mini|Olivia und Nicholas verhindern durch ihre Besetzung fast ein Jahr lang die Abholzung eines tausendjährigen Mammutbaums Die Wurzeln des Lebens (Originaltitel: The Overstory) ist der zwölfte Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Richard Powers. Er ist 2018 erschienen und erzählt, vorwiegend im Westen der Vereinigten Staaten handelnd, von neun Protagonisten, deren Leben in besonderer Weise mit Bäumen verbunden ist und von denen manche als Aktivisten mit Baumbesetzungen für den Schutz der Bäume vor Abholzung protestieren.
Inhalt Der Roman ist in vier Teile gegliedert, deren Namen sich auf die Bestandteile eines Baums beziehen.
Wurzeln Dieser Teil stellt in acht Kapiteln die neun Protagonisten des Romans vor.
Nicholas Hoel ist, in der 5. Generation, Nachfahre eines norwegischen Einwanderers, der auf seiner Farm in Iowa im 19. Jahrhundert 6 Kastanienbäume gepflanzt hat. Nur eine der Pflanzen übersteht die Jahrzehnte, in denen, ausgelöst durch Parasiten aus Asien, nahezu der komplette Bestand an Kastanienbäumen in Nordamerika abstirbt, und entwickelt sich zum mächtigsten Baum in der ganzen Gegend und zum Symbol der Familie, die durch monatliche Fotografien sein Wachstum dokumentiert. Als Nicholas in seinem letzten Studienjahr an der Kunstakademie in Chicago zu Weihnachten seine Eltern besucht, findet er sie tot vor, gestorben an einer Kohlenmonoxidvergiftung.
Mimi Ma ist Keramikingenieurin und Tochter eines chinesischen Einwanderers, dessen Vater ihm 1948 u. a. drei wertvolle Ringe, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft repräsentierend, auf die Reise mitgibt. Sih Hsuin Ma nennt sich in den USA Winston Ma und wohnt mit Frau und drei Töchtern in Wheaton, Illinois, wo er in seinem Garten einen in seiner chinesischen Philosophie, wie der dritte Ring, die Zukunft symbolisierenden Maulbeerbaum pflanzt. Als der Baum durch Bakterienbefall immer kränker wird, seine Frau sich in ihre religiöse Welt einspinnt und die Töchter wegziehen, beendet er im Garten durch einen Pistolenschuss sein Leben. Mimi Ma erhält bei der Verlosung unter den Schwestern den dritten Ring.
Adam Appichs Vater pflanzt für jedes seiner fünf Kinder einen Baum, z. B. einen Ahorn für den 1963 geborenen Adam. Dieser entwickelt sich von Anfang an im Gegensatz zu seinen Geschwistern zu einem Einzelgänger mit besonderen Interessen. Anfangs beobachtet er die vielen kleinen Lebewesen der Natur und sammelt alles Mögliche wie Eulengewölle und Vogelnester, später macht er sorgfältige Feldstudien über die Ameisenwanderungen. Doch nach der erfolglosen Teilnahme an einem Wissenschaftswettbewerb bricht er diese Phase ab und sein Leben gerät aus der Bahn. Das zufällig entdeckte Buch eines Psychologen mit dem Titel „Der Affe in uns“ bedeutet für sein Leben die Wende, er empfindet sich als bekehrt und ist motiviert, Psychologie zu studieren.
Der Jurist Ray Brinkman und die Gerichtsstenografin Dorothy Cazaly beginnen 1974 in St. Paul ihre wechselhafte und mehrmals unterbrochene Beziehung nach einem gemeinsamen Auftritt in einer Amateurtheateraufführung von Shakespeares Macbeth. Symbolträchtig spielt er den durch einen Baum getarnten Angreifer Mcduff, sie die belagerte Lady. Während Ray seine Freundin fest an sich binden und heiraten möchte, fürchtet sie immer wieder um ihre Selbständigkeit und stimmt einer Ehe erst nach seinen Versicherungen getrennter Konten zu. Nachdem Dorothy bei der Kollision ihres Autos mit einer Linde leicht verletzt wurde, willigt sie in seinen Vorschlag ein, jedes Jahr zum Hochzeitstag in ihrem Garten einen Baum zu pflanzen.
