mini|Hermann Böhrnsen beim Stapellauf des Forschungsschiffs „Otto Hahn“ (1964) Hermann Böhrnsen (* 18. September 1900 in Rendsburg; † 19. Mai 1976 ebenda) war ein deutscher Politiker (DP, später CDU). Er war seit 1948 Vizepräsident der Handwerkskammer Flensburg und von 1952 bis 1967 Wirtschaftsminister des Landes Schleswig-Holstein.

Leben und Beruf Böhrnsen wurde als zweites von drei Kindern des Tischlermeisters und Firmengründers, des Senators Peter Böhrnsen und seiner Ehefrau Anna geborene Hardt in Rendsburg geboren. Er besuchte das Rendsburger Realgymnasium und verließ es mit der Obersekundareife. Konfirmiert wurde er 1914 in der Christkirche am Paradeplatz in Rendsburg. Er war Mitglied der Jugendbewegung „Wandervogel e. V.“, in der neben der Pflege des Wanderns, des Volkstanzes, der Volkslieder, der Trachten und der Einübung in Leitungsfunktionen die christliche Glaubenshaltung eine wichtige Rolle spielte. Bald darauf trat er zur eigenen Weiterbildung in Kultur- und Gesellschaftsfragen in den Rendsburger Volkshochschulverein ein, in dem das christlich-humanistische Menschenbild die Grundlage bildete.Die biographischen Angaben und Zitate bis Anfang 1948 entstammen dem Schreiben Böhrnsens vom 8. März 1948 an den Entnazifizierungsausschuss des Kreises Rendsburg, LASH Abt. 460.11, Nr. 72/46.

1918 wurde er zum Infanterieregiment 85 einberufen, jedoch noch im selben Jahr nach Kriegsende entlassen.

Ab 1918/1919 begann er im väterlichen Betrieb mit seiner Ausbildung im Tischlerhandwerk.

Durch seine Initiative kam es um 1919/1920 zur Gründung des „Jugendausschusses Rendsburg“, dem sämtliche Jugendverbände der Stadt angehörten: bündische, konfessionelle, sportliche, die Arbeiterjugend u. a. m., um in gemeinsamer Arbeit an der Jugend zur Erziehung gegenseitiger Achtung zu arbeiten. Als im Jahre 1921 die Rendsburger Stadtverwaltung zur Förderung der Jugendarbeit das zur Verfügung stehende Haus „Kanalblick“ am Kanalufer anbot, kam es im April zur Gründung der „Rendsburger Heimvolkshochschule“, zu deren Gründungsmitgliedern Hermann Böhrnsen gehörte.

Noch im Jahre 1921 begab er sich nach bestandener Gesellenprüfung auf handwerkliche Wanderschaft, die ihn bis nach München führte. Dort legte er am 27. November 1923 seine Meisterprüfung ab. Anschließend besuchte er in zwei Semestern die „Tagesfachschule“ und nahm zusätzlich an fachlichen Sonntags- und Abendkursen für Innenarchitektur teil. Um sich als Abschluss seiner Ausbildung über europäische Kunst im direkten Erleben zu informieren, folgte eine Wanderung nach Italien/Neapel, Jugoslawien, Ungarn/Budapest, Wien und Linz. Im Herbst 1924 kehrte er nach Rendsburg zurück.

Teilhaber des väterlichen Tischlereibetriebes in Rendsburg, Gerhardstraße 11 wurde er 1927. Im selben Jahr fand seine Eheschließung mit Anni geborene Müller statt. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor: Frenz Peter, Maren und Reimer. In diesen Jahren wurde er Mitglied im „Deutschen Holzarbeiterverband“ und bald darauf auch Schriftführer der „Tischlerinnung Rendsburg“. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1929 übernahm er als Alleininhaber den „Tischlereibetrieb Peter Böhrnsen“.

Politisches Engagement Verbindung zu den Deutschen in Nordschleswig 1927 trat Böhrnsen in den „Verein für das Deutschtum im Ausland“ (VDA) ein, nicht zuletzt aus dem praktisch-familiären Grund, dass sein Schwager im 1920 an Dänemark durch die Volksabstimmung in Schleswig abgetretenen Nordschleswig Lehrer an einer Schule der deutschen Minderheit wurde.

