mini|hochkant|alt=Porträtfoto von Ilja Chrschanowski bei den Filmfestspielen von Venedig 2026. Er trägt einen Anzug mit Krawatte und eine Brille.|Ilja Chrschanowski, 2026
Ilja Andrejewitsch Chrschanowski (international meist Ilya Khrzhanovskiy; ; * 11. August 1975 in Moskau, Russische SFSR, Sowjetunion) ist ein Filmregisseur, Filmproduzent und künstlerischer Leiter mit britischer, deutscher und israelischer Staatsangehörigkeit. Im September 2024 gab er seine russische Staatsangehörigkeit auf.
Chrschanowski wurde durch seinen Debütfilm 4 und insbesondere durch DAU bekannt, ein seit 2006 entwickeltes multidisziplinäres Projekt an der Schnittstelle von Film, zeitgenössischer Kunst, Anthropologie, Architektur, Performance und Wissenschaft. Aus dem Projekt gingen 14 Langfilme, drei Fernsehserien, wissenschaftliche Filme, Videoarbeiten, Bücher, Konferenzen, digitale Formate und großformatige Installationen hervor. Die erste öffentliche Gesamtpräsentation fand 2019 im Théâtre du Châtelet, im Théâtre de la Ville und im Centre Georges-Pompidou in Paris statt.
Von 2020 bis 2023 war Chrschanowski künstlerischer Leiter des Holocaust-Gedenkzentrums Babyn Jar in Kiew.
Familie und Ausbildung
Chrschanowskis Vater ist der Animationsfilmregisseur Andrei Chrschanowski (* 1939). Seine Mutter Marija Neiman ist Philologin und Drehbuchredakteurin. Sie wurde im ukrainischen Winnyzja geboren; ihre Familie floh während des Zweiten Weltkriegs vor dem deutschen Vormarsch. Sein Großvater Juri Chrschanowski (1905–1987) war Künstler und Schauspieler.
Von 1992 bis 1993 studierte Chrschanowski Malerei in Bonn. 1998 schloss er ein Regiestudium am Gerassimow-Institut für Kinematographie (WGIK) in der Klasse von Marlen Chuzijew ab.
Sein Regiedebüt war 1997 die Theaterinszenierung What I Feel (russisch То, что чувствую) beim Kukart-Festival in Peterhof. 1998 realisierte er gemeinsam mit Artjom Michalkow den Kurzfilm Stop (russisch Остановка).
Karriere
Frühe Arbeiten
Zwischen 1998 und 2002 arbeitete Chrschanowski als Regisseur und Produzent in der kommerziellen Werbung. Anschließend entwickelte und produzierte er für den russischen Fernsehsender TNT die Filmreihe The List of Lovers of the Russian Federation. Die einzelnen Filme wurden von verschiedenen russischen Regisseuren realisiert. Das Projekt wurde 2003 im Programm der Internationalen Filmfestspiele Berlin sowie bei weiteren russischen und internationalen Filmfestivals gezeigt.
4
Chrschanowskis erster Langfilm 4 entstand nach einem Drehbuch von Wladimir Sorokin. Der Film wurde 2004 bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt und 2005 regulär veröffentlicht.
Beim International Film Festival Rotterdam erhielt 4 den Tiger Award und den Golden Cactus. Chrschanowski wurde beim Buenos Aires International Festival of Independent Cinema als bester Regisseur und beim Seattle International Film Festival als bester neuer Regisseur ausgezeichnet. Beim Transilvania International Film Festival erhielt der Film die Preise für den besten Film und die beste Kamera; beim Athens International Film Festival wurde Chrschanowski ebenfalls als bester Regisseur ausgezeichnet. Außerdem wurde der Film für den Fassbinder-Preis des Europäischen Filmpreises nominiert.
4 lief in den offiziellen Programmen von mehr als 50 internationalen Festivals, darunter in Venedig, Rotterdam, Los Angeles, Seattle und beim Tribeca Film Festival. Der Film wurde unter anderem in Großbritannien, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Belgien, den Vereinigten Staaten, Skandinavien und Südasien vertrieben. 2025 wurde er beim Locarno Film Festival in das Sonderprogramm Histoire(s) du Cinéma aufgenommen.
Produktionsgesellschaften
2005 war Chrschanowski Mitbegründer der Produktionsgesellschaft Phenomen Films. Das Unternehmen entwickelte und produzierte unter anderem Paper Soldier (2008) von Alexei Alexejewitsch German. German erhielt bei den 65. Internationalen Filmfestspielen von Venedig den Silbernen Löwen für die beste Regie; Kameramann Alischer Chamidchodschaew wurde mit der Goldenen Osella ausgezeichnet. Die Kameraarbeit wurde außerdem für den Europäischen Filmpreis nominiert.
