Georg oder Jörg Gogreve (* um 1534; † 1575 oder 1576 in Minden) war ein katholischer Kleriker im Bistum Minden und Diplomat, der 1564 in Rom für das Herzogtum Kleve das päpstliche Privileg zur Gründung der Alten Universität in Duisburg einholte. 1574/75 war er für das evangelische Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel tätig.
Leben Georg Gogreve war der „illegitime“ Sohn eines Klerikers.Aus der Benefizienverleihung 1566 von Pius V.: „… non obstante defectu natalium, quem pateris de presbytero genitus et soluta …“ (= „ungeachtet des Geburtsmakels, den du bekanntlich hast als jemand, der von einem Priester und einer Unverheirateten geboren wurde“).Wilhelm Eberhard Schwarz: Die Nuntiatur-Korrespondenz Kaspar Groppers. Nebst Verwandten Aktenstücken 1573–1576. (Quellen und Forschungen aus dem Gebiet der Geschichte 5). Schöningh, Paderborn 1898, S. 182f. (Digitalisat im Internet Archive). Er entstammte dem westfälisch-waldeckschen Adelsgeschlecht der Gaugreben und war ein naher Verwandter des schaumburgischen Kanzlers Johannes Gogreve († 1573/74). Georg Gogreves Mutter war Anna GoldenerAls Familienname in der Nähe von Minden in Stadthagen erwähnt; Urkunde vom 8. April 1539; Richard Doebner: Urkunden-Regesten von Stadthagen. In: Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen 63 (1898), S. 148–254, bes. S. 224 (digital.slub-dresden.de). († nach 1569), als seine Geschwister werden 1569 Hille und Johann genannt.Urkunde vom 12. März 1569; Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen Münster (Kloster St. Mauritz und Simeon, Minden, Urkunde Nr. 332) (Digitalisat). Sein Vater war wahrscheinlich Severin Gogreve († um 1550) aus Oldendorf unter Schaumburg, ein Kanoniker am Stift St. Bonifatius in HamelnVgl. Schuldforderung der Stiftskirche zu Hameln gegen die Erben des Severin Gogreve über 100 fl., 1552–1554; Niedersächsisches Landesarchiv Bückeburg (L 1 Schaumburger Samtarchiv, v. Gogreve, Nr. 4188). und am Kollegiatstift St. Martini in Minden.Heinz Finger: Reformation und Katholische Reform im Rheinland (Schriften der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. 26). Die Bibliothek, Düsseldorf 1996, S. 97, hält den Kanzler Johann Ghogreff (* um 1499; † 1554) von Jülich-Kleve-Berg für den Vater. Johann Ghogreff hatte 1519 eine Präbende (Pfründe) an St. Martini in Minden erhalten, er studierte ab 1518 im Ausland, war von 1524 bis zu seiner Laisierung 1530 Propst des Stiftes St. Gereon in Köln und kommt zeitlich nicht als Vater der drei Geschwister in Frage. Georg Gogreve vererbte seinem Sohn Bernhard einen der zwölf Edelhöfe (Burgmannenhöfe) in Oldendorf.
Auch Georg Gogreve erhielt ein Kanonikat an St. Martini in Minden. Mit Kunne (Konrad) Kostede stritt er sich 1553 um einen Hof der Kirche St. Johannis zu Minden.Akten, 1553; Niedersächsisches Landesarchiv Bückeburg (L 1 Schaumburger Samtarchiv, v. Gogreve, Nr. 4190). Am 9. Februar 1555 schrieb sich „Georgius Gogrevius“ als Mindener Stiftsherr (canonicus Mindens[is]) in Rom in das Bruderschaftsbuch des Collegio Teutonico di Santa Maria dell’Anima ein.Carl Jänig (Hrsg.): Liber confraternitatis B. Marie de Anima Teutonicorum de urbe, quem rerum Germanicarum cultoribus offerunt sacerdotes aedis Teutonicae B. M. de Anima urbis in anni sacri exeuntis memoriam. Typographia Polyglotta, Rom 1875, S. 145 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München). Im römischen Prozess um die Stiftsmäßigkeit der münsterischen ErbmännerfamilienVgl. Rudolfine von Oer: Der Münsterische „Erbmännerstreit“. Zur Problematik von Revisionen Reichskammergerichtlicher Urteile. (Quellen und Forschungen zur höchsten Gerichtsbarkeit im Alten Reich 32). Böhlau, Köln 1998. sagte „Georgius Gogreue, clericus Mindensis“, 1558 als 24-Jähriger zugunsten von Johannes Schencking († 1581)1557 Präbende an St. Mauritz in Münster, Domkapitular und Generalvikar (1569–1572) in Augsburg, Agent des Stiftes Augsburg in Rom. aus.Johannes Schencking: Ad omnes Sacri Romani Imperii, et singvlarvm provinciarvm ordines, ipsosque Canonicos Monasterienses Aduersarios. o. O. [Regensburg?] 