Vom Kampfbund für deutsche Kultur zur Bekennenden Kirche 2013 wurde bekannt, dass Böhrnsen 1933 zeitweilig Geschäftsführer der „Kampfgruppe für deutsche Kultur“ in Rendsburg gewesen war.Regina-Maria Becker: Rendsburg. 9. Oktober 1933 auf dem Paradeplatz. In: Julius H. Schoeps, Werner Treß (Hrsg.): Orte der Bücherverbrennung in Schleswig-Holstein 1933, Hildesheim 2013, S. 61–68. An der Bücherverbrennung am 9. Oktober 1933 auf dem Paradeplatz agierte Böhrnsen angeblich als „treibende Kraft“.Behauptung von Günter Neugebauer, 2018, S. 225; Danker urteilte 2017, S. 242, anders: „Böhrnsens präzise Rolle dabei lässt sich nicht mehr eindeutig klären.“ Das Nordkolleg Rendsburg reagierte damit, dass es die ehrende Benennung eines Seminargebäudes nach Böhrnsen widerrief.shz.de

Böhrnsen hatte im Frühjahr 1933 die Verbrennung von Büchern angekündigt. Es ging ihm darum, „sich möglichst auf das breite Volk einzustellen und mit diesem hineinzuwachsen in eine kulturell gefestigte und sittliche Volksgemeinschaft“. Er ließ sich im September 1933 von Konfiszierungen in den Rendsburger Leihbüchereien durch eine Kommission berichten und war in einem Fall selbst an der Beschlagnahme in einer privaten Leihbücherei beteiligt. „Auf allen Gebieten deutschen Kulturlebens“ sollten „in zielbewusster Arbeit die letzten Spuren einer materialistischen Weltanschauung getilgt“ werden, wie ein von Böhrnsen mitunterschriebenes Flugblatt mitteilte.Günter Neugebauer: Gegen das Vergessen …. 2018, S. 222 ff.

Die Verbrennung der (nach einem Gesetz von 1926) beschlagnahmten Bücher fand am 9. Oktober 1933 auf dem Rendsburger Paradeplatz statt. Über 600 Bücher wurden auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Welche „Schund- und Schmutzliteratur“ mit etwa 600 Büchern im Einzelnen gesammelt und verbrannt worden ist, konnte auch die spezielle Untersuchung von Regina-Maria Becker im Jahr 2008 bis auf eine Ausnahme nicht benennen. Diese Ausnahme bestand aus gefundenem pornographischem Schrifttum einer privaten Bücherei im Rotlichtmilieu der Schleuskuhle und lieferte für die Verbrennung den Hintergrund durch ein Gesetz aus dem Jahr 1926, das dem Schutz der Jugend galt. Bei der Bücherverbrennung sprachen der Leiter der Fachgruppe „Schrifttum und Wissenschaft“, Paul Heinrich Juels, sowie der Ortsgruppenleiter des Kampfbundes, Hermann von Essen.

Der Name Böhrnsen wurde in den zeitgenössischen Berichten über die Bücherverbrennung nicht erwähnt. Seine Beteiligung bzw. Mitwirkung bei der Verbrennung wurde aufgrund seiner Position als Geschäftsführer des örtlichen „Kampfbundes für deutsche Kultur“ vermutet. Böhrnsens Teilnahme an der Sammlung von Büchern für die Verbrennung ist wahrscheinlich und könnte durch das Auffinden pornographischer Bücher begründet gewesen sein, denn die waren verboten und entsprachen nicht seiner christlichen Auffassung.

Die zeitweilige Suspendierung seines Gemeindepastors Johann Bielfeldt Ende 1933/Anfang 1934 auf Betreiben der Deutschen Christen hatte den Kirchenältesten und Nachbarn Böhrnsen zur Besinnung gebracht. Er schied bei den Deutschen Christen aus, schloss sich der Bekennenden Kirche in Schleswig-Holstein an und nahm als Synodaler an beiden Bekenntnissynoden 1935 in Kiel und 1936 im Schloss Bredeneek bei Preetz teil.Johannes Schröder: Johann Claus Bielfeldt. In: Wolfgang Prehn (Hrsg.): Zeit den schmalen Weg zu gehen. Zeugen berichten vom Kirchenkampf in Schleswig-Holstein, Kiel 1985, S. 159–161.

Wegen seines mutigen Engagements für Bielfeldt war Böhrnsen Anfang 1934 als Geschäftsführer der örtlichen „Kampfgruppe für deutsche Kultur“ entlassen worden. Zwar blieb er noch eine Zeitlang förderndes Mitglied der SS und wurde Mitglied der Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) und der Deutschen Arbeitsfront (DAF). Gegenüber dem Entnazifizierungsausschuss des Kreises Rendsburg bezeichnete er sich dann 1948 als „entschiedenen Gegner des Nationalsozialismus“.

Günter Neugebauer hält diese Selbsteinschätzung Böhrnsens für wenig glaubwürdig und wirft ihm mangelndes Unrechtsbewusstsein vor.Neugebauer 2018, S. 227. Böhrnsens Wandlung vom Anhänger der Deutschen Christen (DC) zum Mitglied der Bekennenden Kirche (BK) erwähnt er mit keinem Wort. Uwe Danker urteilt differenzierter und berichtet auch von Böhrnsens Engagement in der BK: „Als Synodaler nimmt er an den beiden Bekenntnissynoden der evangelisch-lutherischen Landeskirche teil. In berufsständischer Hinsicht schadet ihm dieses Engagement nicht.“Danker, Lehmann-Himmel 2017, S. 242 f. Von 1935 bis 1945 fungierte Böhrnsen als Obermeister der Rendsburger Tischlerinnung. Außerdem war er nahezu während des ganzen Krieges uk-gestellt. 1945 wurde Böhrnsen Landesinnungsmeister.

