mini|hochkant|Straßenfassade der Abteikirche St. Nabor mit angrenzenden ehemaligen Klostergebäuden mini|Abteikirche vom historischen Marktplatz aus (heute „Place de la Victoire“) mini|Seitenansicht von St. Nabor

Die Abtei Saint-Nabor (), auch Abtei Saint-Avold, war eine Benediktinerabtei im Bistum Metz in Saint-Avold im heutigen Département Moselle in Lothringen. Sie existierte vom 8. bis in das 18. Jahrhundert. Die seit 1930 denkmalgeschützte Abteikirche aus dem 18. Jahrhundert gehört heute als Pfarrkirche zum Bistum Metz. Patroziniumstag der Kirche ist der Gedenktag der beiden um das Jahr 300 während der Christenverfolgungen Kaisers Diokletians in Lodi enthaupteten Märtyrer Nabor und Felix am 12. Juli.

Geschichte Der ungesicherten Überlieferung nach gründete der vermutlich aus Irland stammende Wandermönch Fridolin auf einer Missionsreise im Rahmen der iroschottischen Missionsbewegung in den Jahren zwischen 506 und 510 im Tal der Rossel, einem Nebenfluss der Saar, das Oratorium Hilariacu oder Hilariadum auf dem Terrain des heutigen St. Avold. Fridolin ist auch der Gründer des Klosters Säckingen am Oberrhein bei Basel. Das St. Avolder Kloster entwickelte sich unter dem Schutz der Metzer Bischöfe günstig. Der als heilig verehrte Metzer Bischof Sigebald gründete 734 die Abtei neu, gab ihr den Namen Nova Cella, beschenkte sie reich mit Gütern und starb hier um das Jahr 741. Sein Nachfolger im Amt, der bedeutende Metzer Bischof Chrodegang, förderte ebenfalls die Abtei. Er brachte im Jahr 765 aus Rom die Reliquien der heiligen Märtyrer Nabor und Felix mit und übergab sie der Abtei, die fortan den Patroziniumstitel „Sankt Nabor“ (Monasterium Sancti Naboris) trug. Spärliche Zeugnisse aus dem hohen Mittelalter deuten auf ein eigenes Skriptorium und einen höheren Bildungsstand unter den Mönchen. Der Fernbesitz des Klosters reichte bis in den Wormsgau, im heutigen Rheinland-Pfalz hinein; so wurde etwa die dortige Stephanskirche in Sausenheim um 800 durch die Abtei St. Nabor gegründet und gehörte ihr bis 1493.Klaus Schmitt: Die katholische Kirche St. Stephanus Sausenheim, Sommer Verlag, Grünstadt, 1999

Im Verlauf des Mittelalters entwickelte sich um die Abtei St. Nabor eine kleine Stadt, die den Namen der Abtei übernahm. Infolge von Namensabschleifung wurde im lokalen rheinfränkischen Dialekt aus „Sankt Nabor“ „Santerfor“. Aus der lokalen Aussprache machte die französischsprachige Verwaltung später „Saint-Avaux“. Ab dem Jahr 1750 wurde daraus die amtliche Rechtschreibung „Saint-Avold“.André Pichler, Pascal Flaus: Histoire des Saint-Avold par ses monuments religieux. Societé d’Histoire du Pays Naborien, Merzig 2015, S. 15.

Chrodegangs Nachfolger im Bischofsamt, Angilram von Metz, führte in der Abtei die Regula Benedicti des Benedikt von Nursia ein. Angilram ließ darüber hinaus im 8. Jahrhundert eine neue Klosterkirche errichten. Er selbst wurde dort bestattet und bald als Heiliger verehrt.André Pichler, Pascal Flaus: Histoire des Saint-Avold par ses monuments religieux. Societé d’Histoire du Pays Naborien, Merzig 2015, S. 9–15. Diese wurde am Ende des 15. Jahrhunderts bzw. zum Beginn des 16. Jahrhunderts durch Abt Adam von Ruplingen, dessen Grabplatte heute in der Turmvorhalle zu sehen ist, durch einen neuen Bau im Stil der Gotik ersetzt. Unter den Metzer Äbten hatte der Abt von Saint-Avold den ersten Rang inne. 1495 führte man im Konvent die benediktinische Bursfelder Reform ein, die gut hundert Jahre später von der Reform von Saint-Vanne abgelöst wurde.

