mini|hochkant=1.0|Tsimshian-Sprachen
Die Tsimshian oder Ts’msyan (Aussprache: „Sim-SCHI-an“ oder „SCHIM-schih-än“) sind eine Stammesgruppe von 15 First Nations im historischen Pazifischen Nordwesten entlang der Buchten und Inseln der Nordwestküste sowie entlang der Mündungsgebiete des Skeena und Nass River der kanadischen Provinz British Columbia sowie zweier Stämme auf Annette Island und Revillagigedo Island des Alexanderarchipels im äußersten Südosten des zu den USA gehörigen Alaskas. Die Mehrheit der heute ca. 10.000 Tsimshian (Ts’msyan) lebt im Gebiet rund um die Städte Terrace, Prince Rupert und Kitimat in British Columbia und ca. 1.300 bis 1.500 in den amerikanischen Städten (New) Metlakatla und Ketchikan vor der Küste des Alaska Panhandle.
Ihre heutige Stammesbezeichnung als Tsimshian ist eine englische Adaption ihres Autonyms als Ts’msyan („Volk inmitten des Nebelflusses, d. h. des Skeena River“)Sm’algyax Living Legacy Talking Dictionary; dieses wiederum setzt sich aus den Wörtern Ts’m („inmitten, innerhalb“) sowie K'syen oder Ksiyeen („Nebelfluss“, abgel. von K'si – „aus, vom“ und Yeen – „Nebel“) der Bezeichnung für den Skeena River ab. Einzelne Stämme bezeichneten sie oftmals auch einfach als Git oder Gigyet („Volk“, Plural von Gyet oder Gyit – „Person“) und mehrere oder alle Stämme der Tsimshian als Gyigyet oder Gyikgyet („Völker“).
Früher wurden die Tsimshian (Ts’msyan) entlang des Unterlaufs des Skeena Rivers sowie an der Pazifikküste zusammen mit den sprachlich und kulturell eng verwandten Nisga’a (Nisg̱a’a) („Volk entlang des Nass River“) im Norden und den flussaufwärts lebenden Gitxsan (Gitskan) („Volk vom Nebelfluss, d. h. vom Skeena River“) im Nordosten mit dem Sammelbegriff Tsimshian bezeichnet. Da die Nisga’a und insbesondere die Gitxsan keinen direkten Zugang zum Pazifik hatten – wie die Tsimshian – und im Landesinneren lebten, bezeichnete man sie daher als Interior oder Inland Tsimshian (Binnen-Tsimshian); die Tsimshian im Mündungsgebiet des Skeena River in den Pazifik sowie auf den vorgelagerten Inseln wurden hingegen als Coast Tsimshian (Küsten-Tsimshian) bezeichnet. Trotz ihrer Binnenlage zählen die Nisga’a (Nisg̱a’a) und Gitxsan genauso wie die Tsimshian (Ts’msyan) zur Nordwestküstenkultur. Bei den drei Völkern handelt es sich nach ihrem Selbstverständnis jedoch um voneinander unabhängige Ethnien.
Sprache und Kultur Sprache mini|Tsimshian-Maske aus vulkanischem Gestein (Gabbro); aus der Sammlung des französischen Anthropologen Alphonse Pinart (1852–1911), im Pariser Musée du quai Branly. Abmessungen: 21 × 23,5 × 16,5 cmcollections.quaibranly.fr, abgerufen am 5. Juli 2024.
Zusammen mit den Nisga’a (Nisg̱a’a) („Volk entlang des Nass River“) und Gitxsan (Gitskan) („Volk vom Nebelfluss, d. h. vom Skeena River“) sprachen die Tsimshian (Ts’msyan) („Volk inmitten des Nebelflusses, d. h. des Skeena River“) zwei der vier Varietäten der Tsimshian (Tsmksian)-Sprachen, die heute allgemein zur Penuti-Sprachfamilie gezählt werden; innerhalb des Penuti werden die Tsimshian-Sprachen zusammen mit den Chinook (Tsinúk)-Sprachen der verschiedenen Chinook-Gruppen zudem als Maritimes Penuti oder Küsten-Penuti bezeichnet.
