Philipp Casimir Conradi (* 19. September 1784 in Wonsheim; † 21. August 1849 in Dexheim) war ein vom Idealismus (Junghegelianismus) beeinflusster Pfarrer und theologisch-philosophischer Schriftsteller.
Leben Casimir Conradi war ein Sohn des evangelischen Pfarrers Johann Christian Conradi (1742–1796)Aus Albig (1755 konfirmiert, 1761 immatrikuliert in Heidelberg, 1769 ordiniert), Sohn des Pfarrers Johann Jacob Conradi (1694–1761) aus Kreuznach (1712 immatrikuliert in Herborn), und seiner Frau Anna Maria Magdalena († 1784), Enkel von Johann Georg Conradi (1656–1727) aus Herborn, der 1694 als Pfarrer von Bosenheim in Kreuznach wohnte; vgl. Wilhelm Diehl (Hrsg.): Pfarrer- und Schulmeisterbuch für die Provinz Rheinhessen und die kurpfälzischen Pfarreien der Provinz Starkenburg. Darmstadt 1928, S. 168, 277 und 298 (Digitalisat des Landesbibliothekszentrums Rheinland-Pfalz).Johann Christian Conradis Paten waren Johannes Conradi (* um 1710/15; † 1744/56) aus Herborn, 1741 Immatrikulation und Promotion zum Dr. jur. utr. in Harderwijk, Kandidat zu Bredevoort, und Johann Christian Simon (* um 1698/1700; † um 1756), Pfarrer zu Flomborn, und ihre Ehefrauen.Zu seinem Bruder Johann Philipp Peter Conradi (1749–1814) vgl. Klaus Napp-Zinn: Johannes Eller of Wonsheim, Germany: In: The Eller Chronicles 7 (1993), S. 86–125, bes. S. 118–123 (Digitalisat; abgerufen am 22. Januar 2019). zu Wonsheim, seine Mutter war Anna Catharina geb. Guntersheimer (* 1758). Nach dem Tod des Vaters kam er zu seinem Großvater Johann Valentin Guntersheimer (1720–1810),Aus Heidelberg, 1737 immatrikuliert, 1740/41 examiniert in Heidelberg. der Pfarrer im Waldböckelheim und Inspektor (Superintendent) des reformierten Lokalkonsistoriums Sobernheim war. Conradi besuchte die oberen Klassen des Reformierten Gymnasiums in Kreuznach. Die Schule musste um 1799 nach Einziehung der Schulgüter durch den französischen Staat ihren offiziellen Lehrbetrieb einstellen und wurde danach von ehemaligen Lehrern im Privatunterricht weitergeführt.Vgl. Heinrich Eduard Scriba (Hrsg.): Biographisch-literärisches Lexikon der Schriftsteller des Großherzogthums Hessen im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts, Bd. II. Jonghaus, Darmstadt 1843, S. 129–131, bes. S. 129.
„Philipp Kasimir Konradin von Wonsheim, der Theologie Befliessenen“Gustav Toepke (Hrsg.): Die Matrikel der Universität Heidelberg, Bd. IV Von 1704–1807. Carl Winter, Heidelberg 1903, S. 380 (Digitalisat der Universitätsbibliothek Heidelberg). immatrikulierte sich am 28. Mai 1803 an der Universität Heidelberg. Er wurde dort vor allem von Carl Daub und Friedrich Creuzer beeinflusst. Am 9. November 1804 bezog er die Universität Würzburg, wo er Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Heinrich Eberhard Gottlob Paulus hörte. Zum Studienabschluss kehrte Conradi noch einmal nach Heidelberg zurück.
