mini|Marion Leonard, 1912 Marion Leonard (geboren am 9. Juni 1881 in Cincinnati, Ohio; gestorben am 9. Januar 1956 in Woodland Hills, Kalifornien) war eine US-amerikanische Schauspielerin, Regisseurin, Filmproduzentin und Drehbuchautorin der Stummfilmzeit.
Karrierestart mini|Marion Leonard, 1911 Marion Leonard begann ihre Karriere als Theaterschauspielerin. 1907 hatte sie erstmals Kontakt mit der Filmindustrie, als sie kurzzeitig Gene Gauntier, den Star der Kalem Company, vertreten konnte. Ihre Filme aus der Zeit bei Kalem sind sämtlich verschollen und es sind nicht einmal Erwähnungen in Filmografien erhalten. Im Alter von 27 Jahren wurde Leonard 1908 von der American Mutoscope and Biograph Company unter Vertrag genommen. Ihr erster Film für Biograph war, unter der Regie von Wallace McCutcheon jr. (1884–1928), At the Crossroads of Life. Das Drehbuch schrieb David W. Griffith, der auch als Darsteller auftrat.Sarah Delahousse: Marion Leonard. In: Jane Gaines, Radha Vatsal und Monica Dall’Asta (Hrsg.): Women Film Pioneers Project. Center for Digital Research and Scholarship. Columbia University Libraries, New York, NY 2013, 27. September 2013, abgerufen am 2. Januar 2019.
D. W. Griffith wurde bald der wichtigste Regisseur von Biograph. Entgegen einem später entstandenen Mythos, dass Griffith bevorzugt mit Laiendarstellern arbeitete, die er nach seinen Wünschen formen konnte, beschäftigte Griffith von Anfang an Schauspieler mit Theatererfahrung. Innerhalb eines Jahres erhielt Leonard ihre ersten Hauptrollen. John R. Cumpson, Charles Inslee, Arthur V. Johnson, Michael Sinnott (später als Mack Sennett bekannt), Harry Solter, Marion Leonard, die ehemalige Tänzerin Florence Lawrence und Linda Arvidson waren die wichtigsten Schauspieler Biographs. Florence Lawrence war die erste Schauspielerin, die als Biograph Girl bezeichnet und auch so vermarktet wurde – die Namensnennung der Schauspieler in Vor- oder Nachspann und die Werbung mit den Namen der Hauptdarsteller wurde erst später üblich, und Biograph vermied besonders lange jede namentliche Erwähnung ihrer Stars. Nach dem Fortgang von Lawrence brauchte das Unternehmen ein neues Biograph Girl. Als diese Nachfolgerin wird häufig Mary Pickford genannt, es war jedoch zunächst Marion Leonard. In 32 der Filme, die Leonard bei Biograph drehte, wirkte aber auch die junge Mary Pickford mit.David Mayer: Stagestruck filmmaker. D. W. Griffith and the American theatre. University of Iowa Press, Iowa City 2009, ISBN 978-1-58729-790-8, S. 97.Eileen Bowser: The transformation of cinema, 1907–1915, S. 110.
Heirat und Wechsel zu Reliance Pictures und Universal Pictures Bei ihrer Arbeit für die Biograph Company lernte Leonard den Drehbuchautor und Regisseur Stanner E. V. Taylor kennen, sie heirateten 1909. Seinerzeit konnte die Independent Moving Pictures Company mit Florence Lawrence und Mary Pickford zwei der größten Stars der Biograph abwerben und damit anderen Filmgesellschaften den Weg aufzeigen. 1910 wurden zahlreiche Schauspieler der Biograph von Reliance Pictures abgeworben, einer Marke der 1909 von Adam Kessel und Charles O. Baumann gegründeten New York Motion Picture Company. Zu ihnen gehörten Leonard und Taylor, die nach ihrer Zeit bei den Reliance Pictures zu Universal Pictures gingen und auch für andere Studios wie Vitagraph und ihre eigenen Produktionsgesellschaften Gem Motion Picture Company und die Monopol Film Company arbeiteten.Eileen Bowser: The transformation of cinema, 1907–1915, S. 79.