1576, S. 166f., 188 (Google-Books) = Pro militari progenitorum suorum nobilitate, quodque nobiles Civitatis Monasteriensis. o. O. 1582, S. 56f., 64 (Google-Books).Brief Dr. Adam Kaelius an [Johann Gropper] vom 7. Juni 1558 aus Rom. In: Ludwig Schmitz-Kallenberg (Bearb.): Zur Lebensgeschichte und aus dem Briefwechsel des Johann Gropper. In: Reformationsgeschichtliche Studien und Texte 21/22 (1912), S. 119–141, bes. Nr. 60, S. 137f. (Digitalisat im Internet Archive). Seit 1559 war er als Nachfolger von Andreas Masius (1514–1573) dort Agent (Solicitor) Herzogs Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg (1516–1592). Als Notar der Rota erreichte Gogreve 1561 für das klevische Herzogtum eine Erlaubnis von Papst Pius IV. (1499–1565) zur Gründung einer Universität in Duisburg, kam jedoch bald darauf kurzzeitig in Haft und musste die Bulle auf eigene Kosten aus Antwerpen zurückholen lassen.Stephan Ehses: Andreas Masius an Kardinal Morone. Zevenaar. 18. September 1561. Die Universität Duisburg betreffend. In: Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde 22 (1908), S. 62–66, bes. S. 63. Für die Komplikationen machte er Johannes Monheim,Vgl. den zum Protestantismus tendierenden Rektor des Düsseldorfer Lyceums, verantwortlich.Brief von „Georgius Gogreuus“ an Andreas Masius (vom 1. Januar 1564) aus Rom; vgl. Beilage 19. In: Theodor Joseph Lacomblet: Düsseldorf, Teil IV. In: Archiv für die Geschichte des Niederrheins 5 (1866), S. 203–205 (Google-Books); vgl. S. 71–73. Die Kurie hatte Sorge, dass der katholische Charakter der Universität nicht gesichert sei. Die Kölner Jesuiten hatten intern schon im März 1560 vor Monheim und einer Schola Duisburgensis gewarnt.Friedrich Ernst Koldewey: Johannes Monheim und die Kölner. Der erste Streit zwischen Jesuitismus und Protestantismus. In: Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie 42 (1899), S. 106–138, bes. S. 122f. (archive.org); vgl. auch Briefe vom 25. Mai 1561 und vom April 1562; Max Lossen (Hrsg.): Briefe von Andreas Masius und seinen Freunden, 1538 bis 1573. A. Dürr, Leipzig 1886, Nr. 244, 249, S. 332–334, 343f., 355 (Google-Books).Hubert Jedin: Der Plan einer Universitätsgründung in Duisburg 1555/64. In: Günter von Roden: Die Universität Duisburg (Duisburger Forschungen 12). Braun, Duisburg 1968, S. 1–32, bes. S. 20. Schließlich wurde 1564 endgültig eine Genehmigungsbulle erlassen. Die Universität Duisburg nahm allerdings erst 1655 ihren Lehrbetrieb auf, als Kleve zum protestantischen Kurfürstentum Brandenburg gehörte.
Gogreve als sein römischer Prokurator unterstützte zusammen mit Johann Visbroc (* um 1525; † 1590)Auch Jean Vischbroek; Vursbrouck; Wisbroch u. ä.; aus Gent, Sekretär des Kardinals Giovanni Morone, starb als Kanoniker an St. Martin in Lüttich. auch den Humanisten Jean Matal (* um 1517; † 1597) in seinen Pfründenprozessen in den 1560er Jahren um Kanonikate an St. Lambert in Lüttich und an St. Aposteln in Köln.Vgl. Briefe von Joannes Metellus (Jean Matal) vom 12. September 1562 aus Lüttich und von Johann Visbroc vom 11. Dezember 1562 aus Rom, beide an Andreas Masius; Max Lossen: Briefe von Andreas Masius und seinen Freunden 1538–1573 (Publikationen der Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde 2). Dürr, Leipzig 1886, Nr. 253 und 254, S. 347.Vgl. Peter Arnold Heuser: Jean Matal. Humanistischer Jurist und europäischer Friedensdenker (um 1517-1597). Böhlau, Köln 2003, S. 169.
