Muş (, ) ist eine Provinz der Türkei und zählt mit 8650 km² zu den kleineren Provinzen. Die Hauptstadt der Provinz ist Muş und liegt etwa 750 Kilometer östlich von Ankara entfernt. Am Süphan Dağı (4058 m) kommt sie dem Vansee auf 20 km nahe.
Geografie 37,9 Prozent der Fläche der Provinz besteht aus Plateaus, 34,9 Prozent aus Bergen und die restlichen 27,2 Prozent aus Tälern. Das Tal von Muş erstreckt sich zwischen zwei in Nordost-Südwest-Richtung verlaufenden Ketten des östlichen Taurusgebirges. Die Stadt Muş liegt auf 1404 m Höhe. Die niedrigste Höhe im Tal beträgt 1300 m, der höchste Gipfel ist mit 2950 m Höhe der Bilican Tepe (auch Ziyaret oder Vangesor genannt). Der Berg Akdoğan, auch Hamurpet genannt, im Norden der Provinz erreicht eine Höhe von 2879 m. Das Bilicangebirge liegt zwischen Bulanık und Liz. Nach Süden hin nimmt die Höhe des Gebirges zu. Richtung Bulanık wird das Gebirge niedriger, bis es abrupt endet. Andere Gipfel sind der Avni Kalesi Tepe mit 2754 m, der Şeyhtokum mit 2300 m, der Karaburun mit 2500 m, der Hasan Tepe, der Akdoğan (Hamurpet), der Şerafettin, der Haçreş (Karaçavuş, Çavuş), der Otluk und der Yakupağa.
Der Murat entspringt nördlich des Vansees am Berg Aladağ und der aus dem Süden kommende Karasu fließt in Ost-West-Richtung durch den Süden der Provinz. Beide treffen sich nordwestlich der Provinzhauptstadt. Kleinere Flüsse sind der Heronek (24 km), der Liz (32 km) und der Memanlı (24 km).
Der Große Hamurpetsee (Akdoğan Gölü) im Landkreis Varto liegt auf einer Höhe von 2149 m und hat 21 m Tiefe bei einer Fläche von 1088 km². Der See wird durch Quellen und Schmelzwasser aus den Bergen gespeist. Am und im See leben unter anderem Kraniche, Karpfen, Gänse und Biber. Der Kleine Hamurpetsee etwa 300 m südlich des großen liegt 2173 m hoch und hat eine Fläche von nur 149 km². Er ist mit 47 m tiefer als der Große Hamurpetsee und fließt diesem unterirdisch zu.
Lage Die Provinz grenzt im Norden an die Provinz Erzurum, im Osten an die Provinz Ağrı, im Süden die Provinzen Bitlis und Batman, im Südwesten an die Provinz Diyarbakır und im Westen an die Provinz Bingöl.
Verwaltungsgliederung Die Provinz gliedert sich in sechs Landkreise (İlçe): Muş Varto (kurdisch: Gimgim) Hasköy (kurdisch: Dêrxas) Korkut (kurdisch: Têlî) Bulanık (kurdisch: Kop) Malazgirt (kurdisch: Milazgir oder Kelê)
Kreis-code Landkreis Fläche(km²) Bevölkerung (2020) Anzahl der Einheiten Dichte(Ew./km²) städt.Anteil(in %) SexRatio Grün-dungs-da-tum, Landkreis(İlçe) Verwal-tungssitz(Merkez) Gemein-den(Belediye) Stadt-viertel(Mah.) Dörfer(Köy) 1213 Bulanık 1.948 80.570 29.528 7 29 56 41,4 55,94 959 1801 Hasköy 264 26.278 14.869 2 12 17 99,5 66,05 969 1987 1964 Korkut 775 24.957 3.646 2 7 30 32,2 26,41 957 1990 1510 Malazgirt 1.595 50.496 20.314 2 16 74 31,7 43,45 950 1534 Muş Merkez 2.750 197.555 114.231 9 50 94 71,8 69,80 962 1711 Varto 1.318 31.261 10.691 1 7 93 23,7 34,20 974 49 PROVINZ Muş 8.650 411.117 23 121 364 47,5 58,27 961 Quellen
Bevölkerung Die Bevölkerungsmehrheit bilden sunnitische Kurden. Daneben gibt es alevitische Kurden, Türken und Tscherkessen in Muş.
Ergebnisse der Bevölkerungsfortschreibung Nachfolgende Tabelle zeigt die jährliche Bevölkerungsentwicklung nach der Fortschreibung durch das 2007 eingeführte adressierbare Einwohnerregister (ADNKS). Zusätzlich sind die Bevölkerungswachstumsrate und das Geschlechterverhältnis (Sex Ratio d. h. Anzahl der Frauen pro 1000 Männer) aufgeführt. Der Zensus von 2011 ermittelte 412.430 Einwohner, das sind über 41.200 Einwohner weniger als zum Zensus 2000.
