mini|hochkant=1.3|Internierungslager Camp de Gurs, Blick nach NNW (ca. 1939) mini|Plan mit Nordpfeil
Das Camp de Gurs [] in der französischen Ortschaft Gurs nördlich der Pyrenäen war bereits vor dem Zweiten Weltkrieg das größte französische Internierungslager. Es liegt westlich von Toulouse bei Pau. Es wurde zunächst zur Internierung politischer Flüchtlinge aus Spanien und ehemaliger Kämpfer des Spanischen Bürgerkrieges errichtet. Das Lager wurde nach der militärischen Niederlage Frankreichs 1940 nicht vom NS-Regime unmittelbar, sondern in dessen Auftrag von der Vichy-Regierung betrieben.
Bekannt wurde dieses Lager vor allem in Südwestdeutschland durch die spätere Deportation fast der gesamten jüdisch-deutschen Bevölkerung aus Baden, der bayerischen Pfalz und der Saarpfalz. Diese wurden im Oktober 1940 im Rahmen der Wagner-Bürckel-Aktion von Nationalsozialisten und deren französischen Kollaborateuren in dieses Lager transportiert. Die meisten dieser Häftlinge wurden, soweit sie unter den extremen Bedingungen, die zu einer hohen Mortalitätsrate führten, bis dahin überlebt hatten, anschließend von dort ab August 1942 erneut deportiert und im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau von den Deutschen vergast, was den französischen Stellen seinerzeit bewusst war.
Seit 1994 ist das Lagergelände eine nationale Gedenkstätte, welche die Erinnerung an seine Geschichte und die dort Internierten und Häftlinge, an die Flüchtlinge, Widerstandskämpfer und deutschen Juden, an die Misshandelten und Ermordeten wachhalten soll. Es wird vom Förderverein Amicale du camp de Gurs mit Sitz in Pau betreut. Das Gelände ist frei zugänglich.
Lage Die Gedenkstätte befindet sich an der Grenze von Béarn und dem Baskenland im südfranzösischen Département Pyrénées-Atlantiques, etwa 80 Kilometer von der Grenze zu Spanien entfernt; Oloron-Sainte-Marie liegt 13, Navarrenx rund neun Kilometer entfernt.
Das Lager befand sich in Vichy-Frankreich im unbesetzten Teil des Landes und unterstand daher der Vichy-Regierung, die allerdings vom NS-Regime abhängig war, erst recht seit der militärischen Besetzung der Südzone durch deutsche und italienische Truppen am 10. und 11. November 1942, wonach deren ohnehin stark eingeschränkte Souveränität endgültig nur noch als reine Fiktion aufrechterhalten wurde.
Verwaltungsmäßig gehört das südwestlich des Gave d’Oloron und der Route départementale 936 bzw. nordöstlich des Lausset gelegene ehemalige Lager zum Gebiet der Gemeinde Gurs.
Geschichte mini|Jugoslawische Teilnehmer am Spanischen Bürgerkrieg im Lager Camp de Gurs, Frankreich, ca. 1939
Das Lager wurde unter der Regierung von Édouard Daladier im April 1939 auf einem feuchten, 80 Hektar großen Gelände zur provisorischen Unterbringung politischer Flüchtlinge und Kämpfer des Spanischen Bürgerkrieges errichtet. Das Lager umfasste ursprünglich 400 schlichte hölzerne Baracken. Es war mit einem doppelten Stacheldrahtzaun umgeben und wurde als „Empfangszentrum“ bezeichnet. Ab Mai 1940 wurden auch „Unerwünschte Personen“ (beispielsweise antifaschistische Emigranten aus Deutschland und als Spione verdächtigte deutsche Staatsbürger sowie zahlreiche Basken), welche zuerst die linke Volksfront-Regierung und ab Sommer 1940 das rechtsextreme Vichy-Regime in Frankreich verhaften ließen, in Gurs untergebracht.
Ab Oktober 1940 setzte dann die Unterbringung von aus Südwestdeutschland abtransportierten Juden ein, die in Zügen ins nahe Oloron-Sainte-Marie gebracht und von dort ins Lager transportiert wurden – Gurs selbst hatte keinen Gleisanschluss. Für viele war das nur eine Zwischenstation, bevor sie ab August 1942 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt und dort größtenteils ermordet wurden.