Ihre Sprache, das Tsimshian, (auch: Maritime Tsimshian, Lower Tsimshian, Northern Tsimshian) zählt mit ca. 350 (2007–2011) Sprechern zu den ernsthaft gefährdeten Sprachen (engl. severely endangered), da meist nur noch die Großelterngeneration diese als Muttersprache beherrscht und die nachfolgenden Generationen meist das dominante Kanadische oder Amerikanische Englisch sprechen, ca. 50 Ältere unter den Nisga’a sprechen zudem das Coast Tsimshian (Sm’algyax), so dass heute es etwa 400 Personen fließend sprechen.
Ihre Sprache umfasst zwei regionale Varietäten oder Dialekte der Tsimshian (Tsmksian)-Sprachen: Sm'algya̱x (Sm’algyax) oder Shim-all-giack („Wahre, Echte Sprache“, abgel. von Sm – „wahr, echt, stark“ und Algya̱x – „Sprache“), besser bekannt als Coast Tsimshian (Küsten-Tsimshian) (auch: Northern Tsimshian oder Nördliches Tsimshian) – (wird heute noch von 70 Personen der ca. 1300 bis 1500 Tsimshian (Golla 2007) im Alaska Panhandle, auf Annette Island, New Metlakatla und Ketchikan in Alaska, USA, sowie von 280 Personen entlang des Mündungsgebiets und Unterlaufs des Skeena River und nordwärts entlang der Küste in British Columbia, Kanada, als Muttersprache gesprochen, zudem sprechen es 50 Nisga’a als Zweitsprache) Sgüüx̣s (Sguxs), Sgüümsḵ oder Ski:xsThe South Tsimshian Language („the language beside“, auch: Old Sm'algyax, da es als äußerst konservativer Dialekt betrachtet wurde), besser bekannt als Southern Tsimshian (Südliches Tsimshian, veraltet: Old Klemtu) – (gilt seit dem Tod der letzten Sprecherin, Violet Neasloss, im Jahr 2013 als ausgestorbene Sprache, früher wurde es entlang der Küste südlich des Skeena River von den Gitḵ'a'ata (Gitga'ata) und Gitasts'uu (Kitasoo) gesprochen; Letztere haben heute die Dialektvariante der Haihai (Xai'xais oder /Xíxís/), einer Gruppe der Heiltsuk (früher: Bella Bella und Klemtu) angenommen, deren Sprache ein Dialekt der Heiltsuk-Oowekyala-Sprache ist, die zu den vier Nördlichen Wakashan-Sprachen zählt)
Politische und soziale Organisation Die stark hierarchisierte und matrilineare Gesellschaft der Tsimshian (Ts’msyan) (wie auch die der Gitxsan und Nisga’a) unterteilte sich in einzelne exogame Waap oder Walp (eine Hausgruppe), welche aus einer oder mehreren eng verwandten Familien bestanden, die ihre Abstammung jeweils auf eine Stammmutter über eine Mütterlinie zurückführten (Matri-Lineage). Die einzelne Waap (Walp) (Hausgruppe) wurde je durch einen Lak'agyet oder Lik'agyet (Oberhaupt, Plural: Lik'agyigyet) geführt und bewohnte 20 bis mehr als 250 Menschen umfassende G̱alts'ipts'ap (Siedlungen, Singular: G̱a̱lts'ap oder G̱a̱ldzap, abgel. von G̱a̱l – „beinhalten, Raum für“ und Ts'ap – „Bewohner eines Dorfes“) – wurden durch den erblichen und führenden Sm'oogyit oder Sm'oogyet (männlicher Häuptling oder „House Chief“, Plural: Sgyigyet oder Smgigyet) – Mansm'ooygit (führender männlichen Häuptling) genannt – politisch geführt; war kein männlicher Häuptling der Mütterlinie der führenden Hausgruppe vorhanden, übernahm dieses Amt eine Sigidmna'ax oder Sgyidmna̱'a̱ (weiblicher Häuptling oder „House Chief“), diese Häuptlinge werden (wurden) in speziellen Angelegenheiten von sog. wing chiefs (Unterhäuptlingen) vertreten, z. B. der Nutzung und Verwaltung der Forstwirtschaft (früher der diesen gehörenden Wäldern), Tourismus oder Unternehmungen den Fischfang betreffend.