Jahr Bevölkerung am Jahresende Wachstums-rate der Be-völkerung (in %) Geschlechterverhältnis(Frauen auf1000 Männer) Rang(unter den 81 Provinzen) gesamt männlich weiblich 2020411.117209.647201.4709610,5648 2019408.809208.534200.2759600,2049 2018407.992208.431199.5610,8595749 2017404.544205.658198.886–0,4896748 2016406.501207.190199.311–0,5496247 2015408.728208.329200.399–0,6196247 2014411.216209.668201.548–0,3296147 2013412.553210.513202.040–0,1796047 2012413.260211.516201.744–0,3595447 2011414.706212.717201.9891,9295046 2010406.886207.115199.7710,5996547 2009404.484207.251197.2330,0495247 2008404.309207.270197.039–0,3095147 2007405.509206.589198.920−96347 2000453.654236.214217.44092146
Volkszählungsergebnisse Nachfolgende Tabellen geben den bei den 14 Volkszählungen dokumentierten Einwohnerstand der Provinz Muş wieder.Die Werte der linken Tabelle sind E-Books (der Originaldokumente) entnommen, die Werte der rechten Tabelle entstammen der Datenabfrage des Türkischen Statistikinstituts – abrufbar über diese Webseite:Genel Nüfus Sayımları (Volkszählungsergebnisse 1965 bis 2000) JahrBevölkerungRang Provinz Türkei 1935143.89916.158.01851 194073.93917.820.95060 194582.69918.790.17460 1950107.28620.947.18859 1955136.40124.064.76363 1960167.63827.754.82062 JahrBevölkerungRang Provinz Türkei 1965198.71631.391.42159 1970234.25035.605.17657 1975267.20340.347.71956 1980302.40644.736.95752 1985339.49250.664.45852 1990376.54356.473.03548 2000453.65467.803.92746
Anzahl der Provinzen bezogen auf die Zensusjahre:
Gemeinden (Belediye) Außer der Provinzhauptstadt und den fünf Kreisstädten gab es Ende 2020 noch folgende 17 Gemeinden (türk. Belediye):
Dörfer Die 365 Dörfer der Provinzen haben eine Gesamtbevölkerung von 171.566 Einwohnern, was einem Durchschnittswert von 470 Einwohnern pro Dorf entspricht. zwei Dörfer haben über 2000 Einwohner: Kırkgöze, Kreis Bulanik (2496) und Kepenek, zentr. Landkreis (2321 Einw.), weitere 43 Dörfer haben mehr als 1000 Einwohner: Çöğürlü, zentr. Landkr. (1971), Balotu, Kr. Bulanik (1917), Tandoğan, zentr. Landkr. (1823 Einw.) …, 54 Dörfer haben 100 oder weniger Einwohner, 231 Dörfer haben weniger Einwohner als der Durchschnitt (470).
Geschichte Vorgeschichte Das Gebiet der heutigen Provinz Muş war offensichtlich ab dem 6. Jahrtausend v. Chr. bis heute kontinuierlich bewohnt. Die ältesten beiden Fundstellen datieren in die Halaf-Kultur. Die Siedlungen in der Talebene lagen seit der Frühen Bronzezeit verkehrsgünstig an einer Handelsroute für Obsidian und Metallerze (Silber, Kupfer, Blei) durch die ansonsten unwegsamen Berge. Mehrere Fundorte werden nach Art der Topfscherben der südkaukasischen Kura-Araxes-Kultur zugeordnet.Mitchell S. Rothman, Gülriz Kozbe: Muş in the Early Bronze Age. In: Anatolian Studies 47, 1997, S. 105–126, hier S. 110.
Altertum und Antike Das erste Schriftdokument, das über Muş berichtet, stammt aus der Zeit des assyrischen Königs Salmanassar I. (1274–1245 v. Chr.). Darin wird über eine Nairi-Föderation in Ostanatolien berichtet. Im 13. Jahrhundert v. Chr. siedelten die Urartäer, die vermutlich aus der Nairi-Föderation hervorgingen, in Muş. Die kommenden Jahrhunderte wurden durch den Konflikt von Urartu mit Assyrien beherrscht.
Urartu wird im 9. Jahrhundert unter König Sarduri I. zu einem Reich vereint. Unter König Menua ist Urartu ein mächtiges Reich und umfasst ganz Ostanatolien. Eine Festung bei Kayalıdere im Landkreis Varto stammt aus der Zeit des Königs Argišti I. (764–735). Urartu zerfiel spätestens 585, nachdem es jahrelang gegen Assyrien und einfallende Völker wie Kimmerer und Skythen ankämpfen musste. Muş war eine wichtige Station auf dem Königsweg Urartus. Der Weg kam vom Osten von der Hauptstadt Tuspa (das heutige Van) und führte dann durch das Tal von Malazgirt am Murat entlang nach Varto. Von hier führte er weiter nach Westen Richtung Elazığ und Malatya nach Mittelanatolien und Syrien.
