Die DEWOG-Bewegung bezeichnet die freigewerkschaftlich-genossenschaftliche Wohnungsfürsorge in der Weimarer Republik. Sie bildete einen Verbund von reichsweit tätigen Wohnungsunternehmen zum gemeinnützigen Kleinwohnungsbau.
Gründung mini|hochkant|August Ellinger (1880–1933) um 1920 mini|hochkant|Stolperstein für den Gründer August Ellinger vor dem Gewerkschaftshaus Hamburg, der 1933 durch Suizid starb Am 14. März 1924 wurde die Deutsche Wohnungsfürsorge-Aktiengesellschaft DEWOG für Beamte, Angestellte und Arbeiter unter Federführung des vormaligen Schöneberger Stadtbaurates, Architekten und Volkswirtschaftlers Martin Wagner als Arbeitnehmer-Wohnungsfürsorgegesellschaft im gewerkschaftlich-genossenschaftlichen Verbund für das Gebiet des Deutschen Reiches der Weimarer Republik gegründet. Sie firmierte die ersten Monate zunächst als Revisionsverband REWOG, Reichswohnungsfürsorge A.G. für Beamte, Angestellte und Arbeiter. Als Aktionäre traten zunächst der freigewerkschaftliche Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund ADGB, der Allgemeine freie Angestelltengewerkschaftsbund AfA-Bund und der Allgemeine Deutsche Beamtenbund ADB, die Bank der Arbeiter sowie der Verband sozialer Baubetriebe (VsB, 1920 von Martin Wagner gemeinsam mit August Ellinger initiiert und begründet), als Organisation der Bauhütten-Bewegung, auf. Die Volksfürsorge-Versicherung sowie weitere Einzelgewerkschaften traten jenem Verbund später hinzu.
Geschichte Vorgeschichte des DEWOG-Verbundes – Bauhütten und der Verband sozialer Baubetriebe VsB Bereits als Stadtbaurat des Berliner Bezirkes Schöneberg hatte Martin Wagner ab 1918 (erster symbolischer Spatenstich bereits im Dezember), deutlich vor relevanten Eingemeindungen infolge des Groß-Berlin-Gesetzes 1920, die Errichtung des Kleinraumwohnungs-Siedlungsprojektes „Lindenhof“ geplant und leitend durchgeführt. Sie firmiert heute als Genossenschaft GeWoSüd e.G., www.gewosued.net. In durchgrünt-parkähnlicher Wohnanlage, um einen Pfuhl-Teich herumgruppiert, wurden an Erschließungsstraßen 127 Vierfamilien- sowie 75 Einfamilienhäuser in Reihenhausbauweise für Fabrikarbeiterfamilien hergestellt, die den Ansprüchen an die Architektur, menschenwürdigen Wohnraum mit Licht, Luft und Grün zu schaffen, gerecht werden sollten. Das noch Gartenstadt-inspirierte Lindenhof-Ensemble ergänzte als planender Architekt Bruno Taut (1880–1938) mit dem zentralen Ledigenheim samt Räumlichkeiten jener Siedlungsgemeinschaft in der Ecke Schöneberger Eythstraße & Domnauer Straße.
