St. Peter in Herrnsheim ist die römisch-katholische Kirche des Ortes. Sie ist dem Heiligen Petrus geweiht NN: Wegweiser, S. 3. und war über Jahrhunderte die Grablege des Zweiges der Familie Dalberg, die im benachbarten Schloss Herrnsheim wohnte. Die Kirche ist heute überwiegend durch die gotische Bauphase des 15. Jahrhunderts und durch neugotische Umbauten aus dem 19. Jahrhundert geprägt. mini|Chor der Kirche St. Peter mini|Blick auf die Kirche vom Herrnsheimer Schloss über dessen Wirtschaftsgebäude
Geschichte Mittelalter Eine Kirche bestand an dieser Stelle schon vor dem 13. Jahrhundert. Spille: Denkmaltopographie, S. 200. Die ältesten heute noch sichtbaren Reste der romanischen Kirche befinden sich im Hauptschiff und Turm und werden in das erste Viertel des 13. Jahrhunderts datiert. Dehio, S. 1183. Die älteste erhaltene Erwähnung der Kirche stammt von 1212. Spille: Denkmaltopographie, S. 200; Dehio, S. 1183.
Die romanische Kirche war dreischiffig und wurde in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts gotisch ausgebaut und erweitert. Anlass war, dass ein Zweig der Familie der Kämmerer von Worms mit Philipp I. Ordnungszahlen nach Bollinger, S. 10–13. das Dorf und das Schloss übernommen hatten. Die Kirche wurde nun zur Familiengrablege und das Schloss blieb bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Residenz, zunächst der Kämmerer von Worms, dann der aus ihr hervorgegangenen Familie von Dalberg. Der Umbau begann etwa 1470, als der polygonale Chor der Kirche im Stil der Spätgotik neu errichtet wurde. Baumeister war Jakob von Landshut, Leiter der Bauhütte des Straßburger Münsters. Dehio, S. 1183; Spille: Die kath. Pfarrkirche, S. 4. Die Umgestaltung der Herrnsheimer Kirche gehört zu seinem Frühwerk. Spille: Die kath. Pfarrkirche, S. 4. Das romanische Langhaus wurde in gotischen Formen umgebaut: Die romanischen, im Grundriss viereckigen Pfeiler, erhielten einen achteckigen Querschnitt und die Decke des Mittelschiffs wurde mit einem Netzgewölbe versehen. Spille: Denkmaltopographie, S. 200. Die Fenster des Turms wurden gotisiert. Nur eines an der Ostseite, zum Dachboden des Hauptschiffs, weist noch die ursprüngliche Form auf. Dehio, S. 1183; Spille: Die kath. Pfarrkirche, S. 4.
Entlang des südlichen Seitenschiffes wurde eine Kapelle als Familiengrablege angebaut. Sie hat zwei Joche, das Deckengewölbe weist ein komplexes Rippensystem auf und zeigt die Wappen derer von Dalberg und derer von Flersheim, nimmt also Bezug auf die Ehe der Bauherrschaft, Philipp I. Kämmerer von Worms († 1492) und seiner Frau, Barbara von Flersheim († 1483). Die Kapelle war der Heiligen Ursula geweiht. Seeliger-Zeiss, S. 103. Ursprünglich war sie mit einer Gruft unterkellert Dehio, S. 1184. , die aber später zugeschüttet wurde. Die dort vorhandenen Grabplatten seien in die Kapelle selbst versetzt worden. NN: Wegweiser, S. 4. Die Kirche wurde von der Familie von Dalberg aber nicht nur als Grablege genutzt, auch andere kirchliche Handlungen fanden hier statt, etwa Taufen. Bollinger, S. 61.
Im Südportal der Kirche findet sich die Jahreszahl 1478. Dehio, S. 1183. Die Arbeiten waren um 1490 abgeschlossen. Dehio, S. 1183.
Im 15. Jahrhundert hatte die Kirche sechs Geistliche: fünf Altaristen für die Altäre von Maria und die Heiligen Nikolaus, Jodokus, Magdalena und Ursula und ein Plebanus. Einer der Altaristen leitete die Schule. Schmitt: Die Herrnsheimer, S. 28f.