Nach dem Fall Urartus beherrschten die Meder die Gegend. Sie tauchten im 7. Jahrhundert v. Chr. im Tal von Muş auf. Doch keine 100 Jahre später wurden der medische Thron 550 von dem Achämeniden Kyros II. übernommen. Die Perser herrschten 200 Jahre lang über Muş. Vielleicht siedelten im Gebiet von Muş die Arodier. Damals gehörte Muş zur Satrapie Babylon. Das wichtigste Ereignis aus der Perserzeit war der Durchzug der zehntausend griechischen Söldner unter dem Kommando von Xenophon. Er schrieb in seiner Anabasis, dass das Volk von Muş in Stämmen lebte und seinem Heer mit Nahrung und Pferden aushalf.
In den kommenden Jahrhunderten war Muş der Schauplatz der Kämpfe von Römern und Parthern. Als Puffer zwischen diesen Mächten lagen armenische Fürstentümer, unter diesen der Kanton Taron (Muş) in der Provinz Turuberan. Nach der armenischen Überlieferung gründete der heilige Gregor Anfang des 4. Jahrhunderts in Aschtischat nördlich der Stadt Muş die erste Kirche der armenischen Christen.Adrian Fortescue: The Lesser Eastern Churches. Catholic Truth Society, London 1913, S. 403 (bei Internet Archive) Aschtischat war demnach das erste religiöse Zentrum der Armenier in frühchristlicher Zeit.Nina G. Garsoïan: Taron as an early Christian Armenian center. In: Richard G. Hovannisian (Hrsg.): Armenian Bagesh/Bitlis and Taron/Mush. Mazda, Costa-Mesa (CA) 2001, S. 64. Am heiligen Ort Aschtischat wurde das Surb-Karabet-Kloster gegründet, ein bedeutendes Pilgerzentrum vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Weitere Klöster in der Umgebung waren Surb Arakelots und Yeghrduti Vank.
Die Parther konnten längerfristig die Fürstentümer an sich binden und die Römer aus Ostanatolien fernhalten. Die Nachfolger der Parther wurden die Sasaniden, welche die Römer und später die Byzantiner als Gegner hatten. Die Sasaniden beherrschten Muş 400 Jahre. Doch der byzantinische Kaiser Herakleios konnte die Sasaniden besiegen. Aber nicht lange danach drangen im 7. Jahrhundert n. Chr. muslimische Heere in Anatolien und Iran ein. Das Reich der Sasaniden zerfiel und die Araber drangen bis Muş vor, konnten aber die Byzantiner von dort nicht vertreiben. Eine wesentliche frühmittelalterliche Quelle für die Auseinandersetzungen zwischen den Byzantinern und Sassaniden in Muş im 6. und 7. Jahrhundert ist Johannes Mamikoneans „Geschichte von Taron“.John Mamikonean’s History of Taron. (PDF; 129 kB) Robert Bedrosian
Mittelalter Bis 1071 blieb Muş mit Unterbrechungen Teil von Byzanz. Es war Teil des Thema Taron. Taron blieb der Name der Provinz im gesamten Mittelalter. Im Jahr 641 konnte der arabische General Iyad ibn Ghanm die wichtigen Städte Bitlis, Ahlat und Muş einnehmen. Doch die Araber wechselten sich hier mit den Byzantinern ab. Unter den Umayyaden wurde Muş von Diyarbakır aus verwaltet. Unter den Abbasiden-Kalifat war Muş später Teil der Region al-ʿAwāsim. Mit dem Nachlassen der abbasidischen Kontrolle wurde Muş Teil des Reiches der Bagratiden.
Im 11. Jahrhundert drangen die Seldschuken in den Iran und nach Ostanatolien ein. 1054 belagerten sie Malazgirt. Wenig später eroberte der seldschukische Herrscher Alp Arslan Malazgirt und schickte sich an, Syrien zu unterwerfen. Kaiser Romanos IV. eroberte die Stadt zurück. 1071 kam es schließlich zur Schlacht bei Manzikert, die Byzanz verlor. Mit der Schlacht verlor Byzanz Ostanatolien und die türkische Besiedlung setzte ein. Muş wurde zum Teil des Seldschukenreiches.
Im 12. Jahrhundert entstand in Ahlat das Beylik der Ahlatschahs. Muş wurde ebenfalls Teil dieses Fürstentums. In der kommenden Zeit wechselte Muş zwischen den Ahlatschahs, den Ortoqiden und den Ayyubiden hin und her. 1191 belagerten die Ayyubiden die Burg von Malazgirt. Aber Muş blieb Teil der Ahlatschahs, deren Herrscher 1196 von seinem Schwiegersohn gestürzt und getötet wurde. Frau und Sohn des toten Herrschers wurden in der Festung von Muş festgesetzt, doch der Okkupator wurde schon 1197 wieder vertrieben.