Giustino ist eine Oper (Originalbezeichnung: „Melodramma“) in drei Akten von Giovanni Legrenzi (Musik) mit einem Libretto von Nicolò Beregan. Sie verarbeitet eine Episode aus den Anekdota des Prokop und wurde am 7. Februar 1683 im Teatro San Salvatore in Venedig uraufgeführt.

Handlung

Historische Grundlagen

Die Oper basiert frei auf historischen Begebenheiten um den byzantinischen Kaiser Anastasios I. (hier italienisch Anastasio genannt), dessen Nachfolger Justin I. (Giustino), der Kaiserin Ariadne (Arianna) und der Rebellion des Vitalian (Vitaliano), die der byzantinische Geschichtsschreiber Prokop um 553 in seinem Werk Anekdota beschrieben hatte. Nach dem Tod von Kaiser Zenon im Jahr 491 heiratete dessen Witwe Ariadne gegen den Widerstand ihrer Familie den bereits sechzig Jahre alten Anastasios, der dadurch Kaiser wurde. Der illyrische Bauer Justin ging um 470 als junger Mann mit zwei Begleitern nach Konstantinopel, trat in die Leibwache Kaiser Leo I. ein und stieg bis zu deren Befehlshaber auf. Er wurde 518 in fortgeschrittenem Alter als Nachfolger Anastasios’ zum Kaiser gekrönt. Der thrakische General Vitalian rebellierte zwei Male gegen Anastasios. Das historische Vorbild des Amantius war ein gleichnamiger Palasteunuch, der ebenfalls einen Aufstand anzettelte. Die geschilderten Liebesverwicklungen sind frei erfunden.

Kurzfassung

Erster Akt. Die byzantinische Kaiserin Arianna ehelicht ihren Vertrauten Anastasio und ernennt ihn zum Mitkaiser. Das Reich wird allerdings von Vitaliano bedroht, der Arianna selbst begehrt und ihre Hand zur Friedensbedingung macht. Unterdessen sehnt sich der Bauer Giustino nach einem ruhmreichen Leben. Die erste Gelegenheit bietet sich, als er Anastasios Schwester Eufemia vor einem wilden Menschen retten muss. Durch sie erhält er Zugang zum Kaiserhof. Vitalianos Bruder Andronico, der sich in Eufemia verliebt hat, tritt als Frau verkleidet eine Stellung als ihre Hofdame an. Vitaliano nimmt Arianna gefangen. Da sie sein Werben weiterhin entschieden zurückweist, befiehlt er seinem Hauptmann Polimante, sie einem Meeresungeheuer zum Fraß vorzuwerfen. In Konstantinopel lässt Eufemia ein Fest zu Ehren Giustinos ausrichten.

Zweiter Akt. Anastasio ernennt Giustino zum Ritter, um Arianna mit seiner Hilfe zu befreien. Sie erleiden in einem Sturm Schiffbruch und retten sich an die Küste. Polimante lässt Arianna an einen Felsen ketten und überlässt sie dem Monster, das an dieser Stelle üblicherweise auf Nahrungssuche geht. Als das Meeresungeheuer erscheint, ruft Arianna um Hilfe. Giustino eilt herbei und erlegt das Untier. Der inzwischen reumütige Vitaliano kommt zu spät. Im Palastgarten wirbt Andronico weiterhin verkleidet um die Gunst Eufemias. Die Entscheidungsschlacht endet zu Gunsten Anastasios, und Giustino kann Vitaliano gefangen nehmen.

Dritter Akt. Anastasios General Amantio intrigiert gegen Giustino, dem er den Erfolg neidet. Er gibt Anastasio den juwelenbesetzten Gürtel des besiegten Vitaliano. Andronico lockt Eufemia ins Freie, um sie zu vergewaltigen. Giustino rettet sie erneut und lässt Andronico festnehmen. Arianna schenkt Giustino als Lohn den Juwelengürtel, den sie inzwischen von Anastasio erhalten hat. Vitaliano und Andronico gelingt die Flucht. Als Arianna Giustino für die Rettung Eufemias großzügig belohnt, interpretiert das der von Amantio misstrauisch gemachte Anastasio als Liebesbeweis und Verrat. Er verurteilt Giustino zum Tod und verstößt Arianna. Amantios Ziel ist jetzt der byzantinische Thron. Er plant einen bewaffneten Aufstand seiner Anhänger. Giustino kann fliehen. Als er in der Wildnis im Schlaf von Vitaliano überrascht wird, ertönt die Stimme von dessen verstorbenem Vater, die verkündet, dass Giustino sein Bruder sei. Giustino überredet ihn, auf die Seite Anastasios zu wechseln und mit ihm zusammen den Aufstand Amantios niederzuschlagen. Kurz vor Amantios Thronbesteigung dringen die beiden in den Palast ein und überwältigen ihn. Auf Giustinos Bitten vergibt Anastasio Vitaliano und Andronico. Giustino wird zum Mitregenten ernannt und heiratet Eufemia.