Frühe Neuzeit und Reformation Während der Reformation blieb die Familie von Dalberg – bis auf wenige Ausnahmen – römisch-katholisch. Lutherisch wurden nur Philipp V. und sein Sohn, Eberhard II. Nach dem Grundsatz Cuius regio, eius religio führte Philipp V. 1581 in den von ihm beherrschten Dörfern Abenheim und Herrnsheim die lutherische Konfession ein. Eric Beres: Die Kämmerer von Worms und ihre Bedeutung für die Region um Wallhausen und Dalberg. In: Kurt Andermann (Hrsg.): Ritteradel im Alten Reich. Die Kämmerer von Worms genannt von Dalberg = Arbeiten der Hessischen Historischen Kommission NF Bd. 31. Hessische Historische Kommission, Darmstadt 2009. ISBN 978-3-88443-054-5, S. 137–154 (142). Da mit Eberhard II. allerdings diese Linie der Dalberger ausstarb, erbten römisch-katholische Dalberger die Dörfer. Diese führten 1625 wieder die römisch-katholische Konfession ein. Seeliger-Zeiss, S. 113 und Schmitt: Die Herrnsheimer, S. 19; NN: Wegweiser, S. 3, gibt dafür das Jahr 1616 an. Mit der schwedischen Besetzung von Herrnsheim im Dreißigjährigen Krieg wurde das wieder rückgängig gemacht, aber Wolfgang Johann von Dalberg soll in dieser Zeit vom schwedischen König Gustav II. Adolf die Erlaubnis erhalten haben, in der Dalberg-Kapelle weiter die römisch-katholische Messe lesen zu lassen. Bollinger, S. 52. Eine andere Version dieser „Ausnahmegenehmigung“ lautet, dass einmal im Jahr eine römisch-katholische Messe in der Dalberg-Kapelle gelesen werden durfte. NN: Wegweiser, S. 3. 1635 war die Kirche in Herrnsheim endgültig wieder römisch-katholisch. Bollinger, S. 51.
Neuzeit mini|Grundriss vor dem Umbau 1904 mini|Nach Osten verschobener gotischer Chor des Jakob von Landshut auf der Subkonstruktion von 1904 1878 wurde dem nördlichen Seitenschiff ein weiteres Schiff vorgelagert, dessen Ostabschluss als Herz-Jesu-Kapelle gestaltet war und das eine Empore erhielt. Spille: Denkmaltopographie, S. 200. Damit konnten 90 weitere Plätze geschaffen werden, die damals dringend benötigt wurden. NN: Wegweiser, S. 4. Für diesen Umbau zeichneten die Mainzer Dombaumeister Pierre Cuypers und anschließend Joseph Lucas verantwortlich. Spille: Die kath. Pfarrkirche, S. 3.
1883 kaufte der Wormser Großindustrielle Cornelius Wilhelm Heyl das Schloss Herrnsheim, auch um seine Erhebung in den Adelsstand zu befördern. Das gelang auch und er nannte sich fortan von Heyl zu Herrnsheim. Zwar wohnte er nicht dauerhaft in Herrnsheim, nutzte aber den dalbergischen Nachlass, um seinem jungen Adelstitel alten Glanz zu verleihen. So förderte er auch – obwohl selbst evangelisch – Ausbau und Erhalt von St. Peter: 1903 erhielt der Turm ein neues Obergeschoss und einen neuen Helm. Dehio, S. 1183. Einschließlich Wetterhahn und Kreuz ist er 47 m hoch. NN: Wegweiser, S. 5. 1904/1905 kam es zu einem durchgreifenden Umbau unter dem Architekten August Greifzu. Der Chor wurde abgetragen und weiter östlich an der Straße auf einem neuen Untergeschoss neu errichtet. Der Raum zwischen Langhaus und Chor wurde in der Breite der vier Kirchenschiffe ähnlich einem Querhaus gestaltet. Weiter wurden Chorflankentürme errichtet. Dies alles geschah in neugotischem Stil. Spille: Denkmaltopographie, S. 200; Dehio, S. 1183.
Die Familie von Heyl nutzte die Kirche St. Peter nicht als Grabstätte, baute sich aber in Herrnsheim zu diesem Zweck die Gottliebenkapelle.
1912 wurde vor das westlich der Dalberg-Kapelle gelegene Portal ein Vorraum angebaut. Er dient heute als Gedenkort für die durch den Zweiten Weltkrieg gestorbenen Herrnsheimer. Spille: Die kath. Pfarrkirche, S. 20.
1971 wurde das 750-jährige Jubiläum auf Grundlage der ältesten erhaltenen Erwähnung der Kirche festlich begangen.Festausschuß: 1200 Jahre Herrnsheim. Siehe: Literaturverzeichnis.
Gebäude Die KircheDer beste Plan zu den zahlreichen An- und Umbauten, die St. Peter hinter sich hat, findet sich bei Spille: Die kath. Pfarrkirche, hintere Umschlagklappe. wirkt durch die das südliche Seitenschiff abschnittsweise begleitende Dalberger-Kapelle und das 1878 angebaute nördliche Schiff in diesem Bereich fünfschiffig.Spille: Denkmaltopographie, S. 200; Spille: Die kath. Pfarrkirche, S. 3. Mit dem 1904/1905 zwischen versetztem Chor und Langhaus eingefügten Bauteil wirkt die Anlage als habe sie einen kreuzförmigen Grundriss. Nördlich des Chores wurde eine zweijochige Sakristei angebaut. Spille: Die kath. Pfarrkirche, S. 4. Auch der Westturm wurde im Zuge dieser umfassenden Neugestaltung erhöht. Spille: Die kath. Pfarrkirche, S. 4. Er hatte ursprünglich eine offene Halle. Dehio, S. 1183.