1566 wurden Georg Gogreve von Papst Pius V. (1504–1572) als Nachfolger des in Rom verstorbenen Johann Minsche alias Hominis (1501–1558) die Propstei von St. Johannis in Minden sowie zusätzliche Kanonikate am Paderborner Dom und an St. Germanus und St. Mauritius zu Speyer verliehen. Die Propstei von St. Johannis hat er nicht in Besitz nehmen können, aber Georg Gogreve war später Dechant des Stiftes St. Martini in MindenText abgedruckt in: Ernst Albrecht Friedrich Culemann (Bearb.): Sammlung derer Vornehmsten Landes-Verträge Des Fürstenthums Minden. Enax, Minden 1748, S. 78–85, bes. S. 79 (Digitalisat der Universitätsbibliothek Münster). und letzter Possessor (Inhaber) der gräflich schaumburgischen Landesherrschaft in Minden.Vgl. Verlegung der Lehen nach seinem Tod nach Stadthagen, Akte vom 23. Juli 1578; Niedersächsisches Landesarchiv Bückeburg (Bestand L 0 Capaunsche Sammlung, Sammlung Holstein-Schaumburgischer Urkunden und Nachrichten, Bd. 4, Nr. 461). 1567 erhielt er 600 Gulden für eine Reise nach Wien und Rom zur Erlangung der Regalien und päpstlichen Bestätigung für Bischof Hermann von Schaumburg (1545–1592; reg. 1567–1582) in Minden.Vgl. Hauptstaatsarchiv Münster (036 I Grafschaft Schaumburg – Urkunden, 168); Staatsarchiv Bückeburg (Capaunsche Sammlung, Band 4, Nr. 461; Schaumburger Samtarchiv, Nr. 1653 und 4190; Bestand v. Gogreve, Nr. 4190 und 4202).
Vom Kloster St. Mauritz und Simeon in Minden wurden dem Dechanten Georg Gogreve von St. Martini Güter und Renten in Steinbergen, Aminghausen, Wietersheim (Witersen), in den Ämtern Hausberge und Petershagen sowie bei BückeburgUrkunde vom 7. April 1572; Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen Münster (Kloster St. Mauritz und Simeon, Minden, Urkunde Nr. 338). verschrieben. 1572 unterzeichnete er in Lübbecke die „Union“ der gesamten katholischen Geistlichkeit Mindens mit Herrmann von Schaumburg gegen die protestantische Stadt Minden,Vertrag vom 6. Juni 1572; Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen Münster (Kloster St. Mauritz und Simeon, Minden, Urkunde Nr. 340). nach deren Abschluss Hermann schließlich 1573 durch Papst Gregor XIII. als Bischof bestätigt wurde. 1574 verlängerte Dechant Georg Gogreve ein Darlehn über 190 Reichstaler, das er dem Ehepaar Thomas und Marie Timpe gewährt hatte, gegen 6 % Überziehungs-Zinsen und Bürgschaft des Lübecker Domherrn Johann Lendeken, ihres Schwagers.Regest einer Urkunde vom 20. Mai 1574; Richard Doebner: Urkunden-Regesten von Stadthagen. In: Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen 63 (1898), S. 148–254, bes. Nr. 459, S. 240 (digital.slub-dresden.de).
Als der Bonner Stiftsherr Alexander Trivius (1526–1607)Mitarbeiter Kaspar Groppers, langjähriger Begleiter des Nuntius Giovanni Francesco Commendone (1524–1584), Bischof von Zante (Zakynthos), in Deutschland und Polen. das Bistum Minden 1575 im päpstlichen Auftrag visitierte, befand sich die Kirche St. Martini im Besitz der Protestanten.Vgl. Otto Bernstorf: Bischof Hermann von Minden aus dem Gräflich Schaumburger Hause; ein geistlicher Fürst der Reformationszeit. In: Hans Gelderblom (Hrsg.): Die Grabungen und Funde im Mindener Dom als Führer in die eigene Vergangenheit und als Wegweiser zu zeitgenössischen Werken in Westfalen. (Mindener Beiträge 10). Bruns, Minden 1964, S. 75–145, bes. S. 99. Dechant Gogreve sei „ein schlechter Christ und von geringem Glauben (mal Christiano et di poca religione)“, schrieb Trivius.Brief an Como vom 21. März 1575. Im Vorfeld der Amtseinführung Heinrich Julius’ von Braunschweig-Wolfenbüttel als Fürstbischof von Halberstadt agierte der römische Höfling (curtisanus) Georg Gogreff 1574/75 als Agent (Bevollmächtigter) des lutherischen Herzogs Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel für dessen Sohn Heinrich Julius, der als Bischof katholisch erzogen werden sollte.Vgl. Gropper an Como, 11. November 1574 und 7. Mai 1575, und Die bayerischen Gesandten Christoph von Pienzenau, Dr. Ludolf Halver und Jakob Dandorf an Herzog Albrecht V. von Bayern, 15. Juni 1575; Wilhelm Eberhard Schwarz: Die Nuntiatur-Korrespondenz Kaspar Groppers. Nebst Verwandten Aktenstücken 1573–1576 (Quellen und Forschungen aus dem Gebiet der Geschichte 5). Schöningh, Paderborn 1898, Nr. 172, 238 und 247, S. LXXXII f., XCV, 217, 285 und 290.
Georg Gogreves Grabplatte befindet sich in Kreuzgang des Mindener Doms.Sabine Wehking: DI 46, Nr. 96. In: www.inschriften.net (abgerufen am 1. Januar 2019). Als sein Nachfolger im Amt des Dechanten des Martinistiftes, das nach dem Verlust der Stiftskirche weiter bestand, wird 1576 bis 1601 Anton Minsche erwähnt.