mini|Angehörige der kroatischen Streitkräfte sowie Zivilisten auf dem Bleiburger Feld (nördlich des Bahndammes gegenüber dem damaligen Gasthaus Hrust). „Massaker von Bleiburg“ (), auch „Bleiburger Tragödie“ (kroatisch Bleiburška tragedija), ist eine Sammelbezeichnung für eine Reihe von jugoslawischen Nachkriegsverbrechen, die ab Mitte Mai 1945 in oder um den österreichischen Ort Bleiburg in Kärnten ihren Anfang nahmen.
Dabei wurden vor allem Militärangehörige und Funktionäre des faschistischen Unabhängigen Staates Kroatien (USK), aber auch Angehörige der Slowenischen Heimwehr sowie Tschetniks aus Serbien und Montenegro, Opfer von Misshandlungen, Folterungen, Massentötungen, Zwangsrepatriierungen und Todesmärschen (kroatisch smrtni put; auch križni put = „Kreuzweg“). Mit dem Rückmarsch bzw. -transport aus dem von britischen Truppen besetzten Österreich in jugoslawische Kriegsgefangenenlager nahm für diese ehemals mit dem nationalsozialistischen Deutschland und dem faschistischen Italien Verbündeten eine Kette von außergerichtlichen Hinrichtungen ihren Anfang, die in Jugoslawien fortgesetzt wurde. Unter der großen Zahl von Opfern waren auch tausende Angehörige der deutschen Wehrmacht, der SS sowie Zivilpersonen (auch sogenannte „Volksdeutsche“). Die Opfer wurden häufig in Massengräbern in Slowenien verscharrt.
Nach demografischen Berechnungen sind die Todesopfer, die ursächlich auf die Vorgänge in Bleiburg zurückzuführen sind, auf 45.000 Kroaten, 4.000 Bosniaken, 8.000 bis 10.000 Slowenen sowie 2.000 Montenegriner und Serben zu beziffern. mini|Entwaffnete montenegrinische Tschetniks nach ihrer Kapitulation in der Nähe von Bleiburg am 16. Mai 1945.
Die von der Jugoslawischen Volksarmee und dem KNOJ im Zeitraum vom 12. April bis zum 8. bzw. 25. Mai 1945 an zahlreichen Orten im Raum Klagenfurt entlang der Grenze bis Dravograd und Maribor bis südlich nach CeljeDietrich 2008, S. 301 (s. Literatur). geführten Operationen gegen ihre antikommunistischen Gegner wurden in der Erinnerungskultur des ehemaligen Jugoslawien als „Endkesselschlachten“, „Abschließende militärische Operationen zur Befreiung Jugoslawiens“ oder „Das große Finale in Kärnten“ bezeichnet. Die Ereignisse von Bleiburg sind daher eng verbunden mit der sogenannten „Tragödie von Viktring“ (), bei der überwiegend Angehörige der Slowenischen Heimwehr aus einem Flüchtlingslager heraus der Jugoslawischen Volksarmee übergeben wurden und jugoslawischen Nachkriegsverbrechen zum Opfer fielen. mini|Orte, an denen im Mai und Juni 1945 Massentötungen stattfanden
Die sogenannten „Opfer von Bleiburg“ (kroatisch Bleiburške žrtve) stehen in der kroatischen Erinnerungskultur generell für die kommunistischen Verbrechen an den BesiegtenRulitz 2012, S. 204 und stellen auch einen kroatischen Geschichts- und Nationalmythos dar. Die 1987 errichtete Kroatische Gedenkstätte auf dem Loibacher Feld ist ein wichtiger kroatischer Erinnerungsort. Die dortige alljährliche Gedenkfeier mit bis zu 30.000 Teilnehmenden (2015) war auch ein Sammelplatz für Rechtsextreme,Nationalrat: Antrag gegen Kroatentreffen. Bericht des ORF vom 29. Mai 2020, abgerufen am 3. Oktober 2020. bis diese 2022 von der österreichischen Regierung verboten wurde.
