Wilfrid (auch Wilfrith, Uilfrid, Wilfrið, Wilfriþ, Wilferð, Wilferþ usw.; * um 634; † 709/710) war eine der bedeutendsten Personen der britannischen Kirchengeschichte des späten 7. Jahrhunderts. Sein Leben stand unter dem Zeichen des Disputs zwischen keltischen und römischen Einflüssen in der angelsächsischen Kirche. In seiner Funktion als Abt und Bischof übte er großen politischen Einfluss aus. Nach seinem Tod wurde er als Heiliger verehrt.

mini|Ikone des heiligen Wilfrid

Leben

Herkunft und Erziehung mini|Klöster und Bistümer (unterstrichen) im Norden England um 670

Eine wesentliche, zeitgenössische Quelle für das Leben Wilfrids ist die unmittelbar nach seinem Tod entstandene, Aeddi Stephanus zugeschriebene Vita Sancti Wilfrithi. Ihr zufolge wurde er um 634 in Northumbria als Sohn eines unbedeutenden Adligen geboren. Im Alter von etwa 14 Jahren wurde er an den Hof des northumbrischen Königs Oswiu (642–670) gesandt. Auf Fürsprache der Königin Eanflæd wurde er einige Jahre im Kloster Lindisfarne erzogen. Dort war der Mönch Cudda, ein ehemaliger Gefolgsmann Oswius, sein Lehrer. Dann half Eanflæd Wilfrid bei seiner Pilgerfahrt nach Rom, indem sie ihren Vetter Earconberht I., den König von Kent, bat, für Wilfrids weitere Reise zu sorgen.Beda: HE 5,19. Etwa ein Jahr lang hielt sich Wilfrid in Kent auf. Dort lernte er den Northumbrier Benedict Biscop kennen, mit dem er schließlich zur Pilgerfahrt nach Rom aufbrach.

Erste Reise nach Rom Um 653 erreichten Wilfrid und Biscop Lyon, wo sie sich trennten. Biscop setzte die Reise fort, während Wilfrid als Gast bei Bischof Aunemund (auch Dalfinus) blieb. Nach dem Chronisten Eddius Stephanus soll der Bischof ihm die Hand seiner Nichte und die Statthalterschaft in einer fränkischen Provinz angeboten haben, was Wilfrid jedoch abgelehnt haben soll und stattdessen seine Pilgerfahrt fortsetzte.

In Rom machten die Gebäude, Zeremonien und Reliquien einen tiefen Eindruck auf ihn. Täglich besuchte er die Schreine der Heiligen und entwickelte eine starke Verehrung für die Apostel Petrus und Andreas. Vor dem Andreasaltar im Petersdom gelobte er selbst Prediger zu werden. Prägend waren auch die Unterweisungen durch den Archidiakon Bonifacius, der ihn mit der römischen Tradition in Kontakt brachte, die der keltischen Tradition entgegenstand. Dies betraf unter anderem die Berechnung des Osterdatums und die Mönchstonsur. Nachdem er den Papst in einer Audienz getroffen hatte, machte er sich mit zahlreichen Reliquien auf den Rückweg nach Lyon. Dort hielt er sich drei Jahre auf, erhielt die Tonsur und weitere Unterweisungen im römischen Ritus. Der Aufenthalt in Aunemunds Umfeld prägte Wilfrids Vorstellung vom Status und der Autorität eines Bischofs. Im Herbst des Jahres 658 kehrte Wilfrid nach England zurück.

Abt von Ripon Abbey Um 658 hatte Ealhfrith (655–664), Oswius Sohn, ein iro-schottisches Kloster in Ripon gegründet. Abt Eata und Cuthbert, der erste Prior, gehörten zu den ersten Mönchen, die sich dort niederließen.Beda: Vita sancti Cuthbercti 7–8. Ealhfrith, der mit dem iro-schottischen Ritus aufgewachsen war, kam nicht nur durch seine mercische Frau Cyneburg, sondern auch als regulus (Unterkönig) mit den südlichen Königreichen in Kontakt, die dem römischen Ritus folgten. Zu Cenwalh (642–672/673), dem König der Gewissæ, unterhielt er freundschaftliche Beziehungen.

Durch Cenwalhs Fürsprache kam Wilfrid um 658 an den Hof Ealhfriths, der bald unter den Einfluss des charismatischen „römischen“ Kirchenmannes geriet. Um 661 wurde Ealhfrith Anhänger des römischen Ritus und übergab das Kloster Ripon sowie umfangreiche Ländereien an Wilfrid, der bis 665 dort Abt war. Wilfrid führte alsbald die römische Liturgie und die Regula Benedicti ein. Da er dadurch den iro-schottischen Ritus verdrängte, wichen die irischen Mönche dem Reformer aus. Eata und Cuthbert mussten mit den anderen Anhängern des iro-schottischen Ritus nach Melrose zurückkehren. Wilfrid holte statt ihrer Tondbehrt und Ceolfrith aus Gilling Abbey. Im Jahr 663 wurde Wilfrid durch Agilbert, den fränkischen Bischof der Gewissæ, zum Priester ordiniert.