Das Lager wurde im November 1943 von den Vichy-Behörden geschlossen; die verbliebenen Häftlinge wurden in das Camp de Nexon überstellt. 1944 wurde das Lager erneut geöffnet, um dort Regimegegner gefangen zu halten.Alexandra Lohse: Gurs, in: Joseph R. White (Hrsg.): The United States Holocaust Memorial Museum Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933–1945. Vol. 3, Camps and Ghettos under European Regimes Aligned with Nazi Germany. Bloomington : Indiana University Press, 2018, ISBN 978-0-253-02373-5, S. 150–152 Nach der Befreiung wurde das Lager zur Inhaftierung von Kollaborateuren und deutschen Kriegsgefangenen genutzt. 1946 wurde es geschlossen und anschließend abgebaut. Auf dem größten Teil des Geländes wurde ein Wald gepflanzt – die Erinnerung an dieses Lager, das ständig unter französischer Verwaltung gestanden hatte, sollte verdrängt werden.
Situation im Lager Das sich auf drei Kilometer Länge und Breite hinziehende Lager war eingeteilt in Îlots (französisch für „kleine Insel“), zwölf Blöcke, die jeweils 25 bis 27 Baracken mit je 60 Schlafplätzen umfassten. Die 24 Meter langen und sechs Meter breiten Baracken waren ganz aus Holz gebaut, die innere Höhe betrug zweieinhalb Meter. Es waren keine Möbel vorhanden, die Koffer der Internierten dienten als Tische und Stühle.Karl Schatz: GURS – 45 Jahre danach! in „HEGAU - Zeitschrift für Geschichte, Volkskunde und Naturgeschichte des Gebiets zwischen Rhein, Donau und Bodensee“, Seite 211; Band 41/42, September 1986 Jedes Îlot war nochmals mit Stacheldraht umzäunt.
Gefangene mussten teilweise anfangs auf dem nackten Erdboden schlafen, später durften sie sich einen Sack mit Stroh als Unterlage füllen. Dabei wurde ihnen in den Baracken ein 70 Zentimeter breiter Raum zugestanden. Außer den Stellen, an denen gekocht wurde, war das Gelände unbefestigt, so dass es bei schlechtem Wetter sehr schlammig war. Die Trennung von der Familie sowie Hunger, katastrophale hygienische Bedingungen und Krankheiten (unter anderem die Ruhr) prägten die Situation. Durchschnittlich starben täglich sieben Menschen.badische-zeitung.de, 23. Oktober 2010, Martina Faller: Kein Hass, nur noch Mitleid (23. Oktober 2010)
In einem kleinen Schuppen befand sich die Küche. Hier wurden in großen Kesseln die Tagesgerichte zubereitet, aber es herrschte immer Hunger: Morgens gab es eine schwarze Brühe und etwas Brot, mittags und abends Wassersuppe mit ein paar Kichererbsen als Einlage.
Von den Pyrenäen kam die Kälte. Läuse, Flöhe und Wanzen waren überall. Die Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes brachte Besserung.Andreas Schuler: „Eines Nachts war es dann soweit“. In: Südkurier vom 14. Juli 2017, S. 19. (Zeitzeugenbericht von Margot Wicki-Schwarzschild (1931–2020, deportiert aus Kaiserslautern)).
Auch eine mit Betten ausgestattete Krankenstube gab es im Lager, Medikamente und medizinische Geräte fehlten jedoch.
Heimatländer der Gefangenen; Gründe für die Verhaftung Deutschland mini|Stolperstein für einen jüdischen Deutschen aus Baden, der im Alter von 83 Jahren nach Gurs deportiert wurde
Unter den bereits erwähnten Unerwünschten befanden sich auch Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft, die wegen ihrer Herkunft oder politischen Haltung bzw. als ehemalige Interbrigadisten aus Spanien nach Frankreich geflohen waren und als feindliche Ausländer angesehen wurden. Unter ihnen befand sich eine bedeutende Zahl deutscher Juden, die vor dem Naziregime geflohen waren, wie zum Beispiel Hannah Arendt; sie war 1933 vor den Nazis nach Frankreich geflohen und wurde im Mai 1940 in Gurs in Haft genommen (siehe auch Abschnitt Bekannte Häftlinge).
Auf Betreiben des Gauleiters von Baden, des besonders fanatischen Nazis Robert Wagner, sowie des Gauleiters Josef Bürckel (Gau Saarpfalz) wurden am 22. Oktober 1940 im Rahmen der ersten planmäßigen Deportation von Juden aus Deutschland 6.538 jüdische Deutsche aus Baden, der Pfalz und dem Saarland von der Gestapo und französischen Behörden nach Gurs verschleppt.Peter Steinbach: Das Leiden – zu schwer und zu viel. Zur Bedeutung der Massendeportation südwestdeutscher Juden. In: Tribüne – Zeitschrift zum Verständnis des Judentums. 49. Jg. Heft 195. 3. Quartal 2010, S. 109–120.Zeitung Der Sonntag im Markgräflerland, 24. Oktober 2010, S. 2, Aus der Region, Hans Christof Wagner: Reden gegen das Vergessen Ihre Eisenbahntransporte kamen aus Mannheim (2335), Heidelberg (1380), Karlsruhe (900), Baden-Baden (106), Freiburg (450) und Konstanz (110). Allein im Lager verstarben von ihnen ca. 2.000; die meisten wurden per Eisenbahn über das Lager Camp de Rivesaltes in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet.
