Coming-out oder Comingout (englisch für „herauskommen“, sinngemäß „absichtliches, bewusstes Öffentlichmachen“;Duden online: Coming-out, Comingout, das. Abgerufen am 12. November 2019. kurz zu coming out of the closet, englisch für „aus dem Schrank treten“) bezeichnet den Prozess einer Person, sich zu ihrer sexuellen Identität oder ihrer Geschlechtsidentität im privaten oder öffentlichen Kreis zu bekennen, wenn diese von der gesellschaftlich festgelegten Geschlechterrolle oder dem zugewiesenen Geschlecht abweicht, das aber vorher nicht bekannt war oder nicht bekannt sein sollte. Dieser Artikel beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Coming-out homosexueller Menschen, deren Situation und Probleme jedoch häufig ähnlich denen von Personen sind, die auf andere Weise von gesellschaftlichen sexuellen Normvorstellungen und Stereotypen abweichen.
Hintergrund mini|hochkant|Transgender-Symbol: die grafische Vermischung des Marssymbols ♂ (männlich) und des Venussymbols ♀ (weiblich) soll die Vielfalt der sexuellen Identitäten darstellen, die von klassischen Geschlechterrollen und Geschlechtsmerkmalen abweichen
Analog zur sexuellen Orientierung (etwa lesbisch, schwul, bisexuell, heterosexuell, asexuell) durchleben auch Menschen, denen das gesellschaftlich vorgegebene Schema der Heteronormativität in anderer Weise nicht gerecht wird, ähnliche Prozesse. Die gesellschaftliche Erwartung einer heterosexuellen Orientierung ist also nicht der einzige mögliche Anlass eines Coming-outs. Ähnlich wirken eingeschränkte bis fehlende Akzeptanz für sexuelle Vorlieben oder Neigungen, etwa Sadomasochisten oder für weitere Formen geschlechtlicher oder sexueller Selbstverständnisse wie Transvestiten und Transgender. Daraus ergeben sich weitere Fragekomplexe wie die nach Geschlechterrollen und Geschlechtsidentität. Bei Transgendern werden gegebenenfalls zusätzliche Themen wie geschlechtsangleichende Maßnahmen und das Selbstbestimmungsgesetz aktuell, die ebenfalls Ergebnis eines zuvor erfolgten Outings sein können.Siehe auch Geschlechtsidentitätsstörung
Die meisten Menschen werden heteronormativ oder gar heterosexistisch erzogen, das bedeutet, dass man sie so erzieht, als wären sie heterosexuell, ungeachtet der tatsächlich vorhandenen sexuellen Orientierung. Das ist vergleichbar mit der Erziehung von Linkshändern in früheren Tagen, denen dasselbe Verhalten beigebracht wurde wie Rechtshändern. Für die Gesellschaft ist das einfacher, da man sich die Differenzierung spart, für die Betroffenen hingegen verursacht das erhebliche Schwierigkeiten. Studien belegen, dass die sexuelle Orientierung von genetischen Faktoren zumindest mitbestimmt wird und nach der Geburt nicht mehr veränderlich ist. In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde dies von Franz Josef Kallmann erforscht. Kallmann untersuchte 40 eineiige und 45 zweieiige männliche Zwillinge, von denen wenigstens einer der beiden zu Beginn der Studie sich selbst als homosexuell bezeichnete. Bei dieser Stichprobe fand Kallmann heraus, dass bei den eineiigen Zwillingen zu 100 % beide homosexuell waren.
Aktuellere Studien zeigen keine vollständige Übereinstimmung, jedoch eine signifikant höhere Übereinstimmung als bei Brüdern, die nicht eineiige Zwillinge waren. Darüber hinaus wiesen auch letztere eine deutlich höhere Rate an gleichgeschlechtlicher Orientierung auf, als es nach dem bisherigen Kenntnisstand der statistischen Häufigkeit zu erwarten war.Die Veranlagung für Homosexualität bei Männern wird möglicherweise über die mütterliche Linie vererbt und konnte sich möglicherweise evolutionär deshalb durchsetzen, weil dieselben genetischen Faktoren die Fruchtbarkeit der weiblichen Verwandten erhöhen. Ob und welche weiteren Faktoren nach der Zeugung noch hinzukommen können, ist unbekannt.Udo Rauchfleisch: Schwule, Lesben, Bisexuelle. Lebensweisen, Vorurteile, Einsichten. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-01425-2. Bisher sind keine seriösen Fälle bekannt, in der die sexuelle Orientierung erfolgreich verändert wurde, trotz zahlreicher und intensiver Versuche vor allem durch Aktivisten der christlich-konservativen Ex-Gay-Bewegung. Man kann daher sagen, dass die sexuelle Orientierung unveränderlich ist.Gelegentlich werden Menschen mit bisexueller Orientierung als Beispiel gebracht, die zunächst überwiegend gleichgeschlechtlich und später verschiedengeschlechtlich verkehren. Bei diesen ist aber zu beachten, dass diese durchgehend bisexuell bleiben und sich nicht etwa deren sexuelle Orientierung verändert. Dies wird gelegentlich durch die Redewendung „Schwul wird man nicht, schwul ist man!“ verdeutlicht. Im Zuge des Coming-out wird also eine vorhandene homosexuelle Orientierung nicht etwa entwickelt, sondern nur entdeckt.