Synode von Whitby

Im Jahr 664 wurde wohl auf Ealhfriths Betreiben die Synode von Whitby einberufen. Dabei ging es ihm vermutlich weniger um die religiösen Fragen als vielmehr um eine Schwächung der Position seines Vaters und die Stärkung seiner eigenen Macht.Heinrich Beck (Hrsg.): Reallexikon der germanischen Altertumskunde. 2., völlig neu bearb. und stark erw. Auflage. Band 33. de Gruyter, Berlin / Boston MA 2006, ISBN 3-11-018388-9, S. 563. Oswiu und die Bischöfe Chad von York und Colman vertraten den iro-schottischen Ritus, während Ealhfrith, Wilfrid und Bischof Agilbert die römisch-katholische Position vertraten. Strittig waren vor allem die korrekte Berechnung des Osterdatums sowie die Tonsur der Mönche.Beda: HE 3,25. Wilfrid trat auf der Synode als energischer Fürsprecher des römischen Ritus auf, wodurch er sich Freunde, aber auch Feinde schuf. Colman legte darauf seine Ämter nieder und ging mit den Anhängern der iro-schottischen Tradition ins Kloster Iona nach Schottland.

mini|Eine Gedenktafel in Hexham Abbey nennt Wilfrid als Gründer mini|Krypta in Hexham

Bischof von York

Weihe und Exil Als Colmans Nachfolger Tuda von Lindisfarne noch 664 an der Pest starb, verlegte König Ealhfrith den Bischofssitz nach York und setzte Wilfrid als Bischof durch. Es besteht Unklarheit darüber, ob er in seinem Unterkönigreich dadurch ein eigenes Bistum errichten wollte und die Lösung von der Oberherrschaft Oswius anstrebte.T. M. Charles-Edwards: Early Christian Ireland. Cambridge University Press, 2000, ISBN 0-521-36395-0, S. 430. Da es in England auf Grund der Pest nicht genug Bischöfe für eine gültige Weihe gab, erhielt Wilfrid von Oswiu und Ealhfrith die Erlaubnis, zu seiner Weihe ins Frankenreich zu reisen. Die Zeremonie fand mit großem Pomp in der merowingischen Königspfalz Compiègne statt und wurde von seinem Freund Agilbert und elf weiteren Bischöfen geleitet.

Bei seiner Rückkehr 666 wurde er schiffbrüchig und konnte sich an die Küste von Sussex retten, wo er knapp den dortigen Bewohnern entkommen konnte, die ihm ans Leben wollten. Als Wilfrid im Jahr 666 wieder in Northumbria eintraf, hatte sich die Situation völlig gewandelt: Sein Gönner Ealhfrith war von der politischen Bühne verschwunden und als Bischof war inzwischen Chad von York eingesetzt worden. Wilfrid musste sich für drei Jahre in sein Kloster in Ripon zurückziehen. Von dieser Basis aus wirkte er bis 669 als Bischof in Mercia. König Wulfhere (658–675) übergab ihm große Ländereien, auf denen er Klöster errichtete. Während der Vakanz des Erzbistums Canterbury übernahm Wilfrid während seines Exils zwischen 667 und 669 auch bischöfliche Aufgaben im Königreich Kent und war ein Berater König Egberhts.John Blair: The church in Anglo-Saxon society. Oxford University Press, Oxford 2005, ISBN 0-19-822695-0, S. 95.

Erste Amtszeit als Bischof von York Theodor (668–690), der Erzbischof von Canterbury, erklärte 669, dass Wilfrid der rechtmäßige Bischof von York sei, was zum Rücktritt von Chads und zur Wiedereinsetzung Wilfrids führte. Chad wurde von Theodor zum Bischof Mercias geweiht und errichtete seinen Bischofssitz in Lichfield. Die Jahre bis 678 waren Wilfrids erfolgreichsten und zeigen seine Ziele und Ideale besonders deutlich. Er ließ die Kathedrale von York komplett umbauen, Glasfenster einsetzen, verputzen und ausschmücken. In Ripon ließ er St. Peter als eine der ersten Steinkirchen Englands errichten, auf deren Platz die jetzige Kathedrale steht. Der Weihe der Kirche wohnten König Ecgfrith (664–685) von Northumbria und sein Bruder Ælfwine (670–679) von Deira bei.

