mini|Logo von XR: X-förmig stilisierte Sanduhr im Erdkreis, Massenaussterben symbolisierend
Die Extinction Rebellion (XR; ‚Rebellion gegen das Aussterben‘) ist eine radikalehttps://www.tagesschau.de/faktenfinder/extinction-rebellion-143.html Umweltschutzbewegung mit dem erklärten Ziel, durch Mittel des zivilen Ungehorsams Maßnahmen von Regierungen gegen das Massenaussterben von Tieren, Pflanzen und Lebensräumen sowie das mögliche Aussterben der Menschheit als Folge der Klimakrise zu erzwingen. Sie ging im Jahr 2018 im Vereinigten Königreich aus verschiedenen Vorläufergruppen hervor. Im Juni 2021 war sie in 79 Ländern auf sechs Kontinenten mit 1265 registrierten Ortsgruppen vertreten, darunter waren in Frankreich 31 und in Deutschland 10 aktive befindliche Ortsgruppen ausgewiesen.
Aufgrund von Gesetzesverstößen bei vielen Protestaktionen und Blockaden wird die Bewegung kritisiert, auch kam es bei Blockaden schon zu Festnahmen von Aktivisten.Mehr als 250 Festnahmen bei Klimaprotesten in London und Amsterdam. In: Welt.de. 7. Oktober 2019, abgerufen am 27. Februar 2020. Am 14. Oktober 2019 erließ die Londoner Polizei ein Demonstrationsverbot für die Bewegung, das sie vier Tage später aufhob, da die Maßnahme wegen des Endes der Protestwelle nicht länger notwendig sei. Der britische High Court of Justice stellte am 6. November 2019 fest, dass dieses Demonstrationsverbot rechtswidrig war, weil getrennte Versammlungen keine öffentliche Versammlung im Sinne der Eingriffsgrundlage seien. 2023 nahm die Gruppe an den aufgrund ihrer Intensität international beachteten Klima-Blockaden in Berlin teil.
Die Bewegung ist Mitglied von Mutual Aid Disaster Relief.
Geschichte 2015 gründeten Gail Bradbrook und George Barda im Vereinigten Königreich die Kapitalgesellschaft Compassionate Revolution Ltd.Register-Anmeldung von Compassionate Revolution Limited (englisch für ‚mitfühlende Revolution‘), die zunächst die Kampagne Rising Up! und schließlich Extinction Rebellion (XR) entwickelte.Jochen Buchsteiner: Aufbegehren gegen das Massensterben. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Oktober 2019. XR wurde im Oktober 2018 gegründet und erlangte rasch durch zunächst in London organisierte Massenproteste, Flashmobs und Sitzstreiks ein weltweites Medienecho. Das Logo wurde von dem unter seinem Pseudonym bekannten Streetart-Künstler ESP geschaffen. Es symbolisiert das durch menschliche Einflüsse hervorgerufene Artensterben. Der Kreis bildet die Erde als Lebensraum ab, das Sanduhr-Symbol steht dafür, dass die Zeit zur Rettung abläuft.Emily Gosling: Extinction Rebellion On Its Striking Protest Graphics. In: Creative Review, 16. April 2019 (englisch).
mini|Mehrsprachiges Extinction Rebellion Graffiti in Bozen, 2022 – „Kein Bock (= Keine Lust) auf Aussterben. Che Sbatti Estinguersi.“ (ital. = Zuschlagen gegen das Aussterben.)
Am 31. Oktober 2018 starteten XR ihre Kampagne des zivilen Ungehorsams mit der Declaration of Rebellion. Im Rahmen dieser Veranstaltungen traten auch Greta Thunberg und die grüne Abgeordnete Caroline Lucas auf. Für Aufsehen sorgte am 17. November 2018, dem ersten von XR ausgerufenen Rebellion Day, die Blockade der wichtigsten Brücken über die Themse durch 6000 Demonstranten, von denen 85 wegen Verkehrsbehinderung festgenommen wurden. Am 9. Dezember 2018 wurde ein zweites offenes Unterstützungsschreiben veröffentlicht, das von weiteren hundert Wissenschaftlern unterzeichnet wurde. 2018 gründeten sich erste Extinction-Rebellion-Ortsgruppen in Deutschland, einer der Mitbegründer war Michael Timmermann. In der Öffentlichkeit trat u. a. Annemarie Botzki als Sprecherin von XR Deutschland auf. Tino Pfaff war bis Sommer 2021 Sprecher.
