Jan Skryhan (auch Janka Skryhan; , Geburtsname ; *  in Truchanawitschi, Ujesd Sluzk, Gouvernement Minsk, Russisches Kaiserreich; † 18. September 1992 in Minsk, Belarus) war ein belarussisch-sowjetischer Schriftsteller, Publizist, Literaturkritiker und Übersetzer, der während der Stalin-Ära verfolgt wurde.Norbert Randow: Verschollen, vergessen, verboten. Achthundert Jahre weißrussischer Literatur. In: Osteuropa, 54. Jahrgang, Heft 2, Konturen und Kontraste. Weißrussland sucht sein Gesicht. Berlin 2004, S. 158–175. Insbesondere 3. Kapitel: Von der ‚Karanizacyja‘ zum Großen Terror, S. 168–172. Er gilt als einer der Begründer des belarussischen literarischen Essays.Artur Zurbakoŭ: „Памятны знак Яну Скрыгану ў г.Ківіылі / Pamiatny znak Janu Skryhanu ŭ h.Kiviyli.“ Lebenslauf und Würdigung anlässlich der Einweihungszeremonie einer Jan-Skryhan-Gedenktafel in Kiviõli (1998). Auf der Weltvereinigung der Belarussen „Vaterland“. Abgerufen am 10. Juni 2019, online (belarussisch).

Leben Kindheit und Jugend (1905–1924) Jan Skryhan wurde 1905 als jüngstes von sieben Kindern in TruchanawitschiWissenschaftliche Transliteration Truchanavičy, belarussisch Труханавічы, russisch Трухановичи. Geographische Lokalisation auf belaruscity.net, abgerufen am 28. August 2019 (online) (auf Russisch). geboren, einem kleinen Weiler im zentralen Belarus. Seine Eltern Aljaksiej und Maria waren selbstständige Bauern. Im Verlauf der Entkulakisierung und Kollektivierung wurde das Ehepaar später enteignet und zwangsdeportiert; es kam in der Verbannung ums Leben.J. Skryhan, Familienüberlieferung.

Schon früh wurde der einzige Sohn der Familie in seiner intellektuellen und schulischen Entwicklung gefördert. Sein Taufpate, ein Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft, lieh ihm regelmäßig literarische Werke in verschiedenen Sprachen aus und diskutierte mit ihm darüber.Jan Skryhan: Vybranyja tvory [Ausgewählte Werke in zwei Bänden], Band 1: Kruhi (deutsch Kreise). Erster Kreis. Minsk 2005. Der Bauernsohn wurde in die Regelschule des Pfarrbezirks eingeschult und besuchte ab 1918 in Sluzk die kirchliche MittelschuleSlutsk, dukhovnoye uchilishche, Photos auf globustut.by. Stand 28. April 2019, abgerufen am 28. August 2019 (online) (auf Russisch). und das Gymnasium für Jungen und Mädchen. Anschließend ging er auf das Sluzker Agrartechnikum, das er im Jahr 1924 mit der vierten Kursstufe abschloss.Kurzbiographie auf slounik.org, das ist: Eliektronnaja Encykliapedyja, 2003–2019. Eintrag „Скрыган Янка“. Abgerufen am 30. August (online) (belarussisch).

Berufliche Anfänge (1924–1936) Seine erste Arbeitsstelle nahm er im Jahr 1924 bei der Redaktion der Sluzker Bezirkszeitung Wjaskowy Budajnik (deutsch Der Bauer auf dem Dorf) an; in dieser Zeitung erschien 1925 auch sein erstes Gedicht. Im selben Jahr übernahm er die Leitung des Volkshauses (Narodny dom) in Rassony, gleichzeitig war er Sekretär der dortigen Komsomol-Ortsgruppe.

Von 1926 bis 1927 arbeitete er in Polazk als Redakteur für Stilfragen bei der Zeitung Tschyrwonaja Polatschtschyna (deutsch Rotes Polazker Gebiet). In Polazk war er kurze Zeit Mitglied der belarussischen Literaturgesellschaft Maladnjak (deutsch Jungwald, Nachwuchs). Er lernte den belarussischen Futuristen Paŭljuk Schukajla (1904–1939) kennen sowie den Schriftsteller und Enzyklopädisten Pjatrus Broŭka (1905–1980), seinen späteren Förderer und Freund.Ljudmila Rubljewskaja: Бывший футурист из Сиблага. Ян Скрыган и его несколько жизней / Byvshiy futurist iz Siblaga. Yan Skrygan i yego neskol'ko zhizney (deutsch Der ehemalige Futurist aus dem Siblag. Jan Skrygan und seine verschiedenen Leben) auf sb.by, das ist: SB Bjelarus sewodnja. Stand 10. Dezember 2005, abgerufen am 2. August 2019 (online) (auf Russisch).