Douglas Pavlicek hat eine bewegte Biographie: mit 17 Jahren verwaist, mit 19 Teilnahme am Stanford-Prison-Experiment, im Vietnamkriegsgebiet als Lademeister bei Sprengstoff- und Militärgeräte-Frachtflügen der US-Armee im Einsatz und an der Entlaubung der Wälder mit Agent Orange beteiligt. Nach dem Absturz seiner Maschine bleibt sein Fallschirm in einem Feigenbaum hängen, der ihn so vor dem tödlichen Aufprall bewahrt. Als Invalide und Veteran lebt er dann in Idaho, wechselt mehrmals Arbeitsstellen und Beziehungen und fährt schließlich nach Westen ins Bergland. Hier hat er ein Schlüsselerlebnis, als er großflächige Waldrodungen entdeckt. Er findet Erfüllung in einem Leben in der Natur und pflanzt als Waldarbeiter auf den gerodeten Flächen Tausende von Douglasien-Stecklinge an.
Neelay Mehta wird in seiner Kindheit in San José von seinem Vater, einem Spezialisten für Festkörperphysik, der aus Indien in die USA eingewandert ist, im Programmieren trainiert und dadurch immer mehr in eine virtuelle Computerwelt mit Phantasiegeschöpfen und damit zu einer Entfremdung von der alltäglichen Realität geführt. Nach einem Konflikt mit seiner Literaturlehrerin klettert Neelay aus Furcht vor den häuslichen Folgen auf eine riesige Steineiche, stürzt ab und ist seither querschnittgelähmt auf einen Rollstuhl angewiesen. Er studiert sechs Jahre später Informatik an der Stanford University und entwickelt privat Freeware-Computerspiele. Dann kommt er auf die Idee, mit seinen Programmen Geld zu verdienen und das Studium abzubrechen. Für neue Szenerien seiner projektierten Saga inspirieren ihn exotische, ungewöhnlich geformte Bäume auf dem Campus. Er will die Natur künstlich nachbauen und immer mehr perfektionieren.
Patricia Westerford hat seit ihrer Kindheit in den 1950er Jahren Hör- und Sprechprobleme. Mehr als in der Realität lebt Patty in einer animistischen Naturmärchenwelt. Ihr Lieblingsbuch ist Ovids Metamorphosen mit dem ihr Leben bestimmenden ersten Satz: In neue Gestalten verwandelte Wesen will ich besingen. Als Kind begleitet sie ihren Vater, einen landwirtschaftlichen Berater, bei seinen Touren zu Farmen in Ohio und lernt dabei viel über Pflanzen. Dieses Wissen hilft ihr bei ihrem Botanikstudium in Kentucky. Promoviert mit einer Arbeit über Tulpenbäume, arbeitet sie als Dozentin und Forscherin und veröffentlicht ein Paper über ihre Erkenntnis, dass Bäume als Lebewesen mit einem Bewusstsein über ein biochemisches Netzwerk miteinander kommunizieren und sich z. B. solidarisch vor feindlichen Bakterien warnen. Anfänglich findet sie für ihre Forschungsidee viel öffentliches Interesse, doch durch deutliche Kritik von Professoren an ihrer Theorie leidet ihre Reputation als Wissenschaftlerin erheblich, sodass sie ihre Arbeit verliert. Fortan schlägt sie sich mit Gelegenheitsjobs durch und lebt in den achtziger Jahren eine Zeitlang ohne feste Wohnung in einer Gemeinschaft mit den Pflanzen in den alten Wäldern im Nordwesten. Später erhält sie eine Anstellung als Waldaufseherin der Forstverwaltung und trifft zufällig auf Wissenschaftler, die ihre Vorstellung vom Naturwald mit seinem Leben-Sterben-Leben-Kreislauf und ihre Theorie bestätigen und ihr helfen, wieder als Forscherin zu arbeiten, sich zu rehabilitieren und Anschluss an eine Gruppe Gleichgesinnter zu finden.
Olivia Vandergriffs dreijähriges Studentenleben wird weniger von ihrem Versicherungsmathematikstudium als von Drogenpartys, Sex mit Trancemusik und einer Frühlingslaunenehe mit zweijährigem Streit bestimmt. Für Bäume hat sie kein Interesse und die Zeder vor dem Haus ihrer studentischen WG nimmt sie kaum wahr. Nun, im Dezember 1989, ist die Scheidung von ihrem Mann Davy rechtskräftig und sie hofft, irgendwie die Abschlussprüfung zu schaffen und dann ihr Leben zu ordnen. Doch unter dem Einfluss von Drogen stehend, bekommt sie durch einen Kontakt ihrer nassen Hände mit der Elektroleitung einen Stromschlag und Herzstillstand.