Eigene Studios mini|Verlobungsanzeige der Gem Motion Picture Company mit Marion Leonard, 18. November 1911 1910 gründeten Marion Leonard und Stanner E. V. Taylor ihre eigene Filmproduktion, die Gem Motion Picture Company. Produziert wurden hochwertige Langfilme rund um Marion Leonard als Hauptdarstellerin. Auch die Werbung war ganz auf den Star Leonard ausgerichtet, und außergewöhnlich innovativ. So erschien im November 1911 in einer Ausgabe der Filmzeitschrift The Moving Picture World eine ganzseitige Anzeige mit einem Porträt Leonards, eingefasst in einen prächtigen Brillantring, nur mit der Unterschrift MARION LEONARD ENGAGED. Das Spiel mit dem Wort engaged, das sowohl „verlobt“ als auch „angestellt“ oder „engagiert“ bedeuten kann, wurde in einer später erschienenen Anzeige wieder aufgenommen: in einem abgedruckten Brief bestätigt Leonard ihre „Verlobung“ (mit Gem). Das große Aufsehen, das Sarah Bernhardt beim US-amerikanischen Publikum erregt hatte – wenige Monate zuvor war ihr Film Camille (deutsch: Die Kameliendame) in die Kinos gekommen – wurde ebenfalls ausgenutzt. Eine Anzeige in der Moving Picture World stellte Bernhardt und Leonard gegenüber: SARAH BERNHARDT is the foremost living female interpreter of human emotions on the stage today (...) the greatest interpreter of human emotions in the moving picture field is MARION LEONARD! (deutsch: SARAH BERNHARDT ist die führende Darstellerin menschlicher Gefühle auf der heutigen Bühne (...) die größte Darstellerin menschlicher Gefühle im Film ist MARION LEONARD!).Richard Abel: G. M. Anderson: “Broncho Billy” among the Early “Picture Personalities”. In: Jennifer M. Bean (Hrsg.): Flickers of Desire. Movie Stars of the 1910s. Rutgers University Press, New Brunswick, New Jersey und London 2011, ISBN 978-0-8135-5014-5, S. 22–42, hier S. 34.Anzeige Sarah Bernhardt. In: The Moving Picture World, Band 11, Nr. 7, 17. Februar 1912, S. 645, .
Die bei Gem produzierten Filme verfestigten das Bild Leonards als Darstellerin starker Frauen und tapferer und ehrenwerter Heldinnen. In dem ersten Film, dem Bürgerkriegsdrama The Defender of the Name, variierte sie das seinerzeit populäre Thema der Spionin hinter feindlichen Linien, indem sie nach dem Suizid des Bruders dessen Spionageauftrag ausführte, das Ergebnis in die Hand des Toten legte, und so die Familienehre rettete. Aufgrund von Schwierigkeiten mit der Vertriebsgesellschaft konnte Gem nicht eine der eigenen Produktionen in die Kinos bringen. Das Unternehmen verkaufte zum Jahreswechsel 1911/1912 seine Filme an die Rex Motion Picture Manufacturing Company und stellte den Geschäftsbetrieb ein.
mini|Sonderzug der Monopol Film Company unmittelbar vor der Abfahrt nach Hollywood, 24. November 1912 Mit der Monopol Film Company gründeten Leonard und Taylor noch 1912 eine neue Filmgesellschaft. In ihrer Werbung verkündeten sie, dass das Leonard gezahlte Gehalt von 1.000 US-Dollar pro Woche, auf der Basis eines Vertrags über 42 Wochen, „vielleicht“ das höchste jemals einer Filmschauspielerin gezahlte Gehalt sei. Es ist ungeklärt, ob Leonard tatsächlich dieses Gehalt bekam, oder ob es sich nur um einen Werbegag ihrer eigenen Firma handelte. Allerdings benutzten Leonard und Taylor damit erstmals die Höhe der Gehälter als werbliche Aussage, und sie hatten ihren Anteil an der Entwicklung der Einkünfte von Filmstars bis in astronomische Höhen. Damit trugen sie zu einer namentlich von den Vertretern der Biograph Company sehr gefürchteten Entwicklung bei, einem Preiswettbewerb der Studios. Am 24. November 1912 verließ ein Sonderzug mit dem Equipment der Monopol Film Company New York mit dem Ziel Hollywood. An Bord waren zwanzig Schauspieler und andere Mitarbeiter des Unternehmens, das noch vor dem Bau der Studioanlagen in unmittelbarer Nähe der Universal Studios unter freiem Himmel mit den Dreharbeiten beginnen wollte. Geplant war die monatliche Produktion von zwei Spielfilmen mit einer Länge von 1.000 Metern oder mehr.Eileen Bowser: The transformation of cinema, 1907–1915, S. 119.Marion Leonard Joins Monopol Company. In: The Moving Picture World, Band 14, No. 10, 7. Dezember 1912, S. 988, .