Im April 2019 erklärte Hannah Elshorst, ehemalige Sprecherin bei XR Deutschland, dass es viele Verbindungen zwischen XR und Fridays for Future (FFF) gebe. So nähmen Anhänger von XR auch an den Massendemonstrationen von FFF teil. Allerdings sei die Protestform von XR eine andere als die von FFF. „Die Schüler*innenstreiks haben zwar eine große Welle ausgelöst“, sie würden „aber in ihren Forderungen weitgehend ignoriert“. Nach Aussagen von XR-Anhängern im Vereinigten Königreich ist es für sie selbstverständlich, in der Tradition Mahatma Gandhis zu riskieren, für Aktionen inhaftiert zu werden. In der Karwoche 2019 nahm die Polizei in London fast 600 Aktivisten fest, die dort einem Aufruf von XR gefolgt waren, Straßen und Brücken zu blockieren.
Im Juli 2019 gaben die US-amerikanischen Philanthropen Aileen Getty, Rory Kennedy und Trevor Neilson die Gründung der Stiftung Climate Emergency Fund (CEF) bekannt, angeblich auch inspiriert durch XR-Aktionen im Vereinigten Königreich. Die Stiftung unterstützt Aktionen von XR in den USA.Matthew Taylor: US philanthropists vow to raise millions for climate activists. In: The Guardian, 12. Juli 2019 (englisch). Auch andere Landesgruppen können sich um Fördermittel bewerben.
Um 2020 gründete sich der vor allem in Großbritannien aktive Ableger XR Money Rebellion (etwa: ‚Rebellion des Geldes‘), der neben öffentlichen Protestaktionen auch Kampagnen zum Nichtzahlen von Steuern auf kleine Einkommen oder Einkünfte kleinerer Unternehmen, Heizkosten und Zahlungen an auf fossile Energien fokussierte Unternehmen initiiert.
Anfang 2023 gab die britische Extinction Rebellion an, sich nicht mehr an dezentralen Aktionen wie dem Festkleben an Kraftverkehrsstraßen beteiligen zu wollen. Stattdessen wolle man auf eine breitere Mobilisierung hinwirken und kündigte dazu die Blockade des Westminster Palace in London an.
Ziele und Methoden mini|hochkant|Symbol von Extinction Rebellion
Extinction Rebellion hat als Ziel, die Klimakatastrophe abzuwenden und das voranschreitende Massenaussterben zu stoppen. Dafür werden drei Forderungen an die Politik gestellt: Tell the truth – „Sagt die Wahrheit“: Die Wahrheit der klimatischen Veränderung und deren Folgen soll ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt werden, um die Dringlichkeit eines sofortigen Kurswechsels klarzumachen. Auf globaler Ebene wird das Ausrufen des Klimanotstands gefordert. In Deutschland fordert Extinction Rebellion, dass die Bundesregierung „die existenzielle Bedrohung durch die ökologische Krise und ihre Ursachen und Folgen offiziell anerkennen“ solle. Act Now – „Handelt jetzt“: Mit einem sofortigen Umsteuern in der Klimapolitik soll der Ausstoß sämtlicher fossiler Treibhausgase beendet sowie weitere Emissionen massiv reduziert werden. In Deutschland wird zudem gefordert, dass die Biodiversitäts- und die Klimakatastrophe aufgehalten werden müsse, indem auf eine Wirtschaftsweise umgestellt wird, die sich an den Konzepten Postwachstum und Planetare Grenzen orientiert. Der ökologische Raubbau soll eingedämmt und möglichst umgekehrt werden. Extinction Rebellion Global und einige Ländergruppen fordern noch Netto Null bis 2025. Beyond Politics – „Politik neu leben“ (in Deutschland: „Demokratie neu Leben!“): Auf Basis von partizipatorischer Demokratie in Form von „Bürger:innenräten“ sollen Wege zur Überwindung der Klimakrise entwickelt werden. Zufällig ausgewählte Bürger sollten über Maßnahmen gegen die ökologische Katastrophe und Maßnahmen für Klimagerechtigkeit beraten. In zwei aufwändigen Prozessen seit 2020 wurden alle drei Forderungen von XR Deutschland deutlich aktualisiert, ohne sich aber damit aus dem globalen XR Zusammenhang heraus zu lösen. Unter anderem wurde der Aspekt der globalen Gerechtigkeit stärker betont, die Netto Null – Forderung wurde durch absolute Minderungsziele ersetzt und mit Postwachstum und den Planetaren Grenzen wurde die ökologische Transformation durch umfangreiche Konzepte konkretisiert. Auch andere Ländergruppen haben inhaltliche Änderungen vorgenommen oder zusätzliche Forderungen ergänzt. Gewaltfreiheit
Die Aktivisten von XR wollen Druck auf die politischen Entscheidungsträger ausüben, damit diese wirksam gegen die Zerstörung von Lebensräumen vorgehen. Dies soll durch gewaltfreie Aktionen des zivilen Ungehorsams passieren. So möchten zum Beispiel die XR-Gruppen im Vereinigten Königreich die logistische Infrastruktur der britischen Wirtschaft durch Brückenbesetzungen lahmlegen, um Aufmerksamkeit für ihre Ziele zu schaffen.