Nachdem man die gotische Abteikirche Anfang des 17. Jahrhunderts erweitert hatte, wurde sie im 18. Jahrhundert durch den aktuell bestehenden bedeutenden Barockbau ersetzt. Der aus dem lothringischen Saint-Mihiel stammende Benediktinermönch Leopold Durand (ursprünglich François Durand, 1666–1749) entwarf nach Bauten im elsässischen Mittelmünster und im luxemburgischen Echternach die Pläne der neuen Kirche, die zwischen 1755 und 1769 von Maurern und Steinmetzen aus Süddeutschland, Tirol, Frankreich sowie Lothringen errichtet wurde. Im Vorfeld hatte man in den Jahren von 1720 bis 1745 die Klostergebäude mit der Abtsresidenz völlig neu gebaut.

Die Geschichte der Benediktinerabtei endete im Jahr 1791 in den Wirren der Französischen Revolution. Die Abtei wurde zwangsaufgelöst, die Mönche vertrieben und die Klosteranlage als Staatseigentum verkauft. Dank des Prokurators der Zivilgemeinde, Nicolas Pascal Gérardy (1714–1793), der für St. Avold die Übergabe des Abteigebäudes an die Staatsverwaltung verhandelte, konnte die Abteikirche gerettet werden. Durch ein Dekret vom 10. September 1792, das von Georges Danton selbst unterschrieben worden war, wurde die ehemalige Abteikirche ihrer neuen Bestimmung als Pfarrkirche übergeben. Sie ersetzte nun die ehemalige Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul, die profaniert und zu einem heute noch bestehenden Wohn- und Geschäftshaus umgebaut wurde. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die ehemalige Abteikirche einer Restaurierung in einem verschwenderischen Neobarock mit aufwändigen Gemälden und Altären unterzogen. Der US-Luftangriff am 9. November 1944 beschädigte das Sakralgebäude schwer. Die Arbeiten zur Beseitigung der Kriegsschäden zogen sich bis in die 1980er Jahre des 20. Jahrhunderts hin. Die neobarocke Ausmalung von Waldemar Kolmsperger der Ältere, der unter anderem auch Schloss Neuschwanstein ausgemalt hatte, wurde vollständig beseitigt. Das Gebäude und die Kunstwerke in der Kirche stehen seit dem Jahr 1930 unter staatlichem Denkmalschutz.André Pichler, Pascal Flaus: Histoire des Saint-Avold par ses monuments religieux. Societé d’Histoire du Pays Naborien, Merzig 2015, S. 19–20, 34–50., abgerufen am 27. September 2026

Skriptorium, Bibliothek und Schule im Mittelalter Die heute in der Burgerbibliothek Bern als Manuskript 289 befindliche Ausgabe des Martyrologium Hieronymianum aus dem ersten Drittel des 9. Jahrhunderts, die in Metz entstanden ist, weist Einflüsse aus der Abtei Saint-Avold auf. Das Skriptorium von St. Nabor ist darüber hinaus in zwei Handschriften greifbar, die im frühen 11. Jahrhundert entstanden sind. Nur eine dieser beiden Handschriften (Paris, Bibliothèque nationale de France Lat. 8088) ist heute noch erhalten; sie enthält die Gedichte von Prudentius. Die andere (Metz, Bibliothèque municipale 377) ist im Jahr 1944 verbrannt und enthielt das Werk De consolatione philosophiae des spätantiken römischen Schriftstellers Boethius. Die Herkunft aus St. Nabor erschließt sich aus zeitgenössischen Gedichten, die in diesen Handschriften eingetragen wurden, darunter ein Epitaph auf Bischof Adalbero II. von Metz († 1005).Monumenta Germaniae Historica, Poetae 5, S. 378–386. Verfasser der Gedichte ist Konrad von St. Nabor, der zu Beginn des 11. Jahrhunderts als Lehrer in der Klosterschule wirkte.Stefan Flesch: Die monastische Schriftkultur der Saargegend im Mittelalter. Saarbrücken 1991, S. 72–78.

