Stock-Flow Consistent Models (SFC),Michalis Nikiforos, Gennaro Zezza: Stock-Flow Consistent Macroeconomics Models: A Survey. In: Journal of Economic Surveys, Band 31, Nummer 5, Dezember 2017, S. 1204–1239, . auch accounting models, auf Deutsch etwa bestands- und flussgrößenkonsistente Modellierung, dient als Sammelbegriff für verschiedene dynamische volkswirtschaftliche Modelle, welche die Dynamik der Bestands- und Flussgrößen in den Bilanzen der Wirtschaftssektoren einer Volkswirtschaft beschreiben. Sie werden dem accounting oder balance sheet approachNeil T. Skaggs: H.D. Macleod and the origins of the theory of finance in economic development. In: History of Political Economy, Band 35, Nummer 3, 2003, S. 361–384, insb. S. 377, .Stephen Kinsella: Words to the wise: Stock flow consistent modeling of financial instability, UCD Geary Institute Discussion Paper Series, WP2011/30, November 2011. . (Bilanzierungs- bzw. Bilanz-Ansatz) zugerechnet.

Geschichte mini|250px|Nettovermögen der Sektoren in den USA 1945–2017 aus den Daten der flow of funds. Man erkennt, dass jedem Geldvermögen eine Verbindlichkeit gegenübersteht.

Die Ausgangsideen für den Bilanzierungsansatz gehen auf Knut Wicksell (1898)Knut Wicksell: Interest and Prices. Augustus M. Kelley Publishers, New York 1936/1898., John Maynard Keynes (1936)John Maynard Keynes: The General Theory of Employment, Interest and Money. Palgrave Macmillan, London 1936.Dirk Ehnts: The balance sheet approach to macroeconomics. In: Samuel Decker, Wolfram Elsner, Svenja Flechtner (Hrsg.): Principles and Pluralist Appraoches in Teaching Economics. Routledge, London / New York 2019, S. 243–255, doi:10.4324/9781315177731-16. und Michał Kalecki (1899–1970) zurück. Der theoretische Rahmen basiert auf den Arbeiten von Morris Copeland aus dem Jahr 1949. Er entwickelte Tabellen für die US-amerikanische Ökonomie, welche die Geldflüsse von Einkommen, Sparguthaben, Darlehen und Investitionen zusammen mit den Veränderungen der Bestände von Schulden, Guthaben und Finanzanlagen abbildeten. Vorabdruck als Working Paper 745, Levy Institute, 2013.Jacob Cohen: Copeland’s money flows after twenty-five years: a survey. In: Journal of Economic Literature, Band 10, Nummer 1, 1972, S. 1–25, . Bis heute werden diese flows of funds vom Federal Reserve System veröffentlicht.Financial Accounts of the United States - Z.1, sowie Financial Accounts Guide, Federal Reserve System, abgerufen am 8. Januar 2019. Die Social Accounting Matrix (SAM) enthält als Tabelle die ökonomischen Transaktionen zwischen den Wirtschaftssektoren und die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung.

mini|hochkant|James Tobin (1918–2002)

James Tobin und seine Kollegen nutzten ab den 1960er Jahren Konzepte wie die Social Accounting Matrix, um zeitdiskrete Modelle zu bauen, die das Portfoliomanagement verschiedener Geldanlagen mit unterschiedlicher Verzinsung sowie realwirtschaftliche Variablen enthielten.David Backus, William C. Brainard, Gary Smith, James Tobin: A model of US financial and non-financial economic behaviour. In: Journal of Money, Credit and Banking, Band 12, Nummer 2, 1980, S. 259–293, . Tobins Nobelpreis-Vortrag gilt als „Manifest“ für SFC-Modellierer. Auch Robert Clower begründete seine keynesianisch inspirierten Preis- und Konjunkturtheorien auf Stock-Flow-Betrachtungen.Robert W. Clower: Stock-flow analysis. In: David L. Sills, Robert K. Merton: International Encyclopedia of the Social Sciences, Band 15, S. 273–277, Macmillan und Free Press, New York 1968, .Robert W. Clower, D. W. Bushaw: Price Determination in a Stock-Flow Economy. In: Econometrica 22(3), S. 328–343, .Romain Plassard: The origins, development, and fate of Clower's “stock-flow” general-equilibrium programme. In: European Journal of the History of Economic Thought 25(1), Mai 2018, S. 1–32, .

mini|hochkant|Wynne Godley (1926–2010), einer der Pioniere mini|hochkant|Marc Lavoie (* 1954), verfasste mit Godley ein Lehrbuch

Weiterentwickelt wurden SFC-Modelle von Autoren aus der postkeynesianischen Tradition. Hierbei können neben den Ansätzen von Tobin beispielsweise unterschiedliche Geldtheorien wie Loanable funds, Modern Monetary Theory oder endogene Geldschöpfung abgebildet werden. Einige dieser Theorien stehen im Gegensatz zur klassischen Dichotomie der Zweiteilung einer Volkswirtschaft in den realen und den monetären Sektor, die Neutralität des Geldes sowie die allgemeine Gleichgewichtstheorie und die darauf aufbauenden Modelle.Wynne Godley, Marc Lavoie: Monetary Economics. Palgrave Macmillan, New York 2012, ISBN 978-0-230-30184-9. Stattdessen wollen sie die Dynamik der Geldflüsse und der sektorale Finanzierungssalden modellieren. In Deutschland präsentierte Wolfgang Stützel 1958 einen ähnlichen Ansatz als „Saldenmechanik“.Wolfgang Stützel: Volkswirtschaftliche Saldenmechanik. Mohr, Tübingen 1958 (Nachdr. der 2. Aufl., 2011, Mohr Siebeck), ISBN 978-3-16-150955-1. Aus einigen Modellen der monetary circuit theory wurden weitreichende Konsequenzen abgeleitet, wie die These eines monetären Wachstumszwangs, die allerdings durch eine inkonsistente Bilanzierung erklärt werden konnten. Durch die Berücksichtigung der Zwangsbedingungen Vorabdruck als Uni Oldenburg Discussion Paper, 2018, . der Bilanzierungsidentitäten sollen derartige „schwarze Löcher“ () vermieden werden, in denen Geld verschwindet oder ohne Gegenbuchung aus dem Nichts entsteht.

Die Modelle erreichten Anfang des 21. Jahrhunderts und insbesondere nach Beginn der Weltfinanzkrise steigende Popularität, da einige Autoren mit Bilanzierungsmodellen die kritischen Entwicklungen vorhergesehen hatten. Wynne Godley, einer der Pioniere des SFC-Ansatzes seit den 1970er Jahren,Dimitri B. Papadimitriou, Gennaro Zezza: Contributions in Stock-flow Modeling: Essays in Honor of Wynne Godley. Palgrave Macmillan, London 2012, ISBN 978-1-349-33340-0, . hatte seit dem Jahr 2000 in PublikationenWynne Godley, Randall Wray: Is goldilocks doomed? In: Journal of Economic Issues, Band 34, Nummer 1, 2000, S. 201–206, .Wynne Godley, Gennaro Zezza: Debt and lending: A Cri de Coeur. Levy Institute at Bard College Policy Notes 4, 2006. gewarnt, der US-amerikanische Hausmarkt würde sich abschwächen und eine Rezession hervorrufen. In den DSGE-Modellen, welche die Makroökonomik dominieren, können wegen der Verhaltensannahmen wie rationaler Erwartungen und intertemporaler Optimierung keine Krisen entstehen. Sie behandeln Bestands- und Flussgrößen zwar auch in konsistenter Weise, modellieren aber meist nur einzelne Bestandsgrößen wie Sachkapital während monetäre Größen wie Kreditbeziehungen und Schulden vernachlässigt werden. Daher wird versucht, Finanzkrisen mit Stock-Flow Consistent Models zu analysieren, die auf dem Bilanzierungsansatz beruhen.Edwin Le Heron: Confidence and financial crisis in a post-Keynesian stock flow consistent model. In: European Journal of Economics and Economic Policies: Intervention, Band 8, Nummer 2, November 2011, S. 361–387, .Marco Passarella: A simplified stock-flow consistent dynamic model of the systemic financial fragility in the ‘New Capitalism’. In: Journal of Economic Behavior & Organization, Band 83, Nummer 3, August 2012, S. 570–582, .Eugenio Caverzasi, Antoine Godin: Financialisation and the sub-prime crisis: a stock-flow consistent model. In: European Journal of Economics and Economic Policies: Intervention, Band 12, Nummer 1, 2015, S. 73–92, .

Verwendet werden SFC-Modelle auch in der Ökologischen Makroökonomik, in der neben den Geldflüssen auch Ressourcen- oder Energieflüsse und -bestände oder ein Ökosystem mit nachwachsenden Rohstoffen abgebildet werden.Jonathan Barth, Oliver Richters: Demand-driven ecological collapse: a stock-flow fund-service model of money, energy, and ecological scale. In: Samuel Decker, Wolfram Elsner, Svenja Flechtner (Hrsg.): Principles and Pluralist Appraoches in Teaching Economics. Routledge, London / New York 2019, S. 169–190, doi:10.4324/9781315177731-12. Während die ökologischen Aspekte von den postkeynesianischen Autoren wie Lavoie nicht berücksichtigt wurden, sind SFC-Modelle mittlerweile innerhalb der ökologischen Makroökonomik verbreitet.Emilio Carnevali, Matteo Deleidi, Riccardo Pariboni, Marco Veronese Passarella: Stock-Flow Consistent Dynamic Models: Features, Limitations and Developments. In: Philip Arestis, Malcolm Sawyer (Hrsg.): Frontiers of Heterodox Macroeconomics, Palgrave Macmillan, Cham 2019, S. 223–276. . Bezüge werden insbesondere zu den Flow-Fund-Modellen von Nicholas Georgescu-Roegen hergestellt. Es gibt darüber hinaus Ansätze, die Eigenschaften von SFC-Modellen in Agentenbasierte Modellierung (ABM) zu integrierenStephen Kinsella, Matthias Greiff, Edward J. Nell: Income distribution in a stock-flow consistent model with education and technological change. In: Eastern Economic Journal, Band 37, Nummer 1, 2011, S. 134–149, . oder mit Input-Output-Analysen zu verbinden.

Konzept Die Grundlage eines SFC-Modells ist die Aufstellung von Bilanzen für verschiedene Wirtschaftssektoren wie Banken, Firmen, Privathaushalte und den Staat. Die verschiedenen Bestandsgrößen in den Bilanzen sind über Bilanzierungs-Identitäten verbunden, weil beispielsweise das Guthaben der Haushalte bei der Bank gleichzeitig immer eine Verbindlichkeit der Bank ist. Die Flussgrößen sind ebenfalls über Identitäten miteinander verbunden, weil die Einnahmen des einen stets die Ausgaben des anderen sind. Dies ergibt die Social Accounting Matrix oder Transaktionsmatrix. Nur wenn die Bestands- und Flussgrößen die Identitäten erfüllen, kann der monetäre Kreislauf in einer Volkswirtschaft konsistent beschrieben werden (stock-flow consistency).

Grundsätzlich gibt es drei wichtige Gleichungsarten ökonomischer Modelle, die auch in SFC-Modellen vorkommen. Definitionsgleichungen wie die Gleichungen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, bestimmte modellabhängige Identitätsgleichungen sowie Verhaltensgleichungen. In einem Stock-Flow-Consistent-Modell gibt es stets (1) Gleichungen, die einen Zusammenhang zwischen Bestands- und Flussgrößen herstellen, (2) Gleichungen, die Bezüge zwischen Flussgrößen untereinander herstellen, sowie (3) Verhaltensgleichungen. Als Verhaltensfunktionen werden beispielsweise Konsumfunktionen oder bestimmte Preisanpassungsprozesse verwendet. Hierbei wird nicht von rationalen Erwartungen ausgegangen, sondern stattdessen begrenzte Rationalität vorausgesetzt. Dank der Definitionen und Identitäten kann nicht für jede Variable eine Verhaltensgleichung angegeben werden, weil das System sonst überbestimmt wäre. Alternativ müssen zusätzliche Anpassungsvariablen eingeführt werden, um das System lösbar zu machen. Anders als bei vielen anderen ökonomischen Modellen wird üblicherweise kein allgemeines Gleichgewicht angenommen; die Modelle beschreiben stattdessen instationäre Anpassungsprozesse.

Die meisten SFC-Modelle sind in diskreter Zeit formuliert, können aber auch in kontinuierlicher Zeit als Differentialgleichungen bzw. differential-algebraische Gleichungen formuliert werden.Soon Ryoo: Long waves and short cycles in a model of endogenous financial fragility. In: Journal of Economic Behavior & Organization, Band 74, Nummer 3, 2010, S. 163–186, .

Beispiel eines einfachen Modells mini|hochkant=1.5|Beispiel für die Bilanzen der einzelnen Wirtschaftssektoren und die Flussgrößen eines einfachen SFC-ModellsWynne Godley, Marc Lavoie: Monetary Economics. Palgrave Macmillan, New York 2012, ISBN 978-0-230-30184-9. Kapitel 3. Das Lehrbuch enthält diese bildliche Darstellung der Bilanzen und Flussgrößen nicht. mini|hochkant=1.5|Zeitentwicklung der Variablen zu einem stationären Zustand (Fixpunkt). In diesem entsprechen die Steuereinnahmen gerade dem als konstant angenommenen Staatskonsum und das verfügbare Einkommen des Haushalts gerade den Konsumausgaben – dadurch ändern sich die Bestandsgrößen nicht mehr. (Quellcode für python in der Bildbeschreibung)