Das Bartter-Syndrom ist eine äußerst seltene vererbte Krankheit der Niere. Es wurde benannt nach Frederic Crosby Bartter.Frederic Crosby Bartter, Edward G. Biglieri, Pacita Pronove, Catherine S. Delea: Effect of changes in intravascular volume on aldosterone secretion in man. In: Alex F. Muller, Cecilia M. O’Connor (Hrsg.): An International Symposium on Aldosterone. J. & A. Churchill, London 1958, S. 100–110. Befallen sind dabei die aufsteigenden Äste der Henle-Schleifen in den Nieren. Es kommt zum Salzverlust-Syndrom, zu einer hypokaliämischen metabolischen Alkalose und zum sekundären Hyperaldosteronismus bei normalem oder niedrigem Blutdruck.
Neben der klassischen Form gibt es eine antenatale (pränatal, vorgeburtlich) Form des ungeborenen Fötus mit Polyhydramnion.
Definition Das „Barttersche Syndrom [zeigt] die Symptomatik des Conn-Syndroms (Muskelschmerzen, Paresen, Tetanie, Polyurie, Hypokaliämie und Hypernatriämie) bei fehlender Hypertonie (!) infolge Hypertrophie und Hyperplasie des juxtaglomerulären Apparates.“Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung 1966–1977, München / Berlin / Wien 1966, ISBN 3-541-84000-5, 1. Ordner (A bis Carfimatum), S. B 72. Das „Bartter-Syndrom [ist ein] autosomal-rezessiv vererbtes renales Kaliumverlustsyndrom mit Hypermagnesiämie, metabolischer Alkalose, erhöhtem Renin und Aldosteron.“Duden: Auffällig sind außerdem niedrige Blutdruckwerte, eine Volumenkontraktion mit hypochlorämischer, hypokaliämischer metabolischer Alkalose, eine hohe Plasmareninaktivität, hohe Angiotensin-II-Werte, hohe Aldosteronwerte und eine hohe Prostaglandinausscheidung. „Die Krankheit ähnelt in der Tat einer Furosemiddauerinfusion.“Ralph Kettritz, Friedrich C. Luft: Störungen der Natrium-Wasserbilanz. In: Ulrich Kuhlmann, Joachim Böhler, Friedrich C. Luft, Mark Dominik Alscher, Ulrich Kunzendorf (Hrsg.): Nephrologie. 6. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 2015, ISBN 978-3-13-700206-2, S. 237–275, Zitat S. 272.
Beschreibung Betroffen sind die Henleschen Schleifen, sie bilden den mittleren Abschnitt der Nierenkanälchen. Auch sie sind an der Konzentrierung des Harns durch Wasserentzug aus dem Primärharn zurück in Blutkreislauf beteiligt. Ein Defekt der Nierenkanälchen reduziert die tubuläre Rückresorption von Wasser; so wirken Diuretika. So kommt es beim Bartter-Syndrom häufig zur Polyurie. Polyurie und Polydipsie gehören somit zu den typischen klinischen Merkmalen, besonders bei den antenatalen und bei den schweren Formen. Ein Säugling mit Bartter-Syndrom kann beispielsweise Urinmengen von mehr als 4 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht pro Stunde ausscheiden.Naye Choi, Hee Gyung Kang: Bartter Syndrome: Perspectives of a Pediatric Nephrologist. In: Electrolytes & Blood Pressure. Dezember 2022, Jahrgang 20, Nummer 2, S. 49-56. doi:10.5049/EBP.2022.20.2.49.
Es besteht ein Defekt des Furosemid-sensitiven Na+/K+/2Cl−-Kotransporters (NKCC2, Typ I; auch BSC1 genannt) [oder des apikalen K+-Kanals (ROMK; Typ II) oder des basolateralen Cl−-Kanals (CLCKB, Typ III), die mit dem Na+/K+/2Cl−-Kotransport bei der Resorption von NaCl im Verdünnungssegment kooperieren] im aufsteigenden Ast der Henle-Schleife der Niere. Dadurch können Natrium-Ionen nicht genügend rückresorbiert werden, wodurch der Blutdruck abfällt. Dies führt einerseits via Pressorezeptoren der Aorta zur Katecholaminausschüttung und andererseits wegen geringerer Durchblutung der Vasa afferentia zu einer Ausschüttung von Renin und es entsteht ein hyperreninämischer Hyperaldosteronismus.