Im Jahr 1928 zog er nach Minsk und absolvierte bis 1932 ein Literaturstudium an der Pädagogischen Fakultät der Belarussischen Staatlichen Universität (BDU) bzw. ab 1931 in der von Pjatrus Broŭka geleiteten Fachabteilung für Literatur und Linguistik. Als Student der BDU nahm er an staatlichen sozialpolitischen Projekten teil. So reiste er im Jahr 1929 in das Mogiljower Gebiet, um dort Kollektivierungsmaßnahmen durchzuführen. Des Weiteren war er 1930 Mitarbeiter der Minsker Tageszeitung Swiasda, Eigentum und Sprachrohr der sowjetbelarussischen Kommunistischen Partei von Belarus. Als Mitglied des wissenschaftlichen Projektteams von Swiasda entwickelte er für die Erntemaschinenfabrik Gomselmasch in Homel den Organisationsplan der Fertigungs- und Logistikprozesse.

In den Jahren 1933 bis 1936 arbeitete er als Redaktionsmitglied bei der literarischen Wochenzeitung Litaratura i mastatstwa, einer Publikation des sowjetischen Schriftstellerverbands. Seit 1934 war er Mitglied des Schriftstellerverbands der belarussischen FuturistenHinweis auf tbm-mova.by (das ist: Tavarystva bielaruskaj movy imia F. Skaryny). Abgerufen am 28. August 2019 () (belarussisch). und der Litaraturna-mastatskaja kamuna.

Im Mai 1936 heiratete er die deutschstämmige Halina („Lina“) Hammer.Ljudmila Rubljewskaja: Pisatel' Yan Skrygan druzhil s zagadochnym fakirom. Lyubimaya zhenshchina fakira (deutsch Der Schriftsteller Jan Skrygan – ein Freund des mysteriösen Fakirs. Die geliebte Ehefrau des Fakirs), auf sb.by, das ist: Bjelarus Sewodnja. Stand 9. April 2019, abgerufen am 30. August 2019 (online) (auf Russisch). Sie arbeitete als Schreibkraft und Korrektorin beim Staatsverlag in Minsk. Aus Angst vor politischer Verfolgung ging sie nach Ausbruch des Deutsch-Sowjetischen Krieges mit dem gemeinsamen Sohn Wsewolod (geboren im Mai 1937) in den Westen. Ihrem inhaftierten Ehemann wurde später mitgeteilt, dass seine Familie bei einem Bombenangriff in Minsk ums Leben gekommen sei. 1963 meldete sich der in Westdeutschland lebende Sohn schriftlich bei seinem Vater; zu einem persönlichen Treffen kam es nicht.

Die Jahre der Haft und Verbannung (1936–1954) Inhaftierung (1936) und Zwangsarbeit im SibLag (1937–1946) Am 13. November 1936 wurde Jan Skryhan in einem staatlichen Erholungsheim für Künstler [russ. Dom twortschestwa (deutsch Freundschaftshaus)] bei Puchowitschi (Minskaja Woblasz) verhaftet. Er war dorthin gereist, um an einem Zeitungsartikel für seinen Arbeitgeber Litaratura i mastatstwa zu schreiben.

Knapp elf Monate verbrachte er in einem Spezialgefängnis (russ. Isolator) des belarussischen Geheimdienstes in Minsk; während der Verhöre wurde er gefoltert.Jan Skryhan: Treba choć trochi ŭspomnić: dva nieapublikavanyja dzionnikavyja zapisy 1992 h (deutsch Etwas Erinnerung muss sein: Zwei unveröffentlichte Tagebuchaufzeichnungen von 1992). Herausgegeben von Halina Skryhan. In: Pieršacviet Nr. 9, Jahrgang 1995, S. 133–137. Am 5. Oktober 1937 wurde er nach Artikel 58 des Strafgesetzbuches der RSFSR wegen konterrevolutionärer Aktivitäten zu zehn Jahren Freiheitsentzug und anschließender Verbannung verurteilt. Aufgrund des hohen Strafmaßes und der Einordnung als „Politischer“ gehörte er zu der Gruppe von Häftlingen, die nicht mit vorzeitiger Entlassung aus der Lagerhaft, mit Hafterleichterungen oder einem Wegfall der Verbannungsstrafe rechnen konnte.Mark Grosset, Nicolas Werth: Die Ära Stalin. Leben in einer totalitären Gesellschaft. Aus dem Französischen übersetzt von Enrico Heinemann. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2185-5, S. 109–110.