2009 gründete Chrschanowski Phenomen Ukraine mit, 2010 die Phenomen Berlin Filmproduktions GmbH und 2011 Phenomen UK Ltd. Von 2012 bis 2020 war er Direktor von Phenomen UK; das Unternehmen wurde 2021 aufgelöst.
Phenomen Berlin produziert Spielfilme, Serien sowie Projekte, die Film, Kunst und Forschung miteinander verbinden. Neben DAU produzierte das Unternehmen die 31-teilige dokumentarische Reihe Film Wanderungen. Grundlage waren Interviews mit 140 Bewohnern des Berliner Rosa-Luxemburg-Platzes und der umliegenden Straßen. Die Reihe wurde 2018 im Rahmen der Sektion Perspektive Deutsches Kino der Berlinale als Kino im Wohnzimmer uraufgeführt; Besucher wurden dabei durch Privatwohnungen im Viertel geführt.
2025 gründete Chrschanowski gemeinsam mit dem Produzenten Philippe Bober in Paris die Produktionsgesellschaft IP Filmworks. Das Unternehmen wurde für die französische Produktion des Spielfilms DAU gegründet.
DAU
Entwicklung und Dreharbeiten
Chrschanowski begann 2006 mit der Arbeit an DAU. Ursprünglich war das Projekt als biografischer Spielfilm über den sowjetischen Physiker und Nobelpreisträger Lew Landau geplant, der den Spitznamen „Dau“ trug. Ausgangspunkt waren Landaus Biografie, seine wissenschaftliche Arbeit und sein Leben in der Sowjetunion. Das Projekt wurde 2006 für das Atelier des Festival de Cannes ausgewählt.
Im Verlauf der Vorbereitung entwickelte sich das Vorhaben von einer einzelnen Filmproduktion zu einem langfristigen multidisziplinären Projekt. Chrschanowski und seine Mitarbeiter beschrieben es als Verbindung von Film, Wissenschaft, Performance, Spiritualität, sozialem Experiment, Literatur und Architektur. Kritiker verwendeten unter anderem die Begriffe „totale Performance“, „totale Installation“, „immersives Theater-Film-Installations-Projekt“ und „totalitäre Realityshow“.
2008 beziehungsweise 2009 wurde in einem ehemaligen Schwimmbad in Charkiw ein rund 12.000 Quadratmeter großer Komplex errichtet. Er wurde innerhalb des Projekts als „Institut für physikalisch-technische Forschung“ oder kurz als „Institut“ bezeichnet. Die Anlage war von realen sowjetischen Forschungsinstituten inspiriert und galt als eine der größten jemals in Europa errichteten Filmkulissen.
Die Architektur, Inneneinrichtung, Kleidung, Alltagsgegenstände, Lebensmittel, Währung und Sprache des Instituts rekonstruierten unterschiedliche Phasen der Sowjetunion von den 1930er- bis zu den 1960er-Jahren. Das Institut verfügte über eine eigene Zeitung, die die Bewohner über Ereignisse des jeweils simulierten historischen Tages informierte. Als Zahlungsmittel wurde der sowjetische Rubel verwendet. Moderne Kleidung, technische Geräte, Kosmetikprodukte, Gegenstände und Begriffe waren innerhalb des Instituts nicht zugelassen.
Der überwiegend ohne konventionelles Drehbuch und ohne traditionelle Wiederholung einzelner Einstellungen organisierte Drehprozess fand hauptsächlich zwischen Oktober 2009 und November 2011 statt. Die Beteiligten lebten teilweise über Monate im Institut und reagierten innerhalb der konstruierten historischen und sozialen Bedingungen aufeinander. Auch Mitglieder des Filmteams mussten historische Kleidung, Frisuren und Make-up tragen, unabhängig davon, ob gerade gedreht wurde.
Nach Angaben des Projekts wurden im Rahmen des Auswahlprozesses Daten von etwa 392.000 möglichen Laiendarstellern erfasst. Zeitweise lebten zwischen 200 und 300 Personen gleichzeitig im Institut; insgesamt wurden rund 400 Personen gefilmt. Dazu gehörten Wissenschaftler, Musiker, Künstler, Geistliche, Philosophen sowie Kellnerinnen, Reinigungskräfte, Köche, Friseure, Familien und Personen, die innerhalb der Simulation Mitarbeiter des sowjetischen Sicherheitsapparates darstellten. Für die Produktion wurden mehrere zehntausend historische Kleidungsstücke und Requisiten hergestellt oder beschafft.
