Medenbach ist ein Ortsbezirk der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden.
Er liegt im Nordosten der Stadt und ist durch die gleichnamige Raststätte an der Bundesautobahn 3 ein Begriff. Medenbach wurde am 1. Januar 1977 im Rahmen der hessischen Gebietsreform nach Wiesbaden eingemeindet.
Geschichte Vorgeschichte Quelle:Hofmann: Heimatmuseum Wiesbaden-Medenbach. 2004, S. 4. Die nachfolgend genannten Funde u. a. m. befinden sich im Heimatmuseum Medenbach.
Ein Schuhleistenkeil und andere Funde aus der Steinzeit belegen, dass Medenbach bereits vor ca. 5000 Jahren besiedelt war.
Auf ehemals weitreichende Handelsbeziehungen in vorgeschichtlicher Zeit weist ein sogenannter Napoleonshut hin. Dabei handelt es sich um einen keltischen Mahlstein, der aus Basaltlava hergestellt wurde, die aus der Eifel stammt.
Scherben von verziertem Tafelgeschirr, sogenannter Terra Sigillata, bezeugen die nachfolgende Besetzung der Örtlichkeit durch die Römer.
Mittelalter Aus der Völkerwanderungszeit und aus dem Frühmittelalter haben sich offensichtlich keine Zeugnisse erhalten. Erst im Hochmittelalter findet die Ortschaft Medenbach 1107 mit der Einweihung seiner romanischen Dorfkirche eine erste urkundliche Erwähnung. Damals wurde sie von den Mainzer Äbten des Stiftes St. Alban und des Klosters St. Jakob mit ca. 30 Morgen Land ausgestattet.
Um 1180 gelangte Medenbach mit der Burg Eppstein und der bei Erbenheim gelegenen Gerichtsstätte Mechtildshausen unter die Herrschaft der Herren von Eppstein.
1303 wurde das Gehöft „Mellinger Hof“ (Meylingen/Meillingen) urkundlich erwähnt. Er wurde um 1500 aufgegeben und verkam zur Wüstung.Renkhoff, Dauber: Zur nassauischen Ortsgeschichte: Medenbach bei Wiesbaden. 1998, S. 415 f. Die Erinnerung an ihn hat sich in dem Flurnamen „Darmstädter Wellinger“Sommer: Die Flur- und Gewannnamen der Gemarkung Medenbach (Landeshauptstadt Wiesbaden) vom 17. bis zum 21. Jahrhundert. 2002, S. 21, 29, 39–41. erhalten. Hierbei handelt es sich um die nördlichste, ca. 500 Meter vom heutigen Ort entfernte Ackerfläche Medenbachs.
Im Spätmittelalter verlor das Dorf in den Jahren 1347 bis 1350 den größten Teil seiner Einwohner durch den Schwarzen Tod, die Pest, die auch hier wie überall in Europa wütete.
1492 verkauften die Herren von Eppstein die Gemeinde Medenbach und den Gerichtsbezirk Mechtildshausen mit weiteren Dörfern des sogenannten Ländchens an den hessischen Landgrafen Wilhelm III. von Hessen.
1576/77 wurde der baufällige Chor der Kirche durch einen Neubau ersetzt.Bubner: Medenbach. 1993, S. 199.
17. Jahrhundert Am Ende des Mittelalters – zur Zeit des Übergangs zur Neuzeit – führte Philipp I. 1526 in der Landgrafschaft Hessen die Reformation ein. Bereits im Jahr darauf wurde Medenbach evangelisch.
1607 erschien Medenbach erstmals – aus der Vogelperspektive gesehen – auf einer Landkarte verzeichnet. Diese stammt von dem Topografen Wilhelm Dilich, der von 1597 bis 1622 im Dienst des hessischen Landgrafen Moritz von Hessen-Kassel stand. Diese Karte zeigt das Straßendorf „Medebach“ am Zusammenfluss von „Bieberbach“ (heute Medenbach) und dem „Hasenbach“ (heute Pfingstwiesenbach) gelegen. Nur wenige Gebäude scharen sich um den charakteristisch romanischen Kirchenbau, dessen Dachreiter ein spitzes gotisches Kegeldach aufweist.
Ca. 500 Meter südlich von Medenbach ist auf der Dilich-Karte der Weiler Costloff zu erkennen, der urkundlich bereits 1252 nachweisbar ist. Am Anfang des 16. Jahrhunderts zählte Costloff mehr Einwohner als Medenbach und schien ob seiner fruchtbaren Ackerböden recht wohlhabend gewesen zu sein.
