mini|St. Martinus in Oberstadion

Die römisch-katholische Pfarrkirche St. Martinus ist eine spätgotische Saalkirche in Oberstadion im Alb-Donau-Kreis in Baden-Württemberg. Sie gehört zur Seelsorgeeinheit Donau-Winkel des Dekanats Ehingen-Ulm im Bistum Rottenburg-Stuttgart und ist durch ihre spätgotischen Skulpturen und Gemälde der Ulmer Schule bekannt.

Geschichte und Architektur mini|Innenansicht mit Blick zum Chor mini|Südlicher Querarm mit Aufgang

Die von Wilhelm und Burkhart von Stadion ab 1470 erbaute spätgotische Saalkirche wurde 1473 als Rohbau fertiggestellt. Der Konstanzer Bischof Otto IV. von Sonnenberg weihte sie Ostern 1482 ein.Georg Steinle, u. a.: Oberstadion. Sankt-Martinus-Kirche sowie die Kirchen und Kapellen der Teilorte, S. 5. Im Stil der Spätgotik erhielt die Kirche einen Hochaltar und mehrere Seitenaltäre in Gestalt von Flügelaltären. Nachdem an das Langhaus Seitenkapellen angebaut worden waren, wurden die beiden östlichen Kapellen der Nordseite 1585 querschiffartig erweitert und darunter die gräfliche Gruftkapelle angelegt. Gleichzeitig wurde an die Nordwand des Chors die erhöhte Sakristei mit der darunter liegenden St.-Anna-Kapelle (auch Gruftkapelle genannt) angebaut, die vom anschließenden Friedhof aus zugänglich ist. Aus der Sakristei gelangt man über eine Treppe hinab in den Chorraum. Ein Jahrhundert später erfolgte der Bau eines Querarms an der Südseite des Langhauses. Im 18. Jahrhundert wurde die Kirche teilweise barockisiert, wobei auch die Volutengiebel an Turm und südlichem Querarm entstanden sind. Sie bekam einen Hochaltar und Seitenaltäre im Barockstil. 1808 entstand ein Brand im Turmdach, dessen Folgen erst 1846 mit dem Bau eines neuen Turmaufsatzes beseitigt wurden. Zwischen 1865 und 1880 wurde die Ausstattung neugotisch umgestaltet, der barocke Hochaltar verkauft und durch ein neugotisches Retabel ersetzt. Dieses musste 1963 einem modernen Aufbau weichen, wurde aber 1999 restauriert und wieder als Hochaltar eingesetzt.Georg Steinle, u. a.: Oberstadion. Sankt-Martinus-Kirche sowie die Kirchen und Kapellen der Teilorte, S. 11. Gleichzeitig kamen ein Volksaltar und ein Ambo in den Chorraum, die von Herbert Goeser aus Oberndorf am Neckar geschaffen wurden. Bis 1908 hatten die Herren von Stadion das Patronatsrecht inne.Georg Steinle, u. a.: Oberstadion. Sankt-Martinus-Kirche sowie die Kirchen und Kapellen der Teilorte, S. 1.

Die Kirche hat einen leicht eingezogenen Chor mit Netzgewölbe und Dreiachtelschluss sowie einen im Untergeschoss kreuzgewölbten Westturm, der mit Giebeln und einem schlanken verschieferten achteckigen Dachreiter abgeschlossen ist. Zwischen den nach innen gezogenen Strebepfeilern des Langhauses sind insgesamt sechs Seitenkapellen angeordnet, wodurch die Kirche dreischiffig erscheint. Die Strebepfeiler durchbrechen das Pultdach der Seitenkapellen und steigen schräg zum Dachgesims an. Das große, nahezu 10 m breite Schiff ist mit Netzrippengewölben und seitlichen Spitzbogenarkaden ausgestattet, die den Zugang zu den Seitenkapellen vermitteln. Über den Arkaden sitzen querovale Oberlichter. An die Südwand des rechten Querarms ist von außen ein geschlossener Aufgang – in Form einer Brücke über einen Friedhofsweg – angebaut, der bis 1963 zu einer Empore führte, die für die höheren Bediensteten derer von Stadion eingerichtet war.Georg Steinle, u. a.: Oberstadion. Sankt-Martinus-Kirche sowie die Kirchen und Kapellen der Teilorte, S. 9.