In einem Gefangenenzug der Transsibirischen EisenbahnSiehe Bilder von historischen Gefangenen-Transportwaggons auf siberiantimes.com. Abgerufen am 10. Juni 2019 (online) (auf Russisch). wurde er in die westsibirische Stadt Mariinsk gebracht. Von dort aus kam er in das vierzig Kilometer entfernte Besserungsarbeitslager (russ. abgekürzt ITL) Nowoiwanowskij in der damaligen Oblast Nowosibirsk (seit 1943 Oblast Kemerowo). Das 1929 errichtete Lager war Teil des Sibirischen Lagers (SibLag). Hauptstandorte des SibLag waren Mariinsk, Kemerowo, Nowosibirsk und Tomsk.Memorial International (Hrsg.): Das System der Besserungsarbeitslager in der UdSSR 1923–1960. Moskau 1998 / Berlin 2006. PDF-Datei, 0,8 MB (gulag.memorial.de)Memorial Deutschland e. V. (Hrsg.): Handbuch GULAG. Eintrag „SIBIRISCHES ITL“. Stand 2006. (gulag.memorial.de, abgerufen am 6. Juni 2019) Gleich zu Beginn seiner Lagerhaft meldete sich Jan Skryhan als Bauzimmerer; das Zimmerhandwerk hatte er in seiner Jugend von seinem Vater erlernt. Zu diesem Zeitpunkt errichteten die Bautrupps des SibLag in Nowoiwanowskij für die Sträflinge Erdhütten und Holzbaracken in mehreren umzäunten Teillagern sowie Gebäude für die Lagerverwaltung im Hauptort. Zeitweise wurde Jan Skryhan zu landwirtschaftlichen Arbeiten herangezogen, zuletzt arbeitete er in der Buchhaltung der Lagerverwaltung. In seinen ErinnerungenJan Skryhan: Той час... З кнігі ўспамінаў / Toj čas… Z knihi ŭspaminaŭ (deutsch Erinnerungen), Texte von 1989 bis Juli 1992, herausgegeben von Halina Skryhan. Stand 2. April 2016, abgerufen am 30. August 2019. Auf dziejaslou.by (). hielt er fest, dass die Überlebenschancen eines Häftlings um ein Vielfaches stiegen, wenn man wie er seine Strafe in einem einzigen Arbeitslager verbüßte und nicht öfter verlegt wurde. Dennoch waren die Haft- und Arbeitsbedingungen im SibLag hart: Viele Strafgefangene überlebten schlechte Verpflegung und mangelhafte Unterbringung, Überbelegung, Kälte und Zwangsarbeit nicht.Towiki. Tomskoj Wiki. Eintrag „Сиблаг“, insbesondere der Abschnitt „Структура сиблага 1941“ (deutsch Struktur des Siblag im Jahr 1941) (online) (auf Russisch). Die orthodoxe Kirchengemeinde von Mariinsk hat eine Gedenkstätte für die Opfer des SibLag aus dem Zeitraum von 1929 bis 1960 mit Exponaten aus dem Arbeits- und Lebensalltag der Lagerhäftlinge eingerichtet.Memorialnyj Kompleks schertwam Siblaga. Auf google.com. Stand September 2017, abgerufen am 6. Juni 2019 (online) (auf Russisch). Bei Memorial sind Kurzbiographien, Lagerzeichnungen und schriftliche Zeugnisse der Lagerinsassen einzusehen.

Verbannungsjahre in Usbekistan und Estland (1946–1949) 1946 wurde Jan Skryhan aus dem Nowoiwanowskij-Lager entlassen und laut ursprünglichem Urteil vom 5. Oktober 1937 zu fünf Jahren Verbannung verurteilt. Innerhalb der Sowjetunion konnte er seinen Aufenthaltsort selbst bestimmen, nicht aber auf dem Territorium der BSSR. Seine Wahl fiel auf Ferghana im Osten Usbekistans.Zum unfreiwillig-komischen Auswahlverfahren siehe Jan Skryhan: Той час... З кнігі ўспамінаў / Toj čas… Z knihi ŭspaminaŭ (deutsch Erinnerungen, 1989–1992). Hier: Text Блуканьні / Blukanʹni (25. Januar 1992). Herausgegeben von Halina Skryhan. Stand 2. April 2016, abgerufen am 30. August 2019. Auf dziejaslou.by ( bzw. Ян Скрыган (№18)): Weil Skryhan wegen des Verbannungsortes unschlüssig war, ließ ihn der Lagerverwalter von Nowoiwanowskij die Augen schließen, sich dreimal um die eigene Achse drehen und mit dem Finger auf eine Karte der UdSSR tippen. Resultat war Ferghana, der Herkunftsort des Lagerverwalters. Hier fand er eine Stelle als Buchhalter in einem Kombinat der Bewässerungstechnik, das nach dem Einmarsch der Deutschen 1941 von Moskau nach Ferghana verlegt worden war. Während seiner Verbannungszeit im Ferghanatal lernte er seine zweite Ehefrau Anna Michailowna („Hanna“) Gwosdewa kennen, eine verwitwete Ingenieurin aus Moskau, die während des Krieges mit ihrem Sohn Alik hierher evakuiert worden war. 1948 kam die gemeinsame Tochter Halina („Halja“) zur Welt. Weil sie das Klima in Usbekistan nicht vertrug, zog Familie Skryhan im selben Jahr nach Kiviõli bei Kohtla-Järve in den Nordosten der Estnischen SSR. Dort war Jan Skryhan Hauptbuchhalter im Kombinat Estonslanets, einem sowjetischen Staatsunternehmen der Ölschieferindustrie. Da es ihm wichtig war, sich mit den einheimischen Fabrikarbeitern verständigen zu können, erlernte er in dieser Zeit die estnische Sprache.

Verbannungsjahre im Krasnojarsker Gebiet (1949–1954)