Ausstattung Das geschnitzte Chorgestühl stammt von 1486, die Kanzel von 1489. Sie zeigt das Wappen der Familie von Dalberg. Spille: Die kath. Pfarrkirche, S. 6f., 10.
Altäre Hauptaltäre Der barocke Hochaltar war eine Stiftung von Philipp Wilhelm von Dalberg Philipp Wilhelm von Dalberg war ein Sohn des Reichskammergerichtspräsidenten Philipp Franz Eberhard von Dalberg. Philipp Wilhelm wurde 1695 Domherr in Worms und Mainz, Kanoniker im Stift St. Alban vor Mainz und Chorherr im Ritterstift St. Feratius in Bleidenstadt. (* 22. März 1671; † 22. Mai 1721) und ersetzte wohl einen älteren. Er wurde von Johann Kaspar Herwarthel unter Mitwirkung des Bildhauers Martin Biterich und des Malers Franz Edmund Hügel, alle aus Mainz, geschaffen. Spille: Die kath. Pfarrkirche, S. 10.
Im Zuge des Umbaus der Kirche 1904/1905 wurde der Barockaltar entfernt, später in der St. Paulus-Kirche in Worms wieder aufgebaut und dort 1929 erneut geweiht, nachdem dort das Dominikanerkloster St. Paulus eingerichtet worden war. Spille: Die kath. Pfarrkirche, S. 10.
In St. Peter wurde der barocke Hochaltar durch einen neugotischen Flügelaltar ersetzt. Er zeigt im geschlossenen Zustand zwei gemalte Tafeln, das Wunder der Brotvermehrung und die Einsetzung der Eucharistie. In geöffnetem Zustand ist in der Mitte das Tabernakel zu sehen, flankiert von Tafeln in bemalter Reliefschnitzerei, die Ereignisse aus dem Leben Jesu darstellen (von links nach rechts): Himmelfahrt, Geburt, Anbetung der Könige und Auferstehung. Über den Szenen ist mittig ein Gnadenstuhl angeordnet, flankiert von zwei Evangelisten. Die beiden anderen stehen je seitlich des Altaraufbaus und sind, wenn dessen Flügel offen stehen, verdeckt. Spille: Die kath. Pfarrkirche, S. 9f. Dieser neugotische Altar ist einer der wenigen komplett erhaltenen, der nachträglich nicht modernisiert oder verstümmelt worden ist. Dies macht ihn heute zu einem wertvollen kunsthistorischen Zeugnis. Spille: Die kath. Pfarrkirche, S. 9. Der Zelebrationsaltar ist eine Ergänzung aus der Zeit nach der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils. Er wurde von Gernot Rumpf geschaffen und 1994 geweiht. Spille: Die kath. Pfarrkirche, S. 7. Nebenaltäre Der linke Seitenaltar im Querbau ist ein Mutter-Gottes-Altar. Diese und die folgenden Angaben nach NN: Wegweiser, S. 5. Der rechte Seitenaltar im Querbau ist dem Heiligen Josef geweiht. Der Altar am Ostende des nördlichen Seitenschiffs ist der Herz-Jesu-Altar. Der Ursula- oder auch Dalbergaltar So: NN: Wegweiser, S. 5. steht am Ostende der Dalberg-Kapelle. (Siehe dazu unten: Epitaph für Wolfgang Friedrich I. von Dalberg, † 1621.)
Grabdenkmäler Zahlreich sind die Grabdenkmäler, vor allem der Familie von Dalberg, sowohl in der Dalberger-Kapelle als auch entlang der südlichen Außenwand der Kirche. Neben den Epitaphien sind auch – manchmal zusätzlich – Grabplatten im Boden eingelassen. Fritz Victor Arens: Die Grabplatten der Dalberg in der Herrnsheimer Kirche. In: Der Wormsgau 2 (1939), S. 261f; Schmitt, S. 27–37. Die Grabdenkmäler sind: in der Grabkapelle Als Epitaph für Philipp I. Kämmerer von Worms, † 1492, und seiner Frau, Bärbel von Flersheim, † 1483, wurde ein über Eck stehendes Doppelbildnis in der Südostecke der Kapelle errichtet. Seeliger-Zeiss, S. 101–104. Barbara war die erste der Familie, die in der damals neuen Grabkapelle beigesetzt wurde. Da das Sterbejahr Philipp I. in der Inschrift offensichtlich nachgetragen wurde, wird davon ausgegangen, dass das Grabmal zwischen 1483 und 1492 entstand. Seeliger-Zeiss, S. 104. Die Grabplatte für Philipp I. liegt vor dem Altar im Boden der Kapelle. Seeliger-Zeiss, S. 105. Grabplatte für Philipp II. Spille: Denkmaltopographie, S. 202, nennt ihn „Philipp jr.“ und datiert die Grabplatte auf: „um 1483“.