Am 26. April 1919 hielt Wagner seinen Vortrag über „Die Sozialisierung der Baubetriebe“ vor der Sozialisierungskommission. August Ellinger, Vorstandsmitglied des Deutschen Bauarbeiterverbandes, brachte daraufhin auf dessen erstem Verbandstag am 6. Mai 1919 einen Antrag auf Sozialisierung des Bau- und Wohnungswesens ein. Bereits am 18. Oktober 1919 wurde die erste Bauhütte – soziale Baugesellschaft m.b.H. Berlin gegründet. Auf dem zweiten Verbandstag des Deutschen Bauarbeiterverbandes am 12. Mai 1920 beschloss dieser eine finanzielle wie auch organisatorische Unterstützung sozialisierter Baubetriebe. Die Gründung eines solchen Verbandes sozialer Baubetriebe VsB, zur organisatorischen Zusammenfassung bereits existierender Bauhütten und Bauproduktiv-Genossenschaften, erfolgte am 16. September 1920. Martin Wagner war zwar auch erster Geschäftsführer des VsB, trat jedoch in Auseinandersetzungen im Widerstreit von betrieblichen Mitbestimmungsgremien und begehrten erweiterten Entscheidungs- und Weisungskompetenzen der VsB-Leitung recht bald zurück. In Nachfolge als hauptamtlicher VsB-Geschäftsführer wurde von den Gewerkschaftsverbänden im April 1922 schließlich August Ellinger berufen, welcher diese Funktion bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten ausübte. Auf dem Leipziger Verbandstag des Deutschen Baugewerkverbandes im Jahre 1922 wurde beschlossen, dass fünf Prozent jener der Bundeskasse zufließenden, ordentlichen Einnahmen aus örtlichen und bezirklichen Mitgliedsbeiträgen für die Sozialisierung des Bauwesens zu verwenden seien. Den VsB-Mitgliedern wurde zudem empfohlen, durch Erwerb von Schuldscheinen den VsB zu unterstützen. Im Jahre 1925 fasste der deutsche Bauhüttentag, als Konferenz der Leitungen bestehender sozialer Baubetriebe, am 15. und 16. März schließlich sogar diverse Beschlüsse, welche auf das Ziel der Bildung eines leistungsstarken, nationalen Baukonzerns gerichtet waren. mini|VsB + DEWOG, Organigramm des „Verbandes sozialer Baubetriebe“ im Rahmen des DEWOG-Wohnungsfürsorge-Revisionsverbandes ab 1924 bis 1933, Organisation der Produzenten- und Konsumentenseite im freigewerkschaftlich-gemeinwirtschaftlichen ADGB-Verbund (Martin Wagner (Stadtbaurat) & August Ellinger (VsB-Geschäftsführer im Deutschen Baugewerksbund)) Bereits im § 2 des Statuts des Deutschen Baugewerksbundes vom Mai 1922 wurde als Zweck unter anderem die Vergesellschaftung des gesamten Wohnungswesens sowie das Ziel der Herstellung aller Bauwerke nach bedarfs- und gemeinwirtschaftlichen Grundsätzen dargelegt (Gemeinwirtschaft). Entsprechend beantragte der Leipziger Gewerkschaftstag der Bauarbeiter auf dem ADGB-Bundeskongreß im selben Jahr noch die Behandlung der Wohnungsfrage. Jedoch ließen die desolaten wirtschaftlichen Verhältnisse der Inflationszeit bis zur Einführung der Rentenmark praktische Gründungen eigener betriebswirtschaftlicher Organisationen im Umfeld freier Gewerkschaften zunächst als nachrangig erscheinen – das Thema der Wohnungsfrage wurde bis zur volkswirtschaftlichen Konsolidierung im Deutschen Reich wiederholt vertagt.
Gründung des DEWOG-Verbundes im Gewerkschafts- und Genossenschafts-Umfeld Mit seinem Vortrag Neue Wege zum Kleinwohnungsbau entwickelte Martin Wagner schließlich am 26. Januar 1924, aus einer Situationsbeschreibung der wirtschaftlichen Lage seit der Kaiserzeit bestehender Wohnungsbau-Genossenschaften nach dem Ersten Weltkrieg, den politischen und sozialen Umbrüchen der Konstitutionsphase der Weimarer Republik sowie der Inflationszeit heraus, das Konzept eines dreistufigen Lokalverbundes auf der Basis baugenossenschaftlicher, kommunaler und gewerkschaftlicher Kooperation zum Zwecke der Erstellung von Wohnraum in Wohnsiedlungen, zunächst für zu versorgende Mitglieder der oben genannten freien Gewerkschaftsverbände und assoziierter Wohnungsbaugenossenschaften mit entsprechender politischer Ausrichtung.
Die DEWOG sollte zusammen mit dem Verband sozialer Baubetriebe (VsB) als Produzenten-Organisation der freigewerkschaftlichen Bauhütten-Bewegung die Versorgung einer genossenschaftlich-organisierten Konsumentenseite Wohnungssuchender ermöglichen. Auch die Mitwirkung bestehender Waren-Konsumgenossenschaften, wie Läden der Konsumgenossenschaft Berlin und Umgebung (Konsum), im sozialen Umfeld freier Gewerkschaften sowie der sozialdemokratischen Parteien wurde bei Siedlungsprojekten bewusst initiiert.