Im Jahr 672 erhielt Wilfrid von Königin Æthelthryth ein großes Landgut bei Hexham, auf dem er die bedeutende, dem heiligen Andreas geweihte, Hexham Abbey erbauen ließ. Abtei und Basilika erweckten mit ihrer prächtigen Ausstattung die Bewunderung der Zeitgenossen. Die für England neuen Krypten für die Reliquien waren wohl den Katakomben nachempfunden, die Wilfrid auf seinen Reisen gesehen hatte. Auch Werke angelsächsischer Schreiber, wie das für Ripon angefertigte Evangelium mit goldenen Buchstaben auf purpurnen Seiten, zeugen vom fränkisch-römischen Einfluss auf Wilfrid und die englische Kirche. In der Liturgie führte Wilfrid nach römischem Vorbild den Wechselgesang zweier Chöre ein und führte in den ihm unterstehenden Klöstern die Regula Benedicti ein. Als einer der ersten Kleriker Englands ließ er Schenkungen an die Kirche in Chartas niederschreiben. Jahresangaben in den Chartas wurden erstmals mit den neu eingeführten Inkarnationsjahren (n. Chr.) gemacht und das Datum nach der alexandrinisch-dionysischen Ostertafel bestimmt.

Während der Expansion Northumbrias in den 670er Jahren erhielt Wilfrid nennenswerte Ländereien in den von Ecgfrith eroberten Gebieten. Auch außerhalb Northumbrias, insbesondere im Königreich Hwicce, kamen Güter in seinen Besitz. Wilfrid betrachtete sich überheblich als kirchlichen Führer des nördlichen Britanniens und Irlands. Sein Einfluss war tatsächlich groß genug, um dem 676 aus dem irischen Exil nach Austrasien zurückkehrenden Merowinger Dagobert II. (676–679) eine Eskorte aus seinen eigenen Männer zu stellen. Zu dieser Zeit scheinen sehr enge Beziehungen zwischen Ripon und irischen Gemeinschaften, die ebenfalls den römischen Ritus befolgten, bestanden zu haben, denn um 678 zog sich Willibrord aus Ripon zu längeren Studien nach Irland zurück. Eddius Stephanus schrieb ausführlich über Wilfrids Ruhm, sein großes Gefolge und seinen persönlichen Reichtum, hebt aber auch den asketischen Lebensstil und den seelsorgerischen Eifer Wilfrids hervor. Wilfrids Stellung in Nordbritannien entsprach der eines Metropoliten.

Das Wohlwollen von König Ecgfrith hatte Wilfrid 672 verloren, als er Königin Æthelthryth dazu ermutigte, ihren Mann zu verlassen und in ein Kloster einzutreten.Beda: HE 4,19. Im Jahr 678 kam es auf Betreiben von Königin Eormenburg, die Ecgfrith 675 geheiratet hatte, zum Bruch zwischen Ecgfrith und Bischof Wilfrith. Möglicherweise waren Wilfrids enge Verbindungen zum verfeindeten Mercia ein weiterer Anlass. Auch innerhalb der Kirche, allen voran die Äbtissin Hilda von Whitby, regte sich Widerstand gegen Wilfrid.

Zweite Reise nach Rom Wilfrid wurde 678 abgesetzt und seine Diözese von Ecgfrith im Einvernehmen mit Erzbischof Theodor von Canterbury geteilt: Bosa wurde in York von Theodor zum Bischof von Deira mit Sitz in York, Eata zum Bischof von Bernicia mit Sitzen in Hagustald (Hexham) und Lindisfarne und Eadhæd zum ersten Bischof von Lindsey ordiniert.Beda: HE 4,12. Der Angelsachse Trumwine wurde Bischof von Abercorn im piktischen West Lothian.John Thomas Koch: Celtic Culture. A Historical Encyclopedia. Band 2: Celto–F. ABC-CLIO, Santa Barbara, Calif. 2006, ISBN 1-85109-440-7, S. 644–646.

Wilfrid entschloss sich die Angelegenheit von Papst Agatho (678–681) entscheiden zu lassen und reiste nach Rom. Er reiste über Friesland, wo er einige Zeit missionierte, an den austrasischen Hof des befreundeten Dagobert II., der ihm das Bistum Straßburg anbot. Wilfrid lehnte ab, reiste weiter und erreichte 679 Rom. Eine Synode entschied, dass er wieder als Bischof von York einzusetzen, die Teilung der Diözese jedoch beizubehalten sei. Seine Klöster unterstanden nicht mehr dem Bischof, sondern direkt dem Papst.

Mission in Sussex und Bischof von Wessex