mini|Veterinärmedizinische Universität Wien Die Veterinärmedizinische Universität Wien (kurz Vetmeduni, auch University of Veterinary Medicine, Vienna) ist die einzige veterinärmedizinische, akademische Bildungs- und Forschungsstätte Österreichs und zugleich die älteste im deutschsprachigen Raum. Die Vetmeduni forscht an Themen der Tiergesundheit ebenso wie an präventiver Veterinärmedizin, dem öffentlichen Gesundheitswesen und Bereichen der Lebensmittelsicherheit. Im Forschungsinteresse stehen die Schaffung wissenschaftlicher Grundlagen für das Wohlbefinden von Tieren, Themen der Tierhaltung, des Tierschutzes und der Tierethik. Sie wurde im Jahr 1765 als älteste einschlägige Schule im deutschsprachigen Raum von Maria Theresia als Lehrschule zur Heilung der Viehkrankheiten gegründet. Ab 1795 wurde sie als Militair-Thierarzneyschule geführt. In dem ehemaligen Gebäude der Veterinärmedizinischen Universität Wien im Stadtteil Wien-Landstraße befindet sich heute die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

Mitarbeiter und Studierende Die Vetmeduni beschäftigt knapp 1500 Mitarbeiter und bildet zurzeit rund 2500 Studierende aus (zum Stichtag 31. Dezember 2022). Der Campus in Wien-Floridsdorf verfügt über fünf Universitätskliniken und zahlreiche Forschungseinrichtungen. Die Vetmeduni hat insgesamt acht Standorte in Wien, Niederösterreich und Tirol.

Geschichte Gründungsphase (1765–1777) Die Gründungsphase der Wiener Veterinärmedizin hing eng zusammen mit den europaweiten Prozessen der Institutionalisierung der Tiermedizin einerseits und der Reformierung des Medizinwesens andererseits. Im Kontext der permanent wütenden Viehseuchen und Kriege in Verbindung mit den geistes-politischen Entwicklungen des „aufgeklärten Absolutismus“ des 18. Jahrhunderts eröffneten überall in Europa veterinärmedizinische Lehranstalten. Die Hoffnung war, durch die Verwissenschaftlichung von Pferde- und Nutztiermedizin bestmöglich ausgebildetes Personal für Militärpferde und Landwirtschaft zu gewinnen. Besonders im zivilen Bereich war das kranke Tier bislang selbst ernannten Tierheilern wie AbdeckernJutta Nowosadtko: Scharfrichter und Abdecker. Der Alltag zweier „unehrlicher Berufe“ in der Frühen Neuzeit. Paderborn 1994, S. 162–194., SauschneidernPeter Wirnsperger, Wernfried Gappmayer: Die Sauschneider. Ein altes, ehrsames Lungauer Gewerbe. Mauterndorf 1990, S. 221–223. oder Hirten überlassen. Mit der Gründung von Veterinärschulen fiel das kranke Tier nun in den Aufgabenbereich des Staates. Die Organisierung veterinärmedizinischer Ausbildung und Praxis orientierte sich inhaltlich stark an der selbst in einem Transformationsprozess steckenden Humanmedizin.