Erster Akt

Festlicher Platz für die Kaiserkrönung Anastasios und seine Hochzeit mit Kaiserin Arianna

Szene 1. Vor der versammelten Hofgesellschaft krönt Kaiserin Arianna Anastasio mit einem Diadem („Il diadema, ch’al crin ti stringo“). Anastasio versichert ihr seine Liebe („Sei sì bella, che non v’è“). Der Riese Atlante (Atlas) erscheint mit der Weltkugel auf seinem Rücken und versichert dem Paar seinen Respekt. Die Kugel zerbricht und zeigt den Palast der Venus mit Grazien, verschiedenen allegorischen Figuren und Amoretten. Der Hochzeitsgott Himeneo (Hymen) gratuliert persönlich („Brilli ’l sol, rida ogni stella“).

Szene 2. General Amantio unterbricht die Feierlichkeiten, um vor dem Tyrannen Vitaliano zu warnen, der bereits den Bosporus erobert habe und jetzt die Stadt bedrohe. Anastasio will sich ihm entgegenstellen („Al girar di questa spada“), was Arianna beunruhigt („Non partirai no no“).

Szene 3. Vitalianos Hauptmann Polimante trifft mit einem Friedensangebot seines Herrn ein. Bedingung ist allerdings, dass Arianna in die Ehe mit Vitaliano einwilligt („Il tuo fasto andrà sotterra“). Anastasio weist dies entschieden zurück. Er ist bereit zum Krieg („Un tuo guardo“). Arianna fürchtet die Trennung („Senza te mio ben, mia vita“), doch Anastasio beruhigt sie („Ti lascio l’alma in pegno“).

Szene 4. Arianna beschließt, ihrem Gatten in den Kampf zu folgen. Sie bittet General Amantio um Unterstützung

Szene 5. Anastasio stellt Arianna ihre neue Hofdame Flavia vor. Bei dieser handelt es sich allerdings in Wirklichkeit um Vitalianos als Frau verkleideten Bruder Andronico. Er gibt als Tochter von Konstanz dem Großen aus. Arianna heißt ihn willkommen und erklärt, dass sie trotz der kriegerischen Zeiten nach Frieden und Liebe suche („Cerco pace in mezzo all’armi“).

Szene 6. In einem Selbstgespräch begründet Andronico seine Verkleidung: Er liebt Eufemia und will sie so für sich gewinnen („Beltà, ch’allo splendore“).

Landschaft am Fluss Ismenos

mini|Fortuna erscheint dem auf seinem Pflug schlafenden Giustino. Bild aus dem Libretto, Venedig 1683

Szene 7. Der Bauer Giustino hat genug von seinem armseligen Leben („O del cielo ingiusta legge!“). Er sehnt sich nach Ruhm auf dem Schlachtfeld und lässt sich müde auf seinem Pflug nieder („O ristoro de’ mortali“).

Szene 8. Nach Anbruch der Nacht erscheint die Göttin Fortuna mit ihrem Rad und lässt Giustino von einem prächtigen Palast träumen („La Fortuna, ch’errando va“). Sie fordert ihn auf, sein Schicksal anzunehmen. Giustino erhebt sich voller Tatendrang („Mi chiama nel campo“).

Szene 9. Plötzlich erscheinen Eufemia, die Schwester des Kaisers, und ihr Diener Brillo. Sie werden von einem wilden Mann verfolgt. Brillo klettert ängstlich auf einen Baum, und Eufemia ruft um Hilfe. Giustino vertreibt den Angreifer („Mostro orrendo invan ti scoti“). Beeindruckt lädt Eufemia ihn an den Königshof, wo er seine Belohnung erhalten soll. Giustino folgt ihr bescheiden („Non son vago“).

Szene 10. Eufemia verliebt sich auf der Stelle in Giustino („Va alla caccia l’arciero volante“).

Szene 11. Auf einem Elefanten reitend spornt Vitaliano seine Leute zum Kampf an („All’armi, o guerrieri“).

Szene 12. Polimante hat die als Krieger gekleidete Arianna gefangen genommen und bringt sie zu Vitaliano. Dieser erneuert sein Angebot zur Heirat („Si tronchino i lacci“), das Arianna verächtlich ablehnt („T’inganni se speri“). Er verliert die Geduld mit ihr und befiehlt Polimante, sie einem Ungeheuer zum Fraß vorzuwerfen („Vanne ingrata crudele spietata“).

Szene 13. Arianna ist entschlossen, Vitaliano niemals nachzugeben, sollte es sie auch das Leben kosten („Così vago è quel sembiante“).

