitglied der calvinistischen Church of Scotland.Robson: Ion Keith-Falconer. S. 6.

Im März 1884 heiratete Ion Keith-Falconer Gwendolen Bevan, Tochter und eines der 16 Kinder von Robert Cooper Lee Bevan, Senior Partner der Barclays Bank; die kirchliche Trauung fand in Cannes statt.Robson: Ion Keith-Falconer. S. 65. Die Ehe blieb kinderlos. Nach Keith-Falconers Tod 1887 heiratete seine Witwe Gwendolen 1894 in Indien den britischen Offizier Frederick Ewart Bradshaw und wurde Mutter von zwei Töchtern. Sie starb 1937. Eine ihrer Schwestern war die Autorin Nesta Webster, die dem Faschismus nahestand, einer ihrer Brüder Anthony Ashley Bevan, ein Arabist wie ihr Ehemann, und ein weiterer Bruder der Philosoph Edwyn Bevan.Anthony Ashley Bevan folgte 1893 seinem Schwager Ion Keith-Falconer als Lord Almoner’s Professor of Arabic in Cambridge.

Schule, Ausbildung und Beruf Seine Kinder- und Jugendzeit verbrachte Ion Keith-Falconer auf dem Familiensitz Keith Hall bei Inverurie. Dort wurden er und sein Bruder Dudley von einem Privatlehrer unterrichtet, bis er ab dem Alter von elf Jahren eine Vorbereitungsschule (Preparatory school) in Cheam bei Epsom besuchte; Dudley blieb wegen seiner schwachen Gesundheit zuhause. Mit 13 Jahren wechselte Ion Keith-Falconer auf die Harrow School.Robson: Ion Keith-Falconer. S. 10. Er war dort einer der besten Schüler und gewann mehrfach Preise für seine Leistungen in Deutsch. 1873 verließ er Harrow und wurde fortan mit drei anderen Jungen zur Vorbereitung seines Besuchs der University of Cambridge von einem Vikar in Hitchin unterrichtet, vorrangig im Fach Mathematik, das er ursprünglich studieren wollte.Robson: Ion Keith-Falconer. S. 15.Green, Cortis, Falconer. S. 34. Auch beschäftigte er sich mit der Tonic-sol-fa-Lehrmethode für den Gesangsunterricht.Robson: Ion Keith-Falconer. S. 16. Im Jahr 1873 starb sein Bruder Dudley, der ihm sehr nahegestanden hatte, 1877 ein weiterer, jüngerer Bruder namens Arthur.Robson: Ion Keith-Falconer. S. 17.

Im Oktober 1874 nahm Keith-Falconer ein Studium der Theologie und Religionswissenschaft am Trinity College in Cambridge auf, nach dessen Abschluss er Hebräisch und Semitische Sprachen studierte. Mehrfach wurde er für seine akademischen Leistungen ausgezeichnet; dennoch habe er nicht als „Streber“ gegolten.Robson: Ion Keith-Falconer. S. 13. 1881 erlangte er den Abschluss als Magister (MA). Da er ein spezielles Interesse für Arabisch entwickelt hatte, ging er für weitere Studien nach Leipzig, wo er unter anderem Vorlesungen bei Friedrich Delitzsch hörte. In einem Brief berichtete er über den Antisemitismus in den Schriften von August Rohling und gab seinen Eindruck wieder, dass es in Deutschland eine „generelle antijüdische Agitation“ gebe.Sinker: Memorials. S. 95. Anschließend reiste er nach Ägypten, um neben dem klassischen Arabisch die Alltagssprache zu erlernen.Robson: Ion Keith-Falconer. S. 51 f. Sein Ziel war es, durch das Erlernen der Sprachen verschiedene heilige Schriften miteinander vergleichen zu können, um ein Gesamtbild zu erlangen. So war seine Überzeugung, dass jeder der „heiligen Schreiber“ biblischer Texte eine eigene Inspiration gehabt und Gott diese nicht als bloße „passive Instrumente“ benutzt habe, da Gott es gewesen sei, der ihnen Menschlichkeit und Individualität verliehen habe. Zwar handele es sich dabei um Gottes Wort, dennoch sei die Bibel nicht „vom Himmel gefallen“.Grafton, The Legacy of Ion Keith-Falconer, S. 149.