Coming-out als Prozess Im Coming-out unterscheidet man zwei Phasen, das innere Coming-out und das äußere Coming-out (für letzteres hat sich die präzisere Bezeichnung Going Public = an die Öffentlichkeit gehen im Alltagsgebrauch nicht durchgesetzt).Joachim Braun: Ich will keine Schokolade – Das Coming-out-Buch für Schwule Rowohlt 2001, ISBN 3-499-61142-2 (Inhalt) Das innere Coming-out umfasst den Teil des Prozesses bis zur Bewusstwerdung über eine bei der eigenen Person vorhandene homosexuelle Orientierung. Die Feststellung „Ich bin homosexuell!“ erfolgt zunächst für sich selbst. Diese Phase kann individuell unterschiedlich lange dauern, beginnt meist erst mit der Pubertät und kann sich teilweise über viele Jahre hinziehen.
Das äußere Coming-out ist dadurch geprägt, dass man allen oder ausgewählten Menschen des sozialen Umfeldes (oder manchmal auch darüber hinaus), meist beginnend mit nahen Verwandten und Freunden, die eigene sexuelle Orientierung explizit offenbart, die Feststellung „Ich stehe auf Männer!“ bzw. „Ich stehe auf Frauen!“ erfolgt dann gegenüber anderen Menschen. Viele Homosexuelle informieren allerdings nur einen Teil ihres sozialen Umfeldes.
Der Coming-out-Prozess ist nicht an ein bestimmtes Alter gebunden. Es gibt Fälle, in denen Menschen in relativ hohem Alter ihre Homosexualität ihren Familien, Kollegen oder ihrem Freundeskreis offenbaren. Obwohl diese Menschen, im Gegensatz zu jüngeren, meist finanziell unabhängig sind und nicht von Pubertätsproblemen geplagt werden, haben sie andere Probleme, weil sie meist sehr lange ihrer Umgebung eine Fiktion gezeigt haben, die nur sehr schwer zu widerrufen ist. In vielen Fällen sind sie sogar verheiratet (man spricht hier von „gemischtorientierten Ehen“) oder haben Kinder.
Wann immer ein Betroffener in eine fremde Umgebung kommt, etwa einen neuen Arbeitsplatz antritt, an einen neuen Ort zieht oder fremde Menschen trifft, die er nicht auf Anhieb einschätzen kann, weil sie zum Beispiel aus anderen Kulturräumen stammen, stellt sich für ihn neu die Frage, ob und wie er seine sexuelle Identität seiner Umgebung offenbart.
Es gibt kein definiertes Ergebnis für einen Coming-out-Prozess. Die Schattierungen reichen vom völlig offenen bis zum weitgehend zurückgezogenen Leben. Kriterium ist, ob der Betroffene innerlich seine sexuelle Orientierung akzeptiert hat und sie sich selbst gegenüber nicht leugnet. Jemand kann sich seiner homosexuellen Veranlagung bewusst sein oder sogar sexuelle Beziehungen zum selben Geschlecht haben und trotzdem Schuldgefühle haben oder dem starken homophoben sozialen Druck einer mehrheitlich gegengeschlechtlich orientierten Bevölkerung nachgeben.In der psychiatrischen Diagnostik wurde die „ichdystone Sexualorientierung“ dafür genutzt ICD-10 F66.1 „Ichdystone Sexualorientierung“
Im westlichen Mitteleuropa haben es homosexuelle Menschen auf dem Land schwerer als in Mittel- und Großstädten; sie suchen daher zunächst Informationen über Medien (Internet, Fernsehen, …). Erst wenn sie sich selbstsicher genug fühlen, offenbaren sie sich Vertrauenspersonen oder engen Freunden. Ein offenbarendes Gespräch mit Eltern oder Verwandten erfolgt häufig später und ist von den jeweiligen Familienverhältnissen abhängig. Das Coming-out der Kinder ist oft auch ein tief in die eigenen Lebens- und Wertvorstellungen eingreifendes Ereignis für die Eltern, welches ihre eigenen Lebensentwürfe in Frage stellen kann. Im gesellschaftlichen Kontext werden von ihnen immer wieder problematische, oft schambesetzte, Situationen erlebt, wenn sich das Gespräch beispielsweise auf die Frage nach dem Partner oder der Partnerin des Kindes fokussiert. Häufig werden solche Fragen dann ausweichend beantwortet oder es wird eine eigene Coming-out-Situation erlebt.Sigrid Pusch: Abgerufen am 28. Mai 2017.
