mini|750 Jahre Franziskaner in Berlin (1237–1987) – Gedenkfeier in der Ruine des Grauen Klosters

Die Franziskaner in Deutschland sind seit 800 Jahren ohne Unterbrechung hierzulande ansässig. Zu ihnen gehören heute die 27 Niederlassungen der Provinz Germania sowie mehrere Konvente polnischer, kroatischer und brasilianischer Provinzen des Franziskanerordens. Daneben bestehen die Klöster der Minoriten, der Kapuziner und zahlreicher franziskanischer Frauenorden.

Nach seiner ersten dauerhaften deutschen Klostergründung am 16. Oktober 1221 in Augsburg gewann der Orden des heiligen Franz von Assisi auch im Reich rasch neue Mitglieder. Er breitete sich im 13. Jahrhundert von Süddeutschland bis an die Ostsee aus und unterhielt in den deutschen Ordensprovinzen rund 200 Niederlassungen. Die „Barfüßer“ ließen sich in der Regel in den aufstrebenden Städten nieder und waren wegen ihres strengen Armutsgelübdes und ihrem Bestreben, in der Nachfolge Jesu zu leben, sowohl bei Bürgern als auch bei Bischöfen sehr beliebt. Zu Konflikten kam es mit dem Pfarrklerus, für den sie eine Konkurrenz in seelsorglicher und finanzieller Hinsicht bedeuteten. Die deutschen Provinzen bauten ein eigenes Studiensystem zur Ausbildung des Ordensnachwuchses auf, das auch für Weltpriester offen war; an mehreren Orten, etwa in Magdeburg, Erfurt und Rostock, gingen von solchen Studienhäusern wichtige Impulse für eine theologische Fakultät an der Universität aus.

Die Reformation traf die Franziskaner in einer Phase des inneren Umbruchs infolge des Armutsstreits, der 1517 zur Abspaltung der Konventualen (Minoriten) von den Franziskanern führte. Zahlreiche Klöster wurden aufgehoben, wenn der Landesherr protestantisch wurde. Manche Klöster wurden Zentren des Widerstands gegen die neue Lehre, andere Franziskaner traten zum Protestantismus über und profilierten sich als Prediger oder Theologen.

Im 18. Jahrhundert engagierten sich die Franziskaner im Schulwesen und in der Volksseelsorge. Sie propagierten den Kreuzweg und waren an zahlreichen Wallfahrtsorten präsent. Die Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts bedeutete einen weiteren empfindlichen Einschnitt, dem jedoch ab der Mitte des Jahrhunderts eine Phase des Aufschwungs folgte, nur partiell unterbrochen vom Kulturkampf in Preußen. Seit dem 19. Jahrhundert engagierten sich die deutschen Ordensprovinzen auch in der Missionstätigkeit in verschiedenen Ländern außerhalb Europas.

Etwa seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ging, wie auch in anderen Orden, die Zahl der Eintritte kontinuierlich zurück. Dies führte zu einer Überalterung der Ordensgemeinschaft und zur Aufgabe zahlreicher Klöster. Im Jahr 2010 schlossen sich die vier bestehenden Provinzen freiwillig zur Deutschen Franziskanerprovinz zusammen.franziskaner.net: Die Häuser der Franziskaner, abgerufen am 23. Mai 2021. Einige der aufgegebenen Klöster wurden von ausländischen Ordensprovinzen übernommen.

Im Oktober 2021 veranstaltet die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Zu den Barfüßern in Augsburg gemeinsam mit den Franziskanern und anderen Kooperationspartnern eine Jubiläumswoche 800 Jahre franziskanischer Präsenz mit dem Motto „Barfuß im Herzen der Stadt – 800 Jahre Franziskaner und Franziskanerinnen in Augsburg“.