Conradi wurde nach dem Studium 1809 „Pasteur“ und Lehrer in Frei-Laubersheim (Consistoire local de l'Église réformée de Sprendlingen) im Département du Mont-Tonnerre.Vgl. M. A. D. G. (Hrsg.): Almanach des Protestans de l'Empire François pour l'an de grâce 1810. 3. Jg., Librairie Protestante / Bretin, Paris 1810, S. 108 (Google-Books). 1811–1815 war er reformierter Pfarrer in Oppenheim und Dienheim und seit Mai 1815 in DexheimIn Dexheim amtierte 1676–1678 Johann Conradi (1644–1695) aus Rheydt im Herzogtum Jülich-Berg als Pfarrer, 1662 immatrikuliert in Duisburg, 1667 in Leiden, ab 1678 in Münster bei Bingen, 1679 Interimspfarrer zu Wonsheim, vielleicht ein Verwandter Casimir Conradis; vgl. Wilhelm Diehl (Hrsg.): Pfarrer- und Schulmeisterbuch für die Provinz Rheinhessen und die kurpfälzischen Pfarreien der Provinz Starkenburg. Darmstadt 1928, S. 98. und Schwabsburg. Mit seinem reformierten Kollegen in Nierstein Johann Paul Wallot (1777–1824)Aus Oppenheim, Sohn eines Kaufmanns, seit 1808 Pfarrer in Nierstein. Die Hugenotten-Familie Wallot (Valot) stammte aus Arles in Südfrankreich und war seit etwa 1650 in Oppenheim ansässig. arbeitete Conradi eng zusammen. Am 19. August 1817 appellierten die neun Pfarrer Johann Jakob Mathias (1785–1863) zu Sprendlingen (ref.), Georg Wehsarg (1781–1868) zu Planig (luth.), Karl Philipp Schönfeld (* um 1782; † 1848) zu Wöllstein (luth.), Heinrich Julius Balbier (1779–1821) zu Wöllstein (ref.), Conradi zu Dexheim (ref.), Georg Christian Fitting (1792–1873) zu Oppenheim (ref.), Heinrich Wilhelm Dilg (1770–1857) zu Selzen (ref.), Wallot zu Nierstein (ref.) und Friedrich Ludwig Wundt (1787–1842)Aus Büchenbeuren bzw. ab 1789 Sprendlingen; Sohn von Pfarrer Johann Paul Wundt († um 1805), 1803 am selben Tag wie Conradi immatrikuliert in Heidelberg, verheiratet mit Philippina Conradi (1786–1858), einer Schwester von Casimir Conradi; vgl. Frankfurter Journal Nr. 37 vom 12. Februar 1858, S. 4. zu Wonsheim (ref.) mit einem Scheiben an ihre hessischen Kollegen, die bislang getrennten reformierten und lutherischen Gemeinden anlässlich des 300. Reformationsjubiläums zu vereinigen.Vgl. Heinrich Bechtolsheimer, Julius Reinhard Dieterich, Kurt Strecker: Festschrift der Provinz Rheinhessen zur Hundertjahrfeier 1816–1916. J. Diemer, 1916, S. 124. Nach der Einführung der Kirchenunion 1822 im Großherzogtum Hessen wurden in der Pfarrei Dexheim 1824 alle Evangelischen aus Dexheim und Schwabsburg zusammengefasst.Vgl. Wilhelm Diehl (Hrsg.): Pfarrer- und Schulmeisterbuch für die Provinz Rheinhessen und die kurpfälzischen Pfarreien der Provinz Starkenburg. Darmstadt 1928, S. 39f und 48. 1833 wurde Conradi Mitglied der Bezirks-Schulkommission des Kantons Oppenheim.
Casimir Conradi amtierte mehrmals als Dekan des Dekanats Oppenheim. Er scheint um 1835/36 vorübergehend in Nierstein gewohnt zu haben.Vgl. Soolbäder zu Creuznach, Saison von 1836. Henß, Kreuznach 1836, Scan 14, 23, 32 und 40: „Bei Herrn Pfarrer Kremer. Herr Pfarrer Conradi und Frl. Tochter von Nierstein. Fräulein Conradi aus Dexheim.“; Cur-Listen vom 24. Juli – 9. Oktober 1836 (Digitalisat des Landesbibliothekszentrums Rheinland-Pfalz). Der dortige Pfarrer Johann Jakob Christ (* 1782; † um 1857)Besuchte das Gymnasium in Grünstadt; Pflege der sechs Kinder des entlassenen verstorbenen Pfarrers Christ, 1857; Landesarchiv Speyer (Bestand U 178 Gemeindearchiv Nierstein, Kirchenangelegenheiten, Sachakte 2104); Disziplinarverfahren gegen Pfarrer Jacob Christ in Nierstein, Pfarrverweser Jacob Jung, Entlassung von Pfarrer Christ aus dem Dienst, Ableben u. a., 1828–1857; Zentralarchiv der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau Darmstadt (Oberkonsistorium Darmstadt, Geistliche Gerichtsbarkeit, Nr. 147). war verschiedentlich auffällig und wurde 1842 suspendiert, 1845 entlassen.Vgl. Regest (Kriegsverlust) Ministerial-Akten betreffend Beschwerde gegen Pfarrer Jak. Christ zu Nierstein wegen seines Verhaltens in Schulangelegenheiten und seine Bestrafung, 1828–1829; Hessisches Staatsarchiv Darmstadt (Bestand E 5 C Kirchenangelegenheiten und Religionswesen, Vernichteter Bestand Pfarrei-Angelegenheiten); Der Katholik; eine religiöse Zeitschrift zur Belehrung und Warnung 22 (1842), Beilage VIII, S. lxxi (Google-Books). Später lebte Conradi wieder in Dexheim.Vgl. Vorwort zu Kritik der christlichen Dogmen. Duncker und Humblot, Berlin 1841, S. xii, u. a. Da er an einer organisch bedingten Sprechstörung litt, ließ er sich ab 1836 beim Predigen in Dexheim von Vikaren vertreten, so 1848–1850 von Franz Joseph Helfrich (1806–1886) aus Viernheim, der bis zu seinem Übertritt zur evangelischen Kirche 1835 katholischer Pfarrer in Burgholzhausen vor der Höhe gewesen war und ein Exponent der Erweckungsbewegung in Rheinhessen wurde.Heinrich Steitz: Geschichte der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Trautvetter & Fischer, Marburg 1977, S, 354–358 u. ö. Im Sommer 1836 reiste Conradi in Begleitung zweier Töchter zum Kuren nach Kreuznach; er wohnte zur Pension bei seinem Kollegen Johann Friedrich Kremer (1789–1857), dem Pfarrer von Waldböckelheim.