In vielen Kulturen sind die Familienstrukturen noch weit ausgeprägter, als sie es heute in Westeuropa sind. Vor allem in von konservativ-religiösen Werten beeinflussten Kulturen gibt es klare Vorstellungen von Geschlechterrollen. So wird in der konservativen Auslegung des Christentums (siehe: Homosexualität und Christentum) und in der konservativen Auslegung des Islam (siehe: Homosexualität im Islam) Homosexualität als „sündhaft“ angesehen. Es kommt in einigen Regionen teilweise nicht nur durch den Staat, sondern eigene Angehörige neben Verachtung zu Gewalttaten bis zum Mord.
Emotionale Aspekte Aufgrund der normativen Erziehung entstehen bei homosexuellen Menschen zum Teil erhebliche Spannungen zwischen den Erwartungen der Umgebung an ihre Gefühle und den tatsächlich vorhandenen Gefühlen. Während zum Beispiel andere Jungen eine sexuelle Erregung beim Anblick von Mädchen verspüren, empfinden schwule Jungen in derselben Situation ganz anders. Dieser objektiv vorhandene Unterschied führt oft auch zu einem subjektiven Gefühl des Andersseins und auch des Alleinseins. Viele Homosexuelle glauben zunächst, ganz alleine und einzigartig zu sein mit ihren Gefühlen.
Vorausgesetzt, dass keine Verfolgung von Homosexuellen droht, können Lesben und Schwule dieses emotionale Dilemma dadurch auflösen, dass sie verstehen und akzeptieren, tatsächlich anders zu sein und darüber hinaus erkennen, dass die an sie von anderen herangetragenen Erwartungen für sie nicht bindend sind. Die Betreffenden lösen sich von den Rollenerwartungen ihrer Umgebung, sie emanzipieren sich von der Rolle als Heterosexueller. Das erfordert ein erhebliches Maß an Mut und Selbstvertrauen, da es auch das Eingeständnis der Zugehörigkeit zu einer Minderheit bedeutet, die zum Teil noch immer mit erheblichen Widerständen in Staat und Gesellschaft zu kämpfen hat.
Homosexuelle müssen je nach Region und Kulturkreis mit unterschiedlich großen Widerständen rechnen, die die Selbstfindung sehr erschweren können. Diese reichen von einfachen Ressentiments und Vorurteilen bis hin zu akuter Lebensgefahr. In einigen, vor allem islamischen Regionen sind homosexuelle Handlungen mit erheblichen Gefängnisstrafen, bis hin zur Todesstrafe bedroht.Zwei schwule Jugendliche in Teheran gehängt In vielen islamischen Staaten ist die Scharia Grundlage der Gesetzgebung, welche eine Bestrafung vorsieht, ohne jedoch eine genaue Angabe über die Art der Strafe zu machen.
Dennoch reicht auch bereits eine negative Reaktion der Umwelt oder auch nur die Erwartung einer solchen, um Stressreaktionen bei den Betroffenen auszulösen, die bis zu extremen Konsequenzen führen können einschließlich der Selbsttötung. Eines der prominentesten Opfer, welches sich nach einem unfreiwilligen Outing das Leben nahm, war der Mathematiker und Computerpionier Alan Turing.
Besonders Jugendliche sind in solchen Fällen gefährdet: Zu den Pubertätsproblemen gesellen sich Fragen wie „Bin ich normal?“, „Bin ich allein so?“ Dies verdeutlicht auch die erhöhte SuizidversuchsrateStudie zeigt sechsfach höhere Suizidversuchsrate bei schwulen Jugendlichen in Österreich bei jungen homosexuellen Menschen.