Die Veterinärmedizinische Universität Wien wurde schließlich am 24. März 1765 auf Befehl Maria Theresias gegründet. Sie ist damit die drittälteste Institution ihrer Art weltweit, nach Lyon und Alfort, und die älteste im deutschsprachigen Raum. Gerade die Anfangsphase war durch mehrere Strukturumbrüche geprägt: So eröffnete 1767 die Pferde-Curen- und Operationsschule für Militärschmiede unter der Leitung des Fahnenschmieds Ludwig Scottis anstatt einer „Lehr-Schule zur Heilung der Viehkrankheiten“, wie es die Kaiserin im „Gründungsschreiben“Österreichisches Staatsarchiv, Allgemeines Verwaltungsarchiv, Unterricht Teil 1, Studienhofkommission, Karton 19, 19 ex 1765 (24. März 1765). eigentlich verfügte. Erst mit dem 1775 geschaffenen Lehrstuhl für Viehseuchen an der medizinisch-chirurgischen Fakultät der Universität Wien unter dem Humanmediziner Paul Adami wurden die Viehkrankheiten, im Sinne einer frühen Nutztiermedizin mit Schwerpunkt auf Seuchenprävention und -heilung, bedacht. Das 1777 eröffneten „k. k. Thierspital und Thierarzneyschule“ unter Johann Gottlieb Wolstein, ebenfalls Humanmediziner, vereinigte schließlich die Pferde- und Nutztiermedizin; die Pferde-Curen- und Operationsschule schloss noch im gleichen Jahr, der Lehrstuhl wurde 1781 aufgehoben.Anton Zwischenberger, Matthias Georgi: 250 Jahre Vetmeduni Vienna. 1765–2015 Verantwortung für Tier und Mensch, München 2015, S. 10.

Das k. k. Thierspital (1777–1796) Die Verbindung der veterinärmedizinischen Lehre mit einem Tierspital, wie es auch heute noch essentielle Bereich der Veterinärmedizinischen Universität Wien ist, sollte den Schülern eine theoretische und praktische Ausbildung gewährleisten: „[…] Sind Schüler [aus-]gebildet, haben sie gesehen, gehört, und selbst Hand angelegt, kön(n)en sie alle nöthigen Opperationen sicher und gut verrichten […].“ Das hier von Wolstein formulierte didaktische Konzept entsprach den parallel stattfindenden Reformen der humanmedizinischen Ausbildung, welche Wolsteins als Schüler der „Wiener Medizinischen Schule“ Gerard van Swietens miterlebte; angehende Ärzte sollten demnach „wenig lesen, viel sehen, viel tun.“William Bynum: Geschichte der Medizin. Aus dem Englischen von Christian Rochow. Stuttgart 2010, S. 67.

Um einen permanenten Zustrom von Patienten gewährleisten zu können, wurde 1777 die Wolsteinische Schule in der damaligen Rabengasse (heute Beatrixgasse, Ecke Linke Bahngasse) im heutigen dritten Wiener Bezirk eröffnet. Diese Lokalisierung in der damaligen Vorstadt ermöglichte ein problemloses Erreichen der Schule durch städtische wie ländliche Tierbesitzer. Zudem konnten auch die vielen Händler, welche täglich über die unweit entfernte Landstraße nach Wien zogen, schnell ihr Tier hier abgeben. 1823 wurde schließlich der heute noch existierende Neubau am Campus in der Linken Bahngasse eröffnet, wo die Schule bis 1996 blieb.

