mini|Ehemalige Buntspinnerei der Kammgarnwerke AG
Die Geschichte der Tuchindustrie in Eupen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft erstreckt sich über mehrere Jahrhunderte und erlebte seit den ersten urkundlichen Erwähnungen im 16. Jahrhundert bis zur Schließung der letzten Tuchfabrik im Jahr 1989 zahlreiche Höhen und Tiefen. Sie zeigt starke Parallelen und Verknüpfungen sowie Abhängigkeiten mit der Textilgeschichte der nicht weit entfernten Tuchzentren im belgischen Verviers und im niederländischen Vaals sowie in Aachen, Monschau und Euskirchen auf deutscher Seite. Seit 2004 wurde die Eupener Tuchindustrie daher mit den anderen Tuchzentren in der länderübergreifenden Initiative WollrouteEupen – Wollroute, auf grenzgeschichte.eu sowie in dem Kultur- und Wissensstandort Tuchwerk Aachen und bereits seit 1980 im Stadtmuseum Eupen dokumentarisch erfasst. Vor allem die in Eupen noch erhaltenen und unter Denkmalschutz stehenden Patrizierhäuser der Tuchmacher sind ein Zeugnis der Blütezeit der dortigen Tuchindustrie im 17. und 18. Jahrhundert, in der teilweise bis zu Vierfünftel der Bevölkerung direkt oder indirekt beschäftigt war.
Geschichte Die Anfänge Nachdem es sicherlich vor dem 16. Jahrhundert in Eupen bereits eine Tuchproduktion in nicht nachweisbar dokumentiertem Ausmaß gegeben haben mag, gibt es erst ab diesem Zeitraum belegte Aufzeichnungen wie beispielsweise 1554 die Notiz über einen Wollhändler Aegidius Hauptmann aus Eupen oder 1572 über den Besuch von Eupener Tuchhändlern auf einer Ausstellung in Frankfurt am Main. Ebenfalls belegt ist der Zuzug vor allem von Tuchhandwerkern aus Aachen, die Anfang des 17. Jahrhunderts sowohl vor den Aachener Religionsunruhen, sofern sie evangelischen Glaubens waren, als später auch vor den dortigen Auswirkungen des rigiden Zunftrechtes infolge des Aachener Gaffelbriefes flüchteten. Um in Eupen ungestört arbeiten zu können, erhielten die Tuchmacher auf ihren Antrag hin im Jahr 1679 zunächst das Privileg, dass die Stadt von Truppendurchzügen und Einquartierungen ausgenommen werden solle und ein Jahr später von Karl II. von Spanien die Genehmigung, Feintuche produzieren zu dürfen. Ein Jahr später, am 8. Mai 1680, gestand er ihnen in einem zweiten Erlass zu, dass die Tuchmacher für den Bau der Wind- und Wassermühlen und zur Anfertigung der erforderlichen Gerätschaften das benötigte Holz aus dem Hertogenwald kostenlos entnehmen dürfen sowie dass das Vieh der Fabrikanten und Arbeiter in den umliegenden Waldbezirken frei weiden könne.Die Geschichte des Orts, in: Christoph Rutsch: Eupen und Umgebung, C. Jul. Mayer, Eupen 1879, S. 21–22 (digitalisat) Dieses so genannte „Hertogenwald-Privileg“ gilt als die Geburtsstunde der Eupener Feintuchindustrie, zu der auch Manufakturen unter anderem in Kettenis und Walhorn zählten. In einem dritten Erlass vom 15. Juni 1718 wurden schließlich den Eupener Tuchhändlern durch Kaiser Karl VI. die zollfreie Einfuhr der Wolle, des Oels, der Farben sowie alle für die Fabrikation der Tuche und Stoffe notwendigen Gerätschaften genehmigt.Die Geschichte des Orts, in: Christoph Rutsch: Eupen und Umgebung, C. Jul. Mayer, Eupen 1879, S. 26 (digitalisat)
Die ersten größeren Tuchmanufakturen ließen sich im Bereich der Eupener Oberstadt entlang des Stadt- und Gospertbaches nieder. Es fanden jedoch bereits ab dem frühen 18. Jahrhundert vereinzelt auch Bestrebungen statt, sich zudem an den Ufern der ergiebigeren Bäche Weser und Hill in der Eupener Unterstadt anzusiedeln, wo meist vorhandene Mühlenbetriebe übernommen und als Walkmühlen eingerichtet wurden. Dort waren es beispielsweise die Gebrüder Salm, die um 1750 im Bereich des Weserbogens drei Walkmühlen in Betrieb nahmen und in der Oe eine Färberei einrichteten sowie die Familie Kleblanck, die die Walkmühle Kreuzenhammer in der Haas betrieb und die Familie Blanckaert, die bereits Mitte des 17. Jahrhunderts in der Haas die erste bekannte Färberei Eupens gegründet hatte.