Roger Hallam zufolge, einem der Gründer von XR, sollen „Massenverhaftungen möglichst viel mediale Aufmerksamkeit auf sich ziehen – und eine politische Krise herbeiführen.“ XR gibt an, keine Gewalt anwenden zu wollen. Vor den Blockaden in Berlin im Oktober 2019 erklärte Tino Pfaff, Mitglied des Bundespresseteams von XR Deutschland, dass hunderte von Personen bereit seien, sich für Straßenblockaden und andere Protestformen festnehmen zu lassen. Nach seinen Worten begehen die Teilnehmer „keine Straftaten, maximal Delikte“.
Aktionen (Auswahl) mini|Aktion in Tower Hill, London im November 2018 mini|Die-in in München, 2019
Extinction Rebellion rief für die Woche ab dem 15. April 2019 international zu Aktionen auf. In mindestens 33 Ländern auf 6 Kontinenten waren Protestaktionen geplant, darunter Deutschland, das Vereinigte Königreich, Frankreich, Schweiz, Kolumbien, Kanada, die Vereinigten Staaten, Ghana, Australien und Neuseeland. Das Ziel der Rebellion ist, Regierungen zu zwingen, die Forderungen von Extinction Rebellion in die Tat umzusetzen. Für die Rebellionswoche waren verschiedenste Aktionen des gewaltfreien zivilen Ungehorsams geplant, unter anderem Brücken-, Straßen- und Hafenblockaden, außerdem kreative Proteste wie Die-in, Trauermärsche, Theater-Flashmobs. Die Polizeieinsätze gegen die Blockaden führten zu über 600 Verhaftungen.Extinction Rebellion: Police move in on London protesters. In: BBC News, 20. April 2019, abgerufen am 21. April 2019 (englisch).
In Deutschland fiel bisher besonders die Aktion am 11. Juni 2019 auf, als sich eine Reihe von Aktivisten von XR mit Fahrradschlössern um den Hals an den Zaun des Kanzleramts in Berlin ketteten.
In der Schweiz machte die Organisation am 6. Juni 2019 bei einer Aktion mit Kunstblut vor dem Bundeshaus in Bern auf sich aufmerksamAlexander von Däniken: Luzerner im Kampf gegen Klimawandel – «Es braucht Katastrophenalarm». In: Luzerner Zeitung, 14. August 2019. und am 10. September 2019 färbte die Gruppierung die Limmat in Zürich mit Uranin giftgrün.Die Limmat ist plötzlich giftgrün. In: Tages-Anzeiger, 11. September 2019.
Extinction Rebellion rief für den 20. September 2019 gemeinsam mit Fridays for Future zum globalen Klimastreik auf. In der folgenden Woche wurde unter anderem mit United4Earth, IWW Environmental Unionist Caucus und Demand Utopia der Earth Strike am 27. September 2019 veranstaltet.
Am 3. Oktober 2019 wollten Aktivisten der Extinction Rebellion mithilfe eines alten Tanklöschfahrzeuges das britische Finanz- und Wirtschaftsministerium in London großflächig mit Kunstblut vollspritzen, verloren jedoch die Kontrolle über Feuerwehrschlauch und Strahlrohr, so dass überwiegend Straßengrund und Mitprotestanten mit der rot gefärbten Flüssigkeit bespritzt wurden. Es wurden fünf Frauen und drei Männer verhaftet.Extinction Rebellion 'lose control of fake blood hose'. In: BBC News, 3. Oktober 2019 (englisch).Gareth Davies: Extinction Rebellion spray fake blood on Treasury building as police arrest eight for criminal damage In: The Telegraph, 3. Oktober 2019 (englisch).
Am 5. Oktober 2019 besetzten mehrere Hundert Aktivisten ein Einkaufszentrum im 13. Arrondissement in Paris. Zudem wurde am gleichen Tag mit dem Aufbau eines Klimacamps vor dem Kanzleramt in Berlin begonnen. Am 7. Oktober 2019 blockierten 1000 Aktivisten während des Berufsverkehrs den Großen Stern. Weitere 2000 Aktivisten blockierten den Verkehr am Potsdamer Platz. Der Verkehr sollte eine Woche lang gestört werden. Nach eigenen Angaben nahmen bis zum 13. Oktober bis zu 6000 Aktivisten an verschiedenen Blockaden in Berlin teil.