mini|Solidus Valentinians I. mini|Rekonstruktion eines Wachturms am Hochrhein-Limes mini|Befundskizze nach K. Stehlin, 1907–2014 mini|Blick auf den Koblenzer Laufen mini|Abzeichnung und Ergänzung der Bauinschrift mini|Topographia Helvetiae, Rhaetiae et Valesiae, der Kleine Laufen bei Koblenz (Merian 1654) mini|Jakob Heierli während der Ausgrabungen von 1906/1907 mini|Turmstelle vor der Sanierung von 2014 mini|Abbildungen von Wachtürmen an der Trajanssäule, daneben Heu- und Strohschober als Futtervorräte für Zugtiere und aufgestapeltes Bauholz
Der Wachturm Koblenz-Kleiner Laufen war Bestandteil des römischen Donau-Iller-Rhein-Limes und befindet sich auf dem Gebiet des Kanton Aargau, Gemeinde Koblenz in der Schweiz.
Die spätantiken Wachtürme am Hochrhein zählen zu den bedeutendsten römischen Hinterlassenschaften auf dem Staatsgebiet der heutigen Schweiz. Sie wurden im 3. und 4. Jahrhundert errichtet und waren Teil einer Überwachungs- und Alarmkette, die das südliche Rheinufer gegen Invasoren aus dem freien Germanien sichern sollte. Im Kanton Aargau konnten bislang rund 30 Wachtürme und andere militärische Anlagen aus römischer Zeit identifiziert werden, die zur Festungslinie des Rheinlimes zählten. Aufgrund seiner vor Ort aufgefundenen Bauinschrift ist nicht nur das exakte Baujahr dieses Wachturms, sondern auch dessen antiker Name bekannt geworden.
Name Der Name des heutigen Koblenz ist eindeutig römischen Ursprungs. Er bezieht sich auf seine Lage an der Mündung der Aare in den Rhein. Das lateinische confluentia bedeutet «Zusammenfluss». Der Wachturm am Kleinen Laufen ist der einzige im ganzen Kanton, von dem auch der antike Name, «Summa Rapida» (obere Stromschnelle oder an der Schnellen), überliefert wurde und sich ebenfalls auf dessen Standort bezieht. Die Bezeichnung lässt sich – nach Otto Schulthess – damit erklären, dass sich weiter rheinabwärts noch zwei weitere Stromschnellen befinden:
der «Grosse Laufen» bei Laufenburg (media rapida?) und das «Gwild mit dem Hellhaken» bei Rheinfelden (infima rapida?).
Lage Koblenz liegt an der Mündung der Aare in den Hochrhein, unmittelbar an der Grenze zu Deutschland. Der spätantike Wachturm stand etwas unterhalb des Kleinen Laufens (auch «Kadelburger Laufen»), rund einen Kilometer östlich des heutigen Dorfes, direkt am Hang einer steil abfallenden Schotterterrasse. Dieser Standort bot einen guten Blick auf den oberhalb des Zusammenflusses von Aare und Rhein liegenden Abschnitt des Stromes sowie auf das Tal der Wutach rechts des Rheins. Matthäus Merian berichtet 1654, dass dort der Rhein bei Niedrigwasser in den Wintermonaten auch über Bretter leicht begangen werden könne. Felix Staehelin erwähnte, dass sich hier ein: «… furtähnlicher Rheinübergang befunden haben soll, der mit Flössen und ‹fliegenden Brücken› (Fährbooten) gefahrlos gequert werden konnte». Wachtürme und burgi mussten in Sichtverbindung zueinander angelegt werden. Unmittelbar nachfolgend standen deswegen an der Rheinschleife noch drei weitere Türme:
der Wachturm Rütenen, flussabwärts in Koblenz (), der Wachturm Im Sand-Felsenau, flussabwärts in Leuggern, 2 km entfernt () und der Wachturm Jüppen, flussabwärts in Full-Reuenthal, 3 km entfernt ().
Auf diese Weise konnten im Falle eines Angriffs der Germanen auch relativ rasch die Besatzungen von Castrum Rauracense (Kaiseraugst, ) und Tenedo (Bad Zurzach, ) durch Lichtzeichen oder Hornsignale alarmiert und an die jeweiligen Brennpunkte geleitet werden.