In der Zeit der österreichischen Herrschaft über Eupen von 1714 bis 1794 erlebte die Tuchindustrie einen ersten umfassenden wirtschaftlichen Aufschwung. Dieser spiegelt sich vielfach in den noch heute erhaltenen barocken Patrizierhäusern in der Oberstadt wie beispielsweise den Häusern Grand Ry, Mennicken, Gospertstraße 52 und 56 oder Rehrmann-Fey.Detlef Stender: Tuchmacherbauten in der Eupener Oberstadt, auf der Seite Industriemuseen Euregio-Maas-Rhein wider. Die österreichische Regierung förderte vor allem die Entwicklung durch Schutzzölle und die Erlaubnis des zollfreien Imports von Rohstoffen sowie die Religionsfreiheit der Tuchunternehmer. Die Eupener Tuche verkauften sich in Mittel- und Westeuropa, in Polen und Russland sowie in der Levante und in Indien und recht bald mussten hunderte Arbeitskräfte vor allem Scherer aus Frankreich, aus der Österreichischen Niederlande oder dem Königreich Preußen angeworben werden.
Die zu dieser Zeit gängige Organisationsform war das Verlagssystem, bei dem viele der für die Tuchfabrikation erforderlichen Vorbereitungen wie das Spinnen, Waschen, Kämmen, Walken oder Weben von Lohnarbeitern oder ganzen Familien in Heimarbeit verrichtet wurden. Der Leiter eines Unternehmens war dabei meist der Tuchhändler selbst, dem ein Tuchmacher, in Eupen „Baas“ genannt, zur Seite stand, der seinerseits die Tuchhandwerker kontrollierte und Arbeiten außer Haus an Heimarbeiter oder Lohnwebereien vergab. Zur Verwendung kam ausschließlich feine Merinowolle aus Spanien.
mini|Schererwinkel (Beispiel)
Die Appretur und das Scheren, also die Endfertigung, die für die Glätte und den Glanz der wertvollen Feintuche entscheidend war, fand schließlich unter Aufsicht der Tuchmacher und -händler in den so genannten „Schererwinkeln“ statt, also in Werkstattgebäuden, die sich meist als Achterbauten oder Anbauten zu den Patrizierhäusern der Tuchunternehmer befanden. Obwohl es keine Zünfte in Eupen gab, schlossen sich vor allem die Scherer immer wieder zu Interessengemeinschaften zusammen, kämpften um gerechte Bezahlung oder humane Arbeitszeiten und scheuten sich auch nicht vor Protestaktionen wie beispielsweise 1721 in Form eines ersten Generalstreiks in Eupen oder 1765 durch die Beteiligung am „Läutebieraufstand“, die zumeist erfolglos blieben oder gewaltsam unterdrückt wurden.Innungsbestrebungen der Eupener Tuchscherer im 18. Jahrhundert, auf grenzgeschichte.eu
Insgesamt zählte das Eupener Tuchhandwerk im ausgehenden 18. Jahrhundert um die 60 größere und kleinere Tuchmanufakturen und etwa 1500 Tuchscherer. Vor allem die Unternehmerfamilien Fremery, Grand Ry, Gülcher, Hüffer, Klebanck, Mayer, Peters, Rehrmann, The Losen und andere legten dabei die Basis für die als „Goldene Jahre“ bezeichnete Zeit der Eupener Tuchindustrie. Das feine Tuch aus Eupener Manufakturen hatte zu dieser Zeit einen hohen Stellenwert in Europa und die Tuchfabrikanten genossen hohes Ansehen. Dies erkannte Franz Stephan von Lothringen, der Ehemann der österreichischen Kaiserin Maria Theresia, der verstärkt Unternehmer aus den Österreichischen Niederlanden nach Österreich abgeworben hatte, was ihm in Eupen in Person von Johann von Thys gelungen war.Leo Hermanns: Johann Thys van Eupen, ein Wirtschaftspionier des 18. Jahrhunderts in Kärnten, in: Geschichtliches Eupen, Band 14, S. 81–96, Markus-Verlag, Eupen 1980
Von der Frühindustrialisierung bis zum Ersten Weltkrieg Nachdem das Land ab 1794 unter die Herrschaft Frankreichs gekommen war, hatte dies maßgeblichen Einfluss auf die Tuchproduktion in Eupen. Bedingt durch den Wegfall der Zölle nach Frankreich und der Ausschaltung der englischen Konkurrenz durch die Kontinentalsperre ab 1806 sowie durch Großaufträge für das französische Heer erreichte das Eupener Tuchgewerbe den absoluten Höhepunkt seiner gesamten Textilgeschichte. Zudem setzte eine erste technische Weiterentwicklung der Webstühle ein, um die Webgeschwindigkeit zu erhöhen, und die ersten Wollspinnmaschinen wurden ab 1798 von William Cockerill, Senior eingeführt. Für die neue Technik wurden jedoch bis zu 14 Spinnerinnen und Spinner benötigt, um jeweils einen Webstuhl mit ausreichend Fadennachschub in der erforderlichen Geschwindigkeit zu versorgen. In einem weiteren Entwicklungsschritt wurden halb- und vollmechanische Webstühle sowie mechanische Spinn- und Schermaschinen eingeführt, die weniger personalintensiv waren und womit ein erster Industrialisierungsschub einsetzte.
