mini|hochkant|Statue von Kamehameha I. vor dem Aliʻiōlani Hale in Honolulu, Oʻahu, zweiter Guss von 1882 mini|hochkant|Statue vor dem Old Courthouse in Kapaʻau, Hawaii, erster Guss von 1880 Die Statuen von Kamehameha I. sind eine 1880 von dem US-amerikanischen Bildhauer Thomas R. Gould modellierte überlebensgroße Bronzestatue des ersten Königs von Hawaii, Kamehameha I., und mehrere später angefertigte Abgüsse und Reproduktionen, die auf Hawaii, in der Rotunde des United States Capitol in Washington, D.C. und an anderen Orten aufgestellt sind.

Die Originalstatue sollte vor dem Regierungssitz Aliʻiōlani Hale in Honolulu aufgestellt werden. Sie ging auf dem Transport von der Gießerei in Paris nach Honolulu durch Schiffbruch bei den Falklandinseln im Südatlantik zunächst verloren, daher wurde ein zweiter Guss von der Originalform in Auftrag gegeben. Dieser zweite Guss wurde vor dem Aliʻiōlani Hale aufgestellt. Die Originalstatue konnte von Fischern geborgen werden und wurde, da sie in schlechterem Zustand als der Nachguss war, vor dem alten Gerichtsgebäude von Kapaʻau im Hawaii County aufgestellt, nahe dem Geburtsort Kamehamehas. 1969 stiftete der Staat Hawaii zwei Statuen für die National Statuary Hall Collection des Kapitols in Washington, D.C., eine davon ist ein Abguss der Statuen Kamehameha I. auf Hawaii.

Auf Hawaii sind die Statuen Kamehamehas bedeutende Elemente der Besinnung auf die hawaiische Kultur und Spiritualität. Einige Hawaiier bringen sie mit den Kiʻi in Verbindung, kleinen rituellen Figuren aus der Zeit vor der Ankunft von James Cook auf Hawaii. Sie werden in der mündlichen Überlieferung in den Rollen von Göttern und Geistern (akua) und als Verkörperung von Naturphänomenen gesehen. Als solche sind sie Träger von mana, einer göttlichen oder übernatürlichen Macht. Jede Abbildung des Gottkönigs Kamehameha I. kann als äußerst mächtiges Kiʻi betrachtet werden.

Abbildungen der Statue in Honolulu sind im Siegel Hawaiis und in zahlreichen Logos von Organisationen und Unternehmen enthalten. Als beliebtes Fotomotiv und durch die Darstellung in Filmen, so im Vorspann der Fernsehserien Hawaii Fünf-Null und ihres Remakes Hawaii Five-0, wurden sie weltweit zum Symbol für Hawaii.

Hintergrund 1878 regte der neu in das Repräsentantenhaus von Hawaii gewählte US-amerikanische Abenteurer, Zeitungsverleger und spätere Außenminister und Premierminister Walter M. Gibson die Aufstellung einer Skulptur zur Feier des 100. Jahrestags der Landung von James Cook auf Hawaii an. Das Parlament stellte für diesen Zweck 10.000 US-Dollar bereit und ernannte Gibson zum Vorsitzenden eines Komitees zur Durchführung und Überwachung des Projekts. Dem Komitee gehörten zunächst auch Hawaiier an, es wurde allerdings stark durch Gibson und König David Kalākaua dominiert.

Gibson suchte eine Weile in verschiedenen US-amerikanischen Städten nach einem geeigneten Bildhauer und verpflichtete schließlich Thomas R. Gould, einen Bildhauer aus Boston, der überwiegend in Florenz lebte und arbeitete.Glenn Wharton: The Painted King, S. 20.

Entwurf mini|hochkant|Kamehameha I., Porträt von Ludwig Choris, Bleistift und Wasserfarbe auf Papier, 1816 In einem frühen Stadium des Entwurfs bestand die Absicht, das Gesicht, den Körperbau und die Kleidung König Kamehameha I. exakt nachzubilden. Dem standen unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Es konnte für kein einziges Merkmal das Aussehen Kamehamehas sicher bestimmt werden. Bei einem Besuch bei Gould in Boston brachte ihm Gibson einen Kupferstich mit, bei dem es sich um eine französische Kopie einer chinesischen Kopie des 1816 von dem deutsch-russischen Maler und Forschungsreisenden Ludwig Choris angefertigten Porträts handelte, das Kamehameha I. als Greis zeigte.Glenn Wharton: The Painted King, S. 22.

