mini|Darsteller und Regisseurin bei der Premiere des Films in Cannes

Capernaum – Stadt der Hoffnung (Originaltitel Capharnaüm oder ) ist ein libanesisches Sozialdrama von Regisseurin Nadine Labaki. Bei seiner Premiere am 17. Mai 2018 auf dem Filmfestival von Cannes wurde es mit 15-minütigen Standing Ovations und dem Preis der Jury honoriert.‘Capernaum’ Trailer: Nadine Labaki’s Cannes Jury Prize Winner Is a Moving Look at Childhood Poverty, IndieWire (abgerufen am 18. Januar 2019; englisch) Es folgten zahlreiche weitere Auszeichnungen und die Nominierung als bester fremdsprachiger Film bei den Oscars 2019.Oscars: 'Capernaum' Lands Lebanon Back-to-Back Foreign-Language Nominations The Hollywood Reporter (abgerufen am 22. Januar 2019; englisch) Der deutsche Kinostart war am 17. Januar 2019.

Handlung Gerade einmal 12 Jahre alt, steht Zain schon zum zweiten Mal vor Gericht. Beim ersten Mal war er der Angeklagte, nachdem er einen Mann (einen „Hurensohn“, so Zain) mit einem Messerstich schwer verletzt hatte. Nun ist er selbst der Ankläger – seiner eigenen Eltern. Auf die Frage nach dem Warum antwortet er: „Sie haben mich auf die Welt gebracht.“

In chronologisch geordneten Rückblenden erzählt der Film seine Vorgeschichte. Zains elfköpfige Familie haust unter widrigsten Bedingungen auf engstem Raum in einem Armenviertel von Beirut. Der Vater verwehrt den Kindern die Schule; stattdessen müssen sie als Straßenverkäufer mit zum Unterhalt beitragen. Als einziger Junge und Ältester zugleich hat Zain die größte Verantwortung; dazu gehören auch Arbeiten für den Besitzer ihrer Wohnung, Assad, der ihnen dafür die Miete erlässt. Dass dieser zudem ein Auge auf seine Lieblingsschwester, die 11-jährige Sahar, geworfen hat, ist Zain nicht entgangen. Als sie ihre erste Regel hat, klärt er sie auf und warnt sie. Dennoch geschieht, was er befürchtet. Er rebelliert offen gegen ihre Verheiratung und bereitet heimlich die Flucht mit ihr vor. Als beides scheitert, läuft er von zuhause weg.

In den Slums findet er Zuflucht bei der aus Äthiopien stammenden Rahil, die illegal als Putzfrau in einem Vergnügungspark arbeitet. Sie hat einen gut einjährigen Sohn, Yonas, den sie tagsüber heimlich mit zur Arbeit schmuggelt, um ihn zu versorgen. Nun gibt sie ihn Zain in Obhut. Eines Tages jedoch kehrt sie nicht zurück; mangels gültiger Dokumente ist sie verhaftet worden, ohne Zain benachrichtigen zu können. Fortan muss er allein für sich und Yonas sorgen. Die erworbene Sozialkompetenz und Erfahrung helfen ihm dabei. Um zusammen mit Yonas per illegaler Ausschleusung nach Schweden zu gelangen, spart er sogar Geld, das er durch Drogengeschäfte erwirbt und sorgsam in Rahils Behausung versteckt. Eines Tages aber steht er vor verschlossener Tür. Der Besitzer hat Rahils Verschwinden bemerkt, ihre Sachen vor die Hütte gestellt und diese fest verriegelt. Obdach- und mittellos geht Zain nun einen gewagten Deal ein: Sein Fluchthelfer kauft ihm Yonas für 400 Dollar ab und verspricht, ihn in eine gute Familie zu geben; für den Erlös könne Zain sich allein ausschleusen lassen, muss zuvor aber noch seine Geburtsurkunde herbeischaffen. Heimlich schleicht sich Zain zuhause ein, wird aber beim Suchen ertappt und gleich darauf, wie auch früher schon, von seinen Eltern beschimpft. Als er noch dazu mit der Nachricht von Sahars Tod konfrontiert wird, nimmt er sich ein Messer und verübt Selbstjustiz an dem aus seiner Sicht Schuldigen, Assad.

Die Rahmenhandlung wird nun zu Ende erzählt. In der Tat ist Sahar an den Folgen ihrer frühen Schwangerschaft gestorben. Der im Rollstuhl vor Gericht erscheinende Assad zeigt keinerlei Schuldbewusstsein. Zain, zu fünf Jahren Haft verurteilt, erfährt bei einem Besuch seiner Mutter, sie sei selbst wieder schwanger. Sie hofft, ihn mit diesem „Gottesgeschenk“, das den erlittenen Verlust ausgleichen soll, zu besänftigen, empört ihn aber umso mehr. Vor Gericht verschärft Zain daher seine erste Klage und fordert, seinen Eltern die Geburt weiterer Kinder, um die sie sich nicht kümmern, zu verbieten. Das Urteil des Richters lässt der Film offen.