Nach weiteren Auslandsreisen kehrte er 1882 nach Cambridge zurück, um eine Übersetzung des klassischen arabischen Textes Kalīla wa Dimna aus dem Syriakischen zu erstellen, die 1885 veröffentlicht und von Kollegen gelobt wurde.Robson: Ion Keith-Falconer. S. 62. Anschließend wurde er von der Universität mit verschiedenen Lehraufträgen betraut und zum Prüfer für Semitische Sprachen ernannt.Sinker: Memorials. S. 137. Zudem wurde er gebeten, für die Encyclopædia Britannica einen Beitrag über die Kurzschrift nach Isaac Pitman zu verfassen, die er sich als Schüler selbst beigebracht hatte.Robson: Ion Keith-Falconer. S. 12.Robson: Ion Keith-Falconer. S. 67. Diese Schrift hatte er 1878 dazu genutzt, die Reden auf der ökumenischen Broadlands Conference mitzuschreiben, so dass sie veröffentlicht werden konnten.The Advertiser (Adelaide), 9. April 1889, S. 5. Als er einmal in einer Kirche die Predigt in Kurzschrift mitschrieb, empörte sich seine Sitznachbarin über den „ungezogenen Jungen“, der während des Gottesdienstes „gemalt“ habe, wie er 1884 in einem Brief berichtete.

Radsport mini|Ion Keith-Falconer (ohne Kappe, ganz in Weiß) im Cambridge University Bicycle Club, ca. 1877 mini|hochkant|Mit Hochrad 1878 Keith-Falconer erlernte während seiner Schulzeit in Harrow das Fahrradfahren, zunächst auf einem niedrigen Tretkurbelrad. Als Student in Cambridge wechselte er auf das Hochrad, war von 1874 bis 1882 als Radsportler aktiv und bekam wegen seiner Religiosität den Beinamen „Muscular Christian“. Mit diesem Beinamen wurde Bezug genommen auf die Philosophie der „Muscular Christianity“, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien und den USA entstand und Eigenschaften wie den christlichen Glauben, Patriotismus und Sportlichkeit zur Persönlichkeitsbildung propagierte. Siehe veritesport.org (PDF; 124 kB) 1874 unternahm er eine Fahrt mit dem Hochrad von Bournemouth nach Hitchin über 135 Meilen (217 km) in 19 Stunden und 15 Minuten (reine Fahrzeit ca. 16 Stunden) und schrieb darüber einen Artikel für die Zeitschrift The Field, the Country Gentleman’s Newspaper. Der Radrennfahrer und Publizist George Lacy Hillier bezeichnete diesen Artikel als „einen der ersten ausführlichen Berichte, die unserem Sport gewidmet waren“, mit dem Keith-Falconer das Fahrradfahren populär gemacht habe, zumal der Autor „einen so guten Namen wie den seinen“ trage.

Keith-Falconer war mit über 1,90 Metern für die damalige Zeit ungewöhnlich groß. Daher fiel es ihm leichter als seinen Konkurrenten, große Hochräder zu beherrschen, was ihm bei Radrennen Vorteile verschaffte. Aus begüterter Familie stammend, konnte er es sich leisten, die besten (und größten) Fahrrad-Modelle für sich bauen zu lassen und sich Zeit für das Training zu nehmen. In Cambridge pries man ihn als den „schnellsten Radsportler der Welt“, da er mehrfach nationale Rekorde aufstellte. Trotz allem war er mehr an seinem Studium interessiert als am Radsport, der für ihn nur der Ausgleich für die Arbeit am Schreibtisch war. So vergaß er mitunter bei Rennen zu starten, für die er gemeldet hatte, weshalb Lacy-Hillier ihn, über den sonst nur lobend gesprochen wurde, als „unzuverlässig“ kritisierte.Green, Cortis, Falconer. S. 35.