Die einzelnen Waap (Walp) besitzen eigene Laxyuup (Siedlungsräume mit Jagdrechten und Fischgründen) und sind daher die soziale, ökonomische und politische Basis der Gesellschaft.GITGA'AT SOCIETY (als Beispiel für die Bedeutung der Waap (Hausgruppe) sowie der P'deek (Clans) bei den Tsimshian)
Mehrere verwandte Waap (Walp) – also sog. Wuwaap oder Wuwalp (Plural von Waap oder Walp) – gehörte(n) jeweils einem der vier matrilinearen traditionellen Tsimshian Pteex oder P’deek (Clans) an, deren Name sich vom Totemtier der führenden Lagüünsk oder La̱k'üünsk (Familie) ableitet, die sich durch eigene Adawx oder Adaawx (Tradition, Mythen sowie Familiengeschichten) jeweils definierten und abgrenzten; diese überlieferten und tradierten Geschichten wurden mittels Bupts'aan (Plural von Pts'aan oder Pts'an) (Totempfählen), die die einzelnen Familien errichteten, erzählt. Die Clans selbst wiederum waren in mindestens zwei oder mehrere große matrilineare Wil'naat'ał (Lineages oder Familienverbände) unterteilt, die jeweils Verwandte der gleichen Wil'naat'ał unter anderen Clans oder Stämmen der Tsimshian sowie benachbarter Völker wie den Gitskan, Tlingit oder Haisla hatten und somit politisch auf ein großes Netzwerk, das über die eigene Siedlung oder den eigenen Stamm hinaus reichte, zurückgreifen konnten.die indigenen Bezeichnungen für die sozial-politische Organisation sowie für die Clans der Tsimshian sind dem oben aufgeführten Sm’algyax Living Legacy Talking Dictionary entnommen
Folgende Clans waren jeweils unter allen Stämmen der Tsimshian (Ts’msyan) vertreten:
Laxgibuu oder Laxgyibuu (Wolf-Clan) – identisch mit dem Laxgibuu / Lax̱gibuu (Wolf-Clan/-Stamm) der Nisga’a oder dem Lax Gibuu (Wolf-Clan) der Gitxsan G̱anhada oder G̱a̱nhada (Kolkraben-Clan) – identisch mit dem Ganhada / G̱anada (Kolkraben-Clan/-Stamm) der Nisga’a und dem Lax See'l (Kolkraben-Clan) oder Lax Ganeda / Ganada (Frosch-Clan) der Gitxsan Gispwudwada oder Gisbutwada (Schwertwal-Clan) – identisch mit dem Gispwudwada oder Gisḵ'aast (Schwertwal-Clan/-Stamm) der Nisga’a oder dem Gisgaast / Giskaast (Stauden-Feuerkraut (Fireweed)-Clan) der Gitxsan La̱xsgiik oder La̱xsgyiik (Weißkopfseeadler-Clan) – identisch mit dem Laxsgiik / Lax̱sgiik (Weißkopfseeadler-Clan/-Stamm) der Nisga’a oder dem Lax Skiik (Weißkopfseeadler-Clan) der westlichen Gitxsan Wilps
Da, wie oben bereits erwähnt, die Tsimshian (Ts’msyan) in exogame sowie matrilineare Waap / Walp (Hausgruppen), Wil'naat'ał (Lineages oder „Familienverbände“), Wuwaap / Wuwalp (Stämme) sowie Stämme-übergreifende P’deek (Clans) unterteilt waren, gehörten die Kinder automatisch zur Waap (Hausgruppe) sowie zum P’deek (Clan) der Mutter; gehörte z. B. der Vater dem Gispwudwada / Gisbutwada (Schwertwal-Clan) und die Mutter dem Laxgibuu (Wolf-Clan) an, gehörten auch deren Kinder zum Laxgibuu (Wolf-Clan). Gehörte der Vater den Tsimshian (Ts’msyan) an und stammte die Mutter ursprünglich aus einem anderen Stamm, gehörten auch hier die Kinder dem P’deek (Clan) und Stamm der Mutter an – und nicht den Tsimshian (Ts’msyan).