Die Schaffung eines habsburgischen Veterinärsystems und die Rolle der Wiener Schule In der Zeit um 1800 erfüllte das Wiener Tierarznei-Institut eine zentrale Funktion in der Schaffung eines staatlichen Veterinärwesens. Als zunächst einzige Ausbildungsstätte der Monarchie sollte sie nicht nur Humanmediziner soweit in der „Vieharzneykunde“ fortbilden, dass sie im Falle eines Seuchenausbruches richtig handeln konnten, sondern auch Lehrer zur Gründung anderer veterinärmedizinischer Schulen in der Monarchie ausbilden. Ein Dekret aus dem Jahre 1781 verfügte die Errichtung einer solchen Schule in Form eines Lehrstuhls an sämtlichen medizinisch-chirurgischen Fakultäten des Reiches.Daniela Haarmann: Das Wiener Tierarznei-Institut und die Entwicklung eines habsburgischen Veterinärwesens. In: Daniela Haarmann (Hrsg.): 250 Jahre Veterinärmedizinische Universität Wien. Verantwortung für Tier und Mensch. Festschrift. Holzhausen-Verlag, Wien 2015 (im Druck), S. 36. Diese wurden ausnahmslos mit Absolventen der Schule Wolsteins besetzt, was sich weniger in der Qualität der Schule, als primär im staatlichen Ziel begründete, für ein einheitliches Ausbildungsniveau innerhalb der Monarchie zu sorgen. Diese Entwicklung findet sich gleichzeitig auch in anderen medizinischen Disziplinen wie der Geburtshilfe und den Wundärzten.Erna Lesky: Österreichisches Gesundheitswesen im Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus. In: Archiv für österreichische Geschichte, Band 122, Heft 1, 1958, S. 85. Viele der damals entstandenen Schulen schlossen allerdings im Laufe des 19. Jahrhunderts wieder, da sich der erhoffte Erfolg nicht einstellte und ein permanenter Nachwuchsmangel herrschte.Daniela Haarmann: Ein Berufsstand entsteht - Von den Anfängen tierärztlicher Standesgeschichte mit Ausblick auf das 21. Jahrhundert. In: Daniela Haarmann (Hrsg.): 250 Jahre Veterinärmedizinische Universität Wien. Verantwortung für Tier und Mensch. Festschrift. Holzhausen-Verlag, Wien 2015 (im Druck), S. 103–104. Bis heute existieren noch die Schulen in Lemberg, Budapest und Ljubljana. Bemerkenswert dabei ist, dass es auf dem Gebiet des heutigen Österreich neben Wien auch in Graz, Klagenfurt, Salzburg und Innsbruck ein solcher Lehrstuhl befand, während Linz eine Hufbeschlagsschule hatte.vgl. Veterinärmedizinische Universität Wien: Karte Wiener Tochterschulen & Veterinärschulen in der Habsburgermonarchie um 1820. (18. März 2015) und Daniela Haarmann: Das Wiener Tierarznei-Institut und die Entwicklung eines habsburgischen Veterinärwesens, S. 36–37.

Das k. k. Thierarznei-Institut in Verbund mit Militär und Humanmedizin (1796–1848) Die enge Verbindung zwischen Human- und Veterinärmedizin blieb auch die folgenden Jahrzehnte erhalten, genauso wie die Verbindung zum Militär. Die Ausbildung von Schmieden für das Militär blieb bis zum Ende der Donaumonarchie eine der Hauptaufgaben der Wiener Veterinärschule. Wissenschaftlich orientiert sie sich aber weiterhin stark an den Entwicklungen in der Humanmedizin. Dies begründete sich vor allem darin, dass ihre Professoren bis ins späte 19. Jahrhundert in erster Linie ausgebildete Humanmediziner waren und sich erst im Anschluss an dieses Studium in der Veterinärmedizin fortbildeten. Zudem war das „k. k. Tierarzney-Institut“, wie die Schule ab 1796 hieß, von 1812 bis 1848 der medizinisch-chirurgischen Fakultät der Universität Wien unterstellt. Bis 1848 waren auch nur Studenten und Absolventen der Humanmedizin dem höheren tierärztlichen Studium zugelassen, welches heute als frühe Form einer wissenschaftlichen Nutztiermedizin verstanden werden kann. Kleintiermedizin spielte bis zur Zweiten Republik kaum eine Rolle, obschon zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein Hundespital im Institut vorhanden war.Daniela Haarmann: Die Mensch-Tier-Beziehung am Wiener Tierarznei-Institut. In: Johann Schäffer (Hrsg.): Mensch – Tier – Medizin. Beziehungen und Probleme in Geschichte und Gegenwart. Tagungsband der 17. Jahrestagung., Verlag der DVG Service GmbH, Gießen 2014, S. 23. Der Unterricht für Militär- und Zivilschmiede fokussierte sich vor allem auf das Pferd. Erst ab 1848 wurden auch solche Studierenden zugelassen, welche lediglich die dritte Klasse der „Normalschule“ absolviert haben mussten.Christian Neumann: Die Entwicklung des Studiums der Veterinärmedizin an der Wiener Tierärztlichen Hochschule von 1767–1965. Dissertation Tierärztliche Hochschule Wien, Wien 1965, S. 50. Damit einher ging auch die Einführung des akademischen Titels magister medicinae veterinariae.

Phase der Selbstständigkeit und Remilitarisierung (1848–1918)