mini|Afrika südlich der Sahara Das Frauenwahlrecht in Afrika südlich der Sahara wurde in seiner Entwicklung wesentlich von der Kolonialgeschichte geprägt. Vor der Kolonialisierung hatten Frauen auf familiärer und lokaler Ebene Einfluss, aber keine offizielle Autorität. Dennoch gibt es zahlreiche Beispiele für weibliche Stammesoberhäupter und Frauenorganisationen, die wegen ihrer zentralen Rolle bei der landwirtschaftlichen Produktion und der Vermarktung von Gütern politisches Gewicht hatten. Während der Kolonialzeit wurde die Macht der Frauen wesentlich beschnitten, weil die Mächtigen die Überzeugung vertraten, dass Frauen ins Haus gehörten und in der Politik nichts verloren hätten. Als Afrika dekolonialisiert wurde, war eine demokratische Verfassung ohne Frauenwahlrecht kaum noch vorstellbar. Das Frauenwahlrecht war eine der Maßnahmen, die Eingang in eine moderne Verfassung der unabhängigen Staaten fanden. Die weichenden Kolonialmächte blockierten es nicht, und die neue politische Elite begrüßte es. In den Jahrzehnten nach der Dekolonialisierung aber zerstörten in vielen afrikanischen Ländern autoritäre Regimes die Hoffnungen auf Demokratie.

Historische Entwicklungslinien mini|hochkant|Ethel Tawse Jollie, rhodesische Publizistin, Schriftstellerin und politische Aktivistin, war die erste weibliche Abgeordnete im British Empire außerhalb Großbritanniens (aus einer Veröffentlichung von 1907) Vor der Kolonialzeit waren die Hauptanliegen von Frauen in Afrika Heiratsregeln, der Zugang zu Bildung und Nahrungsmittelknappheit, nicht das Frauenwahlrecht.June Hannam, Mitzi Auchterlonie, Katherine Holden: International Encyclopedia of Women's Suffrage. ABC-Clio, Santa Barbara, Denver, Oxford 2000, ISBN 1-57607-064-6, S. 5. Auf familiärer und lokaler Ebene hatten sie zwar Einfluss, aber keine offizielle Autorität. Dennoch gibt es zahlreiche Beispiele für weibliche Stammesoberhäupter und Frauenorganisationen, die wegen ihrer zentralen Rolle bei der landwirtschaftlichen Produktion und der Vermarktung von Gütern politischen Einfluss hatten. Oft konnten Frauen für die Abschaffung unpopulärer lokaler Gesetze und Steuern sorgen, indem sie auf Männer in Machtpositionen Druck ausübten. Audrey Chapman Smock charakterisierte die Rollen von Frauen und Männern als unterschiedlich und einander ergänzend, sah aber keine Über- oder Unterordnung.Audrey Chapman Smock: Ghana: From Autonomy to Subordination., in: Janet Zollinger Giele, Andrey Chapman Smock: Women: Roles and Status in Eight Countries. New York, John Wiley 1977, S. 180, zitiert nach Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 375.