mini|hochkant|Ehemaliges Scheiblerhaus mit angeschlossener Wollspinnerei im rückwärtigen Anbau
Im Jahr 1802 beschloss der Monschauer Fabrikant und spätere Landrat von Eupen Bernhard von Scheibler sich in Eupen, neben der Weserbrücke niederzulassen, wo er umgehend ein stattliches Haus und Betriebsgebäude errichten ließ. 1807 führte Scheibler mechanische Rauhmaschinen ein und errichtete die erste mechanische Wollspinnerei in der weiteren Umgebung Aachens. Dies war die Geburtsstunde der industriellen Eupener Tuchfabriken, in denen nach und nach alle Arbeitsgänge, von der Vorbereitung bis zur Endfertigung untergebracht wurden und die sich daher im Laufe der Zeit zu Volltuchfabriken entwickelten. Der Boom zeigt sich auch in den Zahlen, wonach im Jahr 1812 von knapp 11.000 Einwohnern Eupens rund 8.500 als Arbeiter, und davon etwa 1.500 als Heimarbeitskräfte für insgesamt 46 Betriebe der Tuchverarbeitung tätig waren.
Um den Antrieb der Maschinen mittels Wasserrädern zu ermöglichen, wurden nun neue Betriebe vor allem entlang der ergiebiger fließenden Bäche Weser und Hill in der Unterstadt angesiedelt, wodurch es zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einer starken Dynamik der dortigen Textilproduktion kam und in der Folge ein neues, aufstrebendes Industrie- und Siedlungsviertel entstand. Schwerpunkt der Produktion lag in diesen Jahren auf feinen, hellfarbigen und nur leicht gewalkten Tuchen aus gröberer Wolle, so genannten Serails, sowie auf dunklen Tuchen, die als „Eupener Schwarz“ bekannt und für Anzüge und Uniformen verwendet wurden.
Der Abzug der Franzosen und die Übernahme Eupens durch Preußen im Jahr 1815 führten zu einschneidenden Veränderungen für die ansässige Tuchfabrikation und es setzte ein wellenförmiger aber kontinuierlicher Abschwung der Tuchwirtschaft ein. Dieser begann mit dem Zusammenbruch des französischen Absatzmarktes, der trotz neuer Märkte in Spanien, Italien oder China nicht aufgefangen werden konnte, sowie dem Wegfall der Kontinentalsperre. Nachdem ab 1816 die Tuchfabriken zudem mit Dampfmaschinen ausgestattet wurden und 1821 die Firma „Gebrüder Stollé & Co.“ am Werthplatz die erste Zylinder-Tuchschermaschine einsetzen wollte, die 13 bis 14 Scherer ersetzen sollte, kam es in der Folge zu einem Aufstand der Tuchscherer, in dessen Verlauf die noch nicht aufgebaute Schermaschine aus Stollés Hof in Einzelteilen in den Gospertbach geworfen wurde.Textilarbeiteraufstand im Schatten der Werthkapelle, in: Grenz-Echo vom 28. November 2011 Dieser Aufstand wurde vom Landrat Scheibler mit Hilfe der Polizei und der Bürgermiliz sowie Gendarmen aus Aachen niederschlagen und die Rädelsführer zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Insgesamt verstärkten die Unruhen die wirtschaftliche Krise, die eine zunehmende Armut in der Bevölkerung zur Folge hatte, und die durch die Einführung verschiedener Armenschulen, Armenfonds und Frauenvereine aufgefangen werden sollte.Auszug aus der Chronik der Stadt Eupen von 1825, auf grenzgeschichte.eu