Das Frauenwahlrecht in Südamerika, Mittelamerika und Mexiko wurde Mitte des 20. Jahrhunderts erreicht. Als erstes Land in dieser Region gestand Ecuador Frauen 1929 ein beschränktes Wahlrecht auf nationaler Ebene zu. Brasilien und Uruguay führten 1932 als erste Staaten der Gruppe gleiche Wahlbedingungen für Frauen und Männer auf nationaler Ebene ein, Schlusslicht war Paraguay 1961. Auf die Einführung des Frauenwahlrechts wirkten sich in manchen der Staaten gewaltsame Umstürze, ein erstarkender Nationalismus und wachsender Wohlstand positiv aus. Ein Hindernis war dagegen das herrschende Gesellschaftsbild, das Frauen auf ihre Rolle in Haus und Kirche beschränkte. Eine weitere Schwierigkeit lag darin, dass die Frauen sich stärker für die Verbesserung von Bildung und Versorgung engagierten als für politische Gleichstellung. Auch der Mangel an demokratischen Traditionen wirkte sich negativ aus.

Gemeinsamkeiten der Ausgangssituation In den meisten Staaten wird Spanisch, Portugiesisch oder Französisch gesprochen, der Katholizismus ist die verbreitetste Religion, und alle Staaten wurden bis zur Unabhängigkeit von europäischen Staaten kolonisiert und beherrscht und standen danach im Schatten der USA. Die Unabhängigkeit der einzelnen Kolonien wurde ab 1808 erkämpft, nachdem Napoleon 1807/1808 Spanien und Portugal erobert hatte, was dazu führte, dass diese beiden Kolonialmächte die überseeischen Besitzungen nicht mehr halten konnten.

Geschlechterrollen Zur Zeit der Unabhängigkeit herrschten patriarchalische Verhältnisse mit getrennten Geschlechterrollen. Die Dominanz der Männer wurde mit dem Begriff machismo gekennzeichnet. Frauen hatten keine politischen Rechte.

Innenpolitische Situation In den Jahren 1932 bis 1961, als das Frauenwahlrecht in Lateinamerika eingeführt wurde, waren die Regierungen meist schwach, immer wieder wurde der Ruf nach dem starken Mann laut, und auf politische Schwierigkeiten wurde öfter mit erhöhtem Druck als mit einer Ausweitung der Demokratie reagiert.

Gesellschaftliche Situation Im Familienrecht galten unterschiedliche Standards für Frauen und Männer. Themen wie die Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung oder die Anerkennung der Rechte von abhängig Beschäftigten, Müttern und Ehefrauen sowie die Bildung von Frauen galten als dringender als das Frauenwahlrecht.Asunción Lavrin: Suffrage in Latin America: Arguing A Difficult Cause. In: Caroline Daley, Melanie Nolan: Suffrage and Beyond: International Feminist Perspectives. Auckland, Pluto 1994, S. 185. Zitiert nach: Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 310.

Das Frauenwahlrecht war kein zentrales Thema für lateinamerikanische Feministinnen, denn in den meisten Ländern gab es auch keine Tradition eines Männerwahlrechts, das zu politischem Einfluss geführt hätte. Auch wurde die Meinung vertreten, Frauen sollten sich aus der korrupten, männlich geprägten Welt der Politik heraushalten.Francesca Miller: Latin American Women and the Search for Social Justice. Hanover, University Press of New England 1991, S. 86. Zitiert nach: Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 311.

Große gesellschaftliche Gruppen standen dem Frauenwahlrecht negativ gegenüber: Progressive, die den Anschluss an europäische Standards auf anderen Gebieten suchten, hatten große Bedenken, dass eine politische Ermächtigung von Frauen die Konservativen stärken würde.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 311. Die katholische Kirche stellte sich dagegen, dass Frauen ihre traditionelle Rolle in Frage stellten, und sogar Radikale setzten sich nicht für die politischen Rechte von Frauen ein, weil sie einen zu großen Einfluss des Klerus auf sie und damit auf die nationale Politik befürchteten.