Vorläufer der politischen Kolonialisierung waren die Handelsexpeditionen der Europäer. Der Beginn politischer Machtansprüche wird zeitlich oft an der Beanspruchung des Kongo durch den belgischen König Leopold II. 1879 festgemacht. Es folgten die Briten, Franzosen, Deutschen, Spanier, Portugiesen und Italiener, und nach 25 Jahren wurde fast der gesamte Kontinent außer Äthiopien und Liberia von Europäern kontrolliert. Ziele der Kolonialmächte waren die Verfügungsgewalt über Rohstoffe, die Erschließung neuer Märkte für in Europa produzierte Waren und eine Ausdehnung der eigenen Macht und Größe. Der proklamierte Anspruch der Zivilisierung des afrikanischen Kontinents schloss die Beendigung der Sklaverei ebenso ein wie die Verbreitung des Christentums. Die angebliche traditionelle Unterprivilegierung von Frauen wurde als ein Argument für die Notwendigkeit einer Zivilisierung benutzt. Monogamie und eheliche Treue wurden propagiert. Zwar gingen Mädchen und Jungen zur Schule, doch unterschieden sich die Zahlen deutlich: In Ghana kamen zum Beispiel 1918 in den öffentlichen Schulen auf jedes Mädchen sechs Jungen, in den Basler Missionsschulen war das Verhältnis 1:3.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 376. Während der Kolonialzeit wurde die Macht der Frauen wesentlich beschnitten, weil die Mächtigen die Überzeugung vertraten, dass Frauen ins Haus gehörten und in der Politik nichts verloren hätten. Gegen diesen Sturz in die Bedeutungslosigkeit leisteten Frauen Widerstand, indem sie an kollektiven Aktionen teilnahmen, etwa dem Widerstand gegen Steuern in Nigeria und Tansania und dem Engagement in Befreiungsbewegungen, zum Beispiel in Eritrea, Guinea-Bissau, Namibia und Südafrika. Einige gebildete Frauen, etwa Funmilayo Ransome-Kuti aus Nigeria oder Constance Cummings-John aus Sierra Leone, wurden politisch aktiv, konnten ihre politischen Anliegen in Parteien einbringen und für das Frauenwahlrecht eintreten. Die immer noch vorhandenen Stammesstrukturen sorgten dafür, dass es keine großen Auseinandersetzungen um das Frauenwahlrecht gab; und wo es sie gab, da war die Bevölkerung überwiegend islamisch.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 375.

In der postkolonialen Zeit wurde die politische Macht zentralisiert und das politische Leben entfernte sich tendenziell von seinen lokalen Wurzeln. Deshalb ist es – von einigen Ausnahmen wie Südafrika abgesehen – immer noch schwierig für Frauen, Zugang zur politischen Sphäre zu finden. Schlüssel für den politischen Erfolg sind ein hohes Bildungsniveau und eine bezahlte Anstellung. Der Aufstieg von Diktaturen verschlimmerte die Situation für Frauen, doch gibt es durchaus afrikanische Frauen, die Regierungsämter ausübten. Ghana ist insofern repräsentativ für den afrikanischen Kontinent, als Frauen im postkolonialen politischen System keine Rolle spielten. Zwar waren Frauen nicht von hohen Regierungsämtern ausgeschlossen, aber Frauen hatten nur wenige bedeutende politische Ämter inne.

Untersuchung möglicher Einflussfaktoren auf die politische Repräsentation von Frauen Bewaffneter Widerstand gegen die Kolonialmächte Offensichtlich hatte es keine Bedeutung für die Einführung des Frauenwahlrechts, ob es in dem Land einen bewaffneten Kampf gegen die Kolonialherren gab, beziehungsweise ob Frauen sich darin engagierten. In Zimbabwe und Mozambique, wo Frauen sich gegen die Kolonialmächte bewaffnet zur Wehr setzten, ging der Kampf um das Frauenwahlrecht nicht besser voran als in Ghana, wo der Machtübergang friedlich erfolgte oder in Liberia, das nie unter europäischer Herrschaft war.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 393. Innerhalb der Widerstandsbewegungen spielten Frauen häufig eine aktive Rolle: Sie stellten die Mehrheit derer, die in den ersten achtzehn Monaten der Tanganyika African National Union (Tanganjika, heute Tansania) organisiert waren; die ethnische Bewegung der Zulu fanden sich mehr als fünfzig Prozent Frauen und in Guinea sollen Frauen durch einen Sexstreik erreicht haben, dass ihre Ehemänner sich der nationalistischen Bewegung anschlossen.John Iliffe: Honour in African History. Cambridge, University Press, Cambridge 2005, S. 312, zitiert nach: Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 376.

Westliche Vorstellung von Fortschritt Die Einführung des Frauenwahlrechts war keine Belohnung von Frauen für deren Verdienste um die Nation, sondern vielmehr Ausdruck einer westlichen Vorstellung von Fortschritt. Frauen erhielten Beifall, wenn sie sich der westlichen Vorstellung von Fortschritt anschlossen, der Blick auf die besonderen Bedingungen Afrikas spielte hierbei keine Rolle. Als 1948 in Artikel 21 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte das allgemeine und gleiche Wahlrecht aufgenommen wurde, wurde damit eine Schlüsselforderung der antikolonialistischen Bewegungen erfüllt.Ian Christopher Fletcher: Sex and Gender. Manuscript Sources from the Public Record Office. Marlborough, Adam Matthew 2002, S. 8. Zitiert nach: Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 377. Das Frauenwahlrecht galt, wie ein Parlamentsgebäude oder eine nationale Fluglinie, als eines von mehreren Elementen der unabhängig gewordenen Staaten.

