mini|Satellitenbild der Abschussrampe
Burewestnik () ist ein strategischer Marschflugkörper mit Kernenergieantrieb aus russischer Produktion in der Testphase. Im GRAU-Index wird der Flugkörper mit 9M730 bezeichnet. Der NATO-Codename lautet SSC-X-9 Skyfall.
Chronologie
Konzepte zu Flugkörpern dieser Art wurden sowohl von der Sowjetunion als auch von den USA in den 1950er-Jahren erörtert, in den USA mit Pluto entwickelt, in der Sowjetunion als Prototyp erstellt und in beiden Ländern verworfen. Die Nachteile des Konzepts, insbesondere die Gefahr, welche von diesem Gerät während des Starts oder des Fluges über eigenem Territorium ausging, waren zu offensichtlich, ganz abgesehen davon, dass eine Landung nicht vorgesehen war.
Laut der aus dem Jahr 2018 bekannten Aussage des russischen Präsidenten Wladimir Putin begann die Entwicklung von Burewestnik nach dem Austritt der Vereinigten Staaten aus dem ABM-Vertrag im Dezember 2001 als Antwort auf den von den USA vorangetriebenen Aufbau eines weltweiten Raketenabwehrsystems. Gemäß dem britischen Russlandexperten Mark Galeotti handelt es sich beim Burewestnik um eine Weiterentwicklung eines nicht realisierten Entwurfes aus der Sowjetzeit.Bbc.com: Rocket mystery: What weapon was Russia testing in Arctic?
Westlichen Beobachtungen zufolge wurde im Jahr 2011 mit der Entwicklung des Burewestnik begonnen. Der Marschflugkörper wurde der breiten Öffentlichkeit im März 2018 bekannt, als Putin ihn mit weiteren „Wunderwaffen“ in seiner Rede vor der Föderationsversammlung vorstellte. Der Name „Burewestnik“ (Sturmvogel) wurde im Rahmen einer Volksabstimmung auf der Online-Plattform des russischen Verteidigungsministeriums gewählt. Angeblich sei das Gerät 2017 geflogen, die angestrebte Leistung sei erreicht worden und in der Folge wurden Sergei Kirijenko und Juri Borissow mit dem Titel Held der Russischen Föderation ausgezeichnet, was auf die Entwicklung von Burewestnik zurückgeführt wurde. Andererseits war gar nicht klar, ob der erwähnte Test überhaupt mit einem Nuklearantrieb durchgeführt worden war, eine Quelle hatte von einem Vorführmodell gesprochen. Von den 13 Testflügen, die zwischen 2016 und Ende 2019 stattfanden, verliefen gemäß westlichen Nachrichtendiensten nur zwei erfolgreich. Nach US-Darstellung kam kein Flug über eine Flugstrecke von 22 Meilen (35,4 km) hinaus. Vermutlich stürzte bei einem Test im Oktober 2018 ein System ins Meer. Zu jener Zeit waren Flugverbotszonen publiziert. Der Nuklearunfall von Njonoksa am 8. August 2019 mit sieben Toten und einer nicht unerheblichen Menge von ausgetretener Radioaktivität wurde mit dem Burewestnik-Projekt in Verbindung gebracht. Eine aufgrund der Informationen plausible Erklärung des Vorfalls war der Versuch der Bergung des möglicherweise 2017 (nach anderen Quellen 2018) ins Meer gestürzten Flugkörpers.
In einer am 22. November 2019 ausgestrahlten Rede erklärte Putin die Vollendung und Perfektionierung einer neuartigen Waffe, die im Zusammenhang mit dem Unfall steht. Deren Besitz würde „die Souveränität und die Sicherheit Russlands für die kommenden Jahrzehnte“ sicherstellen. Am Vortag hatte er den Witwen der 7 Getöteten postum Tapferkeitsmedaillen für ihre Männer überreicht. Am 5. Oktober 2023 sprach Russlands Präsident Putin beim politischen Valdai-Forum in Sotschi, der Marschflugkörper Burewestnik sei einem letzten erfolgreichen Test unterzogen worden. Am 26. Oktober 2025 erklärte Wladimir Putin, die russische Armee habe Tests mit dem Marschflugkörper Burewestnik abgeschlossen; die Rakete soll bei einem Testflug 14.000 Kilometer zurückgelegt haben und etwa 15 Stunden in der Luft gewesen sein. Der Flugkörper solle demnach fortan stationiert werden.
Technische Angaben Burewestnik soll einen Mini-Kernenergieantrieb basierend auf einem Kernreaktor besitzen und dadurch eine Reichweite von über 20.000 km haben. Nach russischen Angaben soll er durch seine Reichweite den potenziellen Gegner aus einer unerwarteten Himmelsrichtung erreichen können. Zum Start wird das Triebwerk durch einen Booster unterstützt. Der Vergleich mit bekannten US-Entwicklungen wie dem Projekt Pluto durch den British American Security Information Council (Basic) aus dem Jahr 2023 zeigt, dass die Größe des Marschflugkörpers auf ein Staustrahltriebwerk mit offenem Reaktor hinweist, bei dem das Austrittsgas den Reaktor direkt kühlt. In diesem Fall ist eine radioaktive Kontamination der Abluft wahrscheinlich. Von US-Experten wurde die technische Machbarkeit eines Marschflugkörpers mit einem nuklearen Antrieb aufgrund der Nachteile zunächst als unwahrscheinlich bezeichnet, jedoch nicht ausgeschlossen. Westliche Rüstungsexperten nehmen zudem an, dass Burewestnik ein Kernwaffen-Träger ist.
Zu den weiteren Eigenschaften von Burewestnik zählen nach Aussage von russischen Militärs seine Manövrierfähigkeit und seine niedrige Flughöhe, weswegen er für feindliche Raketenabwehrsysteme kaum erkennbar und erst recht nicht zerstörbar sei. Die von Russland veröffentlichen technischen Angaben deuten darauf hin, dass Burewestnik wie andere moderne Marschflugkörper eine Reisegeschwindigkeit von ca. 930 km/h und somit unterhalb der Schallgeschwindigkeit aufweist und im Konturenflug unterwegs ist. Über Tarnkappentechnik liegen keine Informationen vor. Abgesehen von Antrieb und Reichweite würde sich der Flugkörper auf Basis dieser Informationen nicht grundsätzlich von modernen Äquivalenten wie Storm Shadow oder Taurus unterscheiden.
Siehe auch Pluto (Marschflugkörper), amerikanisches Projekt von 1957 bis 1964, eingestellt aufgrund fehlender "militärischer Notwendigkeit"
Literatur Rainer Göpfert: Russland erprobt „Burewestnik“. In: FliegerRevue, Nr. 1/2021, S. 22–25
Weblinks Russia Reveals ‘Unstoppable' Nuclear-Powered Cruise Missile, The Diplomat, 2. März 2018 Ракета 9М730 / Крылатая ракета с ЯЭУ, Militaryrussia.com, 4. März 2018
Einzelnachweise
Kategorie:Marschflugkörper Kategorie:Militärische Ausrüstung (Russland) Kategorie:Nuklearantrieb