Für die klösterliche Gelehrsamkeit sind vor allem die Verse auf dem letzten Blatt der Pariser Handschrift aufschlussreich.Paris, Bibliothèque nationale de France Lat. 8088, fol. 198v, abgerufen am 18. Mai 2019. Der Verfasser lässt in diesem Gedicht den Prudentius-Codex, das Buch selbst sprechen. Es spricht zu einem anderen Buch, einem Lukan-Codex der Benediktinerabtei Saint-Symphorien in Metz, wie aus der Nennung des Abtes Konstantin von Saint-Symphorien (1004–1048) hervorgeht. Das Buch beschreibt seinen Aufenthalt in der Bibliothek von St. Nabor und stellt den Namen Konrads mit gelehrten Spielereien heraus, indem dieser einmal in bfk-Geheimschrift und einmal in griechischen Buchstaben erscheint.Monumenta Germaniae Historica, Poetae 5, S. 380. Aus der Darstellung wird deutlich, dass das Buch in St. Nabor unter Konrad einen prächtigen Einband erhielt und die Verse des Prudentius mit gelehrten Randnotizen versehen wurden. Glossen zum Prudentius-Text sind in der Handschrift zwischen den Zeilen und am Seitenrand reichlich vorhanden. Lateinischer Originaltext: Cum iuvenis splendens fueram, mutuatus adibam Coenobium sanctum celso Nabore sacratum, In quo praeclari multa et virtute probati Insignesque viri desudant laude perhenni; In quo pax radiat magna et sapientia regnat. Moribus et sanctis concordia fulget in illis. Illuc cum veni, felicem me reputavi; Nam capite et cauda portavi tergora nuda, Undique nudus eram; sed mox vestitus adibam. Non te sicut me decoratum credo, Lucane, Nec te Constantinus habens vestivit honore Ut me Cxpnrbdxs, qui sit semper benedictus; Cuius sic studiis signis fulgesco novellis, Margine deque meo nunc plura problemata pango. Quę quicumque legis, dic: Vivant semper in altis Sancto Nabori famulantes sorte perhenni! O quicumque libens versus aspexeris istos Undique et adpositos, utiles et iure legendos, Dic: ΚΟΥѠΝΡΑΔѠ sit vita salusque misello. Übersetzung ins Deutsche: Als ich ein strahlender Jüngling war, betrat ich nach dem Stimmbruch das heilige, dem großen Nabor geweihte Kloster, in dem berühmte, in unablässiger Tugend erprobte und mit bleibendem Lob ausgezeichnete Männer arbeiten, in dem Friede strahlt und große Weisheit regiert. In diesen glänzt die Eintracht durch heiligen Lebenswandel. Als ich hierher kam, schätzte ich mich glücklich, denn ich trug vorne und hinten einen nackten Rücken, von allen Seiten her war ich nackt, doch bald kam ich bekleidet daher. Ich glaube nicht, dass du, Lukan, so verziert bist, wie ich, und auch Konstantin, in dessen Besitz du bist, hat dich nicht mit einer Ehre bekleidet wie mich Konrad, der immer gesegnet sei; durch dessen Studien glänze ich so mit neuen Zeichen, und von meinen Seitenrändern werfe ich nun viele Fragen auf. Wer auch immer du dies liest, sprich: „Es sollen immer hoch leben die Diener von Sankt Nabor in bleibendem Glück!“ Oh, wer auch immer du diese Verse anschaust, die von allen Seiten mit Nützlichem und Lesenswertem ergänzt sind, sprich: „Leben und Heil sei dem elenden Konrad.“ Die Frage, ob das Berner Martyrologium (Bern, Burgerbibliothek 289), eine Handschrift des späten 8. und 9. Jahrhunderts, ebenfalls in St. Nabor geschrieben wurde, ist nicht abschließend geklärt. Für die Entstehung in St. Nabor traten unter anderen Henri Tribout de Morembert und Stefan Flesch ein.Henri Tribout de Morembert: Manuscrits de l’abbaye de Saint-Avold VIIIe-XIe siècle. In: Saint Chrodegang, Communications présentées au colloque tenu à Metz à l’occasion du 12e centenaire de sa mort. Metz 1967, S. 183–201, hier S. 185–187.Stefan Flesch: Die monastische Schriftkultur der Saargegend im Mittelalter, Saarbrücken 1991, S. 78 f. Von Seiten der Paläographie wird diese Ansicht nicht unbedingt geteilt. Sowohl für die älteste Schicht aus dem späten 8. Jahrhundert als auch für die beiden jüngeren Schichten des 9. Jahrhunderts gilt Metz als Schriftheimat.CLA VII 861, abgerufen am 18. Mai 2019.Bernhard Bischoff, Birgit Ebersperger: Katalog der festländischen Handschriften des neunten Jahrhunderts (mit Ausnahme der wisigotischen) Teil 1. Aachen – Lambach, hrsg. von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Kommission für die Herausgabe der mittelalterlichen Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz, Wiesbaden 1998, Nr. 570.

Seit dem Anschluss der Abtei St. Nabor an die Kongregation von St. Vanne im Jahr 1607 erlebte das Kloster in St. Avold eine geistige Erneuerung und einen zahlenmäßigen Zuwachs an Klostereintritten. In der Folgezeit öffnete sich die Abtei den neuen Ideen der beginnenden Aufklärung. Auch die Bibliothek muss in dieser Zeit einen Aufschwung erlebt haben. Allerdings sind aus ihrem Bestand nur sehr wenige Bücher erhalten geblieben. Ein vollständiger Bibliothekskatalog existiert nicht mehr. Aufschlüsse über die Bestände bieten in geringem Maße die unvollständigen Inventarlisten aus der Zeit der Auflösung des Klosters in der Französischen Revolution.