Regierungsform Ghana ist insofern repräsentativ für den afrikanischen Kontinent, als Frauen in der postkolonialen Zeit wenig Einfluss hatten. Frauen waren zwar von hohen Regierungsämtern nicht ausgeschlossen, hatten aber nur wenige hochrangige politische Ämter inne.Audrey Chapman Smock: Ghana: From Autonomy to Subordination. In: Janet Zollinger Giele, Audrey Chapmann Smock: Women: Roles and Status in Eight Countries. New York, John Wiley 1977, S. 173–216, S. 205. Zitiert nach: Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 393. Der Nationale Rat für Frauen und Entwicklung Ghanas wünschte sich in den frühen 1970er Jahren mehr Frauen in Entscheidungspositionen in der Politik, stellte aber auch fest, dass das Land bei seinem Übergang in die Unabhängigkeit unter einem Militärregime war; da es keine hochrangigen Frauen in der Armee gab, war es auch nicht möglich, Frauen in die Regierung zu berufen.Florence Abena Dolphyne: The Emancipation of Women: An African Perspective.Accra, Ghana Universities Press 1991, S. 46, zitiert nach: Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 394.

Bildung und Klasse Der Historiker Audrey Chapman Smock bemerkte, dass gebildete Frauen wenig Neigung zeigten, ihre nicht so gebildeten Frauen in ihre Organisationen aufzunehmen.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 394. Die Führerinnen der Frauenorganisationen gehörten also einer Elite an, die nur wenig Diskriminierung erlebte und nur wenig Motivation verspürte, gegen Ungerechtigkeiten vorzugehen und die Organisationen auf eine breitere Basis zu stellen.Audrey Chapman Smock: Ghana: From Autonomy to Subordination. In: Janet Zollinger Giele, Audrey Chapmann Smock: Women: Roles and Status in Eight Countries. New York, John Wiley 1977, S. 173–216, S. 208. Zitiert nach: Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, S. 394. Hier stand die Solidarität mit der eigenen Klasse im Vordergrund, nicht der Einsatz für Frauen aus anderen Klassen.

Frauenbewegungen und Feminismus Selbst in den meisten fortschrittlichen Ländern Afrikas gab es keine nennenswerte Frauenbewegung. Westliche Modelle politischer Aktivität von Frauen waren unangemessen. So betrachtete sich zum Beispiel Florence Abena Dolphyne, immerhin Vorsitzende des Nationalen Rates für Frauen und Entwicklung in Ghana, nicht als Feministin. Die feministische Bewegung ging an der Realität afrikanischer Frauen vorbei: Hier ging es nicht in erster Linie um das Frauenwahlrecht, sondern um Fragen, die mit der Entwicklung des Landes zusammenhingen, etwa Zugang zu sauberem Trinkwasser und mehr Unabhängigkeit von den Preisschwankungen für Agrargüter auf den Weltmärkten.

Demokratisierung Eine demokratische Verfassung ohne Frauenwahlrecht war zu dem Zeitpunkt, als Afrika dekolonialisiert wurde, kaum noch vorstellbar. Das Frauenwahlrecht war eine der Maßnahmen, die Eingang in eine moderne Verfassung der unabhängigen Staaten fanden. Die weichenden Kolonialmächte blockierten es nicht, und die neue politische Elite begrüßte es. In den Jahrzehnten nach der Dekolonialisierung aber zerstörten in vielen afrikanischen Ländern autoritäre Regimes die Hoffnungen auf Demokratie. Die alten Stammesordnungen blieben unangetastet, auch wenn die Kolonialzeit zu Ende ging. Somit fand keine tiefgreifende Demokratisierung statt.

Einzelne Regionen Die ehemaligen belgischen Kolonien Burundi