Entstehung Regisseurin Nadine Labaki und ihr Team arbeiteten insgesamt mehr als sechs Jahre an dem Film. Allein vier entfielen auf Recherchen unter Kindern aus den Armenvierteln und Slums von Beirut, viele von ihnen Straßenkinder und manche auch aus syrischen Flüchtlingsfamilien stammend. Labaki erfuhr aus ihrem Mund von extremen Fällen der Vernachlässigung und des Missbrauchs. Die letzte Frage, die sie an die Kinder richtete, war stets: „Bist du glücklich, hier zu sein; bist du glücklich, am Leben zu sein?“ Fast ausnahmslos antworteten sie mit Nein.Anke Sterneborg: Klage eines ruppigen Kindes. In: Die Zeit. 17. Januar 2019, abgerufen am 13. Februar 2019.Hannah Pilarczyk: „Bist du glücklich, am Leben zu sein?“. In: Der Spiegel. 17. Januar 2019, abgerufen am 13. Februar 2019.Paul Katzenberger: „Als Erste bezahlen die Kinder für unsere Kriege“. Interview mit Nadine Labaki. In: SZ.de, 18. Januar 2019, abgerufen am 16. Februar 2019.

Das Gros der Schauspieler, die in dem Film mitwirken, sind Laien. Manche spielen sogar mehr oder weniger sich selbst – allen voran der Hauptdarsteller Zain. Als Achtjähriger war er mit seinen Eltern und drei Geschwistern aus Syrien in den Libanon gekommen; statt eine Schule zu besuchen, trug er durch Botenjobs zum Familienunterhalt bei. Die „ruppige Körpersprache“, ein Wesensmerkmal seines Charakters, brachte er mit. „Zain ist Zain“ – und heißt darum im Film genauso wie im wirklichen Leben – „was man sieht, ist, was er ist. Das ist kein Schauspiel!“ Labaki ließ ihn daher vieles improvisieren. Ohnehin war das Zusammenspiel zwischen ihm, einem Zwölfjährigen, und dem ihm anvertrauten Kleinkind etwas, was nicht „inszeniert“, sondern nur entwickelt werden konnte.Eine Odyssee durch Beirut. Christopher Aoun und Konstantin Bock im Gespräch mit Susanne Burg. In: Deutschlandfunk Kultur. 12. Januar 2019, abgerufen am 13. Februar 2019.

Das trug mit dazu bei, dass die Dreharbeiten sechs Monate in Anspruch nahmen. Auch entschied man, bei Außenaufnahmen keine Straßen zu sperren – in einem Teil Beiruts, der selbst für den libanesischen Kameramann Christopher Aoun „wie eine ganz neue Welt“ war, eine Art „versteckte Stadt, eine Unterwelt“. Dort, wo die Filmcrew neu auftauchte, wurde das mitunter gefährlich; wo sie schon bekannt waren, kam es mit der Zeit dazu, dass Anwohner mitspielten. Verzögerungen entstanden auch dadurch, dass das, was der Film zeigte, so oder ähnlich im wirklichen Leben der Beteiligten geschah. So wurde die Darstellerin der Rahil, die die aus Äthiopien stammende Mutter spielt, eines Tages wegen mangelhafter Papiere verhaftet. Gleiches widerfuhr der Familie, aus der das Kind stammte, das Rahils Sohn darstellte. Dass es gelang, sie freizukämpfen, gab der Crew wiederum neue Kraft bei der Weiterarbeit.

Für den Schnitt ließ man sich noch einmal fast zwei Jahre Zeit. 520 Stunden filmisches Rohmaterial stand zur Verfügung. Da Labaki die entstehenden Takes möglichst unmittelbar auf sich wirken lassen wollte, zog sie ihren deutschen Editor Konstantin Bock beim Dreh mit hinzu und ließ ihn „quasi live“ schneiden. Daraus entstand eine erste 12-Stunden-Fassung. Diese blendeten sie dann, als der Film abgedreht war, ganz aus, fingen in einem herkömmlichen Produktionsbüro noch einmal bei Null an und schnitten eine ebenfalls 12 Stunden lange Zweitversion. Beide flossen schließlich in die Endfassung ein.