Typ IV ist durch einen Defekt in Barttin,Siegfried Waldegger, Martin Konrad: Tubuläre Erkrankungen. In: Jörg Dötsch, Lutz T. Weber: Nierenerkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Springer-Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-662-48788-4, S. 131–149, hier S. 138. der essentiellen β-Untereinheit des ClC-K-Kanals, gekennzeichnet, der außer in der basolateralen Membran der Henle-Schleife auch in der basolateralen Membran der Stria vascularis im Innenohr exprimiert wird. Der Typ IV wird eingeteilt in Typ 4a und Typ 4b. Beide Phänotypen zeigen eine zusätzliche Taubheit, da die Produktion der K+-reichen Endolymphe gehemmt ist. So kommt es zu retrocochlearen Hörstörungen.Alfred L. George junior, Eric G. Neilson: Zell- und Molekularbiologie der Niere. In: Norbert Suttorp, Martin Möckel, Britta Siegmund, Manfred Dietel (Hrsg.): Tinsley Randolph Harrison: Harrisons Innere Medizin. 20. Auflage, ABW Wissenschaftsverlag, Georg Thieme Verlag, Berlin 2020, Band 3, Kapitel 303, ISBN 978-3-13-243524-7, S. 2602–2611, doi:10.1055/b000000107.Eva Maria Frederike Ruf: Positionsklonierung des Gens für Bartter-Syndrom mit Taubheit (BSND). Dissertation. Universität Freiburg, Medizinische Fakultät / Universitätsklinikum, Freiburg 2004.
Bei Typ V liegt eine Mutation im CaSR (extrazellulärer Calcium-Ion-Sensing-Rezeptor) vor, der die NKCC2 und den ROMK inhibiert.
Das Hyperprostaglandin-E-Syndrom ist eine Kombination aus den Typen I, II und III.
Häufigkeit Die Krankheit ist mit einer Auftrittswahrscheinlichkeit (Prävalenz) von 1 bis 9 : 1.000.000 sehr selten.
Genetik Der Erbgang der Typen I bis IV ist autosomal-rezessiv. Typ V wird dagegen autosomal-dominant vererbt.Giacomo Colussi: Bartter syndrome. (PDF; 172 kB) In: Orphanet encyclopedia. März 2005.
Bisher wurden fünf verschiedene Gene gefunden, die bei der Entstehung des Bartter-Syndrom involviert sind:Gerd Harald Herold: Innere Medizin 2026. Eigenverlag, Köln 2026, ISBN 978-3-9821166-5-5, S. 630. Bartter-Syndrom Chromosom Genlocus Gen kodiertes Protein Typ I Chromosom 15q15-q21.1 SLC12A1SLC12A1= Solute carrier family 12 sodium/potassium/chloride transporters, member 1 NKCC2 Typ II Chromosom 11q21-25 KCNJ1 ROMK Typ III Chromosom 1p36 ClCNKb ClCN-Kb Typ IV Chromosom 1p31 BSND Barttin Typ V Chromosom 3q13.3-q21 CASR CaR
Symptome Der Blutdruck ist typischerweise trotz erhöhtem Renin und Aldosteron erniedrigt. Bei erniedrigten Kaliumwerten kommt es zur metabolischen Alkalose und zum Salzverlust. Dehydratation, Erbrechen und Polyurie sind möglich. Als Folge des Hyperaldosteronismus entstehen eine Hypokaliämie sowie eine metabolische Alkalose.
Weitere Symptome sind: Verlangen nach Kochsalz Muskelkrämpfe Muskelhypotonie (Muskelschwäche) bis zur Bewegungsunfähigkeit Zittern, Taubheitsgefühle in den Fingern/Zehen, brennende Füße Migräneartige Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Erinnerungsstörungen, Schwindelgefühl Gelenkschmerzen, Magenkrämpfe
Differentialdiagnose der Harnkonzentrierungsstörungen
Bartter-Syndrom Schwartz-Bartter-Syndrom Diabetes insipidus centralis Diabetes insipidus renalis Pathophysiologie Kanaldefekt in der Niere(Na+/K+/2Cl−-Symporter, ROMK oder CLCKB) unangemessen hohe ADH-Sekretion → Aquaporineinbau ↑ unzureichende ADH-Sekretion → Aquaporineinbau ↓ ADH-Typ 2-Rezeptordefekt → Aquaporineinbau ↓ oder Aquaporindefekt Ätiologie erblich (autosomal-rezessiv) paraneoplastisch (kleinzelliges Bronchialkarzinom) sekundär bei Infektionen oder ZNS-Störungen idiopathisch (ca. 1/3 der Fälle) sekundär bei Tumoren, nach Trauma, bei Infektionen erblich (X-chromosomal- oder autosomal-rezessiv) erworben bei Nierenerkrankung Klinik Polyurie, Salzappetit, Muskelschwäche und Muskelschmerzen, Krämpfe ZNS-Symptomatik, Muskelschwäche und Muskelschmerzen, Krämpfe erhöhte Urinmenge, erhöhte Trinkmenge erhöhte Urinmenge, erhöhte Trinkmenge Labor Serum: Na+ ↓, K+ ↓, Osmolalität ↓, pH-Wert ↑ Serum: ADH ↑, Na+ ↓, K+ ↓, Osmolalität ↓, pH-Wert ↑ Serum: ADH ↓, Na+ ↑, Osmolalität ↑ Serum: ADH ↔, Na+ ↑, Osmolalität ↑ Urin: Na+ ↑, K+ ↑, Osmolalität ↑ Urin: Na+ ↑, Osmolalität ↑ Urin: Na+ ↓, Osmolalität ↓ Urin: Na+ ↓, Osmolalität ↓ Weitere Diagnostik Nachweis eines sekundären Hyperaldosteronismus Durstversuch: ADH ↔ Desmopressin-Test: Urin-Osmolalität ↑ Durstversuch: ADH ↑ Desmopressin-Test: Urin-Osmolalität ↔
Therapie Es wird versucht, durch Infusionen den Kaliumspiegel und den Natriumspiegel zu heben. Außerdem können Aldosteronantagonisten sowie Prostaglandinsynthesehemmer (z. B. Indometacin) eingesetzt werden.