Internationale Einflüsse Spanien und Portugal, die ehemaligen Kolonialherren, waren keine Vorreiter des Frauenwahlrechts, wohl aber Großbritannien. Im geografischen Umfeld boten die USA und Neuseeland eine Orientierung in Richtung auf einen Fortschritt.

Einflussfaktoren auf dem Weg zum Frauenwahlrecht In manchen Staaten wirkten sich gewaltsame Umstürze, ein erstarkender Nationalismus und wachsender Wohlstand auf die Einführung des Frauenwahlrechts positiv aus. Ein Hindernis war dagegen vielerorts das herrschende Gesellschaftsbild, das Frauen auf ihre Rolle in Haus und Kirche beschränkte. Eine weitere Schwierigkeit lag darin, dass die Verbesserung von Bildung und Versorgung stärker im Fokus der Frauen stand als die politische Gleichstellung. Auch der Mangel an demokratischen Traditionen wirkte sich negativ aus.

Wohlstand Nach Trevor Lloyd war Wohlstand der Schlüsselfaktor für die Einführung des Frauenwahlrechts in der Region. Staaten wie Brasilien, Kuba und Uruguay waren vergleichsweise wohlhabend und bestrebt, durch die Einführung des Frauenwahlrechts näher an die USA zu rücken.Trevor Lloyd: Suffragettes International: The World-Wide Campaign for Women's Rights. London, Library of the 20th Century 1971, S. 118. Zitiert nach: Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 330. Doch Wohlstand war kein alles bestimmender Einflussfaktor:Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 330. Zwar führten die reichen Staaten Uruguay und Brasilien das Frauenwahlrecht vergleichsweise früh, vor 1940, ein, doch das große und wirtschaftlich relativ gut gestellte Argentinien gewährte das Frauenwahlrecht erst 1947. In Mexiko wurde es erst 1953 in Kraft gesetzt. Ecuador, Vorreiter bei der Einführung des Frauenwahlrechts, war keineswegs eines der wohlhabendsten Länder der Region, vielmehr wirtschaftlich unterentwickelt und zudem politisch instabil.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 331.

Mangel an demokratischen Traditionen Die Bevölkerung setzt sich aus Indigenen, den Nachfahren von Eroberern und europäischen Kolonialisten und den Nachfahren afrikanischer Sklaven zusammen. Als die Kolonien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unabhängig wurden, waren die Grundsätze der Gleichbehandlung vor dem Gesetz und der Achtung vor den Rechten des Einzelnen in der Region nicht verankert.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 310.

Nationalismus In Uruguay war der stark nationalistische Ansatz der Verfassung ein Wegbereiter des Frauenwahlrechts. Die Verfassung bestimmte, dass alle Bürger über das aktive und passive Wahlrecht verfügten; Bürger waren aber nur die in Uruguay Geborenen. Andere erhielten das Wahlrecht nur durch Heirat oder wenn sie bestimmte Anforderungen an Eigentum oder Bildung erfüllten oder seit 15 Jahren im Land lebten. Auf diesem Weg wurden die zahlreichen Immigranten, potentielle Unruhestifter, von den Wahlen ausgeschlossen. Das Frauenwahlrecht wurde somit als nationalistisches Bollwerk gegen eine Radikalisierung von außen in einer Zeit errichtet, zu der der Arbeitsmarkt von europäischen Immigranten überschwemmt wurde.

Gewaltsame Umstürze Revolutionen, politische Umstürze und der Kampf um die Unabhängigkeit waren häufig Katalysatoren für die Umsetzung des Frauenwahlrechts. So wurde zum Beispiel in Kuba das Frauenwahlrecht infolge des Sturzes des Diktators Gerardo Machado 1934 eingeführt. Der Zusammenhang hat sich allerdings bei anderen Staaten nicht gezeigt: Im 20. Jahrhundert ereigneten sich viele gewaltsame Umstürze, die keinen Einfluss auf das Frauenwahlrecht hatten.

Demokratisierung Ein Zusammenhang zwischen der Demokratisierung eines Staates und der Einführung des Frauenwahlrechts lässt sich nicht feststellen. Der Einführung des allgemeinen Wahlrechts für Männer, Zeichen eines demokratischen Wandels, hinkte das Frauenwahlrecht oft um Jahrzehnte hinterher.