Vorgeschichte Nach der Besetzung und Aufteilung Jugoslawiens 1941 kam es sowohl zur Kollaboration als auch zum bewaffneten Widerstand. Die Folge war eine starke Polarisierung in der Bevölkerung. Das Regime des Unabhängigen Staates Kroatien sah einen Genozid S. 348. an der serbischen Bevölkerung vor.↑ Konrad Clewing: Keine Befreier: Deutsche und Italiener als Besatzungsmacht im Zweiten Weltkrieg in: Agilolf Keßelring (Hrsg. im Auftrag des MGFA): Wegweiser zur Geschichte. Bosnien-Herzegowina, Paderborn 2007, ISBN 978-3-506-76428-7, S. 45. Juden und Roma wurden deportiert; auf der anderen Seite verübten Tschetniks Massaker an Kroaten, Albanern und Bosniaken sowie Partisanen Racheakte an ganzen Bevölkerungsgruppen.https://www.hagalil.com/archiv/98/06/kroatien.htm
Der Kampf der deutschen und italienischen Besatzungsmächte gegen den bewaffneten jugoslawischen Widerstand wurde mit großer Brutalität geführt. Die jugoslawische Zivilbevölkerung wurde dabei Opfer vieler Kriegsverbrechen. Als Waffen-SS und Kosakenverbände auf dem jugoslawischen Kriegsschauplatz erschienen, verstärkte sich die Gewalt gegen die Bevölkerung.Konrad Clewing: Keine Befreier: Deutsche und Italiener als Besatzungsmacht im Zweiten Weltkrieg in: Agilolf Keßelring (Hrsg. im Auftrag des MGFA): Wegweiser zur Geschichte. Bosnien-Herzegowina, Paderborn 2007, ISBN 978-3-506-76428-7, S. 54. In Kroatien kollaborierte das Ustascha-Regime, dessen Ziel ein „ethnisch gesäuberter“ großkroatischer Staat war, mit den Besatzungsmächten und stellte ihnen einheimische Sicherheitskräfte für die Partisanenbekämpfung zur Verfügung. Gefangene Partisanen wurden erschossen, für „Sühnemaßnahmen“ wurden willkürlich völlig unbeteiligte Opfer ausgesucht. Die Regeln der Wehrmachtsverbände schlossen dabei die Tötung von Frauen und Kindern ausdrücklich mit ein.Konrad Clewing: Keine Befreier: Deutsche und Italiener als Besatzungsmacht im Zweiten Weltkrieg in: Agilolf Keßelring (Hrsg. im Auftrag des MGFA): Wegweiser zur Geschichte. Bosnien-Herzegowina, Paderborn 2007, ISBN 978-3-506-76428-7, S. 51 ff.
Parallel zum Kampf unterschiedlicher Widerstandsgruppen gegen die Besatzungstruppen entwickelte sich vor allem im Nordwesten Jugoslawiens ein Bürgerkrieg zwischen national und politisch verfeindeten Gruppen um die künftige politische Macht in Jugoslawien.Holm Sundhaussen: Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs in: Agilolf Keßelring (Hrsg. im Auftrag des MGFA): Wegweiser zur Geschichte. Bosnien-Herzegowina, Paderborn 2007, ISBN 978-3-506-76428-7, S. 105 ff. Tschetniks strebten als Monarchisten und serbische Nationalisten die Restauration des früheren Regimes des Königreichs Jugoslawien an. Sie kollaborierten auf taktischer Ebene mit den italienischen, aber auch mit deutschen Truppen gegen die kommunistischen Partisanen.Holm Sundhaussen: Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs in: Agilolf Keßelring (Hrsg. im Auftrag des MGFA): Wegweiser zur Geschichte. Bosnien-Herzegowina, Paderborn 2007, ISBN 978-3-506-76428-7, S. 112 ff.
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs begann der Unabhängige Staat Kroatien zu zerfallen. Soldaten der Domobrani wechselten zu den kommunistischen Partisanen über. Die gemäßigten Ustascha-Minister Ante Vokić und Mladen Lorković versuchten, die radikalen Führer der Ustascha-Bewegung von der Spitze zu verdrängen, um mit den Alliierten Verhandlungen über ein unabhängiges Kroatien aufzunehmen. Der Putschversuch wurde jedoch von Ante Pavelić mit deutscher Hilfe im Keim erstickt, die Verschwörer wurden verhaftet und hingerichtet.
Verlauf der Ereignisse Flucht mini|Vernichtete Kolonne deutscher Militärfahrzeuge im Mai 1945 bei Zagreb Am 6. Mai 1945 konnte die südlich von Zagreb verlaufende „Zvonimir“-Stellung nicht mehr gehalten werden, die kroatischen und die deutschen Verbände mussten sich zurückziehen. Angesichts der drohenden Niederlage versuchten die Streitkräfte, die Ustascha und die Regierung des Unabhängigen Staates Kroatien außer Landes zu kommen, um nicht Titos Volksarmee in die Hände zu fallen. Die Rückzugsbewegung der Wehrmacht und ihrer Hilfstruppen, Kosaken, slowenische Landwehr, Serbisches Freiwilligen-Korps sowie der selbständig operierenden Tschetniks geriet zur Flucht. Die kroatischen Streitkräfte, Ustascha-Milizen und die muslimischen Einheiten aus Bosnien und der Herzegowina wurden in Nordkroatien zusammengezogen, um von dort aus durch Slowenien nach Österreich zu marschieren.