Stamm Die Handlungsstränge des 1. Teils werden im Jahr 1990 weitergeführt und im Laufe einer ca. zweijährigen Entwicklung nach und nach miteinander verbunden. Dabei entsprechen die persönlichen Beziehungen der Protagonisten ihrer Einstellung zu Bäumen.
Im Zentrum stehen sechs der neun Hauptpersonen: die Wissenschaftlerin Patricia Westerford und fünf idealistische Umweltaktivisten, die mit Methoden des passiven Widerstands und zivilen Ungehorsams für den Erhalt der jahrhundertealten Bäume in den Gebirgen im Nordwesten der USA kämpfen und sich aus Enttäuschung über ihre Niederlagen radikalisieren.
1. Patricia Westerford setzt ihre Studien über den Kreislauf des Lebens und die Vernetzung der Bäume fort und kann sich als Wissenschaftlerin rehabilitieren. In einer abgelegenen Hütte schreibt sie das an eine breite Öffentlichkeit gerichtete und bewusst auf emotionale Wirkung geschriebene Buch Der geheime Wald. Es wird zu einem Bestseller und beeinflusst u. a. auch die fünf Aktivisten. Aufgrund ihrer fachlichen Reputation wird sie als Gutachterin in einem Gerichtsprozess über einen Einspruch von Umweltverbänden gegen Rodungen geladen. Sie argumentiert so überzeugend für zusammenhängende Urwälder mit Totholz und gegen Monokulturen mit aufgeräumtem Boden, dass das Gericht die geplanten Abholzungen aussetzt. Später wird diese einstweilige Verfügung aber von einer anderen Instanz aufgehoben, sodass die Rodungen zur großen Enttäuschung Patricias und ihres Lebensgefährten Dennis dennoch stattfinden. Videoaufnahmen von den Blockaden, bei denen Mimi und Douglas verletzt werden, bestätigen die Wissenschaftler in ihrer Meinung, dass der Schutz der Bäume vor Ort nicht funktioniert und auch nie funktionieren wird. Patricia sieht die Vergeblichkeit der Proteste gegen den Wachstumswahn der Menschen und gründet so etwas wie eine Arche, ein Konsortium aus vier Universitäten, unter dem Namen Globales Gen-Archiv zur Erhaltung der Artenvielfalt der Pflanzen. In dieser Samenbank mit Körnern von vielen Baumarten der ganzen Welt, die Jahrtausende überdauern können, sollen die Pflanzen für die Zukunft aufbewahrt werden.
2. Olivia und Nicholas bilden das erste Aktivistenpaar: Olivia überlebt den Stromunfall und hat eine Nahtoderfahrung, in deren Folge sie ihr Leben radikal ändert: Sie bricht ihr Studium ab, hört mit dem Drogenkonsum auf und fährt mit dem Auto westwärts. Auf einem Fernseher in einem Einkaufszentrum sieht sie eine Reportage über Umweltaktivisten in Kalifornien und beschließt, den Geisterstimmen des von ihr erlebten Zwischenreiches zu folgen und dorthin zu reisen. Unterwegs, auf einer Straße in Iowa, fällt ihr der Kastanienbaum von Nicholas Hoels Farm auf und sie hält an. Sie lernt Nicholas kennen, der ihr seine Gemälde schenken will und den langsam absterbenden Familienbaum zeigt. Seine Verwandten haben die Farm aus wirtschaftlichen Gründen verkauft und er ist gerade dabei, den Betrieb aufzulösen. Er hat noch keinen Zukunftsplan und begleitet Olivia in Richtung Kalifornien. Dort schließen sich beide einer Gruppe Aktivisten der Bewegung Life Defense Force an, die spartanisch im Wald leben. Mit medienwirksamen Protestaktionen wollen sie auf die Naturzerstörung aufmerksam machen, insbesondere auf die profitgetriebene Fällung von Mammutbäumen durch die Firma Humboldt Timber. Im Rahmen dieses Protests verschanzen sich Olivia und Nicholas – mit den Decknamen Mädchenhaar und Wächter – in der Krone eines tausendjährigen Mammutbaums, genannt Mima, und bleiben dort wegen fehlender Ablösung fast ein Jahr. Die Rodung der Bäume in dem umgebenden Wald können sie dadurch aber nicht verhindern.