Politisches Engagement nach Kriegsende Böhrnsen war nach dem Kriegsende sofort und ohne Bedenken bereit, am Neuanfang mit vollem Einsatz mitzuwirken. Das zeigte er in vielerlei Hinsicht.

Nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistisch-rassistischen Ideologie und dem Offenbarwerden ihrer verbrecherischen Handlungen konnte Böhrnsen sich einen geistigen Neuanfang nicht ohne den christlichen Glauben vorstellen. Als sein Gemeindepastor Bielfeldt 1946 zum Propst in Itzehoe gewählt wurde, ließ er ihm über den Kirchenvorstand als Abschiedsgeschenk einen Hausaltar aus seiner Werkstatt überreichen. Solange er konnte und seine Verpflichtungen es zuließen, nahm er neben den Gottesdienstbesuchen an den Sitzungen des Kirchenvorstandes in Rendsburg-Neuwerk teil und lieferte seine Beiträge zum Gemeindeleben.

Gleichzeitig bemühte er sich um die Wiederbelebung der Arbeit an der Rendsburger Heimvolkshochschule. Unter den Bemühungen des letzten Vorsitzenden vor dem Verbot 1933, Theodor Steltzers, kam es bereits wenige Monate nach Kriegsende zu ersten Kontakten mit weiteren ehemaligen Vorstandsmitgliedern und Freunden, zu denen neben Pastor Johannes Tonnesen auch Hermann Böhrnsen gehörte. Die britische Besatzungsmacht erkannte im September 1948 offiziell die Bildungsarbeit der Rendsburger Heimvolkshochschule (HVH) an. Seitdem gehörte Böhrnsen zum Vorstand und wurde 1950 zum Kuratoriumsvorsitzenden gewählt und unterstützte darüber hinaus die Arbeit bis zu seinem Tod 1976. Zum Neuanfang nach Kriegsende gehörte auch die Rückgabe des ehemaligen Heimvolkshochschulgebäudes am Kanalufer.

Böhrnsen ließ im großen Versammlungsraum Altar und Kanzel aus seiner Werkstatt einbauen, so dass über mehrere Jahre hier sonntäglich Gottesdienste für die Neuwerker Kirchengemeinde gefeiert werden konnten. Zu den Mitarbeitern in der Gruppe der Referenten gehörte immer auch ein Pastor der Schleswig-Holsteinischen Landeskirche, denn im Mittelpunkt der Bildungsarbeit stand das christliche Menschenbild.Wie sehr sich gerade in dieser Beziehung Böhrnsen einsetzte, zeigt sein Schriftverkehr mit der Personalabteilung des Landeskirchenamtes in Kiel. Als Zeichen der Anerkennung und des Dankes erhielt kurz nach seinem Tod außen angebracht ein Seitenflügel des Hauptgebäudes der „Heimvolkshochschule“ seinen Namen „Hermann Böhrnsen“, ein Haus mit 30 Betten und Seminarräumen.

Am stärksten setzte Hermann Böhrnsen seine Kraft beruflich im Bereich seines Tischlereibetriebes und ebenso im Rendsburger Bereich wie sehr bald in ganz Schleswig-Holstein ein. Er konnte dabei auf dem Vertrauen aufbauen, das ihm seit den dreißiger Jahren entgegengebracht worden war. Als in ganz Schleswig-Holstein die Obermeister des Tischlerhandwerks gewählt waren, wurde Böhrnsen schon im Dezember 1945 zum Landesinnungsmeister gewählt. Damit war er auch Vertreter des Landes im Vorstand der britischen Besatzungszone und übernahm die Leitung des Sonderausschusses für Berufsbildung. Seit 1948 war er Vizepräsident der Handwerkskammer Flensburg. Soweit ihm seit Anfang der fünfziger Jahre weitere wirtschaftliche und politische Ämter übertragen wurden, behielt sein Einsatz für das Tischlerhandwerk dennoch große Bedeutung. Das zeigte sich am Ende seiner beruflichen Tätigkeit, als ihm die höchste Auszeichnung als „Träger des Deutschen Handwerkszeichens in Gold und des Ehrenringes“ zuerkannt wurde.Nachruf Mai 1976 von K. H. Freiwald in der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung.

Im Jahr 1948 musste Böhrnsen sich dem Entnazifizierungsverfahren stellen. Dem dafür zuständigen Ausschuss des Kreises berichtete er in einem längeren Schreiben vom 8. März über sein Verhalten in den Jahren 1933 bis 1945. Er zählte dazu selbstkritisch Punkte auf, wie er sich in einzelnen Situationen entschieden hatte.