1621, drei Jahre nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges, erhielt Medenbach unter Landgraf Moritz, der „der Gelehrte“ genannt wurde, erstmals eine Schule. Hatte das Dorf im Kriegsjahr 1630 noch 130 Einwohner, so dezimierte ab 1635 die Pest die Bevölkerungszahl erheblich. 1637 wurden nur noch 47 Personen gezählt.Sommer: 900 Jahre Medenbach. 2007, S. 9. Erst nach dem Westfälischen Frieden von 1648 erholte sich der Ort allmählich wieder. Die zerstörte Kirche wurde 1650 aufgebaut. Die Anzahl der Bewohner stieg bis 1655 nur langsam auf ca. 70 Personen an.
Vor 1630 wurde die Ansiedlung Costloff bereits niedergebrannt und verkam zur Wüstung wie bereits um 1500 der „Mellinger Hof“. Aus den Ruinen Costloffs holten sich die Medenbacher Baumaterialien – z. B. Eichenbalken der ehemaligen Fachwerkhäuser, die noch brauchbar waren – und verwendeten sie, um Ställe und Scheunen zu errichten, wo sie teilweise heute noch in situ zu identifizieren sind.
18. Jahrhundert 1712 ist in amtlichen Aktenstücken verschiedentlich von der Existenz eines „Zigeunerstocks“ in Medenbach die Rede. Abgesehen davon, dass er nicht mehr lokalisiert werden kann, wird vor Ort heute immer noch hartnäckig die Meinung vertreten, dort seien Zigeuner erhängt worden. Weit glaubwürdiger ist jedoch, dass es sich um einen Holzpfahl mit einem BlechschildEin solches Blechschild hat sich in der Sammlung Nassauischer Altertümer im Stadtmuseum Wiesbaden erhalten. an der Gemarkungsgrenze zwischen Medenbach und Igstadt handelte. In der damaligen Zeit wurden sie üblicherweise an Grenzen und an Ortseingängen aufgestellt. Sie sollten infolge des Dreißigjährigen Krieges entwurzelte Menschen – „herumvagierende Zigeuner“ und „herrnloses Diebs-Gesindel“ – in Wort und Bild bei Androhung von Strafen von „Staupen-Schlägen“ und anderem mehr, davor abhalten, ein bestimmtes Gebiet zu betreten.Sommer: Medenbacher Tagebuch: 900 Jahre Geschichte der Menschen, der Landschaft und des Dorfes Medenbach. 2006, S. 23.
1714 wurden das Schiff und der Chor der Kirche barock verändert. Der Innenraum erhielt eine neue Orgel, Kanzel und Emporen. Als Besonderheit gilt der barocke evangelische Beichtstuhl.Zur Abschaffung der evangelischen Privatbeichte. Der Berliner Beichtstuhl-Streit. (PDF; 0,9 MB) Rogate-Kloster Sankt Michael zu Berlin. Als Schmuck weist er zwei Bilder mit einer seltenen Ikonografie auf. Auf der linken Türe erscheint aus den Wolken der Heilige Geist in Gestalt einer Taube. Sie hält in ihrem Schnabel eine Kette an deren oberem Teil ein Herz befestigt ist. Am untersten Ende hängt eine Kugel, die einem Reichsapfel – einem Sinnbild der irdischen Welt – nachgebildet ist. Das Kreuz des Reichsapfels zeigt, nichts Gutes verheißend, nach unten. Aus den Wolken, unterhalb der Taube, erscheint der rot gewandete Arm Christi. In der Hand hält er ein Beil, um die Kette zu zerschlagen, damit die Taube und das Herz von der irdischen Last befreit werden. – Das Gemälde auf der rechten Tür zeigt Christus mit Strahlenkranz im roten Gewand. In der Hand hält er dieses Mal ein flammendes Herz, das er als Zeichen der Vergebung einem vor im knienden Sünder überreicht.Dieter Hofmann: Im Pfarrstuhl die Sünden gebeichtet? Schmuckstück in evangelischer Kirche wirft Fragen auf – Denkanstöße einer Visitationsgruppe zu Bildtafeln. vorORT, Wiesbadener Kurier / Wiesbadener Tagblatt, 6. September 2012, S. 11. Damals entstand auch der heutige barocke Dachreiter mit seiner glockenförmig geschweiften Haube.
1775 hatte Medenbach 195 Einwohner, 47 Häuser und 42 Scheunen. 1794 war die Einwohnerzahl einschließlich 5 Juden auf 279 Personen angestiegen.