Entwicklung Das Gebiet um Koblenz ist seit der Römerzeit durchgehend bewohnt. Ab der Mitte des 1. Jahrhunderts bestand hier eine Villa rustica. Schon in dieser Zeit hatte der Rhein als überregionaler Transportweg eine grosse Bedeutung. Die Befestigungen des spätantiken Rheinlimes wurden während der Regierungszeit von Kaiser Valentinian I. (364 bis 375 n. Chr.) verstärkt ausgebaut und zählten zu einem Überwachungs- und Nachrichtensystem, das sich von Basel (Basileum) bis an den Bodensee (Lacus Brigantiae) erstreckte. Dieses stand in diesem Abschnitt unter dem Befehl des Dux provinciae Sequanicae. Nach dem Abzug der römischen Truppen von der Rheingrenze im Winter 401/402 wurden die Türme verlassen und dem Verfall preisgegeben. Ob seit dem Ende der Römerzeit bis in die Gegenwart durchgängig Menschen auf dem heutigen Koblenzer Gemeindegebiet siedelten, ist heute nicht mehr nachweisbar. Seit dem späten 4. Jahrhundert fehlen hierzu schriftliche und archäologische Zeugnisse gänzlich. Erst im Zurzacher Mirakelbuch von ca. 1010 wird Koblenz erstmals schriftlich erwähnt.
Forschungsgeschichte Bekannt ist die Ruine beim Kleinen Laufen bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Auch ihre Grundmauern waren noch gut erhalten. Der Altertumsforscher Ferdinand Keller hatte den Zustand des stark verbuschten Mauerschutthaufens während seiner Untersuchungen zum spätantiken Limes am Hochrhein in einer Skizze festgehalten und in ihm die Überreste eines römischen Wachturms erkannt.
Erste Freilegungsarbeiten und archäologische Untersuchungen wurden 1896 und 1907 von Jakob Heierli durchgeführt. Zu dieser Zeit waren die Mauern stellenweise noch bis zu 3 Meter hoch erhalten. 1914 kamen bei Grabungsarbeiten die Badeanlage eines römischen Gutshofes (villa rusticae), der vom 1. bis ins 3. Jahrhundert besiedelt war, römische Terra Sigillata und Ziegelstempel zum Vorschein. Ferner legten die Archäologen auch im «Rütenen» die Reste eines römischen Wachturmes frei; ein weiterer stand vermutlich in der Flur «Frittelhölzli». 1922 schreibt Otto Schulthess, dass der Wachturm wohl «… unrettbar dem Untergange verfallen» sei. Die Wurzeln des dichten Pflanzenbewuchses hätten die Mauern schon weitgehend zerstört. Die Regierung des Kantons Aargau erklärte sich zwar bereit, die Kosten für eine Sanierung zu übernehmen, war jedoch nicht in der Lage, die rund 500 Franken dafür aufzutreiben. Schulthess musste sich daher auf die Ergänzung der vorhandenen Bauaufnahmen beschränken. Eine umfassende Restaurierung wurde erst in den Jahren 1932/1933 durchgeführt, federführend war dabei die Historische Vereinigung Zurzach (HVZ). Für die Kosten kamen die Schweizerische Eidgenossenschaft, der Kanton, die Gemeinde Koblenz sowie die Hallwilstiftung und die Schweizerische Sodafabrik in Zurzach auf. Im Rahmen dieser Arbeiten vervollständigte Josef Villiger auf Bitten von Karl Stehlin die Befundskizze und fertigte einen neuen Grundrissplan an. Des Weiteren wurden sämtliche Fugen und Unregelmässigkeiten mit Portlandzement ausgestrichen und die Mauerkrone mit Steinplatten belegt. Östlich und westlich des Wachturms wurden ausserdem zwei Sondierschnitte angelegt, anhand deren die Überreste eines Walls und Grabens nachgewiesen werden konnten. Im Süden konnte nicht sondiert werden, da dort die Kantonsstrasse 7 vorbeiführt.