Keith-Falconer empfahl das Fahrradfahren als Mittel zur „Charakterbildung“, da es „die jungen Kerle von Kneipen, Varietétheatern, Spielhallen und anderen Fallen“ fernhalte. Er verabscheute Alkohol, Fluchen und Wetten; so boykottierte er aus Protest einen Universitäts-Wettbewerb, weil darauf gewettet werden konnte. Am 1. Mai 1877 wurde er zum Präsidenten des London Bicycling Club gewählt und blieb dies neun Jahre lang, was wiederum für seine Beliebtheit bei Altersgenossen sprach.Robson, Ion Keith-Falconer. S. 26. Ebenso war er Präsident des Cambridge University Bicycle Club (CUBiC), der über eine eigene Radrennbahn verfügte, und gehörte zu den Mitbegründern der nationalen englischen Bicycle Union.

1876 wurde Keith-Falconer in Lillie Bridge englischer Amateur-Meister über vier (6,4 km) und 1878 über zwei Meilen (3,2 km).Die Angaben über diese Meisterschaften sind widersprüchlich. Während die The Badminton Library of Cycling von 1901 und weitere Quellen diese Informationen bereitstellen, gibt Angelo Gardellin in seinem Buch Storia del Velocipede e dello Sport Ciclistico (S. 223) aus dem Jahre 1947 an, Keith-Falconer sei 1876 und 1878 englischer Meister über die Kurzstrecke von einer Meile geworden. Den Angaben einer englischen, zeitnahen Quelle ist der Vorzug zu geben. Im Oktober 1878 schlug er in Cambridge den Berufsfahrer John Keen bei einem Rennen über zwei Meilen um fünf yards (weniger als 5 m); solche Rennen „Amateur gegen Profi“ waren damals nicht üblich und benötigten einer Genehmigung des neu gegründeten Verbandes Bicycle Union. Gegen den Berufsfahrer Frederick Cooper hingegen verlor er zwei Rennen im Jahr darauf. Im Juni 1881 machte er eine 13-tägige Tour über 994 Meilen (1600 km) von Land’s End nach John o’ Groats, sein detaillierter Bericht über diese Fahrt erschien in mehreren Zeitungen.Robson: Ion Keith-Falconer. S. 32. Im Juli 1882 bestritt er auf dem Gelände des Crystal Palace bei London sein letztes wichtiges Rennen, bei dem er englischer Amateur-Meister über 50 Meilen (80 km) wurde und dabei den bestehenden Rekord um sieben Minuten verbesserte.Robson: Ion Keith-Falconer. S. 30.Ritchie: Early Bicycles. S. 66.

Glaube und Missionarstätigkeit

Schon im Alter von sieben Jahren soll Ion Keith-Falconer Bibellesungen gehalten haben, wozu er ohne Wissen seiner Familie Landarbeiter in ihren Häusern aufsuchte.Robson: Ion Keith-Falconer. S. 8. Während seiner Studienzeit in Cambridge engagierte er sich in der nahegelegenen Siedlung Barnwell, die durch den Zuzug von Eisenbahnarbeitern stark angewachsen war und wo in der Folge soziale Missstände herrschten. Gemeinsam mit Freunden und Bekannten brachte er Geld auf, um ein ehemaliges Theater in eine Mission umzuwandeln, wo regelmäßig Gottesdienste stattfanden.Robson: Ion Keith-Falconer. S. 38. Auch engagierte er sich in der Mission im Londoner Stadtteil Tower Hamlets, einem mehrheitlich von Armen bewohnten Gebiet; dort fanden nicht nur geistliche Veranstaltungen statt, sondern etwa im Winter 1879, als viele Menschen hungerten, auch regelmäßige Armenspeisungen. Er initiierte dort ebenfalls die Einrichtung einer Assembly Hall und engagierte sich selbst finanziell.Robson: Ion Keith-Falconer. S. 46 f.