19. Jahrhundert Nach dem Reichsdeputationshauptschluss kam Medenbach 1803 an das Fürstentum Nassau-Usingen. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig und nach der Schlacht bei Hanau zog sich Napoleon mit seinen Truppen über Frankfurt am Main und Mainz nach Frankreich zurück. Verfolgt wurde er unter anderem von den Truppen Blüchers. Verschiedene seiner Einheiten unter den Generälen Langeron und YorkSo die Schreibweise im Amt Wallau 1813/14, vgl. Original im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Archiv-Nr.: HStAW227/2509 wurden ab dem 12. November 1813 bis zum 14. Januar 1814 in Medenbach einquartiert und mussten von den Einheimischen verpflegt werden. Darunter waren Infanteristen, Artilleristen, reitende Jäger und immer wieder „Cosaken“, die vom Freiherrn vom Stein besonders geschätzten russischen Elitesoldaten. Viele von diesen Soldaten litten an Fleckfieber und verstarben in Medenbach. Die orthodoxen Kosaken begruben die protestantischen Medenbacher außerhalb der Kirchmauer in einem Massengrab. Einem von ihnen gab man seine kleine bronzene Reiseikone des Heiligen Nikolaus mit ins Grab. 2007 wiederentdeckt,Ikonenfund am Wegesrand. Eule – Gesellschaft für fachübergreifende Kooperation e. V. präsentierte sie der Medenbacher Geschichtsverein noch im gleichen Jahr als besonderes Denkmal seiner Geschichte in einer Sonderausstellung in seinem Heimatmuseum.Fäthke: Die Ikone des Hl. Nikolaus von Medenbach. Ein Relikt aus dem letzten Befreiungskrieg (1913–1815). 2010, S. 241 ff.
1816, im sogenannten Jahr ohne Sommer, litt man europaweit – so auch in Medenbach – unter einer Hungersnot, die durch den Vulkanausbruch des Tambora in Indonesien im Jahr 1815 verursacht worden war. Zur Not trug neben der Missernte auch das Fehlen von staatlichen und privaten Getreidevorräte nach den Wirren der Napoleonischen Kriege bei. Mit der Gründung des Amtes Hochheim am 4. April 1816 gehörte Medenbach zu diesem herzoglich-nassauischen Amt.
1825 ordnete die Landesregierung die Anpflanzung von Obstbäumen entlang der Straßen an.Dieter und Helga Hofmann: Geschichten von Apfelbäumen und Apfelwein. Heimat- und Geschichtsverein Medenbach, 2009, S. 4. 1853 wurden die ersten Straßen in Medenbach befestigt, d. h. mit Basaltsteinen gepflastert.
1863 wurde nach mehrjährigen Verhandlungen im Gemeinderat der mitten im Dorf gelegene Friedhof an der Kirche aufgegeben. Ein neuer, wie im 19. Jahrhundert üblich, wurde am Rand der Ortschaft eingerichtet. Bereits vor Inkrafttreten des Code Napoléon von 1806 hatte Napoleon die Verfügung Décret sur les sépultures erlassen, welche verbot, Tote innerhalb der Stadtmauern zu begraben. Wohl machten nun hygienische Gründe – „Dünste von dem Todenhof“,Sommer: Medenbacher Tagebuch: 900 Jahre Geschichte der Menschen, der Landschaft und des Dorfes Medenbach. 2006, S. 54. die auch in Medenbach als gesundheitliche Gefahr erkannt wurden – deren Umsetzung notwendig. Bislang praktizierte man im armen Medenbach, wie andernorts auch auf dem Land in Süddeutschland, die Leichentuchbestattung. Denn erst am Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Bestattung in einem Sarg allgemein üblich.Bei der Neugestaltung des alten Friedhofes auf dem Kirchhügel in Medenbach wurde 2009 eine Auffahrtsmöglichkeit für Rollstuhlfahrer geschaffen. Tiefe Erdaushübe fanden statt. Hierbei wurden große Mengen von Gebeinen zu Tage gefördert. Jedoch wurden nur fünf Sarggriffe, die allesamt aus der Zeit kurz vor 1863 stammen müssen, gefunden. Ihre geringe Anzahl gegenüber der hohen Anzahl der Verstorbenen bezeugt die erst spät eingeführte Sargbeerdigung, die sich damals nur wohlhabende Bürger leisten konnten. Die Sarggriffe werden heute im Heimatmuseum aufbewahrt.
Mit der Annexion Nassaus durch Preußen nach dem Deutschen Krieg wurde Medenbach 1866 preußisch und Teil des Mainkreises mit Sitz in Wiesbaden.
1873 erhielt die Hessische-Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft von Preußen die Genehmigung zum Bau einer Eisenbahnstrecke durch die Gemarkung von Medenbach. Die sogenannte Ländchesbahn, die zwischen Wiesbaden und Niedernhausen am Taunus verkehrt, ist eingleisig und nicht elektrifiziert. Sie wurde am 1. Juli 1879 eröffnet. Medenbach und Auringen erhielten einen gemeinsamen Bahnhof.
20. Jahrhundert 1906 wurden drei neue Fenster für die Südseite der Kirche bei der Wiesbadener Glasmanufaktur Albert Zentner bestellt, die 1903 schon die Fenster der katholischen Pfarrkirche St. Marien in Otzberg-Hering gestaltete.