Aus seinem Pfarramt heraus veröffentlichte Conradi eine Reihe von philosophisch-theologischen Abhandlungen, die im zeitgenössischen akademischen Diskurs rezipiert wurden. Zwischen den religionskritischen Linkshegelianern (David Friedrich Strauß, Ludwig Feuerbach, Bruno Bauer, Edgar Bauer) und der konservativen hegelianischen Rechten (Carl Friedrich Göschel, Georg Andreas Gabler, Hermann Friedrich Wilhelm Hinrichs, Johann Eduard Erdmann) vertrat Casimir Conradi wie Ludwig Noack, Philipp Konrad Marheineke, Wilhelm Vatke, Julius Schaller, Immanuel Hermann Fichte oder Karl Rosenkranz eine mittlere Position.Vgl. Friedrich Ueberweg, Traugott Konstantin Oesterreich: Grundriss der Geschichte der Philosophie, Bd. IV. 12. Aufl. Mittler, Berlin 1923, S. 200f, u. a. In einer Sammelrezension der 1841 erschienenen Schriften von Kasimir Conradi (Kritik der christlichen Dogmen), David Friedrich Strauß (Die christliche Glaubenslehre in ihrer geschichtlichen Entwicklung und im Kampf mit der modernen Wissenschaft dargestellt) und Ludwig Feuerbach (Das Wesen des Christenthums) heißt es:
In seiner letzten größeren Arbeit Autorität und Gewissensfreiheit, die abschnittsweise in zwei von Noack herausgegebenen Zeitschriften veröffentlicht wurde, konzentrierte sich Conradi 1848 auf eine sozialethische bzw. staatsphilosophische Fragestellung und beschäftigte sich unter anderem mit dem Verhältnis von Autokratie und Demokratie. Kurz vor seinem Tod beteiligte er sich noch an der von Ludwig Noack – damals in Oppenheim wohnhaft – herausgegebenen überkonfessionellen Freien allgemeinen Kirchenzeitung „als Organ für die demokratische Entwicklung des religiös-kirchlichen Gedankens und Lebens in Deutschland“.Vgl. Beilage No. 7 zur Allgemeine Schulzeitung, 1848 (Google-Books); Allgemeiner Anzeiger, Nr. 314, vom 29. November 1848, Sp. 4311f (Google-Books). Weitere Unterstützer des Projekts waren der Rabbinatsassistent Abraham Jakob Adler (1811–1856) aus Worms,Pseudonym: „Akibon“; Sohn des Wormser Rabbiners Isaac Adler (1753–1822), Bruder des Rabbiners Samuel Adler (1809–1891). Andreas Frederik Beck (1816–1861)Aus Skarum auf Mors, auch Friedrich Beck; Studium in Kopenhagen, 1839 Promotion in Kiel zum Lic. theol., Linkshegelianer, Pfarrer; vgl. K. Brian Söderquist: Andreas Frederik Beck: A Good Dialectician and a Bad Reader. In: Jon Stewart (Hrsg.): Kierkegaard and his Danish Contemporaries, Bd. I Philosophy, Politics and Social Theory. (Kierkegaard research 7,1). Ashgate, Farnham 2009, S. 1–12. in Kopenhagen, Eduard Duller in Darmstadt, Robert Haas (1806–1862)Aus Dickschied; Pfarrer in Dotzheim bei Wiesbaden und Haiger, legte 1848 sein Pfarramt nieder, Redakteur des Deutsch-Nassauischen Volksblatts in Dillenburg; Verfasser der Schrift Das Staatsbürgerrecht der Juden, vom Standpunkte der innern Politik beleuchtet. Karl Körner, Frankfurt am Main 1837, die sich für die Emanzipation aussprach.Zu ihm vgl. Michael Knoche: Volksliteratur und Volksschriftenvereine im Vormärz. (Archiv für Geschichte des Buchwesens 27). Weisbecker, Frankfurt a. M. 1986, S. 36–44 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). in Frankfurt am Main, Wilhelm Nagel in Bremen, Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck in Breslau, Karl Christian Planck in Tübingen, Alexis Schmidt in Berlin, Ludwig Seeger in Stuttgart, Albert Schwegler in Tübingen, der deutsch-katholische Prediger Eduard Georg Schröter in Worms und Carl Zschiesche (1807–1869)Pfarrer in Dößel, seit 1847 Oberprediger an St. Martini in Halberstadt. in Halberstadt.
1848 wurde Conradi in die Kommission gewählt, die im Auftrag von Großherzog Ludwig III. von Hessen-Darmstadt unter dem Vorsitz von Prälat Karl Zimmermann im Frühjahr 1849 den Entwurf einer Synodal- und Presbyterial-Verfassung für die evangelische Kirche des Großherzogtums Hessen vorlegte. Das Projekt einer hessischen Kirchenordnung kam jedoch mit dem Ende der Revolution 1848/49 zunächst zum Erliegen.Vgl. Heinrich Steitz: Geschichte der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Trautvetter & Fischer, Marburg 1977, S. 362f.