Antenatales Bartter-Syndrom Auch das antenatale Bartter-Syndrom wird meist autosomal-rezessiv vererbt. Es heißt auch neonatale Furosemid-ähnliche Salzverlusttubulopathie oder neonatales Bartter-Syndrom.Karl Schärer, Martin Konrad, Wolfgang Rascher, György Reusz, Otto Mehls: Hereditäre Tubulopathien. In: Karl Schärer, Otto Mehls (Hrsg.): Pädiatrische Nephrologie. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 2002, ISBN 3-540-41912-8, S. 119–148, Zitat S. 125. Es wurden dieselben Loss-of-Function-Mutationen wie bei der klassischen Form beschrieben.
Die „Patienten mit ‚antenatalem‘ Bartter-Syndrom leiden unter einer schweren Systemerkrankung mit starken Elektrolytverlusten, Polyhydramnion und Hyperkalzurie mit Nephrokalzinose; für viele dieser Symptome sind die deutlich erhöhte renale Synthese und [die] Ausscheidung von Prostaglandin verantwortlich.“David B. Mount: Störungen des Wasser- und Elektrolythaushalts.In: Norbert Suttorp, Martin Möckel, Britta Siegmund, Manfred Dietel (Hrsg.): Tinsley Randolph Harrison: Harrisons Innere Medizin. 20. Auflage, ABW Wissenschaftsverlag, Georg Thieme Verlag, Berlin 2020, Band 1, Kapitel 49, ISBN 978-3-13-243524-7, S. 364–383, Zitat S. 376, doi:10.1055/b000000107.
Durch den Salzverlust im dicken aufsteigenden Ast der Henle-Schleife kommt es in utero zu einer massiven Polyurie und zu einem schweren Polyhydramnion, welches in der Regel zu einer Frühgeburt führt. Die Behandlung umfasst vor allem einen Flüssigkeits-Ausgleich und eine Salzsupplementierung jeweils antepartal bei der Schwangeren. Nichtsteroidale Entzündungshemmer werden beim Neugeborenen aufgrund der möglichen schweren unerwünschten Nebenwirkungen in der Nachgeburtsphase (postnatal) nur vorsichtig eingesetzt. Eine postpartale Therapie der Mutter ist nicht erforderlich.
Daneben beschrieb eine Marburger Arbeitsgruppe 2016 eine transiente Form des antenatalen Bartter-Syndroms mit einem X-chromosomalen Erbgang, ausgelöst durch eine Mutation des Gens für das "Melanoma-assoziierte Antigen D2" (MAGE-D2) im Bereich Xp11.2.Kamel Laghmani, Bodo B. Beck, Sung-Sen Yang, Elie Seaayfan, Andrea Wenzel, Björn Reusch, Helga Vitzthum, Dario Priem, Sylvie Demaretz, Klasien Bergmann, Leonie K. Duin, Heike Göbel, Christoph Mache, Holger Thiele, Malte P. Bartram, Carlos Dombret, Janine Altmüller, Peter Nürnberg, Thomas Benzing, Elena Levtchenko, Hannsjörg W. Seyberth, Günter Klaus, Gökhan Yigit, Shih-Hua Lin, Albert Timmer, Tom J. de Koning, Sicco A. Scherjon, Karl P. Schlingmann, Mathieu J. M. Bertrand, Markus M. Rinschen, Olivier de Backer, Martin Konrad, Martin Kömhoff: Polyhydramnios, Transient Antenatal Bartter’s Syndrome, and MAGED2 Mutations. In: The New England Journal of Medicine, 2016, Band 374, Ausgabe 19 vom 12. Mai 2016, S. 1853–1863, doi:10.1056/NEJMoa1507629 Die genaue molekulare Funktion dieses Proteins ist nicht bekannt. Es bindet an Chaperon Hsp-40 und an zytoplasmisches Gs-alpha-Protein und ist an der Zellzyklus-Regulation, an der Apoptose und an der Neurogenese beteiligt. Außerdem ist es mit einigen Karzinomen assoziiert. Die klinische Implikation ist vor allem, dass die risikoreiche postnatale Therapie des Bartter-Syndroms nicht notwendig ist.Nine V. A. M. Knoers, René J. Bindels: MAGE-D2 and the Regulation of Renal Salt Transporters. In: The New England Journal of Medicine, 2016, Band 374, Ausgabe 19 vom 12. Mai 2016, S. 1888–1890, doi:10.1056/NEJMe1603856
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