Intention war also nicht nur ein gewerkschaftliches Mitbestimmungsrecht an der kapitalistischen Produktion, sondern der konkrete Aufbau von gemeinwirtschaftlichen Eigenbetrieben der organisierten Arbeiter- und Angestelltenschaft – als Weg zur „aktiven Demokratisierung des heutigen Wirtschaftssystemes“ sowie Schrittes „zur praktischen Durchführung des Sozialismus“ (ADGB-Kongress in Hamburg 1928). Betriebsüberschüsse, soweit diese nicht den versorgten Mitgliedern, also der „breiten Massen der Arbeitnehmer“ zufließen, sollten stets zur Stärkung und Entwicklung jener gemeinwirtschaftlichen Eigenbetriebe eingesetzt werden (3. AfA-Gewerkschaftskongress 1928 in Hamburg).
Erst nach dem Ende der Inflationszeit und einer Währungsreform mit Einführung der Rentenmark gelang es den Kommunen mittels Fördermitteln aus Hauszinssteuer-Einnahmen (Belastung vorzeitig entschuldeten Hausbestandes), die Baukonjunktur hinsichtlich Abbaues massiver Wohnraumversorgungsprobleme (welche nicht nur in der Industriemetropole Berlin bereits zur Vorkriegszeit bestanden) relevant anzukurbeln. mini|Die GEHAG-Wohnung, Cover der Ausstellungs-Werbebroschüre von 1931; Hrsg.: August Ellinger & Franz Hillinger, GEHAG Berlin im ADGB-Verbund Als gemeinwirtschaftliche Berliner Projektentwicklerin und Bauträgerin firmierte ab 14. April 1924 die Tochtergesellschaft GEHAG (Gemeinnützige Heimstätten-, Spar- und Bau-Aktiengesellschaft AG) unter Leitung des Architekten Richard Linneke, welcher bereits im Folgejahr durch Franz Gutschmidt (Vorstand 1925 bis 1933) abgelöst wurde. Richard Linneke leitete in Nachfolge von Martin Wagner (jener wurde als Schöneberger Stadtbaurat zum Stadtbaurat des Berliner Magistrats berufen) die DEWOG in der Mark Brandenburg und organisierte die Gründung von DEWOG-Tochtergesellschaften in anderen Provinzen des Deutschen Reiches. „… Die Dewog ist eine Zentralgesellschaft, die sich für den praktischen Wohnungsbau örtliche Tochtergesellschaften geschaffen hat … Zweigstellen der Dewog bestehen heute in: Altona, Augsburg, Berlin, Braunschweig, Bremen, Breslau, Dresden, Essen, Frankfurt/Main, Gleiwitz, Hamburg, Harburg, Königsberg/Pr., Leipzig, München, Rostock, Schwerin. Alle diese Gesellschaften und Zweigstellen bauen in einem größeren Bezirk, auch ausserhalb ihres Sitzes…“ (Richard Linneke 1931). Erstellt wurden ab 1925 Wohnanlagen für bestehende Baugenossenschaften (Betreuung bestehender Verbund-Mitglieder, ggf. örtliche Neugründungen) und kommunale Wohnungsunternehmen. Die Verwaltung jener Wohnanlagen sollte in der Regel regional in genossenschaftlicher Selbstorganisation der Wohnanlagen- und Siedlungs-Bewohnerschaften erfolgenGeorg Kaufmann: Die DEWOG-Organisation in Deutschland. In: GRS – Gewerkschaftliche Rundschau für die Schweiz. Monatsschrift des schweizerischen Gewerkschaftsbundes, Jg. 24 (1932), S. 12–18.. Die Siedlungsgenossenschaften in der preußischen Provinz Brandenburg wurden zeitgerecht zumeist als Gewoba, mit Zusatz des Ortsnamens, gegründet. In Berlin firmierte die EINFA (Berliner Gesellschaft zur Förderung des Einfamilienhauses Besitz- und Verwaltungsorganisation der GEHAG) praktisch als Verwaltungsorgan, soweit keine genossenschaftliche Organisation zur Verfügung stand, zum Beispiel in der Britzer Hufeisensiedlung (Reformwohnungsbau mit heutigem UNESCO-Weltkulturerbe-Status).
mini|GEHAG-Organisationsschema, Aktionäre der GEHAG, Berlin um 1930