Gould wurde angewiesen, das Gesicht Kamehamehas nach dem mehrfach kopierten Porträt zu formen, ihn aber deutlich jünger als 45-Jährigen darzustellen. Auch der Körperbau ist nicht wirklichkeitsgetreu. Da über Kamehamehas Statur einerseits keine zuverlässigen Informationen vorlagen, andererseits ein heroischer Kriegerkönig darzustellen war, entschloss man sich zu einer Darstellung mit breitem Rücken und Schultern, kräftigen Armen und einem prominent hervortretenden Kinn – ganz in der Art der klassischen Darstellungen des Herakles, aber frei erfunden.

mini|hochkant|Augustus von Primaporta, aufgefunden 1863, heute in den Vatikanischen Museen, aktuelle Aufnahme Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass Thomas R. Gould die 1863 gefundene antike römische Marmorstatue des Augustus von Primaporta als Vorlage für seine Darstellung des Kamehameha I. heranzog. Die Statue war nach ihrer Entdeckung Gegenstand umfangreicher und auch bebilderter Berichterstattung. Als bildendem Künstler, der in Florenz lebte und arbeitete und häufig auf antike Motive zurückgriff, muss Gould die Statue bekannt gewesen sein. Beide Statuen eint die Geste des erhobenen und nach vorne weisenden, aber nicht ganz ausgestreckten rechten Arms. Anders als heute war man im 19. Jahrhundert der Auffassung, dass die antike Statue in der Linken einen Speer gehalten haben musste. So wurde sie mit einem rekonstruierten Speer ausgestellt und die Abbildungen mit Speer gingen um die Welt. Auch die Statue Kamehamehas wurde mit einem Speer in der Linken ausgestattet, obgleich die Auffassung vorherrschte, dass der König Rechtshänder war. Beide Statuen zeigen die dargestellte Person mit dem Körpergewicht auf dem rechten Standbein und mit leicht angewinkeltem linken Bein.Charlot, John. 1979. “That Statue of Kamehameha.” Honolulu 13 (9): 35-40.

Der US-amerikanische Kunsthistoriker und Restaurator Glenn Wharton vertrat die Auffassung, dass Thomas Gould mit der Synthese klassischer hawaiischer Motive wie der Kleidung des Königs und aus der antiken römischen Kunst entlehnter Motive Kamehameha I. als "pazifischen Helden" idealisieren wollte. Hawaii befand sich in einer Phase politischer und wirtschaftlicher Umbrüche. Die Vertreter verschiedener hawaiischer und ausländischer Interessengruppen rangen um Macht und Einfluss, die Anhänger der alten Traditionen und des damit verbundenen Herrschaftssystems, aufgeklärte Hawaiier, einschließlich König Kalākaua, mit ihrer positiven Sicht auf die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, die Missionare mit ihrer radikalen Ablehnung der hawaiischen Sprache und Kultur, und die Vertreter der US-amerikanischen Wirtschaft. In der Berufung auf hawaiische Traditionen und auf die europäische Kultur konnten sich die verschiedenen Parteien wiederfinden. Auch der Guss einer traditionellen Statue aus der auf Hawaii nicht verwendeten Bronze in einer europäischen Gießerei war eine der zahlreichen Maßnahmen der Regierung zur Stützung der kriselnden Monarchie.Glenn Wharton: The Painted King, S. 18–21.

König Kalākaua gab bei dem auf Hawaii lebenden dänischen Ingenieur und Fotopionier Christian Hedemann mehrere Fotos von Hawaiiern in traditioneller Kleidung in Auftrag, damit sie Gould als Vorlage für die Statue dienen konnten. Von diesen Fotos sind zwei des Hofbeamten John Timoteo Baker erhalten. Das erste Bild zeigt ihn in einem hawaiischen Federumhang mit Federhelm, aber mit einer europäischen dunklen Leinenhose. Die zweite Aufnahme ist eine Fotomontage, für die dem Bild John Timoteo Bakers das athletische unbedeckte Beinpaar seines Bruders Robert Hoapili Baker, möglicherweise auch eines unbekannten Fischers, angefügt wurde.Jacob Adler: The Kamehameha Statue. In: Hawaiian Journal of History 1969, Band 3, S. 87–91.Jacob Adler: Kamehameha Statue. In: The Hawaiian Journal of History 1969, Band 3, S. 203–212.Roger G. Rose: Woodcarver F. N. Otremba and the Kamehameha Statue. In: The Hawaiian Journal of History 1988, Band 22, S. 131–146.Jean Charlot: Letter To Jacob Adler On The Statue Of Kamehameha By Thomas R. Gould, Juli 1969. herausgegeben von der Jean Charlot Foundation, PDF.Matthew Dekneef: Two Hawaiian Brothers Who Modeled For The Iconic Kamehameha Statue. In: Hawaiʻi Magazine, 10. Juni 2016, abgerufen am 8. Januar 2019.