Ausstattung Die ursprünglichen Flügelaltäre sind nur in Teilen erhalten. Die künstlerisch wertvollsten Ausstattungsstücke sind mehrere, auf verschiedene neugotische Altäre verteilte Skulpturen und Gemälde der Ulmer Schule aus der zweiten Hälfte des 15. und dem Anfang des 16. Jahrhunderts. Sie befinden sich im Chor und im Bereich des Querschiffs. Die gegenwärtige Ausstattung beruht auf den Aufbauten und Zusammenstellungen der Altäre und Bildwerke am Schluss der neugotischen Umgestaltung (1880).

Chor mini|Hochaltargemälde von Jörg Stocker

Der Hochaltar besteht aus einem neugotischen Gehäuse, in das spätgotische Bildtafeln von Jörg Stocker und Skulpturen der Ulmer Schule eingefügt wurden. Im oberen Teil des Retabels wurden nebeneinander zwei doppelseitig bemalte Tafeln der Flügel des ursprünglichen gotischen Altars so angebracht, dass jede Tafel um ihre Mittelachse drehbar ist und dadurch zwei Schauseiten möglich sind. Die erste Schauseite zeigt je drei Heilige: Konrad mit Kelch, auf dem eine Spinne sitzt, Katharina von Alexandrien mit zerbrochenem Rad und Petrus mit Schlüssel auf der linken Tafel und Paulus mit Schwert, Dorothea mit Blumenkorb und Ulrich mit einem Fisch auf der rechten. Werden die Tafeln umgedreht, ist links die Kreuztragung und rechts die Grablegung Christi zu sehen; beide Gemälde (um 1490) sind nach Stichen von Martin Schongauer gestaltet. Die Kreuztragung stimmt stilistisch mit der des Ennetacher Altars des Jörg Stocker von 1496 überein. Unter den Gemäldetafeln sind in vier Nischen Halbfiguren der Evangelisten mit ihren Attributen aus der Zeit um 1480 eingestellt. Aus der gleichen Zeit ist die Statue des heiligen Martin im Auszug des Altars.Georg Steinle, u. a.: Oberstadion. Sankt-Martinus-Kirche sowie die Kirchen und Kapellen der Teilorte, S. 11f.

Das Jüngste Gericht, ein dreiteiliges Tafelgemälde von Stocker an der Rückseite des ehemaligen Hochaltars aus der Zeit um 1480/1490, ist nach einem Brand nur noch fragmentarisch erhalten, der rechte Teil mit der Hölle ist vernichtet.Eduard von Paulus, Eugen Gradmann: Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg, S. 167. Es ist jetzt an der nördlichen Chorwand angebracht. Rechts neben ihm hängt ein Bild des heiligen Wolfgang mit Beil und Kirchenmodell in seinen Händen, der vor einem gotischen Flügelaltar thront und von Gläubigen oder Stiftern umgeben ist (Ende 15. Jahrhundert).

Das Chorgestühl wurde von Jörg Syrlin dem Jüngeren 1486 geschaffen. Die Knäufe der Wangen bestehen aus kleinen Tierfiguren und Totenköpfen. An der Südwand des Chores steht ein Herrschaftsstuhl derer von Stadion von 1775. In die Nordwand ist eine gotische, mit einem Eisengitter verschlossene Sakramentsnische eingebaut. Die drei Bleiglasfenster im Chorschluss gestaltete Wilhelm Geyer (1900–1968) 1962 mit Szenen aus dem Johannes-Evangelium.

Querschiff In den Querarmen stehen sechs im 19. Jahrhundert zusammengestellte Flügelaltäre, die nicht nur Werke aus der Zeit der Gotik enthalten, sondern auch aus späteren Jahrhunderten. Drei von ihnen sind Maria geweiht.