13. bis 15. Jahrhundert Gründungsphase Der Franziskanerorden (ordo fratrum minorum, Orden der Minderbrüder, auch Minoriten) wurde durch Franz von Assisi 1209 in Italien gegründet und 1210 von Papst Innozenz III. bestätigt. Die ersten Mitglieder kamen bereits 1217 über die Alpen, wurden aber zurückgewiesen, weil man sie für Ketzer (Katharer) hielt. Weitere Gründe für den Misserfolg sind in ihren mangelnden Sprachkenntnissen und ihrem Verzicht zu sehen, sich gegen Angriffe zu wehren oder Schutz zu suchen. Ein zweiter Anlauf ab 1221 war erfolgreicher, da besser vorbereitet. Leiter der Expedition war Cäsarius von Speyer, ein enger Gefährte von Franziskus, der mit der deutschen Sprache und Mentalität vertraut war und in Paris theologisch ausgebildet worden war. Die Brüder wurden auf dem großen Mattenkapitel an Pfingsten 1221 an der Portiuncula-Kapelle in Assisi auf ausdrücklichen Wunsch von Franziskus nach Deutschland ausgesandt; auf den Aufruf des Ordensgründers meldeten sich spontan 90 Brüder, von denen Cäsarius von Speyer ungefähr 12 Kleriker und 13 bis 15 Laien auswählte. Sie kamen am 16. Oktober 1221 in Augsburg an und hielten dort unter Leitung des Cäsarius eine erste Ordensversammlung ab. Von den Bewohnern wurden sie freundlich empfangen. Sie teilten sich auf und reisten von Augsburg in verschiedene deutsche Städte weiter. Zahlreiche junge Männer schlossen sich ihnen an. 1222 ernannte Franz von Assisi Cäsarius zum ersten Provinzialminister der zu gründenden Ordensprovinz.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Abriß der Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinzen von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Dietrich-Coelde-Verlag, Werl 1999 (Bearb.: Bernd Schmies, Kirsten Rakemann), S. 19.Bernd Schmies: Aus Schaden klug geworden. 800 Jahre franziskanische Geschichte in Deutschland - Teil 3 (franziskaner.net, abgerufen am 10. April 2021.) mini|Die 1245–1260 entstandene Minoritenkirche in Köln Die Franziskaner bevorzugten Bischofsstädte und ordneten sich dem dortigen Klerus wie auch den weltlichen Autoritäten unter, bei Wahrung ihrer Eigenständigkeit. Die zu der Zeit in großer Zahl entstehenden und expandierenden StädteHeinz Stoob: Stadtformen und städtisches Leben im späten Mittelalter. In: Heinz Stoob (Hrsg.): Die Stadt. Gestalt und Wandel bis zum industriellen Zeitalter. Köln 1979, S. 157–193. waren offen für die Zuwanderung armer, aber arbeitsfähiger Menschen; Geld- und Marktwirtschaft sowie bürgerliche Autonomiebestrebungen führten zu sozialen Spannungen. In dieser Situation bot die Lebensweise der neuen, päpstlich anerkannten Wanderprediger ohne „Klaustrum“, also ohne fest umgrenzten Klosterbezirk, offenbar überzeugende soziale und religiöse Lösungen. Der Ordenshistoriker Johannes Schlageter OFM sieht in der Weigerung der Franziskaner, Besitz und Macht über andere und sozialen Aufstieg anzustreben, Ursachen für ihre schnelle Verbreitung und große Popularität. Dazu trug auch ihre Zuwendung zu den Armen und Ausgegrenzten bei. In Speyer beispielsweise wohnten sie nach Angabe des Chronisten Jordan von Giano „außerhalb der Mauern bei den Aussätzigen“. Die Minderbrüder stellten, so Schlageter, eine „vom Evangelium Jesu Christi her gelebte Alternative zur herrschenden Wirtschaft und Gesellschaft, ja zur damals herrschenden Mentalität, Kultur und Religiösität“ dar und waren deshalb erfolgreich.Johannes Schlageter: Die Anfänge der Franziskaner in Thüringen. In: Thomas T. Müller, Bernd Schmies, Christian Loefke (Hrsgg.): Für Gott und die Welt. Franziskaner in Thüringen. Paderborn u. a. 2008, S. 32–37, hier S. 33 f, 36. Von Vorteil für ihre Expansion bis zur ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts war, dass die Franziskaner an vielen Orten von den Fürsten und Stadtoberen gefördert und zur Klostergründung ermuntert wurden. In Bayern standen die Franziskaner in der Gunst des Adelsgeschlechts der Wittelsbacher.Raynald Wagner: Zur Geschichte der Bayerischen Franziskanerprovinz von 1625 bis 1802. In: Bayerische Franziskanerprovinz (Hrsg.): 1625 – 2010. Die Bayerische Franziskanerprovinz. Von ihren Anfängen bis heute. Furth 2010, S. 6–29, hier S. 7 f. mini|links|Die Ausbreitung des Ordens in Deutschland in den 1220er-Jahren Nach Trient, Bozen und Brixen, Augsburg, Würzburg, Regensburg, Salzburg, Mainz, Worms, Speyer und Straßburg kamen sie schon 1222 bis nach Köln, das dann zum Zentrum der ursprünglich einzigen deutschen Provinz Teutonia wurde. Das erste Provinzkapitel der Provinz fand im Frühjahr 1222 in Worms statt. Hildesheim, Braunschweig, Halberstadt, Goslar und Magdeburg wurden 1223 erreicht, 1224 Erfurt, Bremen und Lübeck 1225 und Hamburg 1230. Binnen eines Jahrzehnts waren die Ordensleute in den wichtigsten Regionen des Reiches bis zur Ostsee präsent.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 19.Bernd Schmies: Aufbau und Organisation der Sächsischen Franziskanerprovinz und ihrer Kustodie Thüringen von den Anfängen bis zur Reformation. In: Thomas T. Müller, Bernd Schmies, Christian Loefke (Hrsgg.): Für Gott und die Welt. Franziskaner in Thüringen. Paderborn u. a. 2008, S. 38–49, hier S. 39 ff. Kurz nach 1230 wurde eine Niederlassung in Riga gegründet. Östlich der Elbe waren die Klostergründungen ein Faktor in der deutschen Ostsiedlung und der Festigung des Christentums oder sogar der Christianisierung.Bernd Schmies und Volker Honemann: Die Franziskanerprovinz Saxonia von den Anfängen bis 1517. Band 1: Grundzüge und Entwicklungslinien. In: Volker Honemann (Hrsg.): Von den Anfängen bis zur Reformation. (= Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinz von der Gründung bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts, Bd. 1, hrsg. von der Sächsischen Franziskanerprovinz) Paderborn 2015, S. 21–44, hier S. 32–37. mini|Das Franziskanerkloster Greifswald, am Rand der Innenstadt an der Stadtmauer (idealisierte Darstellung von Caspar Merian, 1652)