Die Rolle, die Labaki in der Endfassung am stärksten beschnitt, war ihre eigene. An sich hatte sie für sich selbst, wie in ihren ersten zwei Spielfilmen (Caramel und Wer weiß, wohin?), wieder eine Hauptrolle vorgesehen, diesmal als Anwältin von Zain, der seine Eltern verklagt. Dass zum Schluss nur wenige Sätze übrigblieben, war ihren Erfahrungen bei der Recherche geschuldet. Dort war es ihr mehrfach passiert, dass sie sich über Mütter empörte, die frierende und hungernde Kleinkinder tagelang alleinließen – und musste sich dann, wenn sie sich mit den Frauen persönlich auseinandersetzte, eingestehen, dass ihre Verurteilung Anmaßung gewesen war, weil sie selbst deren Zwangslagen nie erlebt hatte. Daher empfand sie schließlich ihren Part als „die einzige Lüge“ des Films und zog die entsprechenden Konsequenzen.

Film und Wirklichkeit Auf die Frage, ob der Libanon nicht doch ein besseres Land sei, als es ihr Film zeige, antwortete Labaki: „Ich fürchte, die Realität dort ist härter und noch weniger auszuhalten, als sie in Capernaum beschrieben wird.“ Zwar räumt sie ein, dass die Aufnahme von zwei Millionen syrischen Flüchtlingen angesichts der ökonomischen und politischen Probleme des Landes ein Zeichen der Humanität sei, und dass es Idealisten gebe, die die Flüchtlinge willkommen heißen. Andererseits hätten sich aber auch viele Missstände herausgebildet und ein „echtes Chaos“ erzeugt (woraus sich ihr Filmtitel erkläre, der so viel heißt wie „Unordnung, Wirrnis“). Der Missstand, der Labaki ganz besonders umtreibt, ist die systematische Korruption im Land, die aus ihrer Sicht zu Verhältnissen geführt hat, die sie als „moderne Sklaverei“ bezeichnet.

Beide Familien, die im Mittelpunkt des Films stehen – die Kleinstfamilie der Äthiopierin Rahil und die libanesische Großfamilie Zains –, zeigt sie als Opfer dieser Verhältnisse. Arbeitsmigranten ist es im Libanon nicht erlaubt, Kinder zu haben; werden sie entdeckt, droht die Rückführung entweder der ganzen Familie oder „nur“ der Kinder. Die, die es dennoch versuchen, als Familie zu leben und Fuß zu fassen, tun dies illegal, werden dadurch angreifbar und geraten leicht in Abhängigkeit. So auch Rahil: Sie wird schwanger und löst deshalb ihr Arbeitsverhältnis; sozialer Abstieg und soziale Isolation folgen, weil sie auch ihr Kind verstecken muss; als sie neue Papiere braucht, muss sie sie fälschen lassen, ist dadurch der Willkür eines Hehlers ausgesetzt und noch dazu der Versuchung, die er mit dem Angebot schafft, statt des überhöhten Preises ihr Kind als Tauschobjekt zu nehmen.

Nicht anders das Netz von Abhängigkeiten und Ausbeutung, in das Zains Familie gegenüber ihrem „Vermieter“ gerät: Wohnraum (in schäbigster Form) gegen Kinderarbeit plus Ehe(kind)frau plus jederzeit mögliche weitere Willkürforderungen. Der Gedanke an einen Schulbesuch für die Kinder, der ihnen zumindest die Chance böte für Integration und Emanzipation, ist allein schon deshalb praktisch „verboten“, weil man damit öffentlich machen würde, was eigentlich geheim gehalten werden muss. Dies ist auch der Grund, warum Zain seine Geburtsurkunde gar nicht finden kann. Ein weiterer Grund ist, dass seine Eltern sie ohnehin nicht finanzieren könnten (laut Labaki müssten sie derzeit 100 Dollar aufbringen) – ein Missstand, der auch für Libanesen dazu führen kann, dass sie dem Teufelskreis – Armut erzeugt Isolation, die wiederum neue Armut schafft – nicht entkommen.

Wie das System der Korruption funktioniert, legt im Film zynischerweise ausgerechnet einer seiner Profiteure offen, der Händler Aspro, der alles über seinen Warenwert taxiert, Dinge wie Menschen, und der Rahil, mit Blick auf ihren Sohn, erklärt, ein Mensch ohne Identitätsnachweis gelte weniger als eine „Ketchupflasche“, die „immerhin registriert“ sei. Aspro ist es später auch, der seine Forderung an Zain, er solle für sich ein solches Dokument beschaffen, in den Satz kleidet: „Bring mir einen Beweis, dass du ein Mensch bist.“ Die Doppeldeutigkeit seiner Aussage wird ihm kaum bewusst geworden sein, im Unterschied zum Zuschauer, der längst weiß, dass der Junge die Forderung im übertragenen Sinne schon mehrfach erfüllt hat.