mini|Etikett der französischsprachigen Single in Westdeutschland (1965) L’Orange ist ein knapp drei Minuten langes französischsprachiges Chanson von Gilbert Bécaud, das von La voix de son maître 1964 in Frankreich sowohl auf Single als auch auf EP und ein Jahr später in der Bundesrepublik Deutschland von Electrola als B-Seite der Single Nathalie veröffentlicht wurde. Der Text stammt von Pierre Delanoë, die Musik schrieb Bécaud wie üblich selbst. Begleitet wird er dabei, wie es in dieser Zeit häufig der Fall war, vom Orchester Raymond Bernard; eine besondere Rolle spielt hierin der Wechselgesang zwischen dem Solisten und einem (namenlosen) Chor.

Hinter dem „schlichten, harmlos klingenden Titel“ verbirgt sich „eine starke, zeitlose Botschaft“:Fabien Lecœuvre, 1001 histoires, 2017, S. 243 f. Das Lied wendet sich mit künstlerischen Mitteln gegen Vorurteile, Xenophobie und Lynchjustiz,In dieser Zeit galt noch die Todesstrafe in Frankreich (Abschaffung erst 1981), und sie war in der Fünften Republik zwischen 1959 und dem Sommer 1964 in mehr als 30 Fällen auch noch vollzogen worden. und es appelliert an die Akzeptanz des Andersartigen, Vielfältigen.Artikel „Une orange qui a fait le tour du monde“ vom 18. Januar 2019 bei L’Orient-Le Jour; ähnlich bewertet das der Autor des Artikels „B-Seiten-Perle aus den Sechzigern: Gilbert Bécaud, L’Orange“ vom 23. März 2016 auf tedaboutsongs.60herz.de, dem zufolge es in dem Chanson „um Ausgrenzung und Gruppendruck, letztlich um Gewalt gegen Andersaussehende“ gehe. Jérôme Pintoux nennt das Chanson „ein Psychodrama über Sündenböcke, Hass auf Einzelgänger und Hexenjagd (kollektive Hysterie)“.Jérôme Pintoux: Les chanteurs français des années 60. Du côté de chez les yéyés et sur la Rive Gauche. Camion Blanc, Rosières-en-Haye 2015, ISBN 978-2-35779-778-9, S. 432

Mittlerweile gilt das Lied als eines der prägnantesten Stücke aus Bécauds Karriere und ist auch auf den meisten neueren Zusammenstellungen seiner größten Erfolge enthalten.

Text und Musik Handlung und Inszenierung mini|Gilbert Bécaud (1965) Das Lied beschreibt einen Dialog zwischen einer anonymen Gruppe von Menschen und einem Einzelnen (Motiv des „alle gegen einen“), den diese des Diebstahls einer Orange bei einem Kaufmann bezichtigen.Liedtext bei lyricstranslate.com

Wie es für viele Chansons von Gilbert Bécaud typisch ist, wird auch hier eine eher alltägliche Situation mit prägnanten Beteiligten dargestellt. Dabei wird der Hörer aber durch eine dichte Stimmung angesprochen, die der Sänger mit seinem Hang zum theatralischen Vortrag bei seinen Bühnen- und Filmauftritten noch verstärkte. Das Thema von L’Orange war „für eine dramatische Inszenierung wie geschaffen“.Gilles Verlant: L’Odyssée de la Chanson française. Éd. Hors Collection, Paris 2006, ISBN 978-2-258-07087-5, S. 41 Durch den Wechselgesang zwischen einem gemischten Chor – in den ersten beiden Strophen nur die Männer-, danach auch die Frauenstimmen – und dem Solisten wird eine Atmosphäre erzeugt, die beim Zuhörer aufgrund ihrer sich steigernden Aggressivität ein Gefühl der Beklemmung hervorruft. Dieser akustische Eindruck wird in einem französischen Schwarz-Weiß-TV-Videoclip aus den 1960er Jahren auch bildlich unterstrichen und für den Betrachter sichtbar gemacht, denn die anonyme Menschenmenge, in deren Mitte der Sänger sich wie ein Tier in einem Käfig hin und her bewegt, ist lediglich zu hören, wird aber nie von der Kamera erfasst.Aufzeichnung dieser Fernsehsendung, in der Bécaud das Chanson vorträgt, bei YouTube. Für die Menschengruppe steht von vorneherein fest, dass dieser junge Mann der Dieb ist („Tu as volé l’orange“ – „Du hast die Orange gestohlen“), wobei sich durch das in den ersten beiden Strophen insgesamt 18-malige Wiederholen von as volé (was der textlichen Entsprechung eines Ostinato nahe kommt) schon gleich zu Beginn eine für den Bezichtigten bedrohliche Situation entwickelt, weil er bis auf ein kurzes, gerufenes „Nein!“ zunächst überhaupt nicht zu Wort kommt. Und als er das dann ab der dritten Strophe doch tut, singt er teilweise gegen den Chor an, was als ein Ausdruck des Ignorierens von Seiten der Gruppe beziehungsweise des Aneinander-vorbei-Redens verstanden werden kann.