Mit ihrem Film As in a Looking Glass, mit Leonard als Hauptdarstellerin und Produzentin und Taylor als Regisseur, wagten beide den Verzicht auf jegliche Zwischentitel. Seinerzeit war die „realistische Darstellung“ erklärtes Ziel aller Filmschaffenden, und Zwischentitel galten einerseits als störende Elemente, andererseits wurden sie für unverzichtbar gehalten.Eileen Bowser: The transformation of cinema, 1907–1915, S. 110. Noch Mitte 1913 entstand mit The Seed of the Fathers ein Film mit Marion Leonard auf sechs Rollen, der als die erste Buchadaption dieser Länge beworben wurde. Wenige Monate später musste Monopol den Geschäftsbetrieb infolge der Insolvenz eines Geldgebers einstellen.Anthony Slide: The New Historical Dictionary of the American Film Industry. The Scarecrow Press, Lanham, Maryland und London 2001, ISBN 0-8108-3426-X, S. 129 (Lemma Monopol Film Company).
Rückzug aus dem Filmgeschäft Auf Monopol folgte als letzte Produktionsgesellschaft des Paares Leonard und Taylor die kurzlebige Mar-Leon Corporation. Sie produzierte bis 1915 mehrere Filme mit Leonard als Hauptdarstellerin und wahrscheinlich auch als Produzentin. Anschließend zog sich Marion Leonard aus dem Filmgeschäft zurück und wurde von der Öffentlichkeit fast vergessen. 1926, mit 45 Jahren, hatte sie noch einmal einen Auftritt in Her Actor Friend, einer Filmkomödie von Mack Sennett. Marion Leonard starb sieben Jahre nach Stanner E. V. Taylor am 9. Januar 1956 im Motion Picture & Television Country House and Hospital in Woodland Hills, Kalifornien.
Filmografie (Auswahl, 1908–1912 nur Kurzfilme) 1908: At the Crossroads of Life 1908: The Tavern Keeper’s Daughter 1908: The Bandit’s Waterloo 1908: The Greaser’s Gauntlet 1908: The Fatal Hour 1908: Where the Breakers Roar 1908: Father Gets in the Game 1908: The Feud and the Turkey 1908: The Test of Friendship 1908: An Awful Moment 1908: The Christmas Burglars 1908: The Helping Hand 1909: One Touch of Nature 1909: The Maniac Cook 1909: Love Finds a Way 1909: The Sacrifice 1909: A Rural Elopement 1909: The Criminal Hypnotist 1909: The Fascinating Mrs. Francis 1909: The Welcome Burglar 1909: The Cord of Life 1909: The Girls and Daddy 1909: The Brahma Diamond 1909: A Wreath in Time 1909: Tragic Love 1909: The Joneses Have Amateur Theatricals 1909: The Hindoo Dagger 1909: The Politician’s Love Story 1909: The Golden Louis 1909: At the Altar 1909: The Prussian Spy 1909: A Fool’s Revenge 1909: The Roue’s Heart 1909: The Salvation Army Lass 1909: The Lure of the Gown 1909: The Voice of the Violin 1909: And a Little Child Shall Lead Them 1909: A Burglar’s Mistake 1909: The Medicine Bottle 1909: A Drunkard’s Reformation 1909: Trying to Get Arrested 1909: A Rude Hostess 1909: The Winning Coat 1909: The Drive for a Life 1909: Lucky Jim, auch Koregie 1909: Tis an Ill Wind That Blows No Good 1909: The Eavesdropper 1909: The Note in the Shoe 1909: The Jilt 1909: Resurrection 1909: Two Memories 1909: His Duty 1909: The Violin Maker of Cremona 1909: The Lonely Villa 1909: A New Trick 1909: The Faded Lilies 1909: Her First Biscuits 1909: The Peachbasket Hat 1909: The Way of Man 1909: With Her Card 1909: The Indian Runner’s Romance 1909: The Mills of the Gods 1909: Pranks 1909: The Sealed Room 1909: The Hessian Renegades 1909: Comata, the Sioux 1909: The Children’s Friend 1909: The Broken Locket 1909: Leather Stocking 1909: Pippa Passes; or, The Song of Conscience 1909: Fools of Fate 1909: His Lost Love 1909: The Expiation 1909: In the Watches of the Night 1909: Lines of White on a Sullen Sea 1909: The Gibson Goddess 1909: Nursing a Viper 1909: The Light That Came 1909: The Restoration 1909: A Sweet Revenge 1909: In the Window Recess 1909: The Death Disc: A Story of the Cromwellian Period 1909: Through the Breakers 1909: The Test 1909: A Trap for Santa Claus 1909: In Little Italy 1909: The Day After 1909: The Heart of an Outlaw 1910: The Rocky Road 1910: On the Reef 1910: The Call 1910: The Cloister’s Touch 1910: The Duke’s Plan 1910: In Old California 1910: The Converts 1910: Gold Is Not All 1910: His Last Dollar 1910: The Two Brothers 1910: As It Is in Life 1910: Thou Shalt Not 1910: The Gold Seekers 1910: Love Among the Roses 1910: Over Silent Paths