Einigen wenigen gelang ab 1941 über internationale Hilfsorganisationen und persönliche Kontakte die Emigration in sichere Drittländer.
Gurs lag in dem bis zum 11. November 1942 unbesetzten Vichy-Südfrankreich des Marschalls Pétain; ab 1942 wurden jedoch inhaftierte Menschen von hier nach Deutschland „ausgewiesen“. Viele der Ausgewiesenen wurden dann im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet. Hunderte verstarben bereits im Lager.
Anlässlich des 70. Jahrestages der Deportationen der badischen und saarpfälzischen Juden fanden in vielen Gemeinden der betroffenen Regionen Gedenkveranstaltungen und Ausstellungen statt.
In dem Film Menachem und Fred (Regie: Ronit Kertsner, Ofra Tevet) wird das Schicksal der Geschwister Heinz und Manfred Mayer aus Hoffenheim erzählt, die ebenfalls im KZ Gurs interniert waren und sich nach 60 Jahren wieder begegnen.
Frankreich Aus Frankreich befanden sich unter anderem folgende Personengruppen im Lager: Linke, politisch engagierte Franzosen (Gewerkschafter, Sozialisten, Anarchisten und Kommunisten), die nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt als gefährlich angesehen wurden. Die Ersten dieser Gruppe wurden am 21. Juni 1940 eingeliefert. Die Mehrzahl unter ihnen wurde noch vor Ende des gleichen Jahres in andere Lager verlegt. Pazifisten, die es ablehnten, in der Rüstungsindustrie zu arbeiten. Repräsentanten der französischen extremen Rechten, die mit der Wehrmacht und der Nazi-Ideologie sympathisiert hatten. Mit der Unterzeichnung des Waffenstillstands vom 22. Juni 1940 zwischen Frankreich und Deutschland fiel die Region, in der sich das Lager befand, in die unbesetzte Zone, die vom Vichy-Regime kontrolliert wurde; das Lager wurde unter zivile Verwaltung gestellt.
Der von der Regierung Daladier eingesetzte Militärkommandant verbrannte vor dem Übergang der Autorität die Akten und ließ die spanischen republikanischen Internierten entkommen, die in der französischen Bevölkerung untertauchten. Allerdings bewirkte die Vernichtung der Akten, dass eine große Zahl von ehemaligen Internierten nach dem Krieg enorme Schwierigkeiten hatten, Entschädigungen für ihre Internierung zu erhalten.
700 Gefangene wurden zwischen dem 21. August (Ankunftsdatum einer Inspektionskommission, die vom Dritten Reich entsandt war) und Oktober 1940 freigelassen. Sie kehrten aufgrund ihrer Nationalität oder ihrer Nähe zum Nazi-Regime zurück nach Deutschland.
Niederlande Das erste Kontingent aus den Niederlanden kam am 21. Mai 1940 in Gurs an, elf Tage nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande.
Spanien Die französische Verwaltung unterschied hier vier Gruppen von Gefangenen: Basken bzw. Gudaris: baskische Nationalisten bzw. Angehörige der baskischen Armee (Eusko Gudarostea) während des Spanischen Bürgerkriegs. Die meisten GudarisGudari: baskisches Wort, das Soldat oder Krieger meint, von guda („Krieg“) und der Nachsilbe -ari, als Berufsbezeichnung; die Mitglieder der aktuellen ETA bezeichnen sich ebenfalls als Gudaris. konnten auf Grund der Nähe ihrer Heimat Unterstützung in Frankreich finden und schließlich entkommen. Brigadisten: Soldaten der Internationalen Brigaden – aus ganz Europa (Russland, Deutschland, den baltischen Staaten, Österreich, der Tschechoslowakei etc.) Einigen gelang die Flucht, einige sind zur französischen Fremdenlegion gegangen. Flieger / Bodenpersonal: Bodenpersonal der Luftwaffe der Spanischen Republik. Durch ihren Beruf als Mechaniker war es für sie relativ leicht, französische Arbeitgeber zu finden, sodass sie das Lager auf legalem Wege verlassen durften.