Eufemias Gemächer im Kaiserpalast

Szene 14. Eufemia führt Giustino in den Palast und überhäuft ihn mit Liebesbezeugungen („Baciami o bella bocca“). Sie hat für ihn ein prächtiges Fest vorbereitet.

Szene 15. Allegrezza, die Allegorie der Freude, führt in einer Bühnenmaschine Ritter und Hofdamen zum Tanz („Si rida, si canti, si balli sì sì“). Giustino erklärt Eufemia, dass er nicht zur Liebe, sondern zum Krieg geboren sei („Io non son nato o bella“).

Zweiter Akt

Szene 1. Anastasio hat erfahren, dass Arianna von den Feinden gefangen genommen wurde. Das ganze Abendland ist in Gefahr („Vada l’Asia a ferro, e foco“). Daraufhin schlägt Eufemia vor, Giustino um Hilfe zu bitten. Anastasio ernennt ihn zu seinem Ritter und fordert ihn auf, Arianna zu befreien („Se non miro il sol ch’adoro“). Giustino nimmt die Herausforderung an („Beltà Circe vezzosa“).

Szene 2. Flavia/Andronico versucht, Giustino bei Eufemia herabzusetzen. Eufemia ist jedoch heftig in Liebe zu diesem entbrannt („È un foco Amore“). Ihr Diener Brillo wundert sich darüber.

Szene 3. Andronico sieht sein Ziel, Eufemia für sich zu gewinnen, in Gefahr („Amor consigliami“ – „Non v’è peggio in amor“).

Schroffe Klippen am sturmbewegten Meer

Szene 4. Anastasio und Giustino steigen aus einem am Strand gekenterten Schiff. Trotz aller Rückschläge ist Giustino zuversichtlich, dass sie Vitaliano schlagen können. Sie suchen Schutz in einer Hirtenhütte. Anastasio muss an Arianna denken („Ovunque il passo giri“).

Szene 5. Giustino denkt über das wechselhafte Schicksal der Menschen nach („Io mi rido di quel bendato“).

Szene 6. Polimante lässt die gefangene Arianna an einen Felsen ketten, um sie an das Meeresungeheuer zu verfüttern.

Szene 7. Während Arianna betet („Numi o voi, ch’il ciel reggete“), schwimmt ein furchterregendes Monster heran und klettert allmählich auf den Felsen. Ariannas Hilferufe werden vom Echo verstärkt („Per me dunque il ciel non ha“). Giustino eilt herbei, besiegt das Monster im Kampf und befreit sie. Arianna sehnt sich nach ihrem Gatten („Se non torno a chi m’innamora“).

Szene 8. Arianna und Anastasio fallen sich erleichtert in die Arme („Corri, vola tra queste braccia“). Anastasio verspricht Giustino zur Belohnung die Erfüllung eines beliebigen Wunsches. Giustino lehnt bescheiden ab.

Szene 9. Glücklicherweise trifft nun Anastasios General Amantio mit einem Schiff ein, so dass die Gestrandeten den Schreckensort verlassen können (Anastasio: „Lascia le sponde“ – Arianna: „Perché tra le procelle“ – Giustino: „Per le chiome ho la fortuna“).

Szene 10. Vitalianos Zorn auf Arianna ist inzwischen verraucht. Er lässt sich reumütig von Polimante an die Küste führen, um sie zu befreien oder wenigstens ihre sterblichen Überreste ein letztes Mal zu küssen. Da entdecken sie am Strand das tote Ungeheuer. Vitaliano hofft, dass Arianna noch lebt und sich durch seine Tränen besänftigen lässt („Sì vaghe luci adorerò“).

Garten mit Brunnen

Szene 11. Andronico/Flavia versucht, Eufemia mit einem Liebeslied zu bezaubern („Aure dolci, e lusinghiere“). Er/Sie deutet ihr vorsichtig ihr/sein Liebesleid an, ohne sich ihr jedoch zu offenbaren. Eufemia empfiehlt, diese Liebe im Stillen zu bewahren („Pur sei vaga, leggiadra vezzosa“ – „Se di strali v’armato Cupido“). Brillo berichtet in ungeschickten Worten von Ariannas Rettung.

Szene 12. Arianna erzählt den anderen begeistert von Giustinos Heldentat und ergänzt, dass er geschworen habe, ihr den Kopf Vitalianos zu Füßen zu legen („Caderà chi mi fa guerra“).

Szene 13. Eufemia ist eifersüchtig auf Arianna geworden und klagt Flavia/Andronico ihr Leid. Andronico schlägt einen gemeinsamen Spaziergang vor, um sie durch die Schönheit der Natur auf andere Gedanken zu bringen. Eufemia ist einverstanden („Sull’ale d’un sospiro“).

Szene 14. Andronico will weiterhin List und Betrug anwenden, um Eufemias Liebe zu erzwingen („Se la bella ch’adoro penando“).

Schlachtfeld