Die Kolonne aus Menschen und Fahrzeugen soll insgesamt 45 bis 65 Kilometer lang gewesen sein. Teile der Marschkolonnen erreichten die slowenisch-österreichischen Alpenübergänge nicht, wurden in Kämpfe mit Partisanen verwickelt, lösten sich auf oder gerieten in Gefangenschaft. Die übrigen marschierten über Dravograd (Unterdrauburg) und Prevalje (Prävali) Richtung Kärnten und stießen bei Bleiburg auf britische Verbände, aber auch auf Einheiten der Jugoslawischen Volksarmee, die in Kärnten eingedrungen waren.
Am 8. Mai 1945 hatten Truppen und Partisaneneinheiten der 4. Jugoslawischen Armee den Südosten Kärntens besetzt und waren in Klagenfurt einmarschiert, wenige Stunden nach der 8. Armee des britischen Feldmarschalls Harold Alexander (1891–1969). Generaloberst Alexander Löhr hatte mit der Heeresgruppe E der Wehrmacht am 10. Mai in der slowenischen Untersteiermark vor der 4. Jugoslawischen Armee kapituliert.
Ein Fluchtweg führte den Haupttross der kroatischen Truppen und Zivilisten von Zagreb in die slowenische Untersteiermark, durch die Städte Zidani Most, Celje, Šoštanj und Slovenj Gradec nach Dravograd. Dort kamen die Spitzen des Flüchtlingstrecks am 11. Mai an und fanden die Brücken über die Drau in Richtung Österreich von bulgarischen Truppen der Roten Armee gesperrt, die dort am 9. Mai eingetroffen waren. Am 12. Mai traf die 51. Vojvodina-Division der 3. jugoslawischen Armee per Bahn ein. Die britische Luftaufklärung meldete 700.000 Kroaten, davon 500.000 Zivilisten und 200.000 Militärs.PRO, WO 170/4241, 05./06./07.1945: W67, War Diary des HQ 5 Corps unter LtGen Keightley, Eintrag vom 15. Mai 1945. Zitiert nach Rulitz 2012, S. 113. Wenige Flüchtlinge konnten aus dem Dravograder Kessel über einen Brückenkopf in Richtung Lavamünd entkommen, wo sie nach Überquerung des Griffner Bergs in das Lavanttal nach Wolfsberg vorstießen und von britischen Truppen festgesetzt wurden. Nachdem am 13. Mai ein Verhandlungsversuch der Kroaten mit bulgarischen und britischen Vertretern und eine bedingungslose Kapitulation gescheitert war, kam es zu schweren Kämpfen. Kroatische Eliteeinheiten (z. B. Schwarze Legion) unter General Rafael Boban durchbrachen in der Nacht vom 13. auf den 14. Mai den Kessel und kämpften Übergänge über die Drau frei. Die Flüchtlinge bewegten sich nun durch das Mießtal in Richtung Bleiburg. Parallel dazu marschierte die 51. Vojvodina-Division der 3. Jugoslawische Volksarmee auf den Hügeln. Auch Teile des 7. und 8. Vojvodina-Bataillons und der 14. Division der Jugoslawischen Volksarmee sperrten die Hügel. Es fanden Kämpfe in den Talengen und vor Ankunft ein letztes scharfes Gefecht zwischen Holmec und Poljana statt.
Ankunft und Kapitulation mini|Schematische Darstellung der Situation auf dem Loibacher Feld (auch Bleiburger Feld) am 15. Mai 1945. Ab dem 13. Mai trafen kroatische Flüchtlinge am Bleiburger Feld ein, wo sich seit dem 12. Mai die 38. (Irische) Infanteriebrigade und jugoslawische Partisanenverbände aufhielten. Am 15. Mai trafen weitere Flüchtlinge ein, darunter Teile der 13. Waffen-Gebirgs-Division der SS „Handschar“ (kroatische Nr. 1) und der 23. Waffen-Gebirgs-Division der SS „Kama“ (kroatische Nr. 2). Britische Truppen errichteten eine Panzersperre in Richtung Westen und zwangen die Flüchtlinge zum Lagern. Gleichzeitig umstellte die 3. jugoslawische Armee die Flüchtlinge. Das Flüchtlingslager erstreckte sich nord- und südlich des Bahndammes; südlich die Zivilisten. Es reichte im Westen bis 3 km an Bleiburg (bis zum Gasthaus Hrust) heran und ging im Osten bis über die Grenze auf jugoslawisches (heute slowenisches) Staatsgebiet (bis zu den Höfen Kavzar und Kuštar). mini|Angehörige der kroatischen Streitkräfte und Zivilisten auf dem Bleiburger Feld (nördlich des Bahndammes gegenüber dem damaligen Gasthaus Hrust).