Unabhängigkeitsbewegungen Unabhängigkeitsbewegungen forderten zwar die Staatsbürgerschaft für Frauen, meist aber keine politische Gleichberechtigung oder höchstens für Mütter: Erfolgreiche Kampagnen forderten das Frauenwahlrecht mit der Begründung, Frauen könnten so die Werte Mutterschaft und Familie in die Politik einbringen.

mini|Demonstration für das Frauenwahlrecht vor dem argentinischen Kongress, 1948; die Person Eva Peróns wird auf den Transparenten stark betont

Populistische Bewegungen Feministinnen in den populistischen Bewegungen sahen politische Rechte von Frauen in Diktaturen als bedeutungslos an, erkannten aber auch, dass das Frauenwahlrecht die Wählerschaft dieser Bewegungen vergrößern könne.Katherine M. Marino: Feminism for the Americas. The Making of an International Human Rights Movement. The University of North Carolina Press, Chapel Hill 2019, S. 148. Auf den Einfluss von Feministinnen geht es zurück, dass sich nach 1936 der Einsatz für das Frauenwahlrecht von den Liberalen zu den populistischen Bewegungen verschob: Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern wurde von Politikerinnen wie der Panamaerin Felicia Santizo als Bollwerk gegen den Faschismus propagiert.

In Argentinien war die Anziehungskraft der Idee des Frauenwahlrechts eng an die Person Eva Peróns geknüpft. Sie wirkte als Rollenmodell, das zwar über politische Macht verfügte, diese aber nur zur Unterstützung eines starken Mannes einsetzte. Da die argentinischen Frauen jahrelang feministische Ideen und Argumente abgelehnt hatten, war der Erfolg von Eva Perón ein harter Schlag für Feministinnen.June Hannam, Mitzi Auchterlonie, Katherine Holden: International Encyclopedia of Women's Suffrage. ABC-Clio, Santa Barbara, Denver, Oxford 2000, ISBN 1-57607-064-6, S. 21. Zitiert nach: Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 331. Die Einführung des Frauenwahlrechts geht auf populistische Bewegungen in Verbindung mit einem fortschrittlichen Wahlverfahren zurück.

Internationale Organisationen Der Einfluss internationaler Organisationen auf die Einführung des Frauenwahlrechts ergibt kein einheitliches Bild. Die Besuche von Carrie Chapman Catt von der International Women Suffrage Alliance nährten zwar die Begeisterung, ließen aber die Organisationen vor Ort ohne weitere Unterstützung: Ein Jahr nach Catts Besuch in Peru war das Frauenwahlrecht zu unrealistisch, um konkrete Wirkungen zu zeigen. So wurde auf dem Treffen der Union 1938 in Peru etwa die Unterstützung der politischen Gleichheit proklamiert, für deren Umsetzung die Mitgliedstaaten noch bis zu 26 Jahre brauchen sollten.

Traditionelle Geschlechterrollen Für Unterstützer und Gesetzgeber verlief der Weg zum Frauenwahlrecht in der Region über die Veränderung des Bewusstseins der Frauen. Die Gegner der politischen Gleichberechtigung der Geschlechter argumentierten, dass Frauen durch politische Arbeit vermännlicht und entsexualisiert würden. Auch bei vielen Frauen herrschte die Überzeugung vor, sie sollten sich auf Haus und Kirche beschränken und die Politik den starken Männern überlassen. Asunción Lavrin bemerkte, die schwierigste Aufgabe für lateinamerikanische Feministinnen liege nicht darin, Männer davon zu überzeugen, dass Frauen reif für das Frauenwahlrecht waren, sondern bei ihren Geschlechtsgenossinnen einen Bewusstseinswandel herbeizuführen.Asunción Lavrin in: Caroline Daley, Melanie Nolan: Suffrage and Beyond: International Feminist Perspectives. Auckland, Pluto 1994, S. 194. Zitiert nach: Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 331.

Entwicklungslinien im internationalen Kontext