mini|Talharpa, 2014 Talharpa, auch tagelharpa (, „Pferdeschwanzhaar-Harfe“) oder stråkharpa („Streichharfe“), , rootsi kannel („schwedische Kannel“), ist eine drei- bis viersaitige, mit dem Bogen gestrichene Leier, die bis Anfang des 20. Jahrhunderts in der Volksmusik der schwedischsprachigen Bevölkerung in Estland besonders auf der Insel Vormsi gespielt wurde. Die eng mit der jouhikko, die in der historischen Region Karelien im Osten von Finnland vorkommt, und mutmaßlich mit der crwth in Wales verwandte talharpa wird seit den 1970er Jahren in unterschiedlichen Formen wieder hergestellt. Die skandinavischen Streichleiern gelten als Weiterentwicklung älterer gezupfter Leiern und gehen nach unterschiedlichen Hypothesen auf Vorbilder in Westeuropa (crwth in Wales) oder im Osten (flügelförmiger husle-Typ im Siedlungsgebiet der Ostslawen) zurück.
Herkunft und Verbreitung Mittelalterliche nord- und nordosteuropäische Leiern sind wahrscheinliche Vorbilder für gezupfte baltische Psalterien wie die finnische kantele, die instrumentenkundlich zu den griffbrettlosen Kastenzithern gehören und in den skandinavischen Ländern und im Baltikum eine kulturell zusammengehörige Instrumentengruppe bilden.Ain Haas, 2001, S. 209f Bei einigen frühen Typen mit einem schlanken Korpus ist ein fließender Übergang zwischen einer Leier zu erkennen, deren Saiten über die Korpusdecke hinweg bis zu einem an zwei Stangen befestigten Joch führen, und einer Kastenzither, in deren Korpus sich eine ähnlich große Öffnung befindet, wie der von der Jochkonstruktion umschlossene Zwischenraum. Die Unterscheidung erfolgt nicht nach der Öffnungsgröße oder Korpusform, sondern anhand der Jochkonstruktion. Für die hypothetische Herkunft der talharpa sind die langgezogene Korpusform, die Spieltechnik beim Verkürzen der Saiten und die Einführung des Streichbogens bestimmende Kriterien.
Korpus Die baltischen Psalterien gelten sowohl als nationale Instrumente, als auch nach Bauform, Spielweise und Verwendung als kulturelles Erbe einer Region zwischen Skandinavien, Osteuropa und Russland mit bis in vorchristliche Zeit zurückreichenden Wurzeln. Zur Diskussion stehen drei Verbreitungstheorien der baltischen Psalterien: Gemäß der ersten Theorie an der Wende zum 20. Jahrhundert gelangten die Kastenzithern von den Byzantinern durch Vermittlung der Slawen zu den baltischen Völkern. Einer zweiten Theorie aus jener Zeit zufolge, die vor allem von finnischen Forschern geäußert wurde, sind die Kastenzithern ein sehr altes nationales Erbe Finnlands. Beiden Theorien fügte Curt Sachs (1916) seine „orientalische“ Herkunftshypothese hinzu, nach welcher die Zithern ins Baltikum und nach Russland im Mittelalter auf einer nicht näher angegebenen Route aus dem arabisch-persischen Raum gekommen seien.Curt Sachs: Die litauischen Musikinstrumente in der Kgl. Sammlung für Deutsche Volkskunde zu Berlin. In: Internationales Archiv für Ethnographie. Band 23. E.J. Brill, Leiden 1916, S. 1–8, hier S. 4 (). Von den drei unabhängig voneinander entwickelten Theorien bildete im Besonderen die von Sachs aufgestellte These einer weiten Verbreitung die Grundlage für spätere Überlegungen.Carl Rahkonen, 1989, Kapitel 2, S. 33–36 In diesen Zusammenhang gehört auch die Annahme, die skandinavisch-baltische Kultur sei während der Vorherrschaft der Chasaren von der ukrainischen Kulturregion weiter südlich geprägt worden.M. Khay: Enclosed Instrumentarium of Kobzar and Lyre Tradition. In: Music Art and Culture, Nr. 19, 2014, Abschnitt Psalnery (gusli).
Für die alte Verwandtschaft der Psalterien und Leiern im Baltikum und in Russland sprechen archäologische Funde aus Nowgorod am Ilmensee, wo in das 11. Jahrhundert datierte schlanke Leiern und ähnlich geformte Zithern vom Ende des 14. Jahrhunderts ausgegraben wurden.Dorota Popławska, Dorota Popłavska: String Instruments in Medieval Russia. In: RIdIM/RCMI Newsletter, Band 21, Nr. 2, Herbst 1996, S. 63–70, hier S. 66 Die in ostslawischen Sprachen als husle (russisch gusli)Gusli: Where? And When? gusli.by (verschiedene historische gusli-Typen) bezeichneten schlanken Kastenzithern besaßen schriftlichen Quellen zufolge im 12. Jahrhundert vermutlich zehn Saiten.Irene (Iryna) Zinkiv: To the Origins and Semantics of the Term „husly“. In: Music Art and Culture. Nr. 19, 2014, S. 33–42, hier S. 39
Spieltechnik mini|Krylovidnye gusli, schlanke flügelförmige Kastenzither mit einer Öffnung vom Typ der „Nowgorod-Leiern“. Die Jochkonstruktion der „Nowgorod-Leiern“ des 11. und 12. Jahrhunderts mit einem Loch am oberen Korpusende erlaubte es dem Spieler, das auf seinem Oberschenkel aufgestützte und schräg nach oben ragende Instrument mit der linken Hand zu halten und zugleich mit den Fingern dieser Hand die Saiten von unten zu dämpfen, während er sie mit der rechten Hand zupfte. Durch die begrenzte Spannweite der Hand waren diese Leiern mit maximal acht Saiten ausgestattet. Ilya Tëmkin (2004) zeichnet eine hypothetische Entwicklungslinie der slawischen Zithern, die er bei einer in das 6. Jahrhundert datierten rotta in Westeuropa (rote in England), einer der crwth ähnlichen Streichleier, beginnen lässt.Ilya Tëmkin: Evolution of the Baltic psaltery: a case for phyloorganology? In: The Galpin Society Journal, Januar 2004, S. 219–230, hier S. 225
Eine formale Beziehung besteht zwischen den Nowgorod-Leiern und den harpa genannten Leiern der germanischen Stämme im nördlichen Europa, die in englischen und deutschen Manuskripten vom 7. bis zum 10. Jahrhundert abgebildet sind.Hortense Panum, 1939, S. 93–95 Eine Darstellung um 600 zeigt eine schmale, sechssaitige Leier mit einer großen Öffnung. Eine etwas kleinere Öffnung besaß eine in Nerewski bei Nowgorod ausgegrabene, 85 Zentimeter lange gusli, die neun Saiten besaß und in die Mitte des 13. Jahrhunderts datiert wird. Ein reliefierter Wasservogelkopf in der Nähe der Stimmwirbel wird als finnisches Motiv gedeutet – mit Verweis auf einen kosmogonischen Mythos der Finno-Ugrier, wonach ein Wasservogel die Erde mit Schlamm vom Meeresgrund aufbaute. Da die äußeren Saiten nicht durch die Öffnung von hinten abgegriffen werden konnten, müssen diese als Bordunsaiten leer gezupft worden sein.Ain Haas, 2001, S. 219 Neben den archäologischen Leierfunden in Russland gibt es östlich des Ural eine nars-yukh (nares-jux, „Musik-Holz“) genannte Leier mit einem langrechteckigen Korpus bei den Ugrisch sprechenden Chanten und Mansen. Diese vielleicht einzige noch existierende asiatische Leier erwähnt Curt Sachs (1930) im Zusammenhang mit den skandinavischen Streichleiern, ist sich aber im Unklaren über die Verbindung.Curt Sachs: Handbuch der Musikinstrumentenkunde. (1930) Georg Olms, Hildesheim, 1967, S. 165.
Die senkrechte oder leicht schräg zur linken Seite geneigte Spielhaltung der talharpa, bei der die Saiten mit der linken Hand durch die Öffnung von hinten verkürzt werden, wird auch im angelsächsischen Vespasian-Psalter, einer Bilderhandschrift aus dem 8. Jahrhundert dargestellt. Das Instrument hat wie die germanischen Leiern einen langrechteckigen Korpus mit gerundeten Ecken und ist mit sechs Saiten bespannt. Dieselbe Spielweise ist von den auf antiken griechischen Vasen gemalten Leiern überliefert.Ain Haas, 2001, S. 218
Zu einer gewissen Zeit ging die senkrechte Spielposition und Grifftechnik von unten durch die Öffnung bei den baltischen Leiern – wohl mit Zwischenstufen, wie einige Abbildungen in Manuskripten vermuten lassen – in die liegende Spielhaltung der Psalterien über, bei deren Zupftechnik von oben auf die Öffnung verzichtet werden kann. Den Übergang illustrieren angelsächsische Manuskripte aus dem 11./12. Jahrhundert, die einen Spieler zeigen, der laut Ain Haas (2001) offenbar mit den Fingern über das Joch hinweg die Saiten von oben dämpft, während sich der Handballen an der Unterseite befindet. Im Winchcombe-Psalter (datiert 1025–1050) sind eine dreisaitige gezupfte Leier und eine viersaitige gestrichene Leier in derselben Spielposition abgebildet. Es ist jedoch nicht auszuschließen, wie Miles/Evans (2001) einschränken, dass beide Instrumente mit der linken Hand nur am Joch gehalten wurden, ohne in die Saiten zu greifen. Die vier in der Mitte verlaufenden Saiten der Streichleier könnten auf ein darunter angebrachtes Griffbrett hindeuten. Ein mittiger Hals ist auch bei einer viersaitigen Leier im Durham-Manuskript vom Anfang des 12. Jahrhunderts zu vermuten, bei der jedoch nicht erkennbar ist, ob sie gezupft oder gestrichen wurde.Bethan Miles, Robert Evans: Crwth. 1. History and structure. In: Grove Music Online, 2001 Die erwähnte neunsaitige Nowgorod-Leier aus dem 13. Jahrhundert, deren Saiten durch die kleine Öffnung nur noch teilweise von unten zu erreichen waren, stellt ebenfalls eine solche Übergangsphase dar, als deren Resultat in Estland die kannel entstand.Ain Haas, 2001, S. 223
Als sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts unter russischer Herrschaft ein estnisches Nationalbewusstsein zu entwickeln begann, mussten passende Nationalsymbole gefunden werden. Eines dieser eingeführten Symbole ist der legendäre Weise Vanemuine, der eine kannel spielend dargestellt wird, während er den Menschen von den Wohlklängen der Musik kündet. Die Erzählung zeigt eine gewisse Ähnlichkeit mit der Rolle des Orpheus in der griechischen Mythologie. Zeitgenössische Abbildungen zeigen Vanemuine nach antikem Vorbild in eine lange wallende Robe gekleidet, wie er eine Leier senkrecht in den Händen hält. Offenbar störte nicht, dass diese Spielhaltung eher den alten russischen Leiern und der bis heute verwendeten schwedischen talharpa entspricht, während das estnische Psalterium kannel waagrecht auf dem Tisch oder auf den Knien liegend mit beiden Händen von oben gezupft wird.Ain Haas, 2001, S. 211f
Streichbogen mini|hochkant|Rotta, eine Griffbrettleier. Älteste Abbildung einer europäischen Leier mit Griffbrett in der 845/846 angefertigten Vivian-Bibel.Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 26. De Gruyter, Berlin 2004, S. 162 Im 9. Jahrhundert wurde dieser Leiertyp noch gezupft, ab dem 11. Jahrhundert gestrichen.