Auf seine Erwiderung, er habe das Obst nicht gestohlen und selbst viel zu viel Angst vor Dieben („trop peur des voleurs“), hält ihm der Chor entgegen, nur er könne es gewesen sein, denn er sei böse und hässlich („méchant et laid“), außerdem klebe doch Fruchtsaft wie Blut an seinen Langfingern („comme du sang sur tes doigts“ … „avec tes mains crochues“) – und schließlich habe ihn auch noch jemand bei der Tat gesehen. Dabei werden die einzelnen Vorwürfe jeweils im Wechsel von einer Frauen- oder einer Männerstimme vorgebracht; die Sopranstimme steigert sich hier punktuell bis in einen Bereich, der von Tonhöhe und Klangfarbe her den Eindruck einer heulenden Furie oder Rachegöttin hervorruft. Der Beschuldigte entgegnet, er sei gar nicht bei dem Kaufmann gewesen, sondern, die Augen zum Himmel gewandt, auf der Suche nach einem blauen Vogel durch die umliegenden Berge gewandert („je cherchais dans la montagne, les étoiles dans les yeux, l’oiseau bleu“). Der blaue Vogel ist in der französischen Literatur ein der blauen Blume der Romantik verwandtes Symbol für Sehnsucht und Liebe, seit Marie-Catherine d’Aulnoy 1697 ein gleichnamiges Märchen veröffentlichte. Auch in Chansontexten taucht dieser Begriff wiederholt auf, nicht selten sogar ebenfalls in Kombination mit der Redewendung „avoir des étoiles (oder la lumière) dans les yeux“ (auf Deutsch „vor Glück oder Erstaunen strahlende Augen haben“), beispielsweise in Marie Myriams Siegertitel L’oiseau et l’enfant beim Eurovision Song Contest 1977. Damit werden Kinder oder erwachsene Träumer beschrieben.

Diese vergleichsweise Naivität der Replik des Beschuldigten auf einen handfesten Vorwurf trägt ebenfalls zur Dramatik der Handlung bei; hier prallen gleichsam zwei Welten aufeinander. Zudem ändern seine Rechtfertigungsversuche nichts daran, dass alle anderen von seiner Täterschaft überzeugt sind, anscheinend auch unabhängig davon, was immer er noch an Argumenten anführen könnte. Letzteres tut er allerdings nicht, sondern wiederholt lediglich die beiden Strophen mit seiner Erklärung. Stattdessen kulminiert die Situation durch das „Verdikt“ der Menge: Man habe den Mann mit seinen Wolfszähnen schon länger beobachtet, und nun ziehe sich der Strick um seinen Hals zu („longtemps qu’on te guettait avec tes dents de loup … t’auras la corde au cou!“). Dies sei sein letzter Tag, und überhaupt sei er bloß ein dreckiger Dieb, außerdem ein Fremder, der Unglück bringe („tu n’es qu’un sale voleur … D’abord tu n’es qu’un étranger et tu portes malheur“). Die Häufung von Stereotypen beziehungsweise Klischees in den vom Chor vorgetragenen Anschuldigungen und Aussagen unterstreicht die Feststellung, dass der Mann für die Menge von vorneherein als Täter feststand. Zu diesem Eindruck wie zur Bedrohlichkeit des Szenarios trägt auch der Kontrast zwischen dem vermeintlichen Anlass und der möglichen Strafe bei; der Wert einer einzelnen Orange (Mundraub, in Frankreich schon damals aber kein eigenständiger Straftatbestand)Das Entwenden von Nahrungsmitteln (vol de nourriture) fiel und fällt nach dem französischen Strafrecht (code pénal), Artikel 311-1, unter Diebstahl – wie in der Bundesrepublik Deutschland seit 1975 auch (§ 242 StGB). steht in keiner vernünftigen Relation zu den übersteigerten Charakterisierungen des möglichen Delinquenten durch Volkes Stimme und den ihm drohenden Konsequenzen.