Nördlicher Querarm mini|hochkant|Annenaltar

Am Chorbogen links ist der erste Marienaltar platziert. Die geschlossene Schauseite präsentiert zwei Gemälde: den Kindermord in Bethlehem vor dem thronenden König Herodes und den heiligen Veit im Kessel vor einer Landschaft. Bei geöffneter Schauseite sieht man vor goldenem Hintergrund im Zentrum des Mittelschreins eine Marienstatue mit Jesuskind. Sie wird links von der heiligen Margaretha begleitet und rechts von der heiligen Agnes. Auf den Gemälden der Flügel sind die Heiligen Dorothea oder Elisabeth (links) und Ottilie dargestellt. In der Mitte des Gesprenges steht der heilige Antonius von Padua, rechts neben ihm die heilige Katharina von Alexandrien, links eine unbekannte Heilige; beide Frauenfiguren werden auf das frühe 16. Jahrhundert datiert. In der Predella sind die Brustbilder des heiligen Blasius, des Königs David und des heiligen Sebastian aus dem 18. Jahrhundert untergebracht. Im Antependium ist mittig eine doppelseitig bemalte Tafel mit dem Bild eines heiligen Königs und Christus als Schmerzensmann, flankiert von Sebastian (links) und Christus an der Geißelsäule. Der Altar wurde um 1510 von Ulmer Künstlern geschaffen.Georg Steinle, u. a.: Oberstadion. Sankt-Martinus-Kirche sowie die Kirchen und Kapellen der Teilorte, S. 17.

Am frei stehenden Arkadenpfeiler befindet sich der Veitsaltar. Die Außenseiten der bemalten Flügel zeigen vier Szenen aus der Veitslegende von etwa 1490, die Innenseiten Bilder der Heiligen Petrus und Urban von Jörg Stocker aus derselben Zeit. Die drei aus dem 19. Jahrhundert stammenden Statuen im Mittelschrein stellen, von links nach rechts, Augustinus, Josef und Barbara dar. Ein Relief des heiligen Veit in einem Kessel mit siedendem Öl aus dem 16. Jahrhundert findet sich zwischen zwei Tafelgemälden mit Szenen aus der Wolfgangslegende in der Mitte des Antependiums. Im Auszug des Altars ist eine geschnitzte Halbfigur des heiligen Eligius als Hufschmied (um 1500). In der Predella sind Büsten von drei Heiligen aufgestellt; ihre Köpfe sind wohl spätgotisch, im 18. Jahrhundert wurden sie neu montiert und gefasst.Georg Steinle, u. a.: Oberstadion. Sankt-Martinus-Kirche sowie die Kirchen und Kapellen der Teilorte, S. 18–21.

An der Nordwand des Querarms steht der Annenaltar, der sogenannte Stocker-Altar von 1520, der jedoch nicht (wie in der bei der Restaurierung 1864 neu angefertigten Inschrift angegeben) von Jörg Stocker stammt. Die Außenseiten der Flügel sind bemalt, die Innenseiten und der Mittelschrein mit Skulpturen vor einem goldenen Hintergrund versehen. Im Gemälde ist der heilige Michael als Seelenwäger im Stil spätulmischer Renaissancemalerei dargestellt. Im Schrein steht etwas erhöht eine Anna-selbdritt-Gruppe, zu der sich links die heilige Barbara hinwendet und rechts die heilige Katharina. Der linke Flügel birgt ein Relief des heiligen Sebastian, der rechte eines von Christophorus. Alle Figuren sind golden und farbig gefasst. An der Predella ist das Schweißtuch der Veronika ausgebreitet.Georg Steinle, u. a.: Oberstadion. Sankt-Martinus-Kirche sowie die Kirchen und Kapellen der Teilorte, S. 12.

An der Ostwand des Querarms hängt ein Bild von F. Johann Georg Glyckher (1653–1731) aus Rottweil, das mit „1708“ signiert ist und den Heiligen Wandel darstellt. Rechts daneben schmückt ein Ölgemälde von Konrad Huber von 1817 mit einer Anbetung der Hirten die Wand. Der Schriftsteller Christoph von Schmid, der von 1816 bis 1827 Pfarrer in Oberstadion war, wurde durch dieses Bild zu seiner Geschichte Der Weihnachtsabend (1825) angeregt.Georg Steinle, u. a.: Oberstadion. Sankt-Martinus-Kirche sowie die Kirchen und Kapellen der Teilorte, S. 28. An der Westwand befindet sich ein Tafelbild von 1682 von Johann Heiss, das die Kreuzigung Christi zeigt und 1926 nach Oberstadion kam.Georg Steinle, u. a.: Oberstadion. Sankt-Martinus-Kirche sowie die Kirchen und Kapellen der Teilorte, S. 25.

Südlicher Querarm mini|Marienaltar am Chorbogen rechts