Mit Ausnahme der Darsteller der Familie Landau und einiger zentraler Figuren traten die Beteiligten überwiegend unter ihren eigenen Namen auf. Ihre realen Biografien und beruflichen Tätigkeiten wurden an die historischen Bedingungen des Instituts angepasst. Den Physiker Lew Landau spielte der Dirigent Teodor Currentzis, seine Frau Kora die Schauspielerin Radmila Schtschoholewa. Der Theaterregisseur Anatoli Wassiljew spielte den Institutsdirektor Krupiza.
Wissenschaftler, Künstler und weitere Beteiligte
Im Institut arbeiteten oder traten reale Wissenschaftler auf. Zu ihnen gehörten der Nobelpreisträger David Gross, der Fields-Medaillenträger Shing-Tung Yau, die Physiker und Mathematiker Nikita Nekrassow, Dmitri Kaledin, Andrei Lossew, Samson Schataschwili, Carlo Rovelli und Erik Verlinde, der Neurowissenschaftler James H. Fallon sowie der Biochemiker Luc Bigé.
Zu den beteiligten Künstlern, Regisseuren und Performern gehörten Marina Abramović, Carsten Höller, Boris Michailow, Peter Sellars, Romeo Castellucci und Alexei Blinow. Religiöse und spirituelle Traditionen wurden unter anderem durch den Rabbiner Adin Steinsaltz, einen russisch-orthodoxen Hegumen, den peruanischen Heiler Guillermo Arévalo und einen sibirischen Schamanen vertreten.
An verschiedenen späteren Phasen des Projekts beteiligten sich außerdem Rei Kawakubo, Jonathan Littell, Brian Eno, Robert Del Naja, Arca, Sasha Waltz, Philippe Parreno und das Orchester musicAeterna.
Während der Pariser Präsentation wurden die Filme unter anderem von Gérard Depardieu, Willem Dafoe, Isabelle Adjani, Fanny Ardant, Isabelle Huppert, Charlotte Rampling, Hanna Schygulla, Denis Lavant und Blixa Bargeld synchronisiert oder eingesprochen.
Filme und Serien
Während des Projekts entstanden auf 35-mm-Film rund 700 Stunden Bildmaterial sowie mehrere tausend Stunden Tonaufnahmen. Daraus wurden 14 Langfilme, drei fiktionale Serien, wissenschaftliche Filme, Konzertaufzeichnungen und Videoarbeiten entwickelt.
Zu den aus dem Material hervorgegangenen Filmen und Projekten gehören:
DAU. Nora Mother – Regie: Ilja Chrschanowski und Jekaterina Oertel DAU. Katya Tanya – Regie: Ilja Chrschanowski und Jekaterina Oertel DAU. Three Days – Regie: Ilja Chrschanowski und Jekaterina Oertel DAU. Sasha Valera – Regie: Ilja Chrschanowski und Jekaterina Oertel DAU. Nikita Tanya – Regie: Ilja Chrschanowski und Jekaterina Oertel DAU. Nora Son – Regie: Ilja Chrschanowski und Jekaterina Oertel DAU. Natasha – Regie: Ilja Chrschanowski und Jekaterina Oertel DAU. Brave People – Regie: Ilja Chrschanowski und Alexei Sljussartschuk DAU. Conformists – Regie: Ilja Chrschanowski und Alexei Sljussartschuk DAU. String Theory – Regie: Ilja Chrschanowski und Alexei Sljussartschuk DAU. New Man – Regie: Ilja Chrschanowski und Ilja Permjakow DAU. Degeneration – Regie: Ilja Chrschanowski und Ilja Permjakow DAU. Regeneration – Regie: Ilja Chrschanowski und Ilja Permjakow DAU. Empire – Regie: Ilja Chrschanowski und Anatoli Wassiljew
Hinzu kamen die Serien DAU. Nora, DAU. Menu und DAU. Degeneration sowie die Reihen DAU. Science, DAU. Concerts und DAU. Experiments.
DAU. Natasha wurde 2020 in den Wettbewerb der 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin aufgenommen. Kameramann Jürgen Jürges erhielt für seine Arbeit den Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung. Natalja Bereschnaja wurde für den Europäischen Filmpreis als beste europäische Darstellerin nominiert. Der Film wurde außerdem für Programme der Festivals in Sevilla, Riga, Palić und Barcelona ausgewählt.
DAU. Degeneration wurde 2020 im Berlinale Special uraufgeführt. Der Film erhielt später den Grand Prix des Festival of Auteur Film in Belgrad und einen Preis für seine Kameraarbeit bei den East–West Golden Arch Awards.
Bücher und fotografisches Archiv