Das Lied endet, wie es begonnen hat – mit der vielfach wiederholten Feststellung „Tu as volé as volé as volé … l’orange“ durch den Chor, in die der von der Menge Verurteilte ein abschließendes, eher hilfloses „Vous êtes fous!“ („Ihr seid verrückt!“) hineinruft.

Die fehlende Strophe Der Originaltext von Delanoë enthält noch eine letzte Strophe, die zwar auf der offiziellen Webseite des Texters,Textfassung auf pierre-delanoe.fr aber weder auf der Original-Schallplatte noch in den filmischen Darbietungen des Chansons aus den 1960er Jahren enthalten ist. Darin wird aus der bedrohlichen Andeutung, dass er den Strick um seinen Hals tragen werde, Gewissheit:Artikel „Chanson à la Une – L’orange, par Gilbert Bécaud“ von Maryse Duilhé bei podcastjournal.net Tu as volé as volé as volé l’orange du marchand. Tu la vois, elle est là, la corde qui te pendra la corde qui te pendra.Du hast sie gestohlen gestohlen gestohlen, die Orange des Kaufmanns. Du siehst ihn, er ist da, der Strick, der dich hängen wird, der Strick, der dich hängen wird.

Die Frage, wer diese Kürzung veranlasst hat – denkbar wäre beispielsweise die Plattenfirma –Es wäre zumindest nicht zeituntypisch, wenn La voix de son maître diese Strophe in vorauseilendem Gehorsam weggeschnitten hätte. Denn in den 1960-ern waren explizite Schilderungen des Todes auch bei vielen europäischen Radiosendern noch verpönt und führten zu Sendeboykotts – so erging es um den Jahreswechsel 1959/1960 beispielsweise Teen Angel von Mark Dinning, das mit den Worten „Blood Runs in the Grooves“ (Blut rinnt durch die Plattenrillen) charakterisiert wurde, in den USA und Großbritannien (Fred Bronson: The Billboard Book of Number One Hits. Billboard Publications, New York 1992, 3. Auflage, ISBN 0-8230-8298-9, S. 65), und so erging es noch 1968 Michel Polnareffs Chanson Le Bal des Laze in Frankreich (Fabien Lecœuvre, 1001 histoires, 2017, S. 294). und aus welchem Grund dies geschah, lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht beantworten. Ob dies beabsichtigt war oder nicht – im Ergebnis dient auch dieses Nichtaussprechen oder in Unsicherheit schweben lassen hinsichtlich des letzten Schritts der Ereignisse dazu, dass der Zuhörer im Sinne der psychologischen Suspenseforschung zum „teilnehmenden, mitfühlenden Beobachter“ werden kann.

Musik Musikalisch ist die in g-Moll und im Viervierteltakt gehaltene Melodie durch ein schnelles, straffes, abschnittsweise mitreißendes Tempo geprägt,Eine Partitur für Solist und Chor, arrangiert von A. Lapeyre, findet sich als PDF bei webetab.ac-bordeaux.fr. bei dem der Sänger kaum am Piano sitzen bleiben kann, wie eine etwas spätere Filmaufnahme veranschaulicht. In dieser ist das Lied zudem um ein vierzig Sekunden langes instrumentales Intro ergänzt, in dem Bécaud am Klavier – ausschließlich begleitet von einer Rhythmusgruppe aus Schlagzeug, Standbass und E-Gitarre – einen jazzigen Auftakt präsentiert, der starke Ähnlichkeiten mit Hit the Road Jack von Ray Charles aufweist.Video dieser undatierten Studio-Live-Version von L’Orange bei YouTube Insbesondere am Ende dieser Filmaufnahme bearbeitet Bécaud sein Instrument auf eine höchst aggressive Weise – so schlägt er beispielsweise den Tastaturdeckel mehrfach gegen den Klangkasten, eine Spielweise, der insbesondere Jerry Lee Lewis im Rock ’n’ Roll zur Popularität verholfen hat –, die zugleich deutlich macht, weshalb der Franzose verbreitet als „Monsieur 100.000 Volts“ bezeichnet wurde.Über die Identität der Chorsänger, die hier ja einen unüblich hohen Gesangsanteil aufweisen, keineswegs nur im Hintergrund, sondern gleichberechtigt mit dem Solisten agieren, ist nichts bekannt. Die Namen von Background Vocalists und Studiomusikern wurden Mitte der 1960er Jahre in der Unterhaltungsmusik allerdings auch nur selten dokumentiert.

Entstehung