Schon damals machte man sich auch bezüglich der Repräsentation des Wachturms für die Öffentlichkeit einige Gedanken. Neben einem heute noch im Museum Höfli in Bad Zurzach ausgestellten Modell sowie einer – zwischenzeitlich verschwundenen – Informationstafel wurde auch der Verlauf des Grabens mit hochkant aufgestellten Kalksteinplatten für die Besucher sichtbar gemacht. Sie waren 2014 östlich des Turmes noch auf einer Länge von 4 Metern erhalten; im Westen hingegen war ein Grossteil der Kalksteinplatten herausgerissen worden. Da seit der Restaurierung (1932/1933) keine grösseren Reparaturarbeiten mehr durchgeführt worden waren, befand sich das Mauerwerk im Jahr 2014 in einem äusserst schlechten Zustand. Die Sanierungsarbeiten erfolgten zwischen dem 6. Juni und dem 11. Juli 2014 durch Studierende und Lehrbeauftragte der Universität Basel. Hauptaufgabe war – neben den Dokumentationsarbeiten – das Entfernen des Bewuchses, die Reinigung des Mauerwerks sowie stellenweise die Freilegung der untersten Steinlagen des Aufgehenden bzw. des obersten Teils des Fundaments. Des Weiteren wurden auch Begehungen in der näheren Umgebung der Anlage durchgeführt. Wichtig war bei den Sanierungsarbeiten am Turm von Koblenz-Kleiner Laufen, im Vergleich mit zwei anderen spätantiken Türmen im Kanton Aargau, die Erkenntnis, dass die unter Valentinian I. errichteten Türme zwar viele Gemeinsamkeiten aufweisen, aber in Bezug auf ihre Konstruktion einen sehr individuellen Charakter haben, wie z. B. in Bezug auf die Grösse oder das Vorhandensein von Holzarmierungen im Fundamentbereich.vgl. Wachturm Möhlin-Fahrgraben, Wachturm Möhlin-Untere Wehren
Fundspektrum Das archäologische Fundmaterial ist nur spärlich. Laut Jakob Heierli fand man bei den Grabungen nur einige Knochen, Leistenziegelfragmente sowie bearbeitete Tuffsteinfragmente und profilierte Sandsteine. Eine weitere Spolie, ein «ausserhalb des Eingangs liegender Quader aus Muschelsandstein mit Einarbeitungen», wurde 1932 im Innern des Wachturms deponiert. Er kam 2014 bei den Begehungen am Fuss der Hangkante wieder zum Vorschein. In den frühen Grabungsaufzeichnungen fanden sich zudem Hinweise auf den Fund eines Amphorenfusses und einer angeblich aus konstantinischer Zeit stammenden Münze.
Bauinschrift Bedeutendster Fund am Turmareal war das 36 × 34 cm grosse und 0,08 Meter dicke Fragment der Bauinschrift, das 1906 an der Südseite des Wachturms aus dem Mauerschutt geborgen werden konnte.
Die fehlenden Textstellen auf der rechten Seite der «unregelmässig und ziemlich flüchtig» auf einer Quelltuffplatte eingehauenen Inschrift liessen sich mit Hilfe der zeitgleich entstandenen Bauinschrift des Wachturms Etzgen-Rote Waag () folgendermassen ergänzen:
Dank der Nennung der Kaiser Valentinian I. (364–375), Valens (364–378) und Gratian (367–383) lässt sich die Bauinschrift in die Zeit zwischen 367 und 375 n. Chr. datieren. Noch genauer eingrenzen lässt sich das Datum, wenn man davon ausgeht, dass der Turmbau – wie der von Etzgen-Rote Waag – während des 2. Konsulats des Gratian und seines Mitkonsuls, Probus, in Auftrag gegeben wurde. Bei letzteren muss es sich um den – auch bei Ammianus Marcellinus (Res gestae 27,11) erwähnten – Sextus Claudius Petronius Probus (330/340–389) handeln. Laut den fasti consulares war er im Jahr 371 zusammen mit Gratian Konsul. In den Konsuldatierungen wird er aus Platzgründen entweder nur Probus oder Petronius Probus genannt, Gratian trug auch noch den Titel Augustus, wie auf der Inschrift von Etzgen. Die Bauinschrift befindet sich heute im Schweizerischen Nationalmuseum Zürich. Die Bezeichnung „oberste Stromschnelle“ nimmt Bezug auf zwei weitere – rheinabwärts – liegende Stromschnellen, den „Grossen Laufen“ bei Laufenburg und das „Gwild mit dem Hellhaken“ bei Rheinfelden, welche die Schifffahrt auf dem Rhein zwischen Tenedo und dem Castrum Rauracense ebenfalls erheblich behinderten.
Wachturm Eines der Reliefs an der Trajansäule in Rom (113 n. Chr.) stellt Wachtürme (turres) an der unteren Donau dar, daneben Heu- oder Strohschober, mutmasslich zur Versorgung der Lasttiere, und einen Holzstoss (Baumaterial). An jedem Turm ist ausserdem eine Fackel angebracht, die ziemlich sicher zur Nachrichtenübertragung diente. So ähnlich könnten auch die spätantiken Türme am Rhein ausgesehen haben.