Die Siedlungskammer Bliesbruck-Reinheim erstreckt sich von der saarländischen Gemeinde Gersheim-Reinheim im Bliesgau, auf der deutschen Seite, bis zur französischen Gemeinde Bliesbruck. Das Einzugsgebiet der Siedlungskammer hatte zur gallorömischen Zeit einen Radius von ca. 10 Kilometern. Durch archäologische Funde konnte eine durchgängige Besiedlung von der späten Bronzezeit bis in die ältere Merowingerzeit nachgewiesen werden. Zu den bekanntesten Funden der Siedlungskammer gehört das 1954 entdeckte Fürstinnengrab von Reinheim, ein römischer Vicus, der ca. 2000 Einwohner zählte, sowie eine römische Palastvilla. Ein Teil der Siedlungskammer gehört heute zum Europäischen Kulturpark Bliesbruck-Reinheim. Bereits seit den 1970er Jahren werden auf dem Gebiet systematische Ausgrabungen durchgeführt.
Lage und Geologie Die Siedlungskammer liegt in einer Talerweiterung der Blies zwischen der deutschen Gemeinde Gersheim-Reinheim und der französischen Gemeinde Bliesbruck und gehört zu dem Gebiet des im südöstlichen Saarlandes gelegenen Bliesgau. Der Talgrund liegt im unteren Muschelkalk, der durch kiesige und sandige Ablagerungen überdeckt ist. Darunter befinden sich Buntsandsteinschichten. Die Hochflächen der Siedlungskammer liegen im oberen Muschelkalk.Jochen Kubiniok: Von der Natur- zur Kulturlandschaft. Der Bliesgau und die Siedlungskammer Bliesbruck-Reinheim. In: Jean-Paul Petit (Hrsg.): Bliesbruck-Reinheim. Kelten, Römer und Franken in Lothringen und im Saarland (= Dossiers d’Archéologie. Sonderheft Nr. 24), Éditions Faton, 2013, , S. 108–113. Das geografische Zentrum stellt eine als Homerich bezeichnete ca. 27 ha umfassenden Erhebung mit einem ca. 5 ha großen Hochplateau dar.Walter Reinhard: Der Fürstensitz von Reinheim In: Jean-Paul Petit (Hrsg.): Bliesbruck-Reinheim. Kelten, Römer und Franken in Lothringen und im Saarland (= Dossiers d’Archéologie. Sonderheft Nr. 24), Éditions Faton, 2013, , S. 13–14.
Grabungsgeschichte Erste Funde sind bereits aus dem Jahr 1760 überliefert. Erste offizielle Ausgrabungen wurden auf dem Areal zwischen 1806 und 1809 durchgeführt. Beim Sandabbau wurde dann im Jahr 1954 das Fürstinnengrab von Reinheim entdeckt und bei Grabungen bis 1957 zwei weitere zu dieser Nekropole gehörige Hügelgräber. Weitere Funde in den 1970er Jahren führten dann zu Rettungsgrabungen, die bis 1979 andauerten. Im Anschluss daran erfolgten Forschungsgrabungen, in deren Verlauf unter anderem ein römischer Vicus mit Therme und Handwerkerviertel und eine römische Palastvilla freigelegt wurden. 1989 wurde dann, unter der Trägerschaft des Saarpfalz-Kreises und des Département Moselle, der grenzüberschreitende Europäische Kulturpark Bliesbruck-Reinheim gegründet. Die Forschungs- und Ausgrabungsarbeiten dauern bis heute an.Jean-Paul Petit: Bliesbruck-Reinheim. Von einer Rettungsgrabung zum Europäischen Kulturpark In: Bliesbruck-Reinheim. Kelten, Römer und Franken in Lothringen und im Saarland (= Dossiers d’Archéologie. Sonderheft Nr. 24), Éditions Faton, 2013, , S. 4–7.
Siedlungsgeschichte Durch archäologische Funde auf den zur Siedlungskammer Bliesbruck-Reinheim gehörigen Fluren lässt sich eine durchgängige Siedlungsgeschichte von der späten Bronzezeit (13. Jahrhundert v. Chr.) über die Hallstattzeit, die Latènezeit und die Römerzeit bis in die ältere Merowingerzeit (7. Jahrhundert n. Chr.) nachweisen.Walter Reinhard: Der Fürstensitz von Reinheim In: Jean-Paul Petit (Hrsg.): Bliesbruck-Reinheim. Kelten, Römer und Franken in Lothringen und im Saarland (= Dossiers d’Archéologie. Sonderheft Nr. 24), Éditions Faton, 2013, , S. 8. Insbesondere der 1999 auf der Flur Auf dem Sand entdeckte Friedhof in Reinheim belegt diese kontinuierliche Besiedlung. Dort wurde anhand von Grabfunden eine kontinuierliche Belegung vom ca. 800 v. Chr. bis 500 n. Chr. nachgewiesen. Eine Hochrechnung anhand der Zahl der auf einer Fläche von 200 m² gefundenen Gräber ergab, dass auf dem mehrere Hektar großen Areal mit ca. 2.500 Bestattungen pro Hektar zu rechnen ist.Walter Reinhard: 1000 Jahre Friedhof in Bliesbruck-Reinheim. In: Ministerium für Umwelt – Landesdenkmalamt (Hrsg.): Denkmalpflege im Saarland (= Jahresbericht 2006). Merziger Druckerei und Verlag GmbH & Co. KG, 2006, , S. 17. (online) Der Radius des Einzugsgebietes der Siedlungskammer betrug zur gallorömischen Zeit ca. 10 km.Andreas Stinsky: Landschaftsarchäologische Untersuchungen zur römerzeitlichen Besiedlung im Umland von Bliesbruck-Reinheim – ein Vorbericht. In: Archäologie in der Großregion (= Archäologentage Otzenhausen. Band 1). Europäische Akademie Otzenhausen, 2015, ISBN 978-3-941509-12-2, S. 189. ()
Paläolithikum Mesolithikum und Neolithikum In dem spätbronzezeitlichen Siedlungsareal an der Blies konnten Funde aus der Zeit des Mesolithikums (10000 bis 5500 v. Chr.) gemacht werden.Emil Hoffmann: Altpaläolithische Fundplätze im Bliesgau (Saarpfalz-Kreis). Books on Demand, 2009, ISBN 978-3-8370-5273-2, S. 22. () Es handelt sich dabei um Einzelfunde steinzeitlichen Werkzeugs. Bei Grabungen auf dem Homerich wurden im Jahr 2009 mehrere zylindrische Gruben gefunden. Aufgrund der Fundlage und des dort bestehenden Hornsteinvorkommens und ihrer Ähnlichkeit mit steinzeitlichen Hornsteinbergwerken kann vermutet werden, dass es sich hierbei um steinzeitliche Abbaustätten von Hornstein handelt.Walter Reinhard: Erster Feuersteinbergbau im Saarland auf dem Homerich von Reinheim? In: Ministerium für Umwelt – Landesdenkmalamt (Hrsg.): Denkmalpflege im Saarland (= Jahresbericht 2009. Band 8). Verlag, 2009, , S. 34–37. (online) Zugehörige Siedlungsspuren von Häusern oder Gräbern konnten bisher allerdings nicht nachgewiesen werden. Die Funde belegen allerdings, dass in dieser Zeit bereits Menschen in der Siedlungskammer aktiv waren.
Bronzezeit, Hallstatt- und Latènezeit Entlang des Bliesufers, auf dem Gebiet des heutigen Kulturparks, konnte ein spätbronzezeitliches Siedlungsareal nachgewiesen werden, an das sich ein spätbronzezeitliches Gräberfeld anschließt. Bei der Untersuchung wurden verschiedene Siedlungsspuren gefunden. Die Siedlungskammer lag an der vorgeschichtlichen Duser Fernhandelsstraße, die von Ostfrankreich bis ins Mittelrheingebiet führte und auf der Waren und vor allen Dingen Salz aus Frankreich transportiert wurden. Diese Straße sowie der Warenaustausch über Rhein und Nahe ermöglichten weitreichende Handelsbeziehungen. So können anhand von Funden bereits in der Hallstattzeit Handelsbeziehungen bis in den Raum Koblenz nachgewiesen werden. Weitere Funde belegen Handelsbeziehungen bis Baden-Württemberg, in den Ostseeraum sowie nach Zentralfrankreich und in den Mittelmeerraum. Die Funde aus dem reichen Fürstinnengrab von Reinheim, das in einer kleinen Nekropole auf dem sogenannten Katzenbuckel gefunden wurde, belegen diese außerordentlichen Handelsbeziehungen auch für die Frühlatènezeit. Einzelne Fundstücke belegen, dass den ansässigen Handwerkern mit Beginn der Eisenzeit bereits die Techniken des Hartlötens von Eisen und der Herstellung goldglänzender Oberflächen bei der Verzinnung von Bronzegegenständen bekannt waren. Ebenso beherrschten diese bereits die Technik des dreilagigen Schweißverbundes bei der Herstellung von Eisenschwertern. Funde aus allen der obigen Zeiträume sowie der Umstand der ununterbrochenen Besiedelung weist die Siedlungskammer als Machtzentrum mit weitreichenden Handelsbeziehungen aus.Walter Reinhard: Weitreichende Handelsbeziehungen und Techniken zur frühen Bronzezeit. In: Die Kelten im Saarland (= Denkmalpflege im Saarland. Band 8). Ministerium für Bildung und Kultur – Landesdenkmalamt, 2017, ISBN 978-3-927856-21-9, S. 298–302. Untermauert wird diese herausragende Rolle der Siedlungskammer von Bliesbruck-Reinheim auch durch Münzfunde. So wurden bei den Grabungen Gersheim Pfuhlfeld zwei Bronzemünzen gefunden. Beide Münzen stammen aus dem Mittelmeerraum. Eine aus Sizilien (330 bis 310 v. Chr.) und eine aus Kampanien (265 bis 240 v. Chr.), die dort von Karthagern geprägt wurden.David Wigg-Wolf: Zwei seltene Münzen aus Gersheim. In: Walter Reinhard: Kelten, Römer und Germanen im Bliesgau (= Denkmalpflege im Saarland. Band 3). Stiftung Europäischer Kulturpark Bliesbruck-Reinheim, Gersheim 2010, ISBN 978-3-9811591-2-7, S. 50. Auch die im Spätkeltischen Rundheiligtum Horres gefundenen Münzen, die dort zum Teil als Bauopfer deponiert wurden, kommen in dieser Region nicht oder nur selten vor.David Wigg-Wolf: Fremde Münzen für die Götter. In: Jean-Paul Petit (Hrsg.): Bliesbruck-Reinheim. Kelten, Römer und Franken in Lothringen und im Saarland (= Dossiers d’Archéologie. Sonderheft Nr. 24), Éditions Faton, 2013, , S. 38–39 2006 konnten anhand von Ausgrabungen keltische Siedlungsreste am Fuß des Homerichs auf einer Fläche von 20 ha nachgewiesen werden. Nahe der Nekropole des Katzenbuckels wurden bis heute acht weitere Grabhügel aus der Hallstatt- und der Früh- und Mittellatènezeit auf den Fluren Almend und Auf dem Sand gefunden. In einem reichen Brandgrab einer Frau, welches auf ca. 270 v. Chr. datiert wurde, wurden zudem Reste einer aus Bronze bestehenden Stangengliederkette gefunden. Dies und weitere, in Sichtweite zum Homerich gefundene Gräber lassen den Schluss zu, dass die Siedlungskammer Bliesbruck-Reinheim von der späten Hallstattzeit bis zur Spätlatènezeit und dem Beginn der römischen Besiedlung, über einen Zeitraum von 500 Jahren, als ein sogenannter Fürstensitz einer reichen keltischen Führungsschicht, mit ausgedehntem Besitz an Ländereien, angenommen werden kann.Walter Reinhard: Weitere keltische Fürstengräber in der Nekropole der Fürstin?. In: Kelten, Römer und Germanen im Bliesgau (= Denkmalpflege im Saarland. Band 3). Stiftung Europäischer Kulturpark Bliesbruck-Reinheim, Gersheim 2010, ISBN 978-3-9811591-2-7, S. 201–202.
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