mini|Līloas Kāʻei auf einem Ölgemälde von 1890 (Detail) Die Fotos von John Timoteo Baker zeigen ihn in der kostbaren traditionellen Kleidung eines hawaiischen Königs, die im Bernice Pauahi Bishop Museum in Honolulu bis heute erhalten ist. Zum königlichen Ornat gehörte die um seinen Leib geschlungene und über die linke Schulter geworfene federbesetzte Schärpe (), der Federhelm (mahiole) und sein Umhang (ʻahu ʻula). Die Schärpe ist Līloas Kāʻei nachempfunden, der Schärpe des legendären Königs Līloa der Insel Hawaiʻi. Līloa regierte im späten 15. Jahrhundert und die Schärpe konnte mit der Radiokarbonmethode auf das frühe 15. Jahrhundert datiert werden. Sie ist mehr als vier Meter lang und wird als eines der wertvollsten Artefakte im Bernice Pauahi Bishop Museum aufbewahrt. Das rote Band in der Mitte der Schärpe besteht wahrscheinlich aus kleinen Federn des heute als gefährdete Art geltenden ʻIʻiwi (lateinisch: Drepanis coccineus), die beiden gelben Bänder an den Seiten aus Federn des im 20. Jahrhundert ausgestorbenen Prachtmohos (Hawaiʻi ʻōʻō; lateinisch: Moho nobilis). Der Umhang besteht aus annähernd 450.000 goldgelben Federn von etwa 80.000 Exemplaren des um 1899 ausgestorbenen Königskleidervogels (Hawaiʻi mamo; lateinisch: Drepanis pacifica).Roger G. Rose: Symbols of Sovereignty. Feather Girdles of Tahiti and Hawaiʻi. Bernice P. Bishop Museum, Honolulu 1978.

Um einer möglichen Kritik von amerikanischer oder hawaiischer Seite zu entgehen, bemühten sich Gould und Kalākaua um die Beachtung einer Vielzahl von hawaiischen Traditionen und die korrekte Darstellung königlicher Insignien. Doch einige Elemente der Darstellung werden bis heute kritisiert. Die Darstellung Kamehamehas in Sandalen wird nicht akzeptiert. Sandalen wurden im Hawaii Kamehamehas nur bei langen Fußmärschen und in unwegsamem Gelände getragen, und der unverkennbar westliche Stil der Sandalen verstärkt die historische Ungenauigkeit. Die Schärpe Kamehamehas berührt hinter dem König den Boden, fast wie eine Schleppe im europäischen Stil. Dies widerspricht der hawaiischen Tradition, es wäre für den König eine entwürdigende Haltung, es würde die Schärpe entweihen und es würde die kostbaren Federn beschädigen. Darüber hinaus ist der Umhang mit einer Quaste versehen, wiederum ein nicht authentisches und nur in Europa denkbares Accessoire.William Tufts Brigham: Hawaiian Featherwork. Bishop Museum Memoirs 1899, Band 1, Nr. 1.

Die Geste Kamehamehas, die ein Herbeirufen zur Versammlung symbolisiert, ist nur in neuerer Zeit kritisiert worden. Es wird geltend gemacht, dass die traditionelle hawaiische Geste mit der Handfläche nach unten erfolgte. Die Ausführung durch Gould zeigt ein Herbeiwinken in nordamerikanischer oder europäischer Weise.Glenn Wharton: The Painted King, S. 28.

Erster Guss (Kapaʻau, Hawaii County, Big Island) mini